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Dienstag, den 6. Juli 1920
Nummer 263
Jenn- AE
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greiheit
Ein
politisches Attentat
Ein reaktionärer Racheakt
Wie wir bereits in der heutigen Morgenausgabe berich teten, ist in 5 a gen i, W. auf eine Versammlung des Internationalen Bundes der Kriegsbeschädigten ein Attentat verübt worden. Das Wolffbureau berichtet darüber noch das folgende:
Während einer start besuchten Versammlung, die der Internationale Bund der Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen Montag abend in der hiesigen Tonhalle abhielt, um für Völkerfrieden und Bölferversöhnung zu demonstrieren, flog der in der Nähe des Rednerpultes aufgestellte große eiserne Sfen mit ges waltigem Getöse in die Luft. Die Dede it an verschiedenen Stellen durchgeschlagen. Sämtliche Fensterscheiben sind zertrümmert und Stühle und Tische durcheinander geworfen. Etwa 40 Personen wurden verlegt, darunter eine Anzahl lebensgefähr lich.
Die sofort vorgenommene friminalpolizeiliche Untersuchung ergab, daß im unteren Teil des eisernen Ofens neben dem Aschentasten eine Anzahl Handgranatensprengkapseln verborgen gewesen war. Man glaubt, daß die Entzündung durch eine in den Ofen geworfene 3igarette entstanden ist. Hoffentlich wird die Untersuchung so einwandfrei geführt, daß die Urheber dieses Verbrechens bekannt und zur Rechen schaft gezogen werden. Es handelt sich um ein politisches Attentat, hinter dem dieselben Kreise stehen, die in den letzten Monaten ganz systematisch pazifistische Versammlungen zu sprengen versuchten und die dabei selbst vor Mordvers fuchen nicht zurüdschredten. Das Attentat beweist aber auch, daß die Reaktion wieder sehr rührig geworden ist. Mit verbrecherischen Anschlägen auf pazifiitische Versammlungen wurde der Kapp- Putsch eingeleitet. Sollten die Vorbereitun gen zu einem neuen Schlag gegen die Republik schon wieder so weit gediehen sein, daß durch Vorfeldgefechte das Kampfgelände abgetastet wird, um die geeignete Basis zum HauptAngriff zu finden?
Auf die Frage eines Abgeordneten, ob Churchills Verhandlun gen mit Golowin ohne Zustimmung des Kabinetts stattgefunden hätten, sagte Bonar Law , solch eine Frage sei erstaunlich. Die allgemeine Politik der Regierung sei bekannt ge
wesen und sei in dieser Weise ausgeführt worden. Churchill set mit vielen antibolschewistischen Generalen zusammen gewesen, und er, Bonar Law , würde es nicht als angenehm empfunden haben, wenn Churchill das Kabinett über alle diese Besprechungen in Kenntnis hätte setzen müssen. Zum Schluß sagte Bonar Law , die ganze Angelegenheit sei dadurch veranlaßt worden, daß einige Leute glaubten, die Politik des vergangenen Jahres werde gegenwärtig noch fortgesetzt.
Diese Erklärungen Bonar Laws sagen gar nichts über die in den Veröffentlichungen der englischen Blätter mitgeteilten Tatsachen, daß Churchill unter einem anderen Vorwand englische Truppen an Koltschat gesandt hat. An der Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieser Behauptungen ist Bonar Law. nur mit allgemeinen Redensarten vorbeigegangen Daraus ist zu schließen, daß Churchill im Einverständnis mit dem übrigen Kabinett gehandelt hat und daß also die englische Regierung die Oeffentlichkeit des Landes über ihre Rußlandspolitik getäuscht hat. Das würde nur im Einklang stehen mit der ganzen zweideutigen Haltung, die die englische Regierung zum russischen Problem einnimmt.
Die ungarische Arbeiterschaft und der Boykott
hatte man nur zu oft Gelegenheit, das Berhalten der ungariAus Wien wird uns geschrieben: In den letzten Monaten ch en Arbeiterschaft und der Sozialdemokratie insbesondere zu tadeln und sogar diejenigen, die ständige, nervenzerrüttende Angst fennen, unter welchen ein jedes Mitglied der Partei und der Gewerkschaft in Ungarn zu leben hatte, mußte mehr als oft den Kopf schütteln, als die Kunde von der nicht nur unwürdigen, sondern auch unflugen Haltung der ungarischen Arbeiterführer zu ihm drang. Die Gerechtigkeit fordert es aber auszusprechen, daß in dieser großen Krise die ungarische Arbeiterschaft sich bisher wirklich brav verhalten hat; wenn man teine positive Nachrichten darüber hätte, wäre es auch anzunehmen, daß die Machthaber in Ungarn nun alle Mittel der Einschüchterung und Bedrohung, alle Lockmittel der Versprechungen in Bewegung setzten, um die gewerkschaftlichen und politischen Vertreter zu zu einer Gegenerklärung oder einer Aktion zu veranlassen. Bisher ohne Erfolg und es soll schon vermerkt werden, daß diese passive Haltung unter der Säbeldiktatur des Joan Hef= ias manche revolutionäre Stellungnahme in einem freien Staate aufwiegt.
Paris , 5. Juli. ( Savas- Reuter.) Miller and empfing die polnischen Vertreter und den Grafen Sforza und hatte eine Besprechung mit Lloyd George . Die Sachverständigen haben versucht, den in Brüssel aufgestellten Grundsatz betreffend die Berteilung der deutschen Ents schädigung zur Anwendung zu bringen. Sie waren sich flar darüber, daß das Vorzugsrecht auf zweieinhalb Milliarden Goldmart, daß der Bertrag von Versailles Belgien gewährt, wenn es ohne Abänderung aufrecht erhalten würde, daß die erste zur Tilgung der deutschen Schuld bestimmte internationale Anleihe vollständig zur Sicherstellung des Belgien gewährten Privilegs dienen würde. Infolgedessen hat man Belgien vorgeschlagen, daß das Vorzugsrecht beibehalten werden soll mit dem Vor= behalt, die Summe in mehrere Teilsummen zu zerlegen, deren Abzahlung allmählich erfolgen soll. Unter dieser Voraussetzung würden die Engländer mit einem achtprozentigen Anteil von Belgien einverstanden bleiben, wie er in Brüssel festgesetzt worden ist. Die Frage ist noch nicht endgültig entschieden, aber in gutem Gange. Am Schluß der Zusammenkunft der finanziellen Sachverstänien, daß sie in ihrer Wirksamkeit nicht gehindert werden; 3. bigen wurde eine italienische Note geprüft, in der der Standpunkt Italiens zur Berteilung der Entschädigung dargelegt
wird.
Millerand unbefriedigt
Spaa, 6. Juli.
Beim Verlassen des Sigungssaales wurde Millerand von zahlreichen Journalisten umringt. Auf die Frage, ob ein Reſultat erzielt worden sei, rief Millerand erregt aus:„ Wie kann ein Resultat erzielt worden sein, wenn die Deutschen ihren Reichswehrminister nicht mitbringen?" Auf weitere Fragen der Journalisten ging Millerand nicht ein und bemerkte nur wiederholt:„ Wir müssen Garantien haben." Von den italienischen Journalisten wurde diese Bemerkung dahin ausgelegt, daß diese Garantien in den Bestimmungen des Friedensvertrages zu suchen seien.
Churchills Rußlandspolitik
im Unterhause
Rotterdam, 6. Juli.
Nieuwe Rotterdamsche Courant zufolge gab Bonar Law gestern im Unterhause eine Erklärung ab, die sich mit den Beziehungen Churchills zu den weißen Russen be⚫faßt. Bonar Law sagte, Churchill habe ihm erklärt, daß die in den„ Daily News" und anderen Blättern veröffentlichten Dokumente nur eine sehr ungenaue Wiedergabe seines Gesprächs mit dem Agenten der weißen Russen Oberst Golowin seien. Churchill habe gesagt, die Mitteilung, daß er Kolt= schats Befehle ausführe und die Behauptung über die Verwendung der Truppen, die zur Sicherung der Ordnung nach Archangelst geschickt worden seien, seien vollkommen unwahr. Auf der anderen Seite, fuhr Bonar Law fort, ist es wohl bekannt, daß Sie Regierungspolitik im vergangenen Jahre darauf abzielte, die antibolschewistischen Streitkräfte zu unterstützen.
Die ungarischen Arbeiter stehen auf dem Standpunkt, daß sie auf die Fassung des Boykottbeschlusses teinen Einfluß geübt haben, daß der Boykott eine Aktion der gewertschaftlichen Internationale sei und wenn man ihre Vermittelung anspricht, dann müssen gewisse Voraussegungen erfüllt werden. Die von der ungarischen Partei gestellten Bedingungen sind die folgenden: 1. die Wiedereinsehung der aufgelösten Gewerkschaften, 2. die Rückgabe der geraubten Barschaften und Einrichtungsgegenstände der Ortsgruppen der Gewerkschaften und Garan
die Ermöglichung der Rückkehr derjenigen Emigranten, die feine gemeine Verbrechen begangen haben und wenn ein Strafverfahren gegen fie eingeleitet wird, dann sollen ordentliche, bürgerliche Gerichte urteilen; 4. die Aufhebung der Internierun= gen; 5. die Freilassung der politischen Verhaf= teten; 6. die Abschaffung des beschleunigten Ge= richtsverfahrens in den Prozessen, die gegen Organe und Beauftragte und Funktionäre der revolutionären Regierungen geführt werden.
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Diese Bedingungen sind sehr sehr mäßig und in manchem Belange ganz unzufriedenstellend; man merkt es ihnen schon an, daß sie von einer Arbeiterpartei entworfen sind, die unter dem enijeglichsten Terror steht, die feine Möglichkeit hat, sich mit den Massen frei zu verständigen, die weder Preßfreiheit, noch Vers sammlungsfreiheit besitzt und die fast aller ihrer zum politischen Denten fähigen Führer entblößt ist. Aber eben weil die ungarische Arbeiterbewegung in diese entsetzliche Lage versetzt ist, stellt es schon ein Zeichen der Aufraffung und Ermutigung dar daß sie sogar diese Forderungen stellt und nachdem man sie anscheinend nicht erfüllen will, jede Intervention ablehnt.
Die ungarische Kabinettsbildung
T. U. Budapest , 5. Juli. Der Reichsverweser setzte seine Konferenzen mit den Parteiführern bezüglich der Kabinettsbildung fort. Im Vordergrund der Kombinationen steht die Betranung des Präsidenten der Nationalversammlung, Ratowski, der für das unbe= schränkte Auflösungsrecht der Nationalversammlung durch den Reichsverweser eintritt. Minister des Aeußern soll der derzeitige Gesandte in Wien , Dr. Graz werden. Außer Ratowski steht noch die Betrauung des Führers der Agrarier Ru= binet mit der Kabinettsbildung im Vordergrund der Erörte
rungen.
Sorthy sucht sich also die Leute heraus, die gewillt sind, seine diftatorischen Machtbefugnisse noch zu erweitern. Er scheint feinen fleineren Ehrgeiz zu haben, als sich zu gege= bener Zeit selbst die Krone des heiligen Stephan aufs Haupt zu setzen.
Vor der Abstimmung
der
Am 11. Juli sollen in einigen Gegenden Ost- und West preußens, deren Bevölkerung nicht rein deutsch ist, wie in Ermland und Masuren , darüber abaestimmt werden, ob sie an Polen fallen oder bei Deutschland bleiben. Von beiden Seiten wird schon seit vielen Wochen eine lebhafte Agitation betrieben. Wenn diese Gebiete auch nicht die große wirtschaftliche Bedeutung haben wie etwa das oberschlesische Industriegebiet, für das der Abstimmungstermin noch nicht festgesetzt ist, so bietet doch die wirtschaftliche Struktur und ihre politische Lage genügenden Anreiz, um einen heftigen Kampf um ihren Besiz entbrennen zu lassen. Seit Tagen rollen aus dem westlichen Deutschland vollgefüllte Eisenbahnzüge nach dem Osten, fahren Dampfer die Ostseeküste ent lang, um die Abstimmungsberechtigten nach ihrem Geburtss lande zu bringen. Wie die Abstimmung ausfallen wird, ist noch zweifelhaft, auf deutscher Seite hegt man die Hoffnung, daß sie ein günstiges Ergebnis für Deutschland bringen wird. Abgesehen von einigen größeren Orten ist die Industrie in den Abstimmungsgebieten noch ziemlich unentwidelt. Das Land besitzt für sie feine Bodenschätze, die Rohstoffe müssen von weither hingeschafft werden. Dagegen hat das Gebiet hohe landwirtschaftliche Bedeutung, reiche Besitz an Wäldern hat eine ausgedehnte Holzindustrie entstehen lassen. Diesen wirtschaftlichen Verhältnissen ents spricht die Zusammensetzung der Bevölkerung. Industries arbeiter finden wir nur in den wenigen Städten, das länd liche Proletariat war bis vor kurzem für die sozialistische Aufklärungsarbeit schwer zugänglich. In Ermland ist die Bevölkerung fatholisch, hier herrscht der Klerus und dank ihm besitzt das Zentrum in dieser Gegend eine alte Domäne, die einzige übrigens, die sie östlich der Elbe verzeichnen tann. Trotz des schwierigen Bodens hat aber doch der Sozialismus in diesen Gegenden Eingang gefunden und besonders seit der Revolution hat die Unabhängige Sozialdemokratie erfreuliche Erfolge erzielt. Deshalb ist die Frage, wie sich die Arbeiter bei der Abstimmung verhalten werden, von großer Bedeutung, die sowohl von den Deuts schen wie pon den Polen anerkannt wird. Die Arbeiter werden von beiden Seiten stürmisch umworben, und wenn man allen Versprechungen Glauben schenken wollte, die ihnen in diesen Tagen gemacht werden, so wartet der Arbeiter in jedem Falle ein wahres Paradies, ganz gleich, ob sie sich für Polen oder für Deutschland erklären sollten. Die Arbeiter wissen jedoch genau, was sie von diesen Versprechungen zu halten haben, zumal sie auf beiden Seiten von der Bourgeoisie ausgehen. Sie werden sich ihr Urteil selbst bilden und sie werden dabei von den Grundsägen ausgehen, die sie der Sozialismus lehrt.
Als Sozialisten erkennen wir rüchaltlos das Selbst= bestimmungsrecht jeder Bevölkerung darüber an, welchem Staatsverbande sie sich anschließen wollen. Ganz gleich, ob die Abstimmung für Polen oder für Deutschland entscheiden wird, wir haben uns damit abzufinden urb werden nicht in den nationalistischen Dünkel verfallen, die Bevölkerung nachträglich wegen ihrer Haltung zu be= schimpfen. Wir wollen aber auch nicht den Fehler begehen, uns vor der Abstimmung an dem nationalistischen Gerede zu beteiligen, das viel von Abstammung und Kultur enthält, aber die wirtschaftlichen Verhältnisse ganz unberücksichtigt läßt.
Die Arbeiter werden sich nicht nach nationalistischen Fors meln entscheiden, für sie ist auch nicht die Frage der Ranjens zugehörigkeit und der Abstammung maßgebend, sondern e werden sich allein von den Interessen ihrer Klasse leiten lassen. Wenn das Proletariat in den Abstimmungsgebieten nur die Wahl hätte zwischen einem fapitalistischen Staat und einem sozialistischen Gemeinwesen, so wäre für sie die Entscheidung nicht einen Augenblick zweifelhaft, ganz gleichgültig, welcher le oder welchem Stamme fie von den Nationalisten zugezählt werden. Aber diese Wahl hat das Proletariat leider nicht. Sowohl in Deutschland wie in Polen herrscht der Kapitalismus , die bürgerliche Gesellschaftsordnung mit allen ihren Nachteilen für das arbeitende Volt. Die Arbeiter müssen deshalb prüfen, auf welche Weise ste am besten nicht sowohl ihren persönlichen Interessen, sondern den Interessen der ganzen Arbeiter= tlasse dienen und damit an ihrem Teil zur Versöhnung und nicht zur Auseinanderreißung der Völker beitragen fönnen. Ueberblicken wir von diesem Standpunkt aus die Situation, so scheint alles dafür zu sprechen, daß sich das Proletariat der Abstimmungsbezirke für Deutschland entscheiden wird.
Vor kurzem fand in Elbing der westpreußische Bezirkss parteitag der Unabhängigen Sozialdemokratie statt. es wurde dort berichtet, daß die Lage der Arbeiter in PolnischPreußen sehr schlecht sei, die polnische Mark gelte dort nur 21 Pfennig, sie ist also nur den fünften Teil der deutschen Mark wert, die ohnehin einen sehr tiefen Kursstand hat. Die Arbeiterbewegung wird in schärfer Weise verfolgt. Am 25. Mai sind, wie wir seinerzeit berichtet haben, in Thorn 17 Arbeiter aus Graudenz von den Rolen standsstlich erschossen worden. Der Grund zu diesem Mord war eine Protestfundgebung der Unabhängigen Sozialdemokratie in Graudenz gegen das polnische Militär, die siebzehn Are