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Dienstag, den 30. März 1920

Nr. 97/ A 53 Morgen- Ausgabe

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Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Höchste Gefahr im Ruhrgebiet !

Entscheidende Stunden

Von Karl Kautsky .

Itvenn fie fofort die Waffen sprechen läßt, ehe fie alle Mög licffeiten einer Verständigung versucht hat.

Die jetzigen Unruhen im Ruhrrevier sind nur die Re­aftion auf den Staatsstreich der Kapp- Büttmik. Ohne diesen Wir stehen vor dem Ablauf des Ultimatums, das die wäre es den Arbeitern im Ruhrrevier nie eingefallen, sich zu Reichsregierung der Arbeiterbevölkerung des Ruhrreviers erheben, bestände dort heute noch der tiefste Friede. Die gestellt hat. Ein Ultimatum, ebenso kurzfristig, wie bas, Regierung hat es nicht unter ihrer Würde gefunden, um Blutvergießen zu vermeiden, vor den Männern des Staats­welches im Juli 1914 die österreichische Regierung der ferbi- streichs nach Stuttgart au fliehen. Sie hat auch nach ihrem schen stellte, und das den Weltkrieg entzündete: ein ulti- Siege feinen von ihmen bisher einen Schaden an Leib und matum, ebenso furzfichtig, ebenso furzfristig und vielleidyt Leben zugefügt. auch ebenso verderbenschwanger für das deutsche Volk, wie das vor sechs Jahren.

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Sollte nicht eine Verständigung innerhalb der gegebe­Men Frist erreicht sein und das ist bei der Kürze der Frist und der Kompliziertheit der Verhältnisse schwer mög­lich, dann erbeischt es das dringendste Lebensinteresse des deutschen Proletariats, des gesamten deutschen Boltes, bie Frist zu verlängern und mit den Ver­handlungen fortzufahren. Nicht eher follte zum Außersten geschritten werden, als bis alle Mittel der Ber­fändigung erschöpft sind.

Könnte sie nicht ein wenig von ihrer Milde auch gegen die fleißigen Arbeiter im Industriegebiet aufbringen, von deren Hände Arbeit das Leben ganz Deutschlands abhängt? Bermag sie sich dazu nicht aufzuschningen, dann wehe dem deutschen Wolfe, dann geht es grauenhaften Tagen ent­gegen!

Generalstreit im Ruhrrevier.

Im Ruhrrebier war es mit Ausnahme des Ham­Gewiß, das Verhandeln ist eine schwierige Kunst.: Eborner Bezirks und Wesels ruhig. Man durfte hoffen, erfordert ebenjobiel Klugbeit wie Sachkunde; die Kunst, daß der Entschluß der Arbeiterschaft, selbst für Herstellung die Menschen zu behandeln, aber auch die Gabe, sie zu lieben, die Achtung vor dem Menschenleben.

der Ruhe zu sorgen, die friedliche Beilegung bes Konflikts ermöglichen würde. Ueberall wurde voll ge­arbeitet, auch die Mitglieder der Arbeiterwehren waren in den Betrieben.

vorstehenden Artikel ausgeführt, der noch vor der Kenntni der Watterschen Provokation geschrieben ist.

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In der Abwehr sind wieder alle Arbeiterorganisationen und die politischen Parteien völlig einmütig. Dies beweist folgende Mitteilung, die die Sozialdemokratische Partei ( S. P. D.) an den Reichskanzler Mi II er heute abend um 7 Uhr 45 min. gerichtet hat, und die sie uns gleichzeitig übermittelt. Sie hat folgenden Wortlaut: 28. März, wird vom Bezirk Niederrhein der S. P. D. nicht an. Das Ultimatum der Reichsregierung erkannt. Die Befristung von 24 Stunden ist zu kurz. Es wird eine Frist von 3 Tagen verlangt. Der Kampf um Wesel fonnte lofalisiert bleiben und wäre heute, längstens morgen beendigt gewesen, weil nur noch die linkestehenden K. P. D. - Anhänger weiter fämpfen. S. P. D., 1. S. P. D., sowie der größte Teil der St. B. D. stehen hinter den Bielefelder Beschlüssen, des. gleichen der Zentralrat für das rheinisch- westfälische Gebiet in Effen. Der Einmarsch der Neichswehr in das Industriegebiet ver­vflichtet uns, gemeinsam mit 11. S. P. nd A. P. D. den Genes ralstreik auszurufen und alle Massen mobil zu machen, um die Reichswehr niederzuschlagen. Zugleich werden wir unsere Genos­sen in den übrigen Bezirken des Reichs zur Solidarität für den Generalstreit und zur bewaffneten Abwehr aufrufen. Die ge famte Reichswehr ist eine Gefahr für die Repu brit und der Sozialismus. Nur die geforderte Arbei­terwehr, mit Offizieren als Führer aus dem Republikanischca Die militärische Methode der gewaltsamen Nieder­Führerbund entnommen, und außerdem von der organisierten lagung eines jeben Widerstandes wirkt weit raidher und Arbeiterschaft vorzuschlagenden Führern bieten( auch für die Re­drastischer, ist viel bequemer- aber wie entsetzlich ihre Da fährt wie ein Blig aus heiterem Simmel ein Ufas gierung Müller) die einzige Sicherheit, daß ähnliche Vor­Stonsequenzen, nicht nur vom Standpunkte der Humani- des Generals Watter auf das Revier nieder und setzt es fommnisse wie Stapp und Lüttwik fich nicht wiederholen. Die tät, was auf der Hand liegt, sondern auch vom Stand- in Flammen. Der General hat folgende Ausfüh- Abberufung des Generals Watter in Münster fordert die S. P. Punkte berechnender Politik und Oekonomie! rungsbestimmungen zum Bielefelder Ab- D. unbedingt. Wie dem Reichswehrkommissar Severing be bekannt, ist Watter ein unzuverlässiger Charakter. Sicher gibt es unter den Kämpfern im Ruhrrevier, wie fommen" erlassen: 1. Waffen und Munition find den Polizeiverwaltungen ab- Das Ultimatum der Reichsregierung vom 28. 3. spricht von überall, gewalttätige und auch unsaubere Elemente. Auf­gabe der Verhandlungen wäre es, und in hohem Grade ist suliefern und von da an das Wehrkreiskommando abzugeben. Greueltaten der Roten Armee. Wir halten es für notwendig, daß das bereits gelungen, die Masse der Arbeiterschaft von Wenn bis 30. März 11 Uhr vormittags schon vier schwere und die Regierung, ehe sie solche Schwindelnachrichten in die diesen Elementen loszulösen, sie zu isolieren und dadurch zehn leichte Geschüße, 200 Maschinengewehre, 16 Minenwerfer, Welt schleudert, sich durch amtliche Vertreter an Ort und Stelle au gutwilliger Unterwerfung zu bringen. Verweigern sie 20 000 Gewehre, 400 Schuß Artilleriemunition, 100 000 Schuß Ju informiert. Wir haben in Rheinland und Westfalen auch noch diese, dann wäre fein großer Rroftaufwand nötig, der fanteriemunition, 300 Schuß Minenwerfer abgeliefert sind, gelten eine fozialdemokratische Partei, bei der man Informationen hätte Minderheit Herr zu werden. Ihre Niederwerfung fönnte bie Bebingung der Anerkennung der Staatsautorität als nicht einholen können. wohl ichen durch die organisierte Arbeiterschaft allein geliefert, so werden weitere Bestimmungen über restlose Abgabe er 2. Die Regierungspräsidenten werden bis 30. März 11 thr tär los, ehe alle Mittel der Verständigung erschöpft sind, vormittags erfucht, mitzuteilen, ob in ihrem Bezirk noch woll. dann fühlen sich alle Arbeiter gleich bedroht und betroffen, augeräte bestehen oder die ordentlichen Behörden restlos wieder in bann isoliert man nicht die gewalttätigen Elemente, son- ibre Medite eingefest find. Bestehen noch Vollzugsräte, bann gilt dern fchart un sie das gesamte kampsfähige Proletariat bie Bedingungen der Anerkennung der Staatsautorität als nicht des Ruhrgebiets. Wohl muß man damit rechnen, daß es erfüllt. niedergeschlagen wird, wenn's zum äußersten kommnt. Aber durch einen berartigen Sieg macht die Regierung das Herz Deutschlands zu ihrem erbittertiten Gegner, bringt sie fich in Gegensatz zu bem gesamten Proletariat des Reiches. Auf der andern Seite aber geriete die Regierung noch mehr als die alte in die Gefangenschaft ihrer fiegreichen 4. Sind am 30. März 11 thr vormittags noch nicht alle Ge­Generale, derselben Diktatoren, aus deren Klauen fie eben fangenen oder Geifeln freigelaffen, so gilt die Bestimmung der durch die siegreiche Erhebung der Volksmasse befreit wurde. Freilaffung der Gefangenen als nicht erfüllt. Die Gefangenen Das politische Leben Deutschlands würde abermals und Geifeln müssen bis 30. März mittags beim Wehrkreis Mün­aufs heillojejte zerrittet. Und dazu gefellte sich noch eine iter eingetroffen sein. Kird Gefangenen oder Geiſeln auch nur tiefgehende Zerrüttung des ökonomischen Lebens. Ver- ein Haar gekrümmt, ss gilt die Bedingung als nicht erfüllt. weifelnde Menschen, die den Untergang vor Augen sehen, find zu allem fähig. Der Masse der Arbeiter im Ruhrrevier

schehen, würde sicher unter ihrer Zustimmung erfolgen.

Läßt man dagegen gegen die Arbeiterschaft das Mili­

folgen.

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regierung, der von der völligen Entwaffnung der Be­Den Punkt 4 des oben erwähnten Ultimatums der Reichs­bölferung unter Aufsicht der rechtmäßigen staatlichen Organe han­delt, können wir nicht anerkennen, solange die recht­mäßigen staatlichen Organe aus dem alten reaktionären Be­amtenapparat bestehen und die Inhaber der vollziehenden Gewalt, diese unzuverlässigen Generale und Offiziere nach frbeiterbint lechgen, aber feinen Finger rühren, wo es sich um Baltifumer

3. Bestehen am 30. März noch Teile der Roten Armee oder Militärkamarilla und jede Regierung, die nicht durch die Tat be­und Büttwiher handelt. Bis zum legten Mann werden wir diese stehen Arbeiter unter den Waffen, so gilt die Bedingung der Aufweist, daß sie in der Lage ist, diefe Militärkamarilla, sowie die lösung der Roten Armee als nicht erfüllt. Die gegnerische Stampf realtionären Beamten in Reich, Staat und Kommune zu bejeiii­leitung wird um Angabe hierüber bis zum 30. März 11 Uhr vor­gen, mit dem Generalftreit, und nötigenfalls mit mittags aufgeforbert, Waffengewa ft bekänipfen.

Wir ersuchen deshalb dringend, sofort zu veranlassen, daß die

an der Grenze des rheinisch- westfälischen Industriegebiets zu­fammengezogenen Reichswehrtruppen sofort in ihre Standorte beordert werden, woselbst die Reorganisation der Reichswehr ſo­fort nach den oben bezeichneten Gesichtspunkten zu erfolgen hat.

Gleichzeitig wurde dem Reichsfanzler um 7,45 1hr er­gez. Watter. Flärt, wir wünschen bis 10 1hr an den Zentralrat in Essen Ton und Inhalt des Abkommens lassen feinen Zweifel und an den Bezirk Niederrhein der S. P. D. in Elberfeld tit jidher jeder Gedanke an Zerstörung der Bergwerke, ihrer an der Absicht des Generals: das Bielefelder Ab- Bescheid über die Entschließung des zu gleicher eigenen Lebensquellen, fremd. Aber niemand fann wissen, kommen unter allen Umständen als uner- Beit tagenden Reichskabinetts. Wenn bis 10 Uhr bozu einzelne unter ihnen greifen, wenn sie das Shandrecht füllt an erflaten, um den Vorwand für ein Bescheid eingeht, der besagt, daß die Reichsregierung den vor Augen haben; ob sie dann den Sieger nicht ebenso emp den Einmarsch des Militärs zu erhalten. findlich zu treffen inchen, wie es die deutschen Generale in Das Abkommen, das ist die Arsicht aller Arbeiter dann wird der bereits verfündigte General­Aufmarsch der Reichswehr in das Industriegebiet untersagt, Nordfrankreich taten. Gar leicht fann den Schlengrubenparteien im Stuhrrevier, ist unerfüllbar. Die Ar- streit wieder aufgejagt, andernfalls bleibt es des Ruhrreviers das Schichial der nordfranzösischen Hereitet merden, was wäre der industrielle Tod Deutschlands , der beiter haben gar nicht die Waffenmengen, deren Abliefe- bei dem beschlossenen Generalstreit. rung verlangt wird, jie können nicht in der zu kurzen Zeit Die Kundgebung ist von den jozialdemokratischen Bar­Physische Tod der Hälfte des deutschen Volkes. Aber selbst wenn es zu disiem Furchtbaren nicht kommen die absichtlich schroff und demütigend formulierten Bedin- teisekretären Winkelhocf, Stolaß, Ullenbaum und Dröner, follte, wie wir alle wünschen müssen, so wäre es mit der Ar- gungen erfüllen. Sie empfinden deshalb diesen ungeheuer Mitglieder der Nationalversammlung , unterzeichnet. beitsfreudigkeit der Bergarbeiter für lange vorbei. Jür ver- lichen Utas als eine Rempfanjage des Generals, Ferner teilt der Zentralrat in Essen heute im bisfener Groll findet seinen Ausdruck in finfenden Bro- der unter allen Unnitänden marschieren lassen will. Und 7,30 Uhr folgendes mit: Suftionsziffern, die jeden Aufschung der Produktion in diefelben Organisationen, die eben ihre Bereitschaft erklärt Der General Watter hat Bedingungen gestellt, die tech­Landwirtidafi, Induſtrie sowie des Eisenbahnwesens, baben, selbst mit den Waffen in der Hand den Uebergriffen nisch unausführbar sind, ganz abgesehen von ihrer morali­lähmen müßten, der in diesem Sommer fraftvoll einzurieken ein Ende zu machen, sie haben jetzt den Generalstreit ichen Qualifikation. Zur bat, soll das deutsche Volk endlich aus dem Bettler- und im Stuhrrevier proklamiert. Sie haben es Planes hat der Zentralrat in Essen beschlossen, zum sofortigen Hungerstadium herauskommen. Das alles steht auf dein Spiele, mit allen diesen furcht baren stonsequenzen bedroht uns die Politik der Regierung,

getan, weil sie von den Einmarsch des Militärs das aller- Generaiftreil aufzurufen.

Alivehr See Walterschen

schlimmste beffiraten. Was aber ein neuer Kampf im Bu gleicher Zeit erklärt der Zentralrat in Essen, daß er Ruhrgebiet bedeuten würde, das hat Kautsky in dem die Bielefelder Beschlüfie anerkenne und die

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