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3. Jahrgang
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Donnerstag, den 1. Juli 1920
Nummer 254
Morgen- Ausgabe
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In eigener Druckerei
Rach Ueberwindung großer Schwierigkeiten erscheint heute die erste Nummer unserer Zeitung in eigener Druderei. Damit ist ein 3iel erreicht, das sich die BerTiner Arbeiterschaft, die der Unabhängigen Sozialdemotratie angehört, im November 1918 gestellt hat und dessen Verwirklichung harter Arbeit, zähen Eifers und großer Opferwilligkeit bedurfte. Bedeutet die Verfügung über ein Blatt an sich eine Stärkung der Arbeiterklasse und ein Stück Befreiung von dem Einfluß fapitalistischer Gedankengänge, So ist ebenso die Herstellung dieses Blattes in einem eigenen nur den Zweden der Arbeiterbewegung dienenden Unternehmen ebenfalls ein Stüd Befreiung von den starken Fesseln tapitalistischer Bevormundung.
Die Presse ist das wichtigste Mittel, das den Kampf ber Arbeiterklasse in all seinen Zweigen am besten unterstützt. Wo deshalb eine selbständige Arbeiterbewegung sich zu entwideln beginnt, ist eine von fapitalistischen Einflüssen freie Presse die unerläßliche Voraussetzung für ihre güntige Entwidlung. Ohne die Presse vermag der sozialistische Gedante und das Klassenbewußtsein die ArbeiterShaft nicht zu ergreifen. Ohne die Presse sind die wirtSchaftlichen Bestrebungen der Arbeiterklasse zum großen Teil von vornherein zum Mißlingen verurteilt. Ohne die Presse sind der Ausbreitung der Arbeiterbewegung enge Schranken gesetzt, vermag die Arbeiterbewegung die ihr gleichgültig oder feindlich gegenüberstehenden Schichten der merttätigen Bevölkerung nicht zu sich herüberzuziehen, fehlen die Voraussetzungen für die Verwirklichung der Jozialistischen Ziele.
Im Gegensatz zu der englischen und franzöfifchen Arbeiterbewegung, die lange Zeit infolge des Fehlens sozialiTtischer Zeitungen die Abhängigkeit vom Bürgertum nicht abschütteln fonnten, haben die Vorfämpfer der deutschen Arbeiterbewegung sehr frühzeitig erkannt, daß eine starke und weitverbreitete Arbeiterpresse notwendig ist, wenn die deutsche Arbeiterbewegung den Kampf mit ihren Klassenfeinden siegreich bestehen soll. Lassalle, ebenso wie August Bebel und Wilhelm Liebknecht , haben sich mit allen Kräften bemüht, die Ausbreitung von sozialistischen Zeitungen zu fördern. Trotz aller Schwierigkeiten waren ihre Betrebungen von Erfolg begleitet, zumal sie unterstützt wurben von den in der Gewerkschaftsbewegung tätigen Sozialdemokraten, die in der sozialistischen Gewerkschaftspresse ebenfalls Organe schufen, die das Ringen um die Seele der Arbeiter träftig unterstüßten. Vor Beginn des Krieges zählte die geeinte sozialdemokratische Partei nahezu 100 Tageszeitungen. Ist deren Zahl gegenwärtig auch noch etwas höher, so spielen doch auch die etwa 60 Zeitungen eine erhebliche Rolle, die die Unabhängige Sozialdemokratie sich innerhalb eines Jahres geschaffen hat, weil sie nicht nur den Kampf gegen die Klassengegner des Proletariats führen mußte, sondern auch den Kampf gegen die unzuverlässigen Elemente in den eigenen Reihen der Arbeiterklasse.
Aber noch heute bildet die sozialistische Presse nur einen Bruchteil der Bresse überhaupt, und von mehr als 3000 täglich ein- und mehrmals erscheinenden Zeitungen sind günftigenfalls 200 sozialistische Beitungen. Und das, obwohl mehr als vier Zehntel der Bevölkerung Deutschlands sozialistisch gesinnt sind. Die Ursache dafür liegt vor allem in bem tapitalistischen Charakter des Presse= wesens. Der formalen Pressefreiheit steht das kapitalistische Vorrecht auf Gründung und Bertrieb von Zeitungen entgegen. Zwar hat jeder nach den Bestimmungen der Verfassung das Recht, eine Zeitung herauszugeben, aber nur der Besigende fann von dieser Möglichkeit Gebrauch machen, die große Masse der Besitlosen ist infolgedessen auf die Erzeugnisse der kapitalistischen Unternehmer angewiesen. Das Bürgertum verfügt über die Maschinen, bie Gebäulichkeiten und alle sonstigen Materialien, die zur Herausgabe von Zeitungen erforderlich sind, während die Arbeiter infolge ihrer Besiglosigkeit nur dann die Verfügung über diese Produktionsmittel erzielen können, wenn Sie sich zu solidarischer Handlung vereinigen.
Aber auch der ganze Betrieb des deutschen Pressewesens beruht auf den Grundsägen tapitalisti. scher Profiigewinnung. Nicht um die Massen mit geistiger Nahrung zu verfehen, nicht um die Kenntnisse zu verbreiten, die im politischen Leben erforderlich sind, nicht um den fulturellen Stand der Massen zu heben, werden heute Zeitungen geschrieben, sondern weil sie ebenso wie der Sandel mit Lebensmitteln oder mit anderen Gegenständen Gewinne für diejenigen abwerfen, die über den Betrieb verfügen. Das bleibt selbst dann richtig, wenn diese Gewinnerzielung auf indirettem Wege erfolgt, wenn ein großer Kapitalist, wie Stinnes, dant seines Riesenvermögens die Verfügung über mehrere Dutzend Zeitungen erwirbt, damit sie die kapitalistischen Einrichtungen und bas tapitalistische Syftem gegenüber der erstarkenden Arbeiterbewegung retten sollen und die bürgerlichen Parteien fördern, die sich ebenfalls diese Aufgabe stellen.
Feinde der Arbeiterbewegung sind aber nicht nur die. jenigen Organe, die sich offen als ihre Gegner bekennen, fondern mehr noch als sie, diejenigen, die unter der Maste
265 Milliarden Gesamtschuld!
Die schlimme Finanzlage
Jm Haushaltsausschuß des Reichstags gab bei der Beratung des Notetats Finanzminister Dr. Wirth ein trübes Bild über die schlimme Finanzlage des Reichs: 265 Milliarden Gesamtschuld, dazu eine Menge großer Aufgaben und weiteres Verlangen auf Gewährung von Reichsmitteln für alle möglichen Zwede. Der Finanzminister wird sich Donners= tagim Plenum darüber äußern. An die Forderung, 450 Millionen Mart für Wohnungszwede, knüpfte sich eine längere Aussprache, die eine nachdrückliche Förderung des Wohnungsbauwesens und der Materialbeschaffung forderte. Die Regierungsvertreter erklärten, daß alles geschehe, um die Wohnungsnot zu bannen; der Kohlen- und Baustoffmangel, wie andere Dinge erschwerten jedoch diese Arbeit außerordentlich.
Die Anforderung der Summe von zwei Millionen für Bordzulagen wird beanstandet. Vertreter des Reichswehrministeriums ersuchten um Belassung der seit langem gewährten Zulagen. Die Abstimmung hierüber wurde ausgesetzt, die übrigen Forderungen im Haushalt des Reichs= wehrministeriums wurden genehmigt.
Unablässig wächst die Verschuldung des Retas, immer schlimmer wird seine Finanzlage. Durch die Schuld der Koalitionsregierung ist es bisher versäumt worden, die befizenden Klassen zur Dedung der Kriegslasten heranzuziehen; mit fleinen Mitteln finanzieller Schiebepolitit und den großen Mitteln der Belastung der ärmeren Boltsfreise half man sich darüber hinweg. Wie erst jüngst vom. Reichsfinanzministerium mitgeteilt worden ist, haben sich die besitzenden Kreise ihrer Steuerpflicht bisher zu entziehen vermocht; wenn nicht die indiretten Steuern und Zölle erhebliche Mehreinahmen gebracht hätten, so sähe es um die Finanzlage des Reichs noch trüber aus. Und nun soll von den ärmsten Voltskreisen durch den Steuerabzug vom Lohn zwingsweise eine Entlastung der Reichswirtschaft herbeigeführt werden.
Wir werden hören, was Herr Dr. Wirth heute im Reichstag darüber zu sagen haben wird, wie er sich eine Verbesserung der Finanzlage vorstellt. Das Proletariat wird sich aufs äußerste dagegen sträuben, daß ihm auch fünftig die Hauptlast für die Bestreitung der Ausgaben des Reichs auferlegt wird. Und wenn nicht der Bankrott der Weichswirtschaft in fürzester Zeit eintreten soll, so muß endlich ernit gemacht werden mit der schärfsten Heranziehung des Kapitals und der großen Einkommen. Eine wirkliche Gesundung der deutschen Bolkswirtschaft ist allerdings auf tapitalistischer Grundlage nicht mehr möglich; nur der Sozialismus fann dem deutschen Volke die hettung aus seinem Elend bringen.
Die Gesamtschulden Englands und der Alliierten
HR. London, 30. Juni. Aus einer amtlichen Uebersicht geht hervor, daß die Gesamtschulden Englands 7881 893 000 Pfund Sterling betragen, hierin ist die Summe enthalten, die aufgenommen wurde, um den Autierten Vorschüsse gewähren zu können. Die
des Biedermannes, des wohlmeinenden Freundes, vorgeben, auf feiner der beiden Seiten zu stehen und unpar teiisch zu urteilen. Das ist lediglich Heuchelei, dazu bestimmt, die Erkenntnis zu verdunkeln, daß die Zeitungsunternehmen nur die Schuttruppen der kapitalistischen Einrichtungen sind und in den entscheidenden Kämpfen zwischen dem Kapital und der Arbeit, zwischen den Massen der Ausgebeuteten und den wenigen Ausbeutern die Interessen Dieser Wenigen schützen wollen.
Deshalb ist auch heute noch die Aufgabe der Arbeiterflasse die Schaffung einer großen leistungsfähigen eigenen Presse, die ohne Rücksicht auf Gewinnerzielung, lediglich ge leitet von den Interessen der Masse der Arbeiter, unerschroden den Kampf für die Verwirklichung des Sozia lismus, für die Durchsehung der Forderungen der Arbeiterflesse verficht. Die Lösung dieser Aufgabe ist aber nur möglich, wenn der großen materiellen Kraft einzelner Kapitalisten die Opferwilligkeit der gesamten Arbeiterklasse entgegengesetzt wird. Nur wenn jeder einzelne von ihnen durch sein Scherflein dazu beiträgt, daß die Mittel geschaffen werden, die zu der Betriebsführung eines fo großen Unternehmens gehören, wird sich die sozia listische Arbeiterschaft die Presse schaffen fönnen, die sie im Kampf um ihre Forderungen gebraucht. Leider hat bisher ein großer Teil auch der organisierten Arbeiterschaft diese Erkenntnis noch nicht völlig in fich eingefogen. Die Mitgliederzahl der Verlagsgenossenschaft Freiheit", der juristischen Trägerin unseres Unternehmens, bleibt weit hinter der Zahl der in der Unabhängigen Sozialdemokratie organisierten Arbeiterschaft zurüd. Und wenn auch die Not gegenwärtig in jedem Haushalt eines Minderbemittelten
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Schulden der Allierten in England betragen 1781 113 000 und Sterling. Von dieser Summe find 568 Millionen Pfund land geliehen, 119 500 000 Pfund wurden den Dominiens und Britisch- Indien gegeben. Außerdem stecken in der Gesamtsumme noch Guthaben im Werte von 700 Millionen Pfund. Sierpont wieder werden 300 Millionen Pfund in den Hanshaltungspian von 1920/21 als Einnahmen aus verschiedenen Quellen eingestellt. Die Gesamtguthaben aus dem Berkauf von Kriegsmaterial usw. werben auf 2 881 600 000 Pfund beziffert.
Die Internationale der Reaktionäre Waffenschmuggel nach Österreich
Bon Bayern aus werden seit einiger Zeit Waffen nach Desterreich geschmuggelt. Sie sollen dort der Vorbereitung eines monarchistischen Putsches dienen. Die Waffen werden von den bayerischen Reaktionären geliefert, die so große Bestände angelegt haben, daß auch die österreichische Konterrevolution noch sehr gut ausgerüstet werden tann. Die deutsche , und vor allem die bayerische Regierung, hat bisher den Waffenschmuggel abgestritten. Jetzt ist es aber gelungen, einen solchen Transport im Oberinntal abzufangen. Es handelt um nagelnene Infanteriewaffen, die in Deutschland hergest worden sind. Der Waffenschmuggel ist ganz systematisch von Bayern aus organisiert. Die dortige Königspartei arbetet mit den österreichischen Monarchisten aufs engste zusammen. Die Waffen werden von der bayerischen Reichswehr vermittelt. Ein Beweis dafür, wie notwendig die Auflösung dieser monoshifti schen Schuhtruppe ist.
Die Verhandlungen mit Krassin
Paris, 30. Juni.
Wie der Londoner Korrespondent des Temps mitteilt, wünscht die Sowjetregierung Kraffin nur als wirtschaftlichen Unterhändler in London zu belasen, jedoch andere Persönlichkeiten aus Mostau zu entfenden, um zu pofiti. schen Berhandlungen mit der Friedenstonfe renz zu gelangen.
Times" berichtet, bet den Verhandlungen mit Krassin sei tein Fortschritt erzielt worden, da er teine Bürgschaften geben fonnte. Es sei offensichtlich, daß die Mostauer Regierung nur ein Abkommen unterzeichnen wolle, daß die Aner= tennung der Sowjetregierung in sich schließe.
Ausschuß für auswärtige Bolttik
Im Reichstag hat sich am Mittwoch der Ausschuß für Auswärtige Angelegenheiten konstituiert. Von unserer Fraktion gehören ihm an die Genossen Dr. Breitscheid, Dr. Herzfeld, Ledebour , Tony Sender und als Stellvertreter: Dittmann, Dr. Kurt Geyer, Dr. Rosenfeld, Frau Wurm.
Der Ausschuß wird am Donnerstag abend feine erste Stzung abhalten, in der in Anwesenheit des Ministers des Auswärtigen die bevorstehenden Verhandlungen von Spaa bespro chen werden sollen.
an die Tür Klopft, so muß doch die Opferwilligkeit für die hohen Ziele unserer Bewegung, für die Notwendigkeit des Ausbaues unserer eigenen Presse jedes Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokratie dazu veranlassen, daß es einen geringen Teil seiner Einnahmen unserem Unters nehmen zur Verfügung stellt. Diese Gelder werden nicht gebraucht für die laufenden Ausgaben, sondern lediglich, damit sie werbend in den Betriebsmitteln angelegt werden können und mit dem Recht auf jederzeitige zurückzahlung.
Wenn heute die erste Nummer unseres Blattes, die in der eigenen Druderei hergestellt wird, unsere Leser erreicht, so sollten sie alle darüber flar sein, welch gewaltige Aufgabe die Verwirklichung dieses Zieles war. Ist es schon in normalen Zeiten eine große Aufgabe, ein Millionenunter nehmen aus Groschen aufzubauen, so wächst diese Aufgabe ins Gigantische in den gegenwärtigen Zeiten, in denen die Unsicherheit alle Voraussicht in den Berechnungen ausschließt. Noch sind wir nicht an dem Ziel, das wir uns gestedt haben, und Schwierigkeiten aller Art werden noch überwunden werden müssen, aber wenn die Opferwilligkeit der Parteigenossen sich mischt mit der Opferwilligkeit aller derjenigen, die an irgend einer Stelle unseres weitver= zweigten Betriebes die große Sache des Sozialismus unmittelbar fördern fönnen, dann wird die Inbetriebnahme der eigenen Druckerei nicht nur eine wesentliche Förderung für unsere Zeitung sein, sondern auch eine wesentliche Förderung der sozialistischen Arbeiterbewegung, der Unab hängigen Sozialdemokratie bedeuten.