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20 Pfg. 3. Jahrgang

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Dienstag, den 20. Juli 1920

Nummer 287

Abend- Ausgabe

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greiheit

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Reichsminister Simons über Spaa

Für die Erfüllung des Möglichen! gutmachungsfrage auch nicht alles ziffernmähig festgestellt werden

Bor Vertretern der Presse machte der Reichsminister des Ause wärtigen Dr. Simons hente mittag einige Mitteilungen über die Ergebnisse von Spaa. Er sprach zunächst die Absicht aus, daj das Auswärtige Amt mit den Vertretern der Preffe in bessere Ver bindung zu kommen suche als es bisher ber Fall gewesen wäre. Er berief sich darauf, daß er bereits im November und Dezember 1918 von den sechs Bollsbeauftragten, mit deren politischer Mei­nung er nicht einverstanden gewesen war, übereinstimmend ben Auftrag erhalten hatte, mit den Bertretern der Presse in Ber. bindung zu treten.

Unmittelbar nach seiner Riffehr aus Spaa, habe er in der Presse Gerüchte über Rüdtrittsgesuche verschiedener Minis kter gefunden. Solche Mitteilungen müffen mit größter Borsicht be handelt werden. In Spaa jeien die Delegierten nicht immer einer Meinung gewesen und auch die Berhandlungen hätten nicht immer Das erreicht, was er selbst in Borschlag gebracht habe. Darüber aber habe keine Meinungsverschiedenheit bestanden, daß, wenn ein Beschluß gefaßt worden sei, er an der Front ebenso wie in der Seimat durchgeführt werde. Ein anderer Verlauf würde an Lan besverrat grenzen. Nur bie Einigteit töune Deutschland aus der Gefahr retten, daß es auseinandergeriffen wird. Es läge lein Grund vor, mit den Erfolgen von Spaa zufrieden zu sein. Es sei lediglich die Sicherheit über die Feststellung der ungeheuren Laften aus dem Friebensvertrag erreicht worden. Das eine sei abge wendet worden, daß sich unmittelbare Folgen aus der Richts erfüllung des Friedensvertrages für Deutschland ergeben fönnten. Deutschland habe bisher bestritten, daß es zwangeweise sich zur Er füllung aller aus dem§ 18 des Friedensvertrages sich ergebenden Pflichten angehalten werden könne. Die Alliierten seien nicht bes fugt, diesen Paragraphen auf alle Fälle anzucwnden. Die Alliier ten Frankreichs haben sich allmählich dessen Standpunkt in der Bes legungsfrage genähert. Bisher habe Frankreich allein den Ein­marsch bei Richterfüllung gefordert. Es schien, als wenn in San Remo England und Italien das Einmarschrecht Frank reichs anerkannt hätten. Die Berhandlungen in Spaa Jeien immer von der Einmarishdrohung ausgegangen.

Der italienische Minister Graf Sforzo habe ausdrücklich be­merkt, daß der Einmarsch unbedingt stattfinden werbe, wenn die zwei Millionen Tonnen Kohlen im Monat nicht abgeliefert werden.

Es war nicht notwendig, mich auf den Ernst der Lage und die brohende Gefahr durch die Entsendung der Generale Foch und Wilson aufmerksam zu machen. Ich habe andererseits mich auch burch die martialischen Gesichter der Generäle nicht einschüchtern laffen. Wir haben zum Schluß der Berhandlungen nicht die Uebers Zengung gehabt, daß die Erfüllung der Forderungen der Entente wirtschaft unmöglich durchzuführen seien. Wenn ich am Anfang bieje Ueberzeugung gehabt habe, so find mit doch nachträglich Zwei­fel darüber gekommen, ob das mir durch die Sachverständigen vor­gelegte Zahlenmaterial nach jeder Richtung hin ausschlaggebend sein müßte. Bei aller Einschähung des Urteils der Sachverständigen tamen mir doch Zweifel, zumal mie nach zwei Richtungen hin die Zahlen als ergänzungsbedürftig bezeichnet wurden. Vor allen Dingen erschien es möglich, durch verstärkte Serauziehung der Braunkohlenproduktion den durch die Ententeforbe rungen bedingten Ausfall an Steinfohlen zum Teil zu ersetzen. Weiter aber eröffnete fich die Möglichkeit, durch schärfere Erfassung Der Steinkohlenproduktion und eine sorgfältigere Berteilung der Steinfohlen die eintretenden Benachteiligungen zu mildern. Sie Jelber werben bemerkt haben, daß Verschiebungen von Steinkohlen vorgekommen find, daß solche an Teilen des Reiches auftauchten, wohin der Reichstohlenrat sie nicht geschickt hatte. Wir haben dess halb gestern im Kabinett ben Beschluß gefaßt, daß die Kohlenvers orgung vom Standpunkte einer genauen Erfassung, Kontrolle und Berteilung neu organisiert werden muß.

Weber ben weiteren Bunkt der Tagesordnung: Beratung der Kriegsschulbigen ist cine snelle Betständigung er folgt. Es gelang insbesondere Lloyd George davon zu über zeugen, dah bas Reichsgericht eine vollständig neue Aufgabe zu erfüllen habe. Wie anders verhält es sich mit der Frage der Wiedergutmachung. Der Regierung habe zu geringe Zeit zur Vorbereitung zur Verfügung gestanden, die jezige Regierung habe nicht die Vorarbeiten der alten Regierung übernehmen önnen. Herr Dr. Simons steht auf dem Standpunkt, daß die Er. füllung des Bertrages unbedingt versucht werden müsse, und man nicht eine Revision des Vertrages zu erstreben suchen solle, wie es bie alte Regierung bisher versucht habe.

Der Friedensvertrag enthalte zahlreiche Unmöglichkeiten, aber zuerst müßten alle möglich feiten erfüllt werden, dann ergebe ich alles andere von selbst. Deshalb habe in ber Wieders

tönnen. Bon Ententejcite jei selbst gesagt worden, daß die Zahlen, die Deutschland nennen fönnte, so flein jeien, daß die Bölter der Alliierten fie noch nicht ertragen lönnten. Deswegen folle darüber erst später gesprochen werden. Die Konferenz in Genf werde in etma 4-5 Wochen stattfinden, bis dahin bestehe die Möglichkeit, ben Wiedergutmachungsplan in allen Einzelheiten auszuarbeiten. 3 Genf folle auch für die Presse und die Uebermittlung der Nach richten besser gesorgt werden, als es in Spaa der Fall war. In Spaa seien die Berhältnisse für die deutsche Preffe besonders un­günstig gewesen.

In der französischen Kammer wird miller and heute über die Ergebnisse von Spaa berichten, im englischen Urtehaus ipright morgen Lloyd George über das gleiche Thema.

Rußland zum Frieden bereit!

Die Antwortnote in London London

, 19. Juli.

Renter erfährt: Die Antwort Tchitscherins auf die jüngst nach Moslau telegrapierte Rote bezüglich eines Waffenstillstandes mit Polen ist heute in London eingegangen. Wie verlautet, ist bie Sowjetregierung bereit, einer Waffenfillaub mit Polen Sowjetregierung bereit, einer Waffenillaub mit Polen zu vereinbaren und Friedenju fliehen. 3n blejem Zwede Fab wene Borfhläge gemacht worden, ble das englische Kabis nett heute erörtern wird.

Ramenew auf dem Wege nach London Amsterdam , 20. Juft.

Die Blätter erfahren, daß der Präsident des Mostauer Sowjets und frühere Oberbefehlshaber des bolshewiftischen Heeres Kame new, als Chef der Handelsdelegation nach London tommt und daß Kraffin ihm als Asistent, zusammen mit einer Anzahl San­dels und Kunstsachverständiger, begleiten wird. Krassin und Ramenew feien am 18. Juli aus Mostau nach Reval abgereift, von wo sie mit einem englischen Kriegsschiff nach England fahren

werden.

Bolschewistischer Vormarsch in Armenien

Teheran , 19. Juli. ( Savas.)

Da die armenische Regierung dem Ultimatum der Moskauer Regierung feine Folge gegeben hat bekam die 11. bolschewistische Armee den Befehl vorzurüden; sie hat bereits die Provinz Karabag belegt. Das Ziel dieser Operationen ist die Bereini gung mit den nationalistischen Streitkräften Ma ft afa Kemals.

Die russischen Befehlshaber

T. U. Stodholm, 20. Juli. Trotti machte in der Petersburger Prawda" nähere Mitteilung über die Befehlsverhältnisse in der Roten Armee. Der obeiste Befehlshaber ist Kaminew, sein Generalstabschef Lebedew. Die Westarmee wird von dem Revolutionsgeneral Tutsche witi geführt, ber 24 Jahre alt ist. Der Führer der Reiter armee in der Utraine ist Budjenni, der in der Zatenarmee Unteroffizier war und sich als Armeebefehlshaber in den Kämpfen gegen Koltschat und Denitin einen Namen gemacht hat. Oberbefehlshaber an der Südwestfront ist der frühere Oberst leutnant Jegorow. Troyti hebt ausdrücklich hervor, daß in der bolschewiftischen Armee teine deutschen Offiziere bienen.

Bolen vor der Anarchie

Warschau , 20. Juli.

Sogleich nach der Rückkehr von Herrn Grabski aus Spaa hat eine politische Konferens stattgefunden, bei der die Repräsentanten aller Barteien zugegen waren. Setr Grabsti hat eine überaus peffimistische Rebe gehalten, in der er erklärte, daß Bolen teine große Hoffnungen auf die Entente haben fann, benn England be findet fich in einer Phase bes Koteftierens mit den Sowjets, und ble anderen verbündeten Länder machen selbst eine ernste tunere Krisis durch, die sie hindert, Polen wirksame Unterstügung zu leiften.

Grabski beendete seine Rebe, indem er erklärte, daß nur zwei Lösungen für Polen noch übrig bleiben: entweder fofortiges Frie Aeußerste. Die Konferenz hat feinen befinitiven Beschluß gefaßt. densangebot an einen siegreichen Feind oder Berteidigung bis aufs Inzwischen wird die Lage im Innern immer schwieriger, je ernster fe an der Front wird. Die Nationalisten und Sozialisten flagen fich gegenseitig an, den Krieg gegen Rußland heraufbeschworen zu haben. Die Stellung Bilsubstis wird bald wanten; bie Anhänger don Dmovsti und Baderewsti tun ihr Möglichstes, um ihm fein Vertrauen zu nehmen; man spricht in politischen Kreisen von einer unvermeiblichen Präsidententrifis. Die Fabriten, die laum zu ar­beiten begonnen hatten, schliehen ihre Tore, benn die Mehrzahl der Arbeiter ist mobil gemacht. Die Eisenbahnen transportieren nur Truppen und Munition, aus mehreren Städten meldet man eine ernite Nahrungsmittelfrißis,

Zwei Eisen im Feuer

Ein Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokratischen Reichs tagsfraktion, das noch im Bergbau prattisch tätig ist, war auf Ver­anlassung des Reichsarbeitsministeriums als Sachverständiger in Spaa. Der Parteigenoffe macht uns einige Mitteilungen über den Gang der dortigen Berhandlungen. Wir entnehmen ihnen folgendes:

In einer Besprechung der deutschen Sachverständigen und einem Vertreter der oberschlesischen Großindustrie, die am Donnerstag, den 8. Juli, in Spaa stattfand, erklärte Geheimrat Arnhold, daß die Gesamtforderungen der Entente in Höhe von 39% Mill. Tonnen jährlich abgelehnt werden müssen. Man solle versuchen, durch Berhandeln ein annehmbares Uebereinkommen zu treffen. Alle Anwesenden waren gleichfalls der Meinung, man müsse un bebingt zu Verhandlungen zu kommen versuchen. Stinnes mar in dieser Sigung nicht anwesend, er tam erst am Freitag, ben 9. Juli, in Spaa an. Am Freitag, den 9. Juli, machte der Reichs­fohlenkommissar Stus den Vorschlag, man solle der Entente eine monatliche Grundmenge von einer Million Tonnen anbieten und dann von der Mehrförderung über die Produktion des Monat Mai einen prozentualen Anteil gewähren. Er schlug eine gestaffelte Abgabe von der Mehrförderung als 3usahmenge für die Entente vor. Dieser Plan des Kohlentommissars wurde mit einigen Ab­änderungen von den deutschen Sachverständigen gebilligt. Stinnes aber, der in dieser Sigung anwesend war, stellte sich schon damals auf den Standpunkt, daß man es nicht notwendig habe, unter allen Umständen mit der Entente zu ver handeln. Es schien ihm ziemlich unerheblich zu sein, ob die Entente das Ruhrgebiet befehe oder nicht. Deutschland fönne nicht die von der Entente geforderten Mengen liefern, da sonst das deutsche Wirtschaftsleben völlig zusammenbreche.

Unser Gewehrsmann wandte sich gegen Stinnes und verlangte unter allen Umständen, daß die Berhandlungsmöglichkeiten ge­wahrt bleiben. Gehe man fegt, wie Etinnes es forbere, bez Entente ein fchroffes Rein gegenüber, so müsse schließlich die deutsche Regierung unter dem Drud der Entente doch nachgeben, genau so, wie es bei Abschluß des Friedensvertrages gegangen sei. Stinnes meinte demgegenüber, man fönne es ruhig darauf an­tommen lassen.

Es wurde dann in der Sigung beschlossen, die deutsche Delegation sollte von der Entente verlangen, daß die deutschen Sachverständi­gen, und zwar wurden Stinnes und Sue bestimmt, in der Blenar­fizung mit den Entente- Delegationen sprechen sollten. Das geschah dann auch. Stinnessprach aber vor den Ententever tretern dietschärfer als vorherinder Sigung mit ben deutschen Sachverständigen. Er las übrigens feine Rede mörtlich nach einem Ghreibmaschinen­manuskript ab. Sues Rede war vorher von den Bergarbeiter Vertretern, wozu außer ihm noch der christliche Gewerkschaftssetre­tär Jmbusch und unser Gewährsmann gehörten, in den Grundzügen verabredet worden.

Als Stinnes in seiner Rebe auf die Notwendigkeit einer Ar­beitszeit- Berlängerung im deutschen Bergbau hinge wiesen hatte, führte unser Gewährsmann sofort mit Sue eine Ber ständigung darüber herbei, daß Sue demgegenüber mit aller Schärfe das internationale Verlangen der Bergs arbeiter nach der Sechstundenschicht hervorheben Jollte. Nach den Reben von Stinnes und Hus fand sofort eine Be sprechung der deutschen mit den Entente- Sachverständigen statt. In dieser Sigung schlugen die deutschen Sachverständigen zum Teil den schon erwähnten Kohlenverteilungsplan des Reichstohlentom­misfars Stuk vor, wobei sie gleichzeitig barauf hinwiesen, daß eine Mehrleistung der deutschen Bergarbeiter nur durch eine Sicherung einer besseren Ernährung erzielt werden könnte. Gleichzeitig unter­richtete der Reichsfohlenkommissar Stutz an der Hand einer Tabelle über die Kohlenverteilung an Eisenbahn, Industrie und Gewerbe. Nach wie vor blieben die deutschen Sachverständigen auf ihrer Mei­nung bestehen, daß eine monatliche Kohlenlieferung von 2 Millio nen Tonnen an die Entente das deutsche Wirtschaftsleben auf das schwerste gefährden müsse.

Am Sonntag, den 11. Juli, vormittags, fand abermals eine Sigung der deutschen und der Entente- Sachverständigen über den deutschen Kohlenverteilungsplan statt. Die Ententevertreter friti fierten insbesondere, daß dem Selbstverbrauch der Zechen die Rohlendeputate an die Bergarbeiter zugerechnet feien und ver langten die Einordnung der Deputate unter die Hausbrandmenge. Doch ließen sie schließlich auf die Einwendungen der deutschen Ar beitervertreter ihren Einspruch fallen. Im übrigen aber erklärten fie, daß sie zwar einer Verminderung der Monatslieferungen Deutschlands auf 2 Millionen Tonnen Kohlen zustimmen tönnten, baß fie andererseits aber grundfäßlich auf dem Vorschlag der Repa tationstommiffion, der Deutschland zu einer Lieferung von monat lich 2 Millionen Tonnen Kohle verpflichten wolle, bestehen blieben.

Die Bergarbeiter- Sachverständigen sind dann schließlich am Mon­tag nachmittag abgereist, da sie ihren Standpunkt genügend flar­gelegt au haben glaubten. Er ging, wie nochmals betont sein mag, bahin, daß eine monatliche Rohlenlieferung von 2- Millionen Ton nen die schwersten Gefahren für die deutsche Wirtschaft im Gefolge haben würde.

Ganz flas zeigte es sich bei den Besprechungen der deutschen Sachverständigen, daß Stianes von vornherein bewußt auf den Abbruch der Berhandlungen mit der Entente hinarbeitete. Immer wieder versuchte er bie Unmöglichkeit der Entente- Forderungen nachzuweilen und weiter