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Sonntag, 26. September 1920

Nummer 404 Morgen- Ausgabe

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greiheit

Berliner Organ

ber Unabhängigen Sozialdemokratie Dentfchlands

An die Partei!

Wir werden um die Veröffentlichung des nach stehenden Aufrufs ersucht:

Parteigenossen und Genoffinnen!

Ein in der Geschichte der Arbeiterbewegung uner= hörtes Gescheh nis zwingt uns, die Parteigenossenschaft aufzurufen. Vi er Mitglieder des Zentralvor tandes veröffentlichen in der Zeitung einer anderen Partei einen Aufruf direkt an die Parteimitglieder", An­gehörige der Parteileitung benutzen die Rote Fahne", um zu den Mitgliedern unserer Partei zu sprechen. Das ist der Gipfel!

Bar allen Parteigefühls sehen Mitglieder des Zentral Romitees mitten in der jetzigen Parteifrise unsere Partei der dentbar stärksten Belastungsprobe aus. Immer war Grund­faz, Parteifragen nur in Parteizeitungen zu erörtern. Jetzt verstoßen ein Borsigender der Partei und drei Mitglieder des Bentral- Komitees fogar gegen diesen ganz selbstverständlichen Grundsatz, dessen Verlegung für jedes einfache Parteimitglied Ausstoßung aus der Partei zur Folge gehabt hätte.

Fraktion mit der nöti­

Darauf antworten wir: Ja wohl, bas wollen wir! Darüber gibt es in der ganzen Partei gar feinen Streit. Es ist eine völlige Verschiebung der Frage, auf die es antommt, wenn so getan wird, als ob über diese Frage eine Meinungsverschiedenheit unter uns bestände. Wit protestieren gegen diesen Bertuschungsver protestieren gegen diesen Vertuschungsver such. Wir wehren uns dagegen, daß die Arbeiter über bie Tragweite ihrer Beschlüsse getäuscht werden, die über die Zukunft der ganzen Bewegung ent­scheiden.

In Wahrheit handelt es sich nicht um die Frage: Wollen wir den Anschluß an Mostau? Die von der U. S. P. zu beantwortende Frage lautet vielmehr: Wollen wir unter den 21 Bedingungen den Anschluß an die dritte Inter­nationale vollziehen? Wollen wir die Selbständigkeit der Partei und das Gelbst bestimmungsrecht ihrer Mitglieder erhalten, oder wollen wir es preisgeben? Rur das Selbstbestimmungsrecht der Massen bietet Schug gegen fettenhaftes Er starten. Nur ihre aftive Selbstbetätigung gibt Gewähr für den Sieg in unserem Kampfe.

revolutionären

Hat die USP. abzudanken?

Bon Otto Meier.

Die deutsche Arbeiterschaft steht in der Phase ihrer bedeu tendsten und damit zugleich in ihrer entscheidenden Krise. Nur wenige Wochen trennen uns von dem Tage, an dem das: Urteil über die stärkste revolutionäre Partei der Welt ge­sprochen wird. Aber weder um Sein noch um Nichtsein der . G. B. handelt es sich in dieser Situation; in unserer Partei ist niemals Zeit für parteipartitularistische Erörterun gen gewefen. Es handelt sich um den Lebensbe stand der deutschen Arbeitertiasse, der nur durch die Einheit ihres sozialrevolutionä ren Vortrupps verbürgt wird, überhaupt. Damit, d. h. mit der Zielsicherheit, der geschlossenen revolutio nären Aktivität der deutschen Arbeiterklasse steht und fällt auch das Problem der dritten Internationale.

Es ist in diesem Augenblick notwendig, auf die überaus bedauerliche Tatsache hinzuweisen, daß schon jetzt als Folge der klärenden Auseinandersetzungen innerhalb der Partei beren Stoßkraft nach außen hin teilweise lahmgelegt ist. Nach

der Klärung", d. h. nach der Reinigung" der Partei von allen sogenannten opportunistischen und arbeiterverräteri­schen Elementen wird das keineswegs besser werden. Die überaus starke Strömung gegen die Moskauer Bedingungen

zeigt bereits jetzt zur Genüge, daß nicht nur einzelne Perso nen über die Klinge springen müssen, sondern daß ein großer Teil der Mitglieder garnicht daran denkt, unter den auf­gestellten Bedingungen den Anschluß an die 3. Internationale zu vollziehen. Man mag das für richtig oder falsch halten, Tatsache ist, daß dieser Klärungsprozeß zu gleich ein 3eriegungsprozeß des revolutio nären deutschen Proletariats ist. Und das in einer Situation, in der nach Ansicht der Annahmebefürwor ter um jeben Preis" der Bürgertrieg, ja der letzte entschei dende Waffengang des Proletariats mit dem Kapitalismus) unmittelbar bevorsteht.

In schwierigen Situationen ist es immer zwecklos, wie die Kaze um den heißen Brei herum zu gehen. Die Wahrheit, mag fie noch so bitter sein, ist insofern heilsam, als sie vor, Illusionen bewahrt. Eine solche gefährliche Illusion ist die Erwartung der erlösenden Tat" burch den tungen, die die

Der Beschluß des Zentralvorstandes, den Parteitag nicht erst im November, und auch nicht, wie ursprünglich beschlossen, am 24. Oftober, fondern schon am 12. Ottober stattfinden zu Die Unterzeichner des Aufrufs behaupten ferner, wir hätten Laffen, hat die Unterzeichner des Aufrufs, wie sie sagen, in bie Deffentlichkeit getrieben. Sie behaupten, wir wollten jede sachliche Klärung der Streitfrage dadurch verhindert, burch die Borverlegung des Parteitags den daß wir es abgelehnt hätten, einen Vertreter des Mostauer daß wir es abgelehnt hätten, einen Vertreter des Mostauer Willensausdrud der Mitgliedschaften verfälschen, indem wir Erefutiv- Komitees zu unserem Parteitag einzuladen, um mit allen Mitteln der Ueberrumpelung versuchten, uns für über die verigiebene Auslegung der Auf nahmebedingungen Auskunft zu geben. Aller­den kommenden Parteitag noch eine gefügige Mehrheit zu nerschaffen. Eine lächerliche Behauptung In dings haben wir das abgelehnt, wie wir überhaupt abgelehnt Wahrheit hat nur die Sorge um die uns anver haben, zu diesem Parteitag Vertreter anderer ausländischer traute Partei uns veranlaßt, den Parteitag schon für Parteien einzuladen. Die Ablehnung ist aber nicht erfolgt, weil wir es als unserer Partei unwirdig erklärten, diese den 12. Oktober einzuberufen. Der Streit um die dritte Internationale ist auf den Höhepunkt gelangt. Ueberall in Exekutive, die uns solche Aufnahmebedingungen gestellt hat, Der Partei tobt der Kampf um die Anschlußbedingungen. Die zu einem solchen Parteitag einzuladen. Bestimmend war wichtigsten Aufgaben muß die Partei unerfüllt lassen, weil vielmehr für uns, daß die Bedingungen flar und bie Barteiorganisation durch den Parteistreit völlig lahmge- eindeutig sind und einer Auslegung nicht be­legt ift. Ebensowenig fann die raliori mben Rampf feeder Parteigenoffe fann ohne weiteres Sinn dürfen. Anschluß an gen Geschloffenheit und mit der nötigen Autorität den und Bedeutung der Bedingungen erkennen. mit den Gegnern im Parlament führen. In der Partei reitung jelbit ift ein parteigenössisches Arbeiten überhaupt Wenn es dafür noch eines Beweises bedurfte, so würden ihn die vier Vorstandsmitglieder durch Beröffentlichung ihres ben Parteigenoffen die Leitung der Partei anvertraut ist! Aufrufes gebracht haben. So verfahren Männer, von Parteivorstandsmitglieder, welche so mit der Partei um­springen, gehören nicht mehr in die Partei, geschweige denn Unter folchen Umständen fönnen wir es vor der deutschen Arbeiterschaft, beren Intereſſen uns anvertraut find, it Bedingungen länger als unbedingt nötig hinauszuschieben. Die Genossen sind mit ihrem Urteil über die Streitfrage fertig. geschaffen. Jetzt, wo sie sich bei diesem parteischädigenden werten sei. Eine Auslegung, die zweifellos etwas für fich und Rorreferenten über den Anschluß an die dritte Inter- reiben ertappt sehen, wollen fie den Eindrud erweden, als ob eine Spaltung der Partei nicht in den Bereich der Mög­nationale gar nicht mehr hören wollen, daß sie auch von langen Diskussionen Abstand nehmen und auf Entscheidung lichkeit gerückt wäre. drängen. Von einer Ueberrumpelung fann also teine Rede sein.

nicht mehr möglich.

die

Schließlich warnt der Aufruf vor dem heuchlerischen Ge rebe der rechten Führer über die Spaltung". Ja, haben wir denn nicht allen Grund, die Gefahr der Spaltung den Parteigenossen vor Augen zu führen? Kann denn witt lich jemand noch die Größe dieser Gefahr verkennen? Auch hierfür haben die Unterzeichner des Aufrufs den schlüssigsten Beweis geliefert, indem sie mit den kommunisten Hand in hand arbeiten, Ertlärungen gegen ihre Kollegen in einer tommunistischen Par= eizeitung veröffentligen, berfommunisti: shen Presse ihre Geheimforrespondenz zu giden und jelbst eine kommunikime Danau gegründet haben. Die Unterzeichner des Aufrufs haben bereits eine Parteiinder Partei

Parteigenossen und Genossinnen! Laßt Euch nicht täuschen! Darin haben die Unterzeichner des Aufrufs recht: es geht um das Saidial unserer revolutionären

Es heißt, die Masseunserer Parteimitglieder Partei, um das Schidsalder Revolution!

immer nicht über den Inhalt der Moskauer Bedingungen aufgeklärt sind.

Auch die große Mehrheit des Beirats unnb ber Ron. trollkommission hat sich auf den Standpunkt des 3entral- Komitees gestellt und die Ginberufung des Partei lags auf ben 12. Ottober geim Lande auf unseren Stand auch die Vertreter der Genossen punkt gestellt.

31 dem Aufruf wird behauptet, wit, die reformistische In und opportunistische Rechte der Partei", fühlten uns in uneeraus die Diskussion über die Internationale auf die unseren fachlichen Argumenten so schwach, so daß wir schon organisatorische Frage verschoben hätten. Gegen diese Behauptung protestieren wir aufs ener= a ili ste! Wir weisen es weit von uns, Reformisten und Opportunisten zu sein. Wir laſſen uns in Ablehnung des Reformi mus und des Opportunismus, in der scharfsten Vertretung der Jdee des revolutionären Sozialismus von niemand übertreffen, am allerwenigsten von den Unterzeichnern des Aufrufs. Nicht wir haben die organisa­torische Frage in den Vordergrund geschoben, sondern die, des Reformismus und des Opportunismus, in der schärfften Däumig und Stöder nicht nur nicht Widerstand, sondern so­gar Unterstützung gefunden haben.

Die Unterzeichner des Aufrufs fragen: Wollen wir eine flare, reine, revolutionäre Massenpartei werden? Wollen wir deshalb also die Diktatur des Proletariats mit allen Mitteln als Kampfobjekt anstreben? Wollen wir eine starke, straffe Internationale der wahrhaft revolutionären Parteien

alfer Länder?"

Nur die Stärke der revolutionären Bewegungen in den ein­zelnen Ländern ermöglicht eine wirkliche Internatio­

nale der Tat.

Jm Interesse der deutschen, im Interesse der russischen Re­volution, im Interesse der Zukunft der Internationale lehnen wirbie Mostauer Bebingungen ab. Die revolutionären Aufgaben der Unabhängigen Sozial­demokratischen Partei find noch nicht erfüllt, und deshalb muß die U. S. P. bestehen bleiben. Nicht Schwächung und Spaltung, sondern Stärtung der Unabhängi gen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, ber einzigen revolutionären, Jozialistischen Maffenpartei Deutschlands ist Gebot berrevolu tionären Politit und proletarische Pflicht! Deshalb müffen biefe Bedingungen, deren Annahme die Spaltung Barteibebeutet, abgelehnt werden.

Barteigenossen und Genossinnen!

Wollt Ihr, daß unsere Bewegung aus der schweren Krise ungeschwächt hervorgeht, wollt Ihr, daß Eure Partei die großen Kämpfe, vor denen wir stehen, siegreich durchführt, so fchart Euch um die Fahne der Partei!

Schüzt die Partei! Laßt Euch Eure Waffen im Befreiungstampf des Proletariats nicht zerbrechen!

Berlin, den 25. September 1920.

Crispien, Dittmann, Künstler, Moses. Remiz, Rosenfeld, Quise 3ies.

3. Internationale auf der Basis der 21 Bedingungen, Spaltung der größten revolutionären Partei Deutschlands bedeuten. Die Spaltung ist leider schon jetzt eine Tatsache, bie nicht mehr aus der Welt geschafft werden fann.

Die uns vom Moskauer Exekutivkomitee gestellten Bedin

gungen find im einzelnen bereits durch die in der Parteipreffe gepflogene Diskussion eingehend gewürdigt und ihre Anfecht­barkeit klar gestellt worden. Daß sie zum Teil durchaus an fechtbar sind, müssen auch ihre Befürworter zugeben. Sie, die nach dem Moskauer Dittat nunmehr den rüdsichtslosen Rampf gegen den sogenannten Opportunismus in der Partei aufnehmen müssen, find dadurch in eine peinliche Situation geraten. In die Defensive gedrängt, verteidigen fie die Be bingungen als etwas Einheitliches, als Ganzes, daß nur aus der weltpolitischen Situation heraus zu erklären und zu be

hat.

Eben weil die Bedingungen nur als Ganzes ohne jebe Einschränkung angenommen werden können, ist es ein Treppenwig der Weltgeschichte, wenn ausgerechnet Adolph 5offmann in Nr. 394 der Freiheit" das von uns f. 3t. geflügelte Wort des ehemaligen Kanzlers Michaelis: Wie mit der ganzen Lauge äzenden Spottes bedachte und seitdem ich es auffalle!" an die Spizze feines Leitartikels stellt. Solche Auffassungen" sind in hohem Maße geeignet, das Stirn runzeln der Gewaltigen in Moskau hervorzurufen. Wir, die wir auf ablehnendem Standpunkt stehen, glauben uns noch am ehesten mit Moskau im Einklang zu befinden, wenn wir immer und immer wieder gegenüber allen Abschwächungs und Beschwichtigungsversuchen auf die buchstabenge= treue Befolgung der gestellten Bedingungen hinweisen. Diese unsere Auffassung" hat sich nach den Auslassungen der berufensten Interpreten der Moskauer Bedingungen Levi und Thalheimer über die u. S. P.- Leutchen" und den fich in die 3. Internationale einschmuggelnden Elementen" bis zur absoluten Erkenntnis gesteigert.

Sängen wir deshalb der Kaye rechtzeitig die Schelle um. Die der U. G. P. gestellten Bedingungen haben eine verfluchte Aehnlichkeit mit jenem verbrecherischen österreichischen Ulti­

enthielt und für den Fall der Richterfüllung Krieg androhte. Dieses Ultimatum hat denn auch tatsächlich den von den aber­wizigen Machthabern in Berlin und Wien beabsichtigten Weltbrand entfacht. Die unerfüllbaren Bedin gungen, die ultimativen Charakters sind, haben als Ganzes den 3wed, die U. S. P. zu gertrümmern. Dieser 3wed heiligt das Mittel, die bis her infolge ihrer Politik völlig bedeutungslose Kommu nistische Partei, die aber bereits als Geftion der 3. Internationale anerkannt ist, mit dem Leich­nam der U. 6. P. groß zu füttern. Das Exekutivkomitee fann garnicht anders handeln, wenn es nicht die von ihm ins Le­ben gerufene und von ihr unterstügte Kommunistische Partei Deutschlands glatt verlengnen will.