Einzelpreis 20 Pfg. 3. Jahrgang Donnerstag, 23. September 1920

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Nummer 399

Abend- Ausgabe

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greiheis

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Der öfterreichische Wahlkampf der polnisch- litauische Konflikt

Der Wahlkampf, der in den nächsten Tagen in Defterreich einsehen wird, wird der erbittertste, härteste und ungestümste

werden, der jemals ausgefochten wurde, denn die Bahl am Eine Unterredung mit dem Außen­

17. Oftober wird für die Geschichte der jungen Republit von weittragendster Bedeutung werden.

Der Zusammenbruch der Zentralmächte hat der österreichis schen Arbeiterklasse ein gewiffes Maß von Macht in die Sände gespielt. Die österreichische Sozialdemokratie hat diefe Macht im Interesse der Arbeiterklasse auszunügen versucht, fo fehr es die fürchterliche Ungunst der Verhältnisse geftat tete. Sie hat innerhalb zweier Jahre aus diesem Trümmer­haufen, den das zerbrochene Habsburger Reich hinterlassen hat, eines der freieften republikanischen Gemeinwesen Gu ropas aufgebaut und sie hat ein fehr fortgeschrittenes Ar beitsrecht geschaffen. Während in Budapest und München bie Räfedittatur ber Konterrevolution den Weg berettete, hielt die österreichische Arbeiterklasse den Berlodungen von Often und Westen stand und wehrte dadurch den Sieg der Reaktion ab.

minister Dr. Purickei

( Eigener Drahtbericht der Freiheit") Kowno, 21. September.

Unfer Rorrefponbent hatte gestern eine längere Unterrebung mit bem Ittanischen Minister des Auswärtigen, Dr. Baridet Auf ble Frage über die Ursache des polnisch- litanischen Kouflittes erklärte

ber Minister:

Der Konflikt i folgendermaßen entstanden. Die vorbringenben Bolschewiften hatten die Bolen auch aus den Gebieten zurückgebrängt, bie litanisches Territorium nach ihrer Bevölkerung und nach dem Friebensvertrage mit Rußland darstellen. Sie haben deshalb auch ben größten Teil dieser Gebiete sehr balb unserer Berwaltung über geben. Als nun der Rückschlag bei der russischen 4. Armee eintrat, brangen bie Bolen in bies Ittauische Gebiet ein. Wir erhoben am 27. Auguft gegen dieses Vorgehen in einer Note Protest und erklärten, daß wir auch ferner bereit selen, die Neutra lität zu wahren. Damit aber kein Konfliktstoff zwischen Polen und Bitanen entstände, müßten die Polen die Ittanische Grenze respet

zum Teil frittig fet, folle eine DemartationsIinte veretn bart werben.

Wir erhielten auf diefe Note zunächst teine Antwort. Statt beffen erfchten eine polaife Delegation in Rowno mit dem Angebot einer polnisch- litauischen Militärtonvention,

bas wir selbstverständlich ablehnen mußten. Während wir aber hter

noch mit der polnischen Delegation verhandelten, griffen die Bolen plöglich unsere bei Augustowo stehenden schwachen Abtei lungen au. Bet bem entstehenden Kampfe gab es Verwundete und Lote und unsere Truppen wurden bis über Suwalfi und Seini

Ueber bie Berhandlungen felbst erklärte ber Minister auf Befragen Die Polen bestehen auch weiter auf der Linie vom 8. Dezember. Da wir uns zur Zeit in sehr günstiger Situation befinden unbi bie Polen weit zurückgedrängt haben, so wäre es unsererseits etu sehr weitgehenbes Entgegenommen, wenn wir diese Linie an erfennen würden. Wir haben deshalb die Forberung der Polen abgelehnt, haben ihnen aber ein Angebot über die Errichtung einer borläufigen neutralen Bone gemacht. Auf dieses An gebot haben wir noch keine Antwort. Die Linie vom 8. Dezember aber muß für uns deshalb unaunehmbar bleiben, weil fie Gebiete: mit litanischer Bevölkerung an Polen fallen läßt.

Unser Korrespondent fragte den Minister nach den Beziehungen bes Ittanischen Staates au Rngland. Der Minister antwortete:

Die Polen beschuldigen uns geheimer Berträge mit Rußland. Wir haben außer dem Friedensvertrage mit Stußland tetuerlet Berträge. As wir den Friebensvertrag in Mostan unter zeichneten, haben wir erklärt, daß wir es nicht als eine feindselige Handlung betrachten würden, wenn die Russen im Verlaufe der Kämpfe gegen Polen Ittautsche Gebiete befehen würden, die in ben Händen der Polen seien. Die Polen versuchen, daraus einen Neu­tralitätsbruch zu konstruieren, obwohl ihnen sehr gut bekannt ift daß fie selbst ja biese Gebiete au militärischen Operationen benutt haben, daß fie in threm Befih waren, so daß wir weber das Recht noch die Macht hatten, den Russen den Einmarsch in diese Gebiete an verweigern. Die Russen haben übrigens keineswegs alle Iltaus tschen Gebiete besetzt, die die Polen besezt hatten, sondern nur bie waren. Ueber diese Gebiete ist alsbald ein St& mungs­jenigen, die für die militärischen Operationen unbedingt notwendig ablommen getroffen worden, wonach dies Territorium in bret Bouen geräumt werben sollte. Die Ruffen haben sich genan an dieses Abkommen gehalten, haben die erste und zweite Bone bereits vollständig geräumt und ebenso auch große Teile ber britten Bone Nur das Gebiet an der für die militärischen Operationen notwen

hinans zurückgebrängt. Da dies alles vor Beendigung der schwebigen Bahnlinie Grodno- 2iba- Molobetsch no ist noch benden Verhandlungen geschah, sah die litanische Heeresleitung fich gezwungen, ihrerseits Truppen au touzentrieren und die Polen wieder aus den eroberten Gebieten zurückzubrängen. Unsere Truppen nahmen also Seini und Suwalti wieder in Beftz und brangen bis Auguftowo bor.

In diesen beiden Jahren sind aber die Mächte der Konter revolution in ganz Europa gewaltig erftarft. Deutschösters rei ist das ärmste aller Länder, am härtesten durch den Krieg getroffen, am furchtbarsten verarmt. Der Friede, den bie Entente Defterreich bittierte, hat die durch den Krieg ges Schaffene Rot vertausendfacht. St. Germain ließ den Defter tieren. An der Stelle, wo die Grenze noch nicht feststehend und reichern nur das steinige, unfruchtbare Gebirgsgelände, die tohlenarmen Staltalpen, ein Land ohne Rohstoffe und Le bensmittel. Die 3weimillionenstadt, die sich am Ostrande Desterreichs erhebt, tann aus den Quellen des eigenen Lan bes nur drei Monate im Jahr ernährt werden. Die Lebens mitteleinfuhr ist aber unterbunden, weil die Warenausfuhr burch die gedrosselte Industrie stockt. Desterreichs Bevölkerung lann nicht im vollen Maße produzieren, weil es seinen Fabriten an Rohle, feinen Maschinen an Del, Benzin und Rohstoffen fehlt. Es tann sich daher feine Rahrung im Aus lande nicht tanfen, eben weil es nicht zu exportieren vermag. Die Folge ift eine wachsende Ueberflutung des inneren und äußeren Geldmarktes mit wertlosen Papierkronen, das Fal len der österreichischen Baluta, eine schwellende, beispiellose Unterernährung, Siechtum und Hungersnot Teuerung. haben Tausende Säuglinge, Kinder, Frauen und Männer wirtschaftstrife im allgemeinen und im St. Germainer Griebe vorzeitig hinweggerafft. Dieser unerhörten, in der Welt Jonberen begründete Not steht natürlich auch die So im Go­zialdemokratie machtlos gegenüber. Diese Not ist aber Hel fershelfer ber Reaktion. Die Leistung der Sozialdemokratie fersheimum an Nahrung für das Seisminionenpolt zwei Minimum Jahre burch Krebite und Käufer Befferunt et im Auslande gesichert zu haben, verschweigt die Reaktion Bevölkerung. Sie ver webemotratie verantwortlich. Das watchtsloeite weist nur auf die herrschende Not und macht dafür die Go zialdemokratie zwang naturgemäß die Sozialdemokratie, rüdsichtsloseste Besteuerung des Besizes zu fordern. In der Tat gelang es, eine Vermögensabgabe Gesez werden zu lassen, die den Be fizenden infolge des Widerstandes der Reaktion, freilich nicht alles überflüffige, aber doch einen erheblichen Teil ihres Reite im Kriege und in der Revolution zugemadfenen Bert Reichtums tonfisziert. Es gelang, Steuergesetze zu schaffen, mögen hart ergreifen und vom Lugus einen schweren Tribut

Finanzchaos

Am 4. September endlich tam bie polnische Antwort auf unfere Note vom 27. August. In biefer Note schlägt ble polnische Regierung uns die sogenannte inte vom 8. Dezember 1919

zur Anerkennung bor mit der Behauptung, daß diese Linie vom

in threm Befih. Die Ruffen haben also alle thre Ber spielsweise litanische Bolschewiften versuchten, in Wilna eine eigene pflichtungen in loyalßer Beise erfüllt. As be Regierung zu errichten, wurde dieses Vorgehen in Mostan nicht gebilligt und der Versuch scheiterte völlig. Auch für bie tufolge ber Ottupation in ben besetzten Gebieten angerichteten Schäben hat bie ruffische Regierung vollen Ersatz zugefagt, so daß unfere

Beziehungen zur russischen Regierung durchaus gute find.

Der Warenaustausch zwischen unserm Land und Rußland wird bemgemäß in Turzem beginnen. Wir müffen babet allerdings

Obersten Stat anerkannt und genehmigt set. Alles, was westlich biefer State liege, folle zu Bolen gehören. Wir hatten von dieser einige Vorsicht walten laffen, damit nicht infolge der Billigkeit unferer imie offiziell feinerlei Kenntnis. Der Oberſte Nat hatte

wußten nichts von dieser Zinie, ja, der franzöſiſche wie der englische

uns von diefer Linie und seiner angeblichen Entscheidung niemals Mitteilung gemacht. Auch die hier anwesenden Ententevertreter Bertreter erklärten mir auf mein Befragen, daß fie zum ersten Male von diefer Linte hörten. Wir antworteten beshalb auf die polnische Note, daß diefe Biute, von deren Gristenz wir von Selten der Entente nicht unterrichtet wären, litanisches Gebtet einschließe nb deshalb für uns un annehmbar set. Außerdem würde bas Aufgeben dieses Gebietes eine Berlegung ber Neutra. itt& t bedeuten, ba es ben Polen als Aufmarsgebiet gegen Grobno bienen föunte. Wir erklärten aber unsere

Baren gegenüber den Preisen in Rußland allzuviel nach Rußlaub abströmt. Der Warenverkehr wird beshalb in furzem normiert werden. Auch für deutsche Waren wird dann der Weg burch Bitauen

nach Rußland geöffnet werden. Zur Zeit find allerdings noch einige

Wege nicht ganz in Ordnung.

Ueber ble bentsch- litanischen Beziehungen äußerta sich ber Minister, nachdem er seiner lebhaften Freude über die An wesenheit eines deutschen Preffe- Vertreters tu Litanen Ausbruc gegeben hatte, daß er mit Genugtuung feststellen könne, daß bis Beziehungen zwischen beiden Ländern die denkbar besten seten. Er hoffe, baß in allernächster Zeit die Verhandlungen über ein wird Bereitschaftsabkommen zwischen Deutschland und Litauen beginnen würden.

Wir sind bisher lediglich durch dringende politische Aufgaben von btesen Berhandlungen abgehalten worden. Wir führen aber heute schon sehr viel Waren nach Deutschland and. Aber auch hier muß eine Normierung eintreten auf der Basis von Kompensation im Warenaustausch. Unsere Ausfuhr übersteigt ja zur Zeit unsere Ein weise für 400 Millionen Mart ausgeführt und nur für 80 Milltonen Mart eingeführt."

Inzwischen feste ein neuer polnischer Angriff ein. Die Bolen hatten von der inzwischen ruhig gewordenen ruffischen Front Truppen zurückgezogen und griffen mit diefen starken Re ferven unsere Truppen an und brängten sie wiederum bis Seini zurück In einer neuen Note erklärte fich die polniſche Regierung fuhr erheblich. In den ersten vier Monaten haben wir häägungs. zu Berhandlungen bereit, befchuldigte uns fälschlich mehr Berhandlungen bereit, beschuldigte uns fälschlich mehr

fordert. Die Empörung der Steuerzahler, die über die ganze fchaft, über ble ganze Frage mündlich zu verhandeln. bürgerliche Bresse verfügen, und damit über einen erheb lichen Teil der öffentlichen Meinung, wendet sich daher mit aller Leidenschaft gegen die Sozialdemokratie. Die Sozial demokratie hat eindringlich als den Weg aus den österreichi en Nöten den Anschluß an Deutschland gezeigt. Der An chluß Deutschöſterreichs an Deutschand ist der Anschluß der ofterreichischen Revolution an die beutsche Revolution. Daher verbündet sich die gesamte Reaktion zu der einen kom patten Masse gegen den Anschluß an Deutschland. Kämpft bie österreichische Arbeiterklasse für die Bereinigung mit dem revolutionären deutschen Reich, so die gesamte und geeinigte Reaktion für die Vereinigung Desterreichs mit dem lonters revolutionären Ungarn. So wird in der Wahlschlacht vor altem um den auswärtigen Kurs Desterreichs in den nächsten Jahren gerungen.

Borderung der Ante vom 8. Dezember. Obwohl in ben mili tärischen Operationen etne nene Wenbung eingetreten war und wir bie Bolen wieder über Seini hinaus zurüdgedrängt hatten, erklärten wir uns bereit, auf Grund der polnischen Vorschläge zu verhandeln. Auf Grund dieser unserer Note vom 12. August trat am 14. August

der Waffenstillstand in Kraft und die Berhandlungen in

Ralwaria begannen.

über seine bevorstehende Reise nach Westeuropa fagte ber Minifters Ich werde mich in einigen Tagen nach Berlin und Boubou begeben, um bort mit den leitenden politischen Kreifen Fühlung zu nehmen und die wichtigen schwebenden politischen Fragen zu flären Auch die wirtschaftlichen Berhältnisse werden bei diesen Besprechungen berührt werden müffen. Auf der Rückreise werde ich dann auch Paris berühren. ( Copyright for America by Chicago Tribune.)

mit Ungarn zu fordern, die Restaurierung der Habsburger| würfel nicht allein der österreichischen Arbeiterklasse, sondern

zu verwirklichen. Siegt die Reaktion in diesem Wahlkampf der Arbeiterklasse überhaupt rollen. bann steht der neugebildeten kleinen Entente" die Union

genüber. Ein neuer Kriegsherd ist geschaffen, dessen Flam­

men das ganze Europa verzehren müßten.

In feinem Lande Europas hat die Konterrevolution fo restlos gestegt wie in Ungarn. Die ungarische Arbeiterklasse wurde niedergeworfen, ihre Organisationen zerstört, ihr Eine fluß völlig gebrochen. Sorthy ist daher ein begehrter ble urcitung Nes Bunde malles gegen die europäische Revolution und die Berengung Der Rhein bis zur ruſſiſchen Grenze, über die Rheinlande, Süddeutschland, Desterreich, Ungarn, Rumänien und Polen So fämpft die österreichische Arbeiterklasse in diesem soll sich ber Bogen der franzöfifchen Herrschaft über Europa Damen und Frankreichs Herrschaft über Europa fichern. Wahlkampf wahrhaftig um hohe Güter. Sie fämpft, indem Dan sie für den Bestand der Republik tämpft, für die Demokratie Sande und Süddeutschlands wird erst ins Rollen geschluß an Deutschland fämpft, für die Einheit des deutschen reichische Republit im Wege. Die Abfallsbewegung der raten, wenn Wien zu Füßen Sorthys liegt, menn der habs- Reiches, gegen die Abfallsbestrebungen Bayerns und der Rheinlande; fie fämpft, indem sie sich dem franto- magyari burgische Raiſer in Wien einer Doller Impeouts Shild zu heben, die Berständigung Desterreichs lution. In der Wahlschlacht werden daher die Schicksals: Imperialismus mit allem Cifer bestrebt, die Reaktion Defter fchen Einfreifungsplänen widerfett, für die europäische Revo­aufs

Die Hauptlaft in diesem Kampfe ruht auf den Schultern der Sozialdemokratie. Das reaktionäre Bürgertum ist in zwei große Parteien gespalten: der Partei des fatholischen Kleritalismus, den Christlichsozialen" und ber Partei bes sogenannten freiheitlichen deutschationalen Bürgertums, den Großdeutschen". Die Christlichsozialen haben von Anber ginn gegen den Anschluß an Deutschland gekämpft, ben An schluß bisher vereitelt und ein Bündnis mit dem realtio. nären Ungarn erstrebt. Die Großdeutschen haben zwar den Anschlußgebanken in ihre Wahlparole aufgenommen, aber in der Praxis fich in den Dienst der franto- magyarischen Ein treifungspläne gestellt. Sie befämpfen mit derselben Heftig

nen Desterreichs; in der großdeutschen Bresse erigeinen wis