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Mittwoch, den 23. Juni 1920

Nummer 241 Abend- Ausgabe

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greiheit

der

Berliner Organ

Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Der Schrei nach dem Militarismus.

Der bolichewiffische Popanz.

Waffenbestände vernichtet, es gäbe teine Geheimlager mehr und der Friedensvertrag sei in diesem Punkte also restlos durch geführt.

Horthy billet um Gnade.

Haag, 28. Juni. Die ungarische Regierung richtete an den Internationalen Gewerkschaftsbund in Amsterdam ein Telegramm, in dem gefagt wird, daß sämtliche Erklärungen, auf die der Boykottbeschluß be­

Die Regierungskrise.

Den unmittelbaren Anlaß des Scheiterns der Regie rungsbildung gab der Beschluß der sozialdemokratischen Graftion, über den der Bouvaris" folgendes beridytet: teiligten, wurde gegen 5 Stimmen beschlossen, die Ber Nach mehrstündiger Debatte, an der sich etwa 20 Redner be trauensabstimmung, die der Abgabe der Regierungs­erflärung folgen wird, Stimmenthaltung zu üben.

Die Frattion glaubte nach Erwägung aller Gegengründe nicht weiter gehen zu können, da sich die Abgabe eines Vertrauens. botums für eine Regierung, der Mitglieder der Deutschen Bolts partei angehören, mit ihren Auffassungen nicht beca trägt. Die Fraktion beabsichtigt ihre Stimmenthaltung so zu moti

Die reaktionäre Presse sett ihren Feldzug gegen die bon der Entente beschlossene Heeresverminderung auf 100 000 Mann fort, Sie vermag außer dem Bolschewisten­schreck fein Argument vorzubringen. Es ist nichts als die Schlotiernde Angst, den über alles geliebten preußischen Militarismus, den Hüter und die stärkste Stüße der Neat­tion, zu verlieren. Und darin haben die deutschen Neat. tionäre eine feine Witterung. Ist der Militarismus zer gründet ist, auf Irrtümern und Unkenntnis der Tat- bieren, daß der neuen Regierung in ihrer Stellung der Entente trümmert, wird die Entwaffnung mit aller Energie durch geführt, dann sind die stärksten Hoffnungen der Reaktion zu­schanden geworden. Daß diese Maßnahme durch außen­stehende Mächte vollzogen werden, ist zwar peinlich, ändert aber nichts an ihrer überaus günstigen Wirkung auf die innern- und außenpolitische Lage Deutschlands .

fachen berusten. Die ungarische Negierung habe sämtliche Maß­nahmen getroffen, um die Ordnung wieder her 3 ustellen. Das Telegramm schließt mit der Erklärung, daß, wenn es der Regierung nicht gelingen sollte, ihre Aufgabe mit gutem Erfolge zu Ende zu führen, sie verpflichtet sein würde, ihre Verantwortlichkeit auf diejenigen zu schieben, die die Ur­geprüften Ungarns feien.

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gegenüber in Spa teine Schwierigkeiten erwachsen. erklärten nun ihrerseits, sich an der Regierung nicht betei Daraus machten die Demokraten den Kriegsfall und ligen zu wollen.

Wie sehr das Bestreben, den Militarismus zu erhalten ache der neuen'nationalen Bergweiflung des jo diefes ganze Getue nicht recht zu verstehen. In Frankreid

mur von der Absicht diktiert ist, die revolutionäre Arbeiter­

fchaft im Lande niederzuhalten, geht aus einem Artikel der Der weiße Terror ist in Ungarn nicht abgeschafft, sondern Aus dieser Erklärung spricht eine bodenlose Heuchelei. Täglichen Rundschau" hervor. Hier wird die Notwendiger tobt weiter. Noch täglich werden Leichen ermordeter feit der Aufrechterhaltung der 200 000 Mann starken Heeres Berfonen gefunden. Und Sorthy billigt diese Morde, er macht mit außenpolitischen Motiven überhaupt nicht mehr möchte sich aber durch einen fühnen Schwindel von der Ver­8 begründen terjucht. Das Lächerliche eines solchen Be- antwortung briden, weil der Boykott Ungarn fo empfind ginnens haben inzwischen auch die Reaktionäre eingesehen. lich trifft, daß es der Gnade der sozialistischen Arbeiterschaft Defto intensiver malen sie die bolichemistische Ge- bedarf. fahr an die Wand. Die Tägliche Rundschau" schreibt, indem sie vorausschickt, daß eine Vermehrung der Polizeitruppen feinen genügenden Verlaß bilde, da die Trine Bolizei Beamtencharakter trage:

Anschluß der österreichischen Bantbeamten.

Wien , 23. Juni. ( Sorr.- Bureau.)

ganzen parlamentarischen System nur den parlamen Es scheint, daß die bürgerlichen Parteien bisher vom tarischen Aretinismus begriffen haben, sonst wäre wie in Italien werden Ministerien gebildet, indem dei sammenstellt, daß er auf eine Majorität im Parlament rech fignierte Ministerpräsident sich seine Mitarbeiter so a nen fann. Hier zu Lande entscheiden die Zusammensetzung der Regierung die verschiedenen Frattionen in ihrer Ge famtheit und eine jede scheint der Meinung zu sein, daß sit nicht nur ihre eigene Politit zu bestimmen hat, sondern and anderen Parteien ihre Bedingungen auferlegen fann, weny anders sie noch mitspielen foll.

Dieses Gebahren ist gräßlich findisch. Weder im fran zöfifchen noch italienischen Barlament verfügen heute die Regierungen über festgeschloffene Majoritäten. Sie müssen

Im Zusammenhang mit dem Boykott gegen Ungarn wurde eben so regieren, daß diejenigen, die sie stürzen wollen, aus Wir brauchen eine genügend starke Heeresgruppe, die sich als auch der Personen bertebr nad Ungarn auf der Süd, welchen Gründen immer, in der Minorität bleiben. Und Wehrmacht fühlt und wo jeder einzelne nichts anderes als bahnstrede mit dem gestrigen Tage eingestellt. Der G- dort ist immerhin das Regieren etwas leichter als gegen­terverkehr der Donaudampfschiffahrtegesellschaft rust seit wärtig in Deutschland . Das hindert aber die braven De­Soldat ist. Wenn die bolschewistische Agitation sich einmal zwei Tagen völlig. Die Arbeiterzeitung" und die Bolts- motraten nicht, zu verlangen, daß eine an der Regie­soweit ausgewirkt haben wird, daß ein allgemeiner Aufstand, geitung" melden den Anschluß des Reichsverbandes rung nicht beteiligte Partei diefer noch unbefannten Regie­und nicht mehr wie bisher, Teilaufstände vor sich gehen können, ber Bantbeamten an die Boykottbet gung.

wäre das deutsche Heer nach der Verminderung außerstande, Deutschland vor dem Wolfchemismus zu retten. Sajon bei den bisherigen Teilaufständen war es trotz der 200 000­Mann- Stärke schwierig, zu gleicher Zeit an verschiedenen Stellen

durchzugreifen. Für die Zukunft wäre das bei einem 100 000.

Mann- Heer völlig unmöglich.

Die österreichische Regierungskrise.

T. U. Bien, 23. Junt. Gestern nahmen die Verhandlungen beim Präsidenten Sei wegen der inneren rise ihren Fortgang. Es stand der Vorschlag des Abg. Dr. Adler, der die Wahl eines eber. gangstabinetts nach dem Proporzsystem vorsteht, zur Diskussion. Nach Ansicht der Sozialdemokraten tommt als Beiter der Staatskanzler an Stelle Dr. Renner 3, der sich auf Iberich oder Staatssekretär Hanusch in Betracht und als Aeußern zurückzieht, Staatsjefretär vizetangler Dr. Mahr.

das Saalsamt des

Also bier wird nichts anders gefordert als die Beibehal­hung des verhaßten Systems, das den einzelnen Soldaten zur willen- und seelenlosen Sereatur in der Hand macht vollkommener Offiziere herabmürdiat. Die Leute von der Täglichen Rundschau" und ihre Gesinnungsfreunde vont noch weiter rechts wünschen nichts sehnlicher, als daß sie unter den Fittichen einer Militärdiftatur ihre alte Macht der Staatskanzlei fotpie der Ressorts des Innern und des Heeres Die Christlich- Sozialen wünschen für die Besehung stellung wieder aufrichten könne. Die Entente spielt ihnen wesens neutrale Beamte. Die Großdeutschen wollen ihre mi ihrer Hartnäckigkeit in der Frage der Entwaffnung und Teilnahme an der Kabinettsbitung von der Erfüllung der der Heeresverminderung einen bösen Streich. Aber der Forderungen nach Verringerung der Staatssekretärstellen und stärkste Wall gegen das Wiederaufleben des Militarismus Entpolitisierung der Wehrmacht abhängig machen. Beide Bürger. und der Neaktion ist das deutsche Proletariat. Es wird lichen Parteien sind gegen den Wiedereintritt des Staatssetre­niemals dulden, daß iene alten Gewalten sich wieder auf- tärs Dr. Deutsch, der sich durch den Soldatentaterlag mig vichten, selbst um den Preis schwerster Kämpfe. liebig gemacht hat. Trotz der Differengen bofft man, beute oder morgen zur vollständigen Entwirrung der Strife zu gelangen.

Die Studenten riisien zum Umffurz. In Göttingen ist es gelungen, einer geheimen staden

rung feierlichst ein Vertrauensvotum ausstelle. Ihnen ge­nügt nicht, daß die Regierung parlamentarisch möglich set, weil eben feine Mehrheit vorhanden ist, die sie von born­herein stürzen will. Dabei ist das ganze Verlangen um so kindischer, da schließlich keine Partei sich auf irgendeine Dauer das Recht nehmen laffen kann, gegen eine Regierung au stimmen und, wenn sie Montag das Vertrauen hat Dienstag ihr ein Mißtrauensvotum zu geben. Die ganze Geschichte ist nicht ernster zu nehmen, als es der Streit um die Formel war, mit welchen Worten die Deutsche Voits­partei ein Rippenbekenntnis zur Republik ablegen soll. te publik nicht von den Erklärungen der deutschnationa Jedermann weiß, daß in Deutschland der Bestand der len Parteien abdhängt, sondern von der Kraft uni Elaise, die Wiederherstellung der Monarchie unter keiner Entschloffenheit der gesamten Arbeiter. Bedingungen zu dulden.

Das ganze Gehaben wäre nichts als unnütze Zeit. bertrödelung, wenn nicht dahinter die Angst voi der Verantwortung stünde. Die bürgerlichen Bar teien haben nicht nur jede rein sozialistische Regierung unmöglich erklärt, sondern auch alle einzelnen sozialistischen Maßnahmen verhindert. Unter diesen Umständen müssen fie schon zeigen, wie sie Deutschland ohne sozialistische Me­thoden auf bürgerliche Weise regieren wollen. Aber siehe da, die Herrschaften, die nicht genug ihre geistige, fachmänni­sche und politische Ueberlegenheit über den Sozialismus be­fie jeden Tag nach neuen Ausflüchten suchen, um nur den Beweis ihrer Fähigkeiten nicht erbringen zu müssen.

Bevorstehender Abbruch der Verhandlungen tonen konnten, demonstrieren nur das eine deutlich, daß

mit Graffin.

tischen Militärorganisation auf die Spur zu kommen. Es ist ein Detachement gebildet worden, das drei kriegsstarke Kom­pagnien umfaßt und einem Major unterstellt ist. Die Bewaff­T. U. 2onbon, 23, Juni. nung evit Gewehren, Handgranaten, Ausrüstungsgegenständen Nach dem Daily Gerald" steht ein Abbruch der Ver. ift bereits sichergestellt. Das Studentenforps hat die Aufgabe, handlungen zwischen Lloyd George und Kraffin bei dem kommenden Putsch, der von den Rechtsparteien bevor. Lloyd George verlangt volle Entschädigung der Verluste borbereitet wird, die Arbeiterschaft in Schach zu halten, damit Englands in Rußland und lehnt den Vorschlag Krassins, diese sich die Militärdiktatur möglichst ungestört etablieren kann. Die Frage auf einer Fricbenskonfernz zu erörtern, ab. militärische Organisation der Studenten besteht nicht nur in Göttingen , sondern sie wir in allen Hochschulstädten gebildet, und swar auf Grund einer Anweisung, die von der Geheimorgani­sation der Rechtsparteien, in der an führender Stelle Oberst Bauer, Kapitän Ehrhardt, Major Bischoff arbeiten, ergangen ist. Waffen Nach zweitägigen Beratungen mit dem Zentrum und den und Munition stehen in jeder gewünschten Menge zur Verfügung. Sie werden in erster Linie den Depots der Einwohner. Linksparteien, bie bas neue Kabinett bilden sollten, hat wehren entnommen und unter falscher Deflarierung an die Abg. Witos gestern abend die Unmöglichkeit festgestellt, ein Stogtruppe der Gegenrevolution verschoben. Die Verschiebung positives Ergebnis zu erzielen und seinen Auftrag in die Hände geschieht mit stillschweigender Subilligung der Regierung, di bes Staatschefs zurüdgelegt nod außen hin der Wat vorredet. in Deutschland seien all

Die polnische Kabinettsfrise.

Warschau , 23. Juni.

Ernster als das demokratische ist das Vorgeben der Deutschen Volkspartei ar beurteilen. Ihr Ver langen, alle wirtschaftlichen Ministerien mit Fachmännern, d. 6. in Praxis mit fapitalistischen Vertretern, die ihner polittich nabestehen, zu besetzen, richtet sich sehr deutlich politisch nahestehen, zu besetzen, richtet sich sehr deutlich gegen den linken Flügel des Zentrums, insbesondere geger die Bertreter der christlichen Gewerkschaft. Die Partei, die theoretisch erklärt, daß sie nicht ohne die Arbeiter, ne chweige denn gegen die Arbeiter regieren wolle, schließt in der Pravis sogar so gemäßigte, in bürgerlichen Anschauungen noch so start befangene Arbeiter wie die christlichen Ge werkschaftler aus. Unter dem Vorwand der Entpolitisierung berfolgen fie eine rein fapitalistische Politik die Politik des Herrn Stinnes.

Was nun werden soll, steht dahin. Schließlich werder sich die Bürgerlichen Parteien doch noch entschließen müſſen irgendeine Regierung zustande zu bringen. Bom sozialisti fchen Standpunkt aus ist das eingig wichtige, daß nicht