Einzelpreis 15 Pfennig 2. Jahrgang Dienstag, den 18. November 1919
Die Freiheit erfdein: morgens und nachmittags, an Sonne und fefttagen nui morgens Der Bezugspreis beträgt bei freier Zustellung ins Haus für Groß- Berlin 4.- M., bei direktem Postbezug monati. 4.65 m, bei Zustellung unter Streifband für Deutschland 6.50 m., fürs Ausland 7.50 m., per Brief 12.50 m. Revaltion und Expedition: Berlin W. 6. Schiffbauerbamm 19 IIT, Fernsprecher: Amt Norden 2895 und 2896.
Nr. 559/305 Morgen- Ausgabi
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greibeir
Zusammenstöße mit Nationalisten.
Attentat auf Ledebour
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Rückzug und Vorstoß.
Bon Rud. Breitscheid.
Am Sonnabend schickte sich Herr Helfferich an, dem
Das Auftreten der nationalistischen Elemente ist trop ber An- gestern früh mit dem Vorortzug von Bernau nach Berlin Untersuchungsausschuß den Rücken zu fehren. Ueber Sonnbrohungen, gegen fie mit schärferen Mitteln vorzugehen, nach wie gekommen. In der Stadt lösten sie sich in kleinere Grup- tag hat er sich die Sache anders überlegt, und gestern er vor ſehr provokatorisch. Auch gestern mittag waren sie, wie schon pen auf, um nicht aufzufallen; aber am Reichstagsgebäude schien er wieder und sagte wieder aus. Auf zwei Gründe berichtet, vor dem Reichstagsgebäude wieder zahlreich versammelt. trafen sie wieder zusammen. Kein Mensch wird doch an- darf seine Sinnesänderung zurückgeführt werden. Wie Da auch mehrere Arbeiter anwesend waren, ist es schon zu 3u- nehmen, daß diese Herrchen- durchweg Offiziere und Unter- alaubhaft versichert wird, hat ihn die Bethmannfammenfößen gelommen, die besonders dadurch hervorgerufen offiziere in Mannschaftsuniform die Waffen und Muni- Gruppe wissen lassen, daß sie seine Drohung nicht bilwurden, daß die Arbeiter annahmen, es sei ein tion zum Spaß bei sich trugen. Sie waren also auf jeden lige, und daß sie in dieser Beziehung nicht hinter ihm siehe. Fall willens, gegen die Sicherheitswehr vorzugehen, wenn n höherem Maße aber werden parteipolitische Er diese ihr Vorhaben stören sollte. Die wägungen für ihn ausschlaggebend gewesen sein. Die Eiserne Marine- Division, die Noske seinerzeit nach Deutschnationalen scheinen die Stunde für ein ernftes WagBerlin kommen ließ, entpuppt sich also immer mehr als ein nis noch nicht für gefommen zu halten. Ihre Presse hat ant Genoffe Ledebour hatte kurz nach 2 Uhr das Reichstags- ganz gefährliches Werkzeug der Gegenrevolution. Wenn sie Sonntag recht vernehmbar zum einstweiligen Rückzug gegebäude verlassen. Arbeiter, die ihn erkannten, brachten Hochrufe nicht bald beseitigt wird, kann ihr Beschützer Noske noch er- blasen. Man habe gezeigt, daß man da sei und daß man auf ihn aus. Plöglich kam ein kleiner Trupp von ebenfalls bort leben, daß sie sich gegen ihn selbst wendet. Fähig sind diese bereit sei, und jetzt solle zunächst der Säbel wieder in die bersammelten Angehörigen ber Eisernen Marine- Division Leute zu allen Taten, um das alte Stegime wieder an die Echeide gesteckt werden. Mit diesem Programm wäre bei bom Tiergarten her auf Ledebour zugelaufen und Spike zu bringen.
geplant gewesen. Der Vorgang hatte sich folgendermazen abgespielt:
Einem kleinen, in Mannschaftsuniform gekleideten Offizier
den Wechselwirkungen, die zwischen den Verhandlungen im bersuchte, die Nette ber Arbeiter zu durchbrechen. Es ist daher zu fordern, daß die Eiserne Marine- Divi- Ausschuß und dem Berhalten der nationalistischen Straßen jugend besteht, ein allai weites Vorwagen des Herrn Helffegelang es auch, dicht an Ledebour heranzukommen, und in die fion sofort entwaffnet und aufgelöst wird. Hochrufe stieß er sein:„ Nieder mit Ledebour". Bon Der Kommandeur muß außerdem zur Rechenschaft ge- rich nicht in Einklang zu bringen gewesen, und so ist dieser mehreren Augenzeugen wird nun behauptet, daß er zu gleicher zogen werden dafür, daß er den Leuten in so großer Bahl Ehrgeizige um das Glück gekommen, die Rolle des FahnenBeit auch seinen Revolver 30g. Ein Arbeiter schlug ihm Urlaub gewährte, trotzdem er damit rechnen mußte, daß sie trägers bei einem reaktionären Butsch zu spielen. Wahrscheinlich wird er sich über den entgangenen Voraber auf die Hand, so daß der Offizier die Waffe sinken ließ, und, sich an den nationalistischen Umtrieben beteiligen würden. als er sich von mehreren Arbeitern umringt fah, die Flucht ergriff Auch für das unbefugte Waffen- und Munitionstragen seiner beer einigermaßen trösten, denn sein Ruhm ist in den Krei. und auf einen vorüberfahrenden Straßenbahnwagen sprang. Ihm Untergebenen ist der Kommandeur verantwortlich. sen seiner politischen Freunde natürlich bedeutend gewachsen, folgte darauf ein zweiter Offizier von derselben Formation. Mit Es ist sicher anzunehmen, da sich die Zusammenrottun- und außerdem hat er in der Angelegenheit, die zu dem ZuHilfe von Mannschafte: der Sicherheitswehr wurde der erstgegen nannte Offizier von dem Straßenbahnwagen heruntergeholt und gen der nationalistischen Elemente vor dem Reichstag heute sammenstoß am Sonnabend den Anlaß gab, seinen Kopf nach der Wache gebracht. Der andere Offisier, der mit erhobenem Untersuchungsausschuß erscheinen soll. Wie es heißt, sollen wiederholen werden, da Hindenburg ja heute endlich vor dem schließlich durchgesetzt. Bei Beginn der gestrigen Situng stellte er sich weiteren Revolver zu entfliehen versuchte, wurde ebenfalls festgenommen die Vorkehrungen der Sicherheitswehr für den heutigen Tag Fragen zur Verfügung, betonte aber seine früher formuund nach der Wache gebracht. Dort wurden sie beide- und außerdem ein Zivilist, der den Offizeren Beistand leistete Wir werden ja jehen ob lierten Vorbehalte. Das konnte nichts anderes bedeuten stärker als gestern werden. in Gestern dies geschehen wird. " Schubhaft" genommen. war jedenfalls die als die fortgesette Weigerung, dem Ausschußmitglied Cohn Die Namen der drei Berhafteten" konnten wir nicht erfahren, Streisen der Sicherheitswehr wird Sicherheitswehr nur auffällig schwach vertreten. In den Nede und Antwort zu stehen. Der neue Konflikt war unauch befürchtet, daß vermeidlich, sobald Oskar Cohn eine Frage an ihn richtete. auf unsere Nachfrage wurde ung die Angabe der Namen von dem wachhabenden Offizier der Sicherheitswehr verweigert. Es han- dienstfreie Soldaten der Reichswehr an den Am Nachmittag brach er aus. Oskar Cohn fragte. Der delt sich aber bei den beiden Offizeren um zwei Angehörige der Demonstrationen teilnehmen werden, was Abg. Gothein, der Herrn Helfferich eine Brücke bauen und III. Marincdivision, die in Biesenthal bei Bernau einquartiert die Aufrechterhaltung der Ordnung durch die Sicherheits- dem Ausschuß eine Verlegenheit sparen wollte, nahm die ift. Angeblich heißt der eine Leutnant Reller, der andere wehr bedeutend erschweren würde. Es ist auf jeden Fall an- Frage seinerseits auf und erweiterte fie. Aber er hatte Leutnant Fabian. gebracht, den Soldaten der Reichswehr die Teilnahme an wieder die Kühnheit des Herrn Beugen unterschäßt, der den heutigen Demonstrationen zu verbieten.
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Eine offiziöse Darstellung. Wolffs Telegraphen- Bureau gibt über den Vorfall die Was in der Wolff- Meldung über einen angeblichen Redakteur folgende Darstellung: der Freiheit" geschrieben wird, ist eine völlig aus der Luft geBerlin, 17, November. Heute nachmittag wurden drei Militärpersonen von Beamten griffene Behauptung. Es ist zur Zeit der geschilderten Vorgänge der Sicherheitswehr in Echuzhaft genommen, da sie angeblich überhaupt feiner unserer Redakteure in der Nähe vor dem Reichstag ein Attentat auf Ledebour ausüben wollten. des Reichstagsgebäudes gewesen. Es hat also auch Die sofortigen Feitstellungen haben ergeben, daß von einer fein Redakteur der Freiheit" die Menge durch Zurufe auf Absicht, ein Attentat auszuüben, feine Rede gestachelt. Beabsichtigt man etwa, durch die Falschmeldung die sein konnte. Als Ledebour den Reichstag verließ, demon- Spuren zu verwischen? Wir sind ja gespannt, was den drei in strierten etwa 150 Personen mit dem Rufe: Hoch Ledebour !" Schutzhaft" befindlichen Herren, die sich bewaffnet an einer 8uEin Zivilist und ein Offizier der Reichswehr riefen: Nieder mit fammenrottung beteiligt haben, passieren wird. Ledebour! Daraufhin drang die Menge auf den Offizier ein, dem giver Soldaten der Reichswehr zu Silfe sprangen. Die
mit ostentativer Betonung erklärte, er sei bereit, die Frage des Herrn Vorsitzenden zu beantworten. Einiges Hinundheraerede, dann zieht sich der Ausschuß wieder einmal zur Beratung zurüd, und der Widerspenstige wird erneut in eine Geldstrafe von 300 Mark genommen.
Es läßt sich nicht gerade behaupten, daß diefe formaliuristische Behandlung des Streitfalles einen erhebenden Eindruck mache. Was sind dem in Krieg und Frieden reich newordenen Bankdirektor 300 oder 600 Mark? Er zuckt die Achseln.
Er wird beim Gesamtausschuß Beschwerde einlegen, und felbst, wenn er damit keinen Erfolg erzielt, so hat er wenigstens die Genugtuung, das erreicht zu haben, was er cr reichen wollte. Er steht vor der Deffentlichkeit als Trimphator da. Vielleicht wird er noch einmal 300 Mark zu
Menge war bald beschwichtigt. In diesem Augenblick fuhr Lebe- Eine Erklärung der U. S. P.- Fraktion in zahlen haben, wenn im weiteren Verlauf der Untersuchung
bour mit der Straßenbahn nach Hause. Als sich der Reichswehroffizier ebenfalls auf eine Elektrische begab, holte ihn die Menge von dort herunter, weil ein Zivilist, der angeblich ein Redakteur der Freihei t" sein sollte, immer wieder rief: ein bezahlter Spion, schlagt ihn tot! Daraufhin wurde der Offizier von der Menge angegriffen. Wiederum eilten die zwei Soldaten dem Offizier zu Hilfe, wobei einem der Soldaten der Revolver aus der Tasche gerissen wurde,
den er nach kurzem Handgemenge wieder an sich nahm. Beamte der Sicherheitswehr griffen ein und nahmen die drei Reichswehrangehörigen fest.
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der Preußischen Landesversammlung.
In der gestrigen Sitzung der Preußischen Landesverfammlung gab Genosse Ludwig im Namen der Fraktion der Unabhängigen Sozialdemokratie folgende Er flärung ab:
Cohn sich erneut an ihn wenden sollte. Aber er fann sich mit dem Weiblein, das wegen Holzdiebstahls verurteilt war, über seine Richter lustig machen:„ Ich zahl' mei' Straf ' und stehl' mei' Holz!"
Der Ausschuß befand sich, das muß zugestanden werden, Herrn Helfferich gegenüber in einer schwierigen Lage. Aber es will uns nicht recht in den Sinn, daß eine politische Die unabhängige sozialdemokratische Partei hat schon auf Provokation- denn um eine solche handelt es sich mit - ihrem Wärsparteitag in ihrem Aktionsprogramm ar die Vor der Verhängung einer Ordnungsstrafe erwidert wird. Zum ausseyungen für eine Einigung des Prole mindesten hätte eine Brandmarkung dieses Verächters der Verfassung durch eine Körperschaft, deren Mehrheit die BerEine Einigung kann nur erfolgen auf dem Boden desfassung so heilig hält, erfolgen müssen. Aber hier klafft eben eine Lücke nicht nur in der rechtlichen Fundamentie rung der Untersuchungskommission, sondern auch in dem Machtwillen des Parlaments. Mit der Strafprozeßordnung läßt sie sich nicht ausfüllen.
tariats formuliert.
Wir wollen es dahingestellt sein laffen, ob der Offizier proletarismen Klaffentampfes. Das bebingt eine wirklich die Absicht hatte, auf Ledebour zu schießen. Eins Aufgabe der Koalitionspolitit mit dem kapitalistischen Bürgerium und die Preisgabe der Nosteschen Gewaltpolitik. ist aber sicher: zuzutrauen ist es den Herrschaften schon, daß sie auch zu neuen Mordtaten ihre Zuflucht nehmen, um Partei befieht, ist eine Einigung unmöglich und zwecklos. Solange dazu keine Bereitwilligkeit bei der rechtssozialistischen die ihnen so verhaßten Führer des Volkes zu beseitigen. Der Soll sie nur dazu dienen, die Rechtssozialisten in der Ne Offizier wäre nicht der erste Mörder und Ledebour nicht das gierung zu stürzen, die sie gemeinsam mit den Klassenfeinden erste Opfer gewesen. Die Absicht besteht jedenfalls bei bes Proletariats bilden, f olehnen wir sie rundweg ab. Auf dem vielen, nur den Mut finden sie meistens nicht, die Tat selbst Boben der sozialistischen Grundsäke allein ist sie möglich. in aller Deffentlichkeit zu vollbringen.
Fragen müssen wir nun noch, wie es kommt. daß die Angehörigen der Eisernen Marine- Division 1. gestern in
Keine Einigungsverhandlungen. Das Berliner Tageblatt" groker Anzahl von Biesenthal nach Berlin beurlaubt wurden, wußte gestern über inoffizielle Borbesprechungen" über die Einiund 2. alle reichlich mit Revolvern und Munition versehen gungsfrage zu berichten. Offizielle Berhandlungen hätten aller waren, troubem sie nicht im Dienst waren? Sogar Eier dinge noch nicht stattgefunden. Demgegenüber möchten wir sagen, handgranaten sollen einige bei sich geführt haben. daß uns weder von ineffiziellen noch von offigi. Etva 60-80 Mann der Eisernen Marine- Division find ellen Berhandbungen etwas betannt ift
Die sachlichen Erörterungen des gestrigen Tages vermochten ebensowenig Befriedigung zu erwecken, wie die Behandlung der Affäre Helfferich. Schließlich lief das Ver hör darauf hinaus, daß über Worte gestritten und nicht mehr Tatsache gegen Tatsache, sondern Auffassung gegen Auffassung gestellt wurde.
Immer wieder läßt, es sich der ehemalige Vizekanzler angelegen sein, Herrn Wilson als einen unzuverlässigen und böswilligen Vermittler zu charakterisieren. Als ob es überhaupt in diesem Zusammenhang auf die moralischen Qualitäten des amerikanischen Präsidenten und seine innere Gesinnung gegenüber Deutschland ankäme'
Friedrich
ebery