Cinzelpreis 30 Pfg. 3. Jahrgang

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Dienstag, den 20. Juli 1920

Nummer 286

Morgen- Ausgabe

De achtgefpaltene Nonpareillegeile oder deren Raum koftet 5,-M. einschließlich Tenerungszuschlag. Kleine Anzeigen; Das fettgedruckte Wort 2,- M., febes weitere Wort 1,50 M., einschließlich Teuerungszuschlag. Laufende Anzeigen laut Tarif Familien Anzeigen und Stellen Befuche 3,20 m. netto pro Belle. Stellen- Gesuch in Wort- Anzeigen: bas fettgebrucite Wort 1,50 M., jebes weitere Wort 1,- M Serufprecher: Zentrum 2030, 2645, 4516 4603, 4035, 4649, 4921.

greiheit

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Ein Umsturzherd im Kreise Arnswalde

Hauptmann Pfeffer als Organisator fonders zu melden unter Angabe, ob ihr Verbleiben gewünscht

Wir haben schon mehrfach darauf hingewiesen, daß die Militaristen, nachdem sie bereits Pommern mit einem starken Reg militärischer Geheimorganisationen überzogen haben, ihre Rüstungsarbeiten jetzt in der Mart Brandenburg fortsetzen. Massenweise werden die Angehörigen der früheren Freikorps auf den Gütern untergebracht, dort in mili­tärischen Verbänden zusammengefaßt und für den neuen Umsturz in Bereitschaft gehalten. Hauptorganisator für Brandenburg ist Hauptmann Pfeffer, der Macher des be= rüchtigten Frontbundes. Gegen ihn ist vor einigen Wochen, um die Oeffentlichkeit zu beruhigen, ein Sted brief er­lassen worden; Hauptmann Pfeffer hat sich darüber nicht auf­geregt. Er fühlt sich quietschvergnügt und arbeitet unab­fäffig an seinem großen Ziele, was durch folgenden Befehl, den er vor einigen Tagen erlassen hat, der Oeffentlichkeit ge= zeigt werden mag: Arbeitsgemeinschaft P.

Arnswalde, 12. Juli 1920. Anordnung 1.

1. Die hiesigen Berhältnisse sind noch nicht so völlig durch organisiert, wie es den Anschein hatte. Noch bestehende Schwie­rigkeiten werden in Kürze verschwinden. Bis dahin wolle man Gebulb haben und an der Organisation mithelfen.

2. Die Lohusäge belaufen sich auf 12-15 Mart gleidh in bar für jedermann, außerdem Verpflegung, Unterbringung, Bersicherung und Krantentaffe. Natürlich muß in dem ortsüblichen Umfang dafür gearbeitet werden. Der einheitliche Saz ist noch nicht überall durchgedrungen, wird dort aber bestimmt nachgezahit, sei es vom Arbeitgeber oder von einer Kaffe. Unter diesen Umständen ist kein Grund zu Beunruhigung oder Lärm vorhanden, wenn am ersten 3ahltage nicht alles stimmt.

3. Arbeits- Drillich Aleidung wird beschafft und sehr preiswert abgegeben. Bis dahin bitte man die Arbeitgever, folche Ar­beiten vorläufig zurüdzustellen, die besonders zerstörend auf die Kleidung wirken. Mit Schuhzeug sind Bemühungen im Sange, ohne daß man jetzt schon etwas Bestimmtes versprechen fann. Rauchwaren und Kantinenwaren sollen durch eigene Kantine beschafft werden.

4. Unterbringungsbereich der einzelnen Kompagnien ist in der beiliegenden Karte eingezeichnet. Die Kompagnien haben im Einvernehmen mit den Besigern und Bauern für zweckmäßige Verteilung in dem Raum zu sorgen sowie für Auffindung wei­terer Unterkunftsmöglichkeiten für Nachzügler. 5. Jm falschen Raum befindliche Leute müssen umziehen. Frembe, die sich unter die Transporte gemengt haben, sind be

Rabinettsfizung über Spaa

Berlin , 19. Juli. Amtlich.

Das Reichstabinett nahm heute nachmittag in Gegenwart des Reichspräsidenten die Berichte des Ministers des Auswärti­gen, des Reichswirtschaftsministers und des Reichsernährungs minifters über die auf die wirtschaftlichen Fragen bezüglichen Beschlüsse von Spaa entgegen. An diese Berichte schloß h eine meheständige eingehende Aussprache an.

Poincare , der Unentwegte

Paris , 19. Jufi. 3m, Matin" schreibt der ehemalige Präsident der Republit Boincare: Die Deutschen zu einer fontradiftorischen Verhand­lung über die Ausführung des Friedensvertrages einladen, konnte doch nur bedenten, daß man ihnen zu verstehen geben wollte, daß man geneigt wäre, den Bertrag nicht vollkommen auss zuführen, und ihn zu ihren Gunsten abändern lassen wolle. Wenn man sich vor ihnen mit dem Delzweig im Schnabel wie Friedenstauben hinstelle, müsse dies ke natürlich in ihrer Aeros ganz und ihren Forderungen ermutigen. Poincare hofft, daß einige der franzöfifchen Alliierten teine verlorene Lettion erhalten hätten. Vielleicht seien sie jetzt über die wirkliche Verfassung Der deutschen Regierung unterrichtet. Bielleicht hätten sie vers standen, daß die Sprache, deren man sich bedienen müsse, um mit Deutschland zu reden, die Sprache der Festigkeit und der Ges walt sei.

Das sowjetfeindliche Frankreich

Paris , 19. Juli.

Eine halbamtliche Mitteilung, die der Temps " veröffentlicht, erklärt, die franzöftiche Regierung habe zwar Kenntnis von den Waffenstillandsbedingungen gehabt, die die englische Regierung Polen und Sowjetruhland vorge Ichlagen habe, sie sei aber in feiner Weise an diesem Schritt bes teiligt, ba fe feine politischen Beziehungen zu Sowjetrußland unterhalte. Die französische Regierung habe auch nicht gegen die von England vorgeschlagenen Bedingungen protestiert, weil die Bertreter der polnischen Regierung die sofortige Bes endigung der Feindseligkeiten gewünscht hätten und ein französischer Protest dies jedensfalls nicht beschleunigt haben würde.

Aus dieser Meldung spricht die Angst der französischen Re­gierung, daß man sie etwa des Umganges mit der russischen Regierung beschuldigen könne. Diese kleinliche Saßpolitit, die so gar nicht den großen Aufgaben einer europäischen Bolitit angemessen ist und nur vom Interesse des fran

6. Beiliegender Fragebogen muß schleunigst ausgefüllt werden. Kompagnieführer bzw. Bertrauensleute mit nächstem Telephon sind besonders zu tennzeichnen.

7. 3 bin im Hotel Ladijah, Marktplag Arnswalbe, Telephon Rr. 10, von jezt an dauernd erreichbar.

8. Täglich vorab Befehlsempfang und Auskunft in meinem Quartier. Dazu von jedem Kompagniebereich ein Vertreter. Bahnfahrt wird verrechnet.

9. Der Organisationsdienst ist tarifmäßiger Arbeitsdienst. 10. Augenblidlich ist die gute Unterbringung und Einfügung in die hiesigen Berhältnisse die

auptsache. Erst danach wird die weitere Organisation

bringend.

11. Jedermann sei sich nochmals darüber flar, daß neue Ver­hältnisse immer Unbequemlichkeiten mit sich bringen, die sich sofort unangenehm bemerkbar machen, während die guten Seiten erft allmählich zum Bewußtsein kommen. Immer aber werden die Schwierigkeiten täglich geringer, das Gute aber täglich größer. Die Einsichtigen müssen verfrühte Mißstimmung wegen Kleinig­teiten verhüten.

12. Dieser Befehl ist möglichst bald mit allen Lenten zu be Sprechen. Fremden gegenüber ist er streng geheim zu halten, weil wir sonst nur Hader and Schwierigkeiten davon haben. Ziffer 2

und 3.

Bisher find im Kreise Arnswalde vier Kompagnien In­fanterie, mehrere Batterien Artillerie, sowie Train, Ber­pflegungs- und Sanitätskolonnen untergebracht. Außerdem Die Batterie Flatow von der Eisernen Division. Artillerie, Infanteriegewehre und M.-G. sind auf den Gütern reichlich versteckt. Auch mehrere Minenwerfer sind vorhanden. Das fehlende Material wird Herr Pfeffer noch besorgen, da er gute Verbindungen zur Reichswehr hat, von der er auch die in seinem Befehl genannten Drillichanzüge zu be­ziehen gedenkt.

Was sagt die Regierung zu diesem Vorgang? Wo ist der Staatskommissar zur Ueberwachung der öffentlichen Ord nung? Glaubt man an den amtlichen Stellen, daß es sich bei Pfeffer nur um eine bloße Spielerei handelt? Die Deffentlichkeit wird vielleicht über furz oder lang erfahren, wie ernst es dem Pfeffer und seinen Bundesgenossen ist. eintreten, in erster Linie die Regierung verantwortlich Sie wird dann aber auch wissen, daß für die Ereignisse, die zu machen ist, die mit zugedrückten Augen den Rüstungen der Konterrevolution zusteht und sie sogar direkt und indirekt fördert.

zösischen Rentnertums, das noch immer um feine russischen Milliarden bangt, geleitet ist, fennzeichnet sich selbst. Es mag im übrigen Frankreich noch weniger wie England in den Kram passen, daß Polens Kampf gegen Sowjet­rußland nicht die gewünschten Folgen zeitigt. Denn wenn England vorzüglich als der politische Inspirator des polnisch russischen Konflikts in Betracht tommt, so Frankreich nicht minder durch eine materielle Unterstügung Polens , die sich ganz besonders auf militärischem Gebiet ausdrüft. Französische Generale und Offiziere stehen im polnischen Seere, französische Munition und Kriegsmaterial macht die polnische Armee friegsfertig.

Diese engstirnige Politik wird durch die tatsächliche Ent­widlung beiseite geschoben werden. Die Anerkennung der Sowjetregierung steht bevor, mag man sich da gegen sträuben, wie man will. Sie ist geboten aus dem Dringenden Erfordernis, wenigstens eins der brennenden europäischen Probleme zu lösen und in Osteuropa flare poli­tische Verhältnisse zu schaffen.

Große Munitionsexplosion

Ludwigshafen , 19. Jnli. Die Pfälzische Post" meldet: Im Saaralbener Wald befinden fich dreihundert Baraden mit Fliegerbomben, Grana ten, Gashomben, Artilleriemunition usw. aus deutschen Heresbeständen. Durch die ungeheure Hige der legten Tage wurden Leuchttugeln und andere leicht entzündbare Körs per, welche durch Diebe aus den Schuppen entwendet und im Walde verloren worden waren, zur Entzündung gebracht. Das Feuer griff auf die Baraden über, die mit ungeheurer Detonation in die Luft flogen. Bio Saargemünd , Forbach und St. Apold wurde die Explosion gehört. Ganz besonders schwer war die Detonation in Saaraiben hörbar, wo unzählige Fensterscheiben zertrümmert und hunderte von Dächern abgedeckt worden sind. Bassanten wurden zu Boden ges schleudert; es entstand eine allgemeine Panit, weil die Gefahr der Annäherung giftiger Gaje bestand. Die Bewohner, der ber Gefahr am meisten ausgelegten Stadtviertel, haben ihre woh­nungen verlassen. Französische Soldaten, die mit Gas­masten und Löschapparaten ausgerüstet sind, rüften von Saar gemünd und Saarburg an. Der Wald wurde in weitem Umkreis abgeholzt und ein acht Meter breiter Graben rings um bie Brandstätte ausgehoben. Man hofft so, das Feuer zu lokalisieren. Das Fener wütet noch weiter. Sonberzüge mit zweihundert Wa gen stehen bereit, um die Bevölkerung abtransportieren zu tönnen.

Zur Einigung der Gewerkschaften mit der Rätebewegung

Von Georg Ledebour

Ueber die Frage, wie das Verhältnis der Gewerkschafter welche Abgrenzung der Befugnisse zwischen ihnen zu den Organisationen der Betriebsräte zu gestalten und vorzunehmen ist, find starte Meinungsverschiedenheiten unter den Genossen entstanden. Auch die Reichstagsfraktion der U. S. P. D. hat sich in mehreren Sigungen damit befaßt unter Zuziehung von Vertretern der Gewerkschaften wie der Groß- Berliner Zentrale der Betriebsräte. Schließlich wurde gesezte Kommission mit der Aufgabe betraut, einen eine aus Vertretern der drei Organisationen zusammen­vergeblich. Beide Seiten hielten an den vorher bereits ge faßten Beschlüssen ihrer Körperschaften fest.

Die gegensäglichen Auffassungen lassen sich furz dahin zu fammenfassen: die Vertreter der Rätebewegung beharren bei einer selbständigen Organisation der Bes triebsräte, die aus sich heraus zunächst örtliche Bes triebsrätezentralen bilden. Die ursprüngliche Fors derung einer selbständigen Finanzierung dieser Organisa tionen wurde dahin modifiziert, daß die Gelder durch die Gewerkschaften durch ein Umlageverfahren aufgebracht werden sollten.

Demgegenüber machen die Gewerkschaftsvertreter geltend, daß schon die Betriebsrätezentrale bedentliche Eingriffe in die Gewerkschaftsbetätigung herbeiführe, da den jetzt ge­feßlich tonstituierten Betriebsräten Funktionen zuge wiesen seien, bie bisher von den Gewerkschaften aus geübt wurden. Die dadurch heraufbeschworene Gefahr eines Konkurrenstampfes zwischen Betriebsräten und Gewerk schaften werde noch erheblich verstärkt durch eine selbs ftandige organisatorische Zentralisierung der Betriebsräte. Die neue Organisation werde, wie Aussprüche ihrer Befürs wotter jetzt schon flar erkennen lassen, den Versuch machen, gerade die wichtigsten Funktionen, die Leitung umfassen berer Wirtschaftskämpfe, den Gewerkschaften aus den Händen zu winden. Eine solche Gegenorganis fation fönnten sich die Gewerkschaften deshalb unmöglich gefallen lassen.

Von diesen Gefichtspunkten ausgehend, hat dann der Ge werkschaftsbund für die Zusammenfassung der Betriebsräte Richtlinien entworfen. Gie tommen im Kern darauf hinaus, daß zwar die bestehenden Betriebsräte zu­Jammengefaßt werden sollen, aber unter einer von den Gewerkschaften eingesezten Leitung, so daß auf solche Weise die einheitliche Führung der Wirtschaftss tämpfe durch die Gewerkschaften sichergestellt würde. heftige Meinungskämpfe entbrannt, auch innerhalb der Um diese beiden gegenfählichen Forderungen sind bereits Parteiorganisationen. Die Folgen sind unabsehbar. Das sozialistischen Gesamtbewegung verlangt, Parteiinteresse wie bas Interesse der daß ein Ausgleich gefunden wird, der neue zer rüttende innere Kämpfe vermeidet und alle wirtschaftlichen Kräfte zusammenballt zur Durchführung der proletarischen Emanzipationstämpfe.

Ich glaube nun, nach reiflicher Ueberlegung einen Bore [ chlag machen zu können, der unter Vermeidung det Mängel jener beiden Organisationsentwürfe beiden Rich tungen die gemeinsame Berwirklichung ihrer Bestrebungen in einheitlichen Körperschaften ermöglicht.

Ich schicke voraus, daß der Vorschlag des Gewerkschafts bundes deshalb unrealisierbar ist, wie ich in der Frak tion bereits nachgewiesen habe, weil die Betriebsräte auf ganz verschiedener Grundlage aufgebaut sind wie, die Gewerkschaften. Zu den Betriebsräten wählt jeder in den Betrieben tätige Arbeiter oder Angestellte, also auch solche, die nicht auf freigewerkschaftlichem Boden stehen, 3. B. Christlich- Soziale, Hirsch- Dundersche, Gelbe. Reine auf freiwilligem Beitritt beruhende Organisation fann ein­fach nach Beschluß jener Formationen in ihren organisatoris schen Aufbau eingliedern.

Die Zusammenfassung der gesetzlich geschaffenen Betriebs­räte in örtliche und umfassendere Einheitsorganisationen hängt jedoch in der Luft, da das Gesetz den Zusammenschluß Der Betriebsräte untersagt, und es deshalb von dem Belieben, oder vielmehr von ber zeitweiligen Machtbetäti gungsmöglichkeit der Behörden abhängt, ob sie solche Be triebsrätezentralen unangetastet lassen wollen oder nicht Dazu kommt dann noch der schon erwähnte, von Gewerts schaftsseite gemachte Einwand, daß diese selbständigen Be triebsräteorganisationen unvermeiblich zu konturrrene ten der Gewerkschaften auswachsen müssen.

Ich glaube nun, man fann alle diese Uebelstände dadurch vermeiden, daß man nicht die Betriebsräte als solche organis satorisch zu erfassen sucht, sondern nur die auf freis gewertschaftlichem Boden stehenden Mitz glieber der Betriebsräte, indem man von ihnen Bertreter in die bestehenden örtlichen Gemert fchaftsfommissionen oder Kartellvertre tungen wählen läßt,