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Einzelpreis 30 Pfg. 3. Jahrgang
Die Freiheit erscheint morgens und nachmittags, Sonntags und Montags nur einmal. Der Bezugspreis beträgt bei freier Zustellung ins Haus für Groß- Berlin 10.-M. im voraus zahlbar, von der Spedition felbft abgeholt 8,50 M. Für Posts bezug nebmen sämtliche Postanstalten Bestellungen entgegen. Unter Streifband bezogen für Deutschland und Desterreich 16,50 m., für das übrige Ausland 21,50 m. zuzüglich Baluta- Aufschlag, per Brief für Deutschland und Desterreich 30,- m. Redaktion, Expedition und Berlag: Berlin C 2, Breite Straße 8-9.
Dienstag, den 13. Juli 1920
Nummer 274
Morgen- Ausgabe
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greiheit
Die Entscheidung in der Kohlenfrage vertagt
Sigung der Regierungschefs
Spaa, 12. Juli.
Die heutige Sigung der Chefs der auf der Konferenz vertretenen Regierungen begann um 3½ Uhr in La Freineuse. Die endgiltige Entscheidung in der Kohlenfrage wurde auf morgen vertagt. In der Reparationsfrage wurde die Einsegung einer gemischten Kommission beschlossen, die morgen vormittag 11 Uhr zum ersten Mal zusammentritt. Die deutsche Delegation machte dann noch den Vorschlag, eine weitere Kommission für die Ernäh= rungsfrage einzusetzen. Die Sigung wurde darauf auf Dienstag nachmittags 3% Uhr vertagt.
Verlängerung der Tagung
Spaa, 12. Juli.
Es herrscht die Befürchtung, daß die Arbeiten der Konferenz am Montag abend nicht abgeschlossen werden können. Nach Schluß der Sigung des Obersten Rates von heute vormittag erklärte Miller and den Journalisten, daß seine Abreise, die zuerst auf Sonntag abend angesetzt war, verschoben worden sei. Die Kon ferenz werde ihre Arbeiten fortjeßen.
Die Verhandlungen vom Montag
Spaa, 12. Juft.
Seute nachmittag um 4 Uhr, hatte eine Sonderbesprechung der Chefs der hier vertretenen Regierungen stattgefunden, an der von deutscher Seite Reichstanzler Fehrenbach, Minister Dr. Simons, sowie Ministerialdirektor Simson und Legationsrat Reinhardt teilnahmen. Von den Alliierten waren Delacroix , Millerand, der französische Finanzminister Marsal, Lloyd George , Evans, Graf Sforza und Botschafter Chinda anwesend. Es wurde sofort die Kohlenfrage beraten und mitgeteilt, daß an den Grundlagen der Kohlebelieferung festgehalten werden solle, daß nämlich die Reparationsfommission von Zeit zu Zeit die Ziffer der deutschen Ablieferung an die Entente festzusetzen habe. Die Ziffer beträgt zurzeit 2,5 Millionen Tonnen monatlich. Die Entente habe unter Berücksichtigung der inneren Schwierigkeiten Deutschlands beschlossen, diese Summe versuchsweise für die nächsten sechs Monate auf 2 Millionen Tonnen herabzusehen.
Im Namen der deutschen Delegation erklärte Dr. Simons, eine Antwort nicht erteilen zu können. Er müsse sich vorher mit dem Sachverständigen besprechen. Die Minister zogen sich darauf zurück und berieten mit den deutschen Sachverständigen. Diese erflärten übereinstimmend, daß die vorgeschlagene Zweimillionenziffer eine Unmöglichkeit darstelle. Wir könnten sie wohl verSprechen, würden jedoch nicht in der Lage sein, sie tatsächlich zu liefern, um so weniger als zurzeit die Lebensmittelbelieferung im Ruhrgebiet außerordentlich schlecht sei. Die Arbeiter würden nur unter den größten Schwierigkeiten bei der Siebenstundenschicht gehalten. Es werde vielleicht, wenn Lebensmittel sofort in ausreichender Menge beschafft würden, eine Erhöhung des Deutschen Angebots auf 1,4 Millionen Tonnen monatlich möglich sein. Wir würden außerdem sofort energisch an das Siedlungswert gehen und Neueinstellungen von Bergarbeitern vornehmen. Es bestände dadurch begründete Hoffnung, innerhalb Jahresfrist eine weitere Steigerung um monatlich 3-400 000 Tonnen zu erzielen, so daß nach einem Jahre unsere Ablieferung auf 1,7 bis 1,8 Millionen Tonnen monatlich erhöht werden könnte.
Mit dieser Antwort kehrten die deutschen Delegierten in die Bolligung zurüd, und Minister Dr. Simons erklärte, er bedauere, eine bessere Antwort nicht geben zu können, aber er fönne nichts versprechen, wovon er wisse, daß wir es nicht
halten fönnten. Die Regierung fönne nichts versprechen, wozu nicht Arbeiter und Unternehmer sich bereitfinden würden. Der Minister schilderte dann die schwierige Lage im Ruhrgebiet , dessen Arbeiterschaft sich feinesfalls weder von der Entente noch von Deutschland etwas diktieren lassen würde, was am grünen Tisch beschlossen sei. Sollte die Entente ein weiteres Entgegentominen nicht zeigen können, so zögen wir es vor, uns der Entscheidung durch die Reparationskommission zu unterwerfen. Sie könne dann aber auch die Erekutive für ihre Beschlüsse und die Verantwortung dafür übernehmen. In Deutschland sei die öffentliche Meinung schon aufs höchste erregt durch das Diktatsystem, das hier in Spaa angewandt werde. Es sei Zeit davon abzusehen, wenn nicht schlimme Folgen eintreten sollten.
Die Alliierten berieten lange Zeit untereinander und teilten dann mit, es müßte in der Kohlenfrage bei dem Gesagten sein Bewenden haben, wenn die deutsche Regierung nicht noch andere bestimmte Vorschläge machen könnte. Lloyd George war es, der hier eingriff und eindringlich betonte, er sei in dieser Frage, da keine Tonne der gelieferten Kohle für England bestimmt sei, unser guter unparteiischer Freund; er riete uns nochmals dringend, die Angelegenheit ernstlich zu prüfen und neue Vorschläge zu
unterbreiten.
Minister Dr. Simons erklärte, wir würden uns nochmals mit den Sachverständigen beraten. Wir müßten aber Ruhe und Muse
zu dieser ernsten Entscheidung haben. Wir würden morgen unsere Antwort mitteilen. Er verstehe es wohl, daß den Alliierten eine zahlenmäßige Feststellung dringend erwünscht sei.
Es wurde dann sofort in die Beratung der allgemeinen Reparationen eingetreten, die nach dem Vorschlag der Entente in einer gemischten Kommission beraten werden sollen, die morgen um
11 Uhr vormittags zum ersten Mal zusammentritt.
Die Sigung der bevollmächtigten Regierungsvertreter wurde auf morgen nachmittag 4 Uhr vertagt.
Die Schwierigkeiten von Spaa
Je weniger die zahlreichen in Spaa versammelten Journalisten an Tatsächlichem erfahren, um so mehr üben sie die Kunst des Gebärdenspöhens. Aus dem Lächeln des einen Staatsmannes und aus der ernsten Miene des an= deren ziehen sie Schlüsse auf das voraussichtliche Ergebnis der Beratungen. Die deutschen Schmods wenden Telegramm spesen daran, um der Welt mitzuteilen, daß Lloyd George dem deutschen Minister des Auswärtigen, Simons, zugenidt oder daß er sogar einen Händedrud mit ihm ausgetauscht habe. Sie, die so viele Phrasen über die deutsche Würde zu drechseln pflegen, finden es nicht unwürdig, lakaienhaft über das Minenspiel der Ententevertreter zu berichten und ein Stirnrunzeln als eine weltgeschichtliche Begebenheit auszuschreien.
Aber lassen wir ihnen ihr Vergnügen und bleiben wir nur überzeugt, daß von der größeren oder geringeren gesellschaftlichen Liebenswürdigkeit eines der Herren Minister nicht der Gang der politischen Entwicklung, ja nicht einmal der Verlauf der Konferenz abhängt! Halten wir uns an das Tatsächliche, so steht fest, daß die Besprechungen der Sachverstän= digen über die Kohlenfrage bis Montag mittag noch nicht zu einem Ergebnis gekommen sind. Die für den Vormittag angesetzte Sitzung der Delegierten wurde auf den Nachmittag vertagt.
Wie man zu einer Verständigung kommen soll, ist schwer abzusehen. Die Kluft zwischen der Kohlenmenge, die Frantreich fordert, und der, die Deutschland geben will und geben tann, ist außerordentlich groß, und scheint taum überbrüdbar. Man darf auch nicht behaupten, daß die eine oder die andere Seite sachlich im Unrecht sei. Frankreich leidet unter einem gewaltigen Mangel an Brennmaterial, und es fann sich bei seinem Begehren auf die Zerstörung der nordfranzösischen Bergwerke durch Ludendorff berufen. Andererseits aber ist Deutschland nicht in der Lage, die dngeforderten Menge zu liefern, wenn es nicht seiner eigenen Wirtschaft die Fundamente entziehen soll. Was helfen könnte, wäre eben nur eine internationale Lösung des Problems, d. h. die Heranziehung aller fohlenproduzierender Länder zur Deckung des Fehlbetrages. Die Frage ist, ob die Entente die Entschlossenheit besigt, einer solchen Organisation der Weltwirtschaft näher zu treten.
Wenn nun Frankreich das Unvermögen Deutschlands nicht anerkennen will, und auch in diesem Falle bösen Willen voraussetzt, so haben wir das nicht zuletzt dem Auftreten des Herrn Stinn es zu danken. Von Herrn Stinnes sagt der Pariser ,, Matin", daß er daran schuld sei, wenn die deut schen Sachverständigen und die deutsche Delegation die Ansprüche der Alliierten nicht erfüllen wollten. Er übe auf die deutsche Regierung einen scha mlosen Drud aus: ,, Wenn Deutschland aus dieser Konferenz mit einem Bruch heraustommt, und wenn die Alliierten gezwungen sind, zu Maßnahmen zu greifen, so hat es auch die Pflicht dem deutschen Volke zu sagen, daß Herr Stinnes, und nur er allein, verantwortlich für das neue Unglüd ist." Das mag etwas übertrieben sein, aber auf alle Fälle bleibt es dabei, daß die Rede des Industriemagnaten den denkbar schlechtesten Eindruck hervorgerufen hat, und wenn an der Verfehltheit feines Auftretens überhaupt noch Zweifel bestehen könnten, so würden sie durch die Begeisterung behoben werden, mit der die deutsche nationalistische Presse ihrem Wortführer zujubelt, dem sie im Gegensatz zu den einschränkenden und beschwichtigenden Worten des Ministers Simons nachrühmt, daß er Sem ganzen deutschen Volke aus dem Herzen gesprochen habe. Infolge des Hinauszögern der Entscheidung in der Kohlenfrage ist die Diskussion über die Wiedergutmachung frage ist die Diskussion über die Wiedergutmachung einstweilen zurüdgestellt worden. Auch in diesem Punkte werden neue Schwierigkeiten und Unstimmigkeiten auftauchen, zumal da Deutschland diesmal zwar ein bestimmtes Projekt vorgelegt hat, sich aber im Grunde nur auf die Skizzierung eines allgemeinen Rahmens und den Vorschlag bestimmter technischer Einrichtungen beschränkt. Wann unter diesen Umständen die Konferenz zu Ende gehen soll, läßt sich nicht voraussagen.
Der Streit in der Saarbrückener Metallindustrie ist im Allge
meinen als beendet anzusehen.
Die Lage in Mesopotamien ist nach einer Meldung des Temps" aus Teheran sehr ernst. Die Eisenbahnlinie ist an drei Stellen unterbrochen.
Eine falsche Methode
Von Rud. Breitscheid.
Die Genossen Morel und Ponsonby von der Unab hängigen Arbeiterpartei Englands haben sich einige Tage in Berlin aufgehalten, um die deutschen Verhältnisse zu studieren und um sich besonders über die Frage der Kriegsschuld mit deutschen Politikern zu besprechen. Beide haben ihre großen und von uns stets anerkannten Vers dienste um die Aufdeckung der Verantwortlichkeiten, die die englische Regierung in den Jahren vor dem Weltkrieg auf sich geladen hat, und zumal Morel hat schon seit Jahrzehnten in der unerschrockensten Weise und ohne Rücksichten auf die heftigen Angriffe, die seine nationalistischen Landsleute ges gen ihn schleuderten, in die Schliche der englischen Geheimdiplomatie hineingeleuchtet. Er ist wie Ponsonby zu dem Ergebnis gelangt, daß England einen großen Teil der Schuld an der Aufhäufung des Zündstoffes trägt, dessen Explosion im Jahre 1914 die Welt in Flammen setzte.
Von dem Wunsche beseelt, die Verbrechen des englischen Imperialismus möglichst klar und deutlich herauszuarbeiten, fühlen sich die beiden nun ein wenig in ihrer Tätigkeit be engt, wenn die kapitalistische Presse ihres Landes auf die Haltung der deutschen Unabhängigen und einiger bürgerlichen Radikalpazifisten hinweist, die die Schuld der deutschen Regierung an dem Ausbruch des Weltkrieges betonen, und sie sind nach Berlin gekommen, um uns auf die Schwierigkeiten aufmerksam zu machen, die ihnen durch unsere Stellungnahme erwüchsen.
Freilich scheint es, als ob sie über die Auffassung unserer Partei nicht ganz ausreichend und zutreffend unterrichtet gewesen wären, und Genosse Ledebour sowohl wie ich haben ihnen deshalb unsere Auffassung ausführlich ents wickelt. Wir haben ihnen auseinandergesezt, daß wir weit davon entfernt sind, die Verantwortung des imperialistischen Kapitalismus der anderen Staaten in Abrede zu stellen, und daß wir nur auf Grund der Aktenveröffentlichungen und der Ergebnisse des Untersuchungsausschusses an der Ueberzeu gung festhalten müssen, daß die deutsche Regierung im Sommer 1914 ein frivoles Spiel mit dem Frieden getrieben hat, indem sie die österreichische Militärpartei, statt sie zurüdzuhalten, geradezu zu ihrem Vorgehen gegen Serbien ermunterte und so die Gefahr eines allgemeinen europäischen Konflittes mit vollem Bewußtsein heraufbeschwor. Wir haben die Bemühungen der beiden Engländer mehr Licht in die weiter zurückliegende Borgeschichte zu tragen, dankbar begrüßt und ihnen versichert, daß wir alles tun würden, um ähnliche Untersuchungen auch in Deutschland zu fördern.
Es muß nun einigermaßen wundernehmen, daß das„ Berliner Tageblatt" nach diesen Unterredungen eine Meinungsäußerung von Morel und Ponsonby veröffentlichen fann, die unsere Feststellungen im wesentlichen unberücksich tigt läßt. Danach haben die Beiden erklärt, sie stießen in England dadurch auf große Schwierigkeiten bei der Verfolgung ihres Zieles, eine Revision des Friedensvertrages her beizuführen, daß gewisse politische Richtungen in Deutsch land jede Gelegenheit ergriffen, um Deutschland als den Alleinschuldigen hinzustellen. Diese Haltung müsse die Wirtung haben, daß die Anstrengungen der englischen Arbeiterschaft, Deutschland Gerechtigkeit zu verschaffen, geschwächt würden. Die Theorie von Deutschlands alleiniger Kriegsschuld könne abgesehen von ihrer historischen Unrichtigkeit nur dazu beitragen, die imperialistischen Pläne der verbündeten Regierungen zu stärken und diese zu ermutigen, noch weiter ein Bolt zu demütigen, das sich im Staube der, Selbstverurteilung wohlfühle. Ein Sozialismus, so sollen die beiden englischen Politifer geschlossen haben ,,, der ben Internationalismus außer Betracht läßt, ist kein Sozia lismus, der diesen Namen verdient."
Wenn die Genossen Morel und Ponsonby fich wirklich so geäußert haben, so gehen sie zu unserem Bedauern nach wie vor von irrigen Voraussetzungen aus. Aber auch ihre Schlußfolgerungen sind ganz und gar unzutreffend. Zunächst tann gar nicht die Rede davon sein, daß sich das deutsche Volk unter dem Eindruck unserer Anklagen„ im Staube der Selbstverurteilung wohlfühlt". Im Gegenteil, weigern sich die bürgerlichen Parteien und der größte Teil der Rechtssozialisten nach wie vor, Deutschlands Schuld an dem Ausbruch des Krieges anzuerkennen. Sie verurteilen nicht nur nicht sich selbst, ste verurteilen auch nicht einmal die Machthaber von 1914. Man kann also die Abneigung der Entente gegen eine Revision des Friedens von Versailles wirklich nicht auf eine geflissentlich zur Schau getragene Demut der deutschen Nation zurückführen, und wenn überhaupt ein Zusammenhang zwischen der Hartnädigkeit der Alliierten und der Stimmung des deutschen Volkes besteht, so kann es nach unserer Ueberzeugung nur der sein, daß man drüben das Eingeständnis der deutschen Verantwortung vermißt.
Die englischen Genossen würden sicher zu einer besseren Einsicht der Zusammenhänge gelangt sein, wenn es ihnen ihre Zeit gestattet hätte, sich in Deutschland etwas eingehender zu unterrichten, als es tatsächlich der Fall war. Viel leicht tennen sie auch nicht genau genug die amtlichen Veröffentlichungen aus den Berliner und Wiener Archiven, auf die wir unser Wissen und unser Urteil gründen, und schließ