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Mittwoch, 29. September 1920

Nummer 408 Morgen- Ausgabe

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Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Die politische Lage in

Frankreich

Bon Jean Longuet- Paris.*)

Die gegenwärtige politische Lage in Frankreich wird weiter in sehr hohem Maße von den bejammernswerten allgemeinen Wahlen vom 16. November des letzten Jahres beherrscht, die infolge eines Zusammentreffens von Umständen, auf die wir hier nicht zurüd­tommen wollen, die überwältigende Stimmenmehrheit jenem sonderbaren Konglomerat von fleinbürgerlicher Realtion, alber­nem Chauvinismus und zynischer Plutokratie gegeben haben, das man den Nationalen Blod" nennt. Dieser wieder wird verstärkt und unaufhörlich vorwärtsgestoßen in immer reaktionärere Bah­nen durch das rein monarchistische und fleritale Element, dessen Prototyp der Journalist niedriger Polizeipolemiken ist, der höchst unwürdige Sohn eines großen französischen Schriftstellers, Herr

Leon Daudet.

Diese Kammer des Nationalen Blocks, zweifellos die reattio­närste, die Frankreich seit 1871 oder selbst seit 1815( der Wieder­einsetzung der Bourbonen) gekannt hat, zeigt, daß einzig der mili tärische Sieg diesem Lande ein so reaktionäres Parlament geben konnte, wie das war, das ihm die Niederlage eingebracht hatte. Angesichts solcher Abgeordneter finden Serr Millerand und feine Regierung nicht nur gar fein Gegengewicht und gar keine demokratische, Kontrolle, sondern sie sind im Gegenteil häufig ge­zwungen, den schädlichen Eifer jener Vertreter der rüdschrittlich­

sten Jdeen zu mäßigen.

Man hat dies neuerdings recht gut gesehen, bei Gelegenheit der Machinationen unserer Regierung gegenüber dem imperialistischen und klerikalen Bolen und seinem nicht zu rechtfertigenden Angriff gegen die Sowjetrepublik. Die Regierung des Herrn Millerand hat sich sofort Hals über Kopf in die Abenteuer der polnischen Feudalen gestürzt. Sie hat die Feindschaftskundgebungen gegen Die russische Republit vermehrt, nicht nur indem sie den polnischen Armeen fortgejezt Gewehre, Geschütze und Munition schichte, sondern dadurch, daß sie der polnischen Regierung den Generals Stabschef Marschall Foch und den General Weygand sandte. Man weiß, welche Rolle er in der neuen polnischen Marne­Schlacht", wie unsere großen" tapitalistischen Zeitungen sagen, gespielt hat.

Stehen.

"

Es war zweifellos vorbereitet, nach drüben zu gehen und, trot des Widerstandes Englands, dessen Regierung die starke Oppo­fition der organisierten Arbeiterklasse fühlte, dem Krieg gegen das sozialistische Rußland eine direktere und zynischere Form zu Trotzdem hat man mit dem Erwachen der öffentlichen Mei­geben rechnen müſſen, das ja nun auch im ganzen Lande erfolgt nung iſt, ſelbſt außerhalb der Elemente, mit denen die sozialistische Partei und die Gewerkschaftsorganisationen in engerer Fühlung Der Feldzug gegen den Krieg gegen Rußland, ja gegen den bloßen Gedanken, daß der verfluchte Krieg wieder anfangen tönnte, ber von einem bis zum andern Ende des Landes geführt massen, daß sich überall in den ſozialistischen Bersammlungen Tausende und Zehntausende von Zuhörern zusammenfanden. Bei all denen, die den furchtbaren Albdruck der vier Jahre Weltkrieg erlebt haben, gab es ein allgemeines Aufbäumen der Empörung bei dem Gedanken, daß das wieder anfangen fönnte." Neben diesem Faktor hat ein zweiter mächtig mitgewirkt: das Gefühl inbrünstiger Liebe für die erste große sozialistische Republit, die die Welt je gesehen hat, ein Gefühl, das sich überall in der ganzen Welt bei den zum Bewußtsein ihrer Klasseninteressen erwachten Massen offenbart.

Diese Bewegung war so mächtig, daß sie trok des frenetischen Haffes unserer besitzenden Klasse gegen das schädliche Beispiel, das Rußland den Proletariern aller Länder gibt, eine unbestreitbare Reaktion in den Regierungstreisen herbeigeführt hat, wo man fühlte, daß es bei alledem nicht nötig sei, dem Boltsempfinden all zu öffentlich Troß zu bieten. Wenn man zu dieſem bie täglich ich mehr offenbarenden Niederlagen des Abenteurers Manger in hinzufügt, den Herr Millerand abgeschmadterweise mitten in der Krisis anerkannt hat( man sagt, unter dem Einfluß eines Diplo maten, der ganz durchbrungen ist vom Karrièrismus, Herrn Paleologue, des ehemaligen Gesandten bei Nikolas II.), und den Zusammenschluß der kleinen Entente", bestehend aus der Tschecho- Slowakei, den Jugo- Slawen und Rumänien gegen das Weiße Ungarn, deren Benehmen im Hinblick auf unsere führenden Reaktionäre ein wenig unabhängig ist, so wird man sich die Gründe jagen können, die unsere Herren der großen Weltpolitit" zu etwas mehr Bescheidenheit veranlassen.

Trotz alledem geben diese Ereignisse wie auch die inneren wirt­schaftlichen- und politischen Schwierigkeiten, das immer erschrecken­bere Steigen der Lebensmittelpreise( das sich für die Voltsmassen in der Erhöhung des Brotpreises auf 1,30 Fr. für das Kilo zeigt), die immer zynischeren Zugeständnisse an den Kleritalismus, für die die demnächstige Wiederherstellung der Gesandtschaft bei dem Balitan ein Symbol ist, der sozialistischen Partei: in bemerkenswertes Feld für Propaganda und Mitgliedswerbung. Um so trostloser ist es, feststellen zu müssen, daß.ie Debatten und Kontroverfen, die aus Anlaß des Eintritts in die Dritte

Angestellte vor die Front!

Kollegen! Kolleginnen! Unter den furchtbaren Wirfun­gen des Weltkrieges sind die Massen der Angestellten aus einem Traumzustand patriarchalischer Wirtschaftsauffassun­gen zur tieferen Erkenntnis ihrer Klassenlage erwacht. Tau­sende unserer Berufsgenossen, die irrgeleitet waren, wandten sich von den Harmonieverbänden ab und eilten in hellen Scharen den freien Gewerkschaften zu. Das gewaltige Er­starten unserer Afa- Bewegung ist der lebendige Ausdruck für den entschiedenen Willen der Kollegenschaft, die Angestellten­bewegung aus den Schranken engstirniger Berufs- und Standespolitik herauszuheben und sie zum wichtigen Faktor in den herangereiften großen

Entscheidungskämpfen zwischen Kapital und Arbeit zu machen. Eure Gewerkschaften werden der ihnen gestellten großen Aufgabe aber nur gerecht werden fönnen, wenn die Angestellten in den Betrieben bereit sind, selbst an der Umgestaltung der heutigen rein privattapi talistisch gerichteten Wirtschaft zu einer höheren sozialen Ordnung mitzuwirken. Es darf deshalb nicht genügen, gegenüber der wachsenden

Arbeitslosigkeit und Teuerung Unterstützungen und Lohnerhöhungen zu fordern. So wichtig es auch sein muß, die Angestellten gegen die Rot und das Elend, wie sie durch die Wirtschaftskrise hervorgerufen wer­den, zu schüßen, so darf doch nicht vergessen werden, daß wir gleichzeitig gegen ein chronisches Uebel, nämlich gegen die kapitalistische Gewinnwirtschaft anzulämpfen und die geistige Vorbereitung für ihre Ab­lösung in eine für und durch die Gesellschaft betriebene Bedarfswirtschaft zu treffen haben. Der Weg aus dem heutigen fapitalistischen Chaos zum Sozialismus führt über die

Kontrolle der Produktion.

organisierten Arbeitnehmerschaft erst einmal die Möglichkeit geben, in die Geschäftsgeheimnisse, d. h. die Profitge= heimnisse der fapitalistischen Betriebe hin­einzuleuchten, um eine wahrhaft produktive Er­werbslosenfürsorge, d. h. die Erschließung von ge­steigerter Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Der Einblick der Betriebsräte in die Produktion ist durch die verklauselierten Bestimmungen des Betriebsrätegesetzes und den organisier­ten Widerstand des Unternehmertums aufs äußerste erschwert. Es tann in jedem Falle nur erzielt werden, durch die all­seitige Mitwirkung der Angestellten.

Die scharf durchgeführte Arbeitsteilung macht es freilich auch den Angestellten schwer, den Ueberblick über die gesam­ten Geschäftsvorgänge zu gewinnen. Der Buchhalter, der Kalkulator, der Wertmeister, der Konstrukteur, der Ex­pedient, der Verkäufer und all die übrigen Angestellten müssen indes bewußt sein, daß sie zwar vom Unternehmer zum mechanischen Teilarbeiter bestimmt sind, aber gleichzeitig als Kämpfer der gesamten aufstrebenden Arbeitnehmerschaft die Pflicht haben, aus ihrer täglichen beruflichen Kleinarbeit Material zu sammeln und Schlüsse zu ziehen. Die Ange=

ellten find in der Lage, dem Betriebsrat Aufschlüsse über die Roh- und Hilfsstoffver= sorgung und über die Absatzverhältnisse zu geben. Der Betriebsrat wird seiner wirtschaftlichen Aufgabe nur gerecht werden können, wenn die Angestell­ten, die von den laufenden Abschlüssen und Verbindlich­feiten nähere Kenntnis haben, ihm beratend zur Seite stehen. Auch die einfachste Tätigkeit wird zur Erfassung der Geschäftszusammenhänge wichtig. So gibt es feinen Ange­stellten, der nicht berufen wäre, an dem großen Werke mit zuwirken. Darum begreift die

historische Mission der Angestellten diese Aufgabe zugewiesen hatte, müssen in die Zusammen- gung. Wir verkennen nicht, daß das hier notwendige ute Die Betriebsräte, denen unsere Afa von Anfang an und stellt Euch den Betriebsräten zur Verfü bringen. Ihre Erfahrungen im einzelnen Betriebe bilden noch Störungen erfährt, weil ein Teil der Arbeiter über die hänge der heutigen Warenerzeugung und Verteilung ein- frauensverhältnis zwischen Angestellten und Arbeitern heute die Grundlage zum Meinungsaustausch in den Industrie- organisatorische Zusammenfassung der Betriebsräte einen gruppen, um das gemeinschaftliche Treiben weiter Unter- von unserer Auffassung abweichenden Standpunkt einnimmt. nehmerkreise mit Tatsachenmaterial belegen zu können. Es Diese Organisationsfragen der Betriebsräte dürfen aber auf nehezeichnend für den Grad der bereits eingetretenen Unter- feinen Fall zur Trennung von Angeſtellten und Arbeitern in nehmersabotage, daß jezt fogar das Reichswirt den Betrieben führen. Die solidarische Aktions­ist schaftsministerium dazu übergehen muß, die Entfähigkeit der Angestellten und Arbeiter scheidung über die Stillegung von Betrieben von scheidung über die Stillegung von Betrieben von steht über allen Organisationserwägungen. unter Hinzuziehung von Arbeitnehmervertretern abhängig zu machen. Wenn diese Prüfung lediglich nach allgemein volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten erfolgen soll, dann wären aber in erster Linie die Betriebsräte und ihre in Ge­meinschaft mit den Gewerkschaften geschaffenen Industrie­gruppen die berufenen Entscheidungsstellen. Man soll der

Kollegen, Kolleginnen! Dentt über den Tag und Eure eigene Rot hinaus, denkt daran, daß der Kapitalismus die Begabung des Kopfarbeiters stets nur getauft hat, um das mit eigennügigen Menschenhandel zu treiben. Der Sozia­Iismus allein sichert dem wirklich Begabten die füh­rende Stelle im Wirtschaftsleben, er wird die Güter ver­mehren und verbessern!

Arbeitsgemeinschaft Freier Angestelltenverbände

Der Vorstand Aufhäuser

Urban

Internationale in der Partei stattfinden, dem Sozialis-| Deutschlands auferlegt worden sind( und wie es scheint, auch den mus den ganzen Vorteil, den er aus einer solchen Situation ziehen tönnte, zu rauben drohen. berlage des Generalstreits, der am 1. Mai unter den Es ist nicht zu bezweifeln, daß infolge der schmerzlichen Nie leichtsinnigsten und ungeschichtesten Bedingungen veranlagt wurde, tungen und brutale Ausschließungsforbeilge

eine ziemlich starte Reaktion sowohl in den Parteigruppen als auch in den Gewerkschaftsorganisationen eingesetzt hat. Der be­trächtliche Verlust an Stimmen, den die extreme Linte auf dem letzten Parteitag im Juli erlitten hat, bewies, daß der. fin­dische und mystische Extremismus", der ziemlich oft das Renn­zeichen der erbittertsten Parteigänger der boljchewistischen Me­thoden war, sich im Rückgang befand. Das hinderte das Prole­tariat nicht, sich ganz der Verteidigung der russischen Revolution hinzugeben. Zeigt das Beispiel Englands nicht, dus man mit äußerster Energie gegen die Henter Rußlands fämpfen kann, ohne deshalb auf rein fozialistischem Gebiet unterwürfig alle Direttiven aus Mostau an­zu nehmen?

Die Rüdkehr von Cachin und Frossard aus Rußland hat alles wieder in Frage gestellt. Unsere Genossen haben, begeistert von dem gewiß einzigen Wert unserer russischen Genossen, von der bisher unbekannten Größe des sozialen Versuchs, den sie wagen, daraus geschlossen, daß man in die Moskauer Internationale em= treten müsse, selbst um den Preis der schwersten Opfer, die von uns in unserer sozialistischen, Innenpolitik verlangt werden fönnten. In Wahrheit. herrscht in der ganzen Debatte noch eine

*) Das Bureau für. Internationalen Meinungsaustausch stellt bedenkliche 3 weideutigkeit. Anstatt der einundzwanzig

uns diesen Artikel zur Verfügung.

Bedingungen, die der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei

Sozialisten der meisten anderen Länder), haben Cachin und Frossard den französischen Sozialisten ne un vom Moskauer Präsidium abgefaßte Bedingungen vorgelegt, die unendlich viel gemäßigter flingen und feine summarischen Hinrich­

gen gegen alte und

Kämpfer, nichtsdestoweniger aber noch eine gewisse Anzahl von gefährlichen Klause In enthalten. Bevor man die Debatte weiter fortsett, ist es nötig zu wissen, ob der französische Sozialismus fich wirklich auf diese besonderen Bedingungen äußern soll, oder auf die allgemeinen in der Freiheit" veröffent­lichten Bedingungen, die die Unabhängigen Sozialisten Deutsch­lands so entschlossen ablehnen zu wollen scheinen und die die Parteileitungen der Schweizer Sozialisten und der Englischen Un­abhängigen Arbeiterpartei schon mit Entrüstung zurückgewiesen haben.

Die Debatte ist anderseits häßlich verbogen und kompliziert worden durch die Art und Weise, wie die bürgerliche Presse sid) hineinmischt, indem sie nämlich all denen, welche die Moskaue: Bedingungen diskutieren und fritisieren wollen, eine Schutzherr schaft angedeihen läßt, die jene mit Etel zurückweisen. Die ganz Tattit unserer herrschenden Klasse besteht augenblidlich darin das Problem der Wiederaufrichtung der Internationale, des Ein trittes in die Moskauer Internationale mit dem Kampf de ganzen tapitalistischen Welt gegen das sowjetistische Rußland z permengen. Das schafft eine Zweideutigkeit und eine Verwirrung. gegen die die Gegner gewisser bolschewistischer Methoden, dic auf dem Gebiet der Außenpolitit zu den treue