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3. Jahrgang

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Dienstag, 5. Oktober 1920

Nummer 419

Abend- Ausgabe

Die achtgefpaltene Ronpareillegelle ober deren Raum koftet 5,- 9. einschließlich Leuerungszuschlag. Kleine Anzeigen; Das fettgedruckte Wort 2,-., jebes weiters Wort 1,50 M., einschließlich Teuerungszuschlag. Laufende Anzeigen laut Tarif. Familien Anzeigen und Stellen- Gesuche 3,20 m. netto pro Beile. Stellen- Gesuche In Wort- Anzeigen: bas fettgedruckte Wort 1,50 M., jebes weitere Wort 1,- Berufprecher: Zentrum 2030, 2645, 4516 4603, 4635, 4649, 4821

greiheit

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Der Betriebsrätekongreß

Die heutige Eröffnungsfizung

Der große, schlichtgeschmückte Saal der Neuen Welt" ist gefüllt. Zu den Delegierten aus den Betrieben ist ein starter Zuschuß an Gewertschaftsfunktionären getreten, die mit beratender Stimme an der Tagung teilnehmen. Schon der äußere Habitus des Kongresses zeigt, daß eine gewisse Ordnung und Organisation in die Betriebsrätebewegung ge tommen ist. Nichts erinnert an die Kongresse der Arbeiter und Soldatenräte in den ersten Revolutionsmonaten, sofern ein solcher Vergleich überhaupt gestattet ist. An die Stelle der Frattionen ist die Gruppierung nach Industries 3weigen getreten. Das revolutionär- politische Tempera­ment ist einer ruhigeren Sachlichkeit, einer rein wirtschafts­politischen Einstellung gewichen, obwohl als Widerspiel der politisch- taktischen Gegenseite in der Arbeiterschaft noch ge­nügend Konfliktstoff auch in diesem Kongreß schlummert, an dessen Entladung im Laufe des Kongresses es sicher nicht fehlen wird.

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Graßmann eröffnet um 11 Uhr. Nach einem furzen Gruß an den Kongreß begrüßt er die erschienenen Gäste. Es find u. a. anwesend die Vertreter des Reichsarbeitsmini­steriums, die Herren Feig und Flatow, Göhre ist er­fchienen für das preußische Staatsministerium, Woldt für das Referat über wirtschaftspolitische Arbeiterbildung im preußischen Kultusministerium. Ferner sind anwesend J a n- fon als Vertreter der schwedischen Gewerkschaft neben dem Sozialattaché der norwegischen Gesandtschaft, und zwei Vertretern der Republik Georgien. Zur Beruhigung er­flärt Graßmann, daß nur die gewählten Betriebs räte das Stimmrecht auf dem Kongreß haben und daß auch sie vorwiegend an der Debatte sich beteiligen sollen. Sie

Profite der deutschen Textil­

industrie

Zu den Industrien, welche die Hochkonjunktur der letzten Monate und die Anarchie der heutigen Wirtschaft am rüd sichtslosesten ausbeuteten, gehört neben der Schuhindustrie vor allen Dingen die deutsche Textilindustrie. Nach einer fürzlichen Zusammenstellung des B. T." wurden fol­

gende Dividenden verteilt:

Norddeutsche Wolltämmerei und Rammgarn­[ pinnerei in Bremen: 12 Prozent und außerdem ein Bonus von 500 Mart auf 1000 Mart Attienbejiz. Das entspricht einer Dividende von 62 Prozent! Das Betriebsergebnis in dem abgeschlossenen Betriebsjahr hat sich gegenüber dem Vorjahre und selbst gegenüber dem legten Friedensjahr vervierfacht.

Die Bebburger Wollindustrie Att- Ges. verteilt 25 Prozent Dividende. Jm letzten Friedensjahr fonnte überhaupt feine Dividende zur Ausichüttung gelangen.

Die Bremer Wolltämmerei bringt 20 Prozent Divi­dende zur Verteilung.

Die Baumwollspinnerei mitmeida hat einen Rein­gewinn von 9,7 Min. Marf gegenüber 2 Mill. Mart im Vorjahr owie im letzten Friedensjahr. Trog ungewöhnlich hohen Ab­jchreibungen verteilt das Unternehmen 35 Prozent Dividende.

Die Rheinische Möbelstoffweberei in Barmen schüttet 20 Prozent aus.

Ferner verteilten: Attienspinnerei Aachen 32 Prozent; Concordia, Spinnerei und Weberei in Bunzlau 16 Prozent; Gladbacher Textilwerte vorm. Schneider 11. Jrmen 25 Prozent; Gladbacher Wollindustries Ges. Dorm Josten 30 Prozent; Deutsche Wollwarenmanus fattur Grünberg 30 Prozent; Deutsche Jutespinner. rei und Weberei Meißen 41% Prozent; Johannes Girmes A.-G. 25 Prozent; Bongspinnereien 20 Prozent; Sächsische Nähfadenfabrik vorm. R. Heydenreich 34 Prozent. Dieses Unternehmen hat in früheren Jahren nie eine Dividende ausschütten fönnen. Aehnliche Gewinne verzeich nen noch viele andere Unternehmungen der Textilindustrie. Sierbei bleibt zu beachten, daß die Dividendenbeträge allein noch kein volles Bild über die wirklichen Erträg­nisse ergeben, sondern daß ein großer Teil des Gewinnes in den Abschreibungen verstedt gehalten wird. Außerdem sind viele Dividenden schon durch Bezugsrechte oder weit unter dem Kurswert ausgegebene Attienanteile verwässert wor den. Selbst das B. T." fann sich angesichts dieser unglaub­lichen Gewinnsteigerungen in der Textilindustrie nicht der Bemerkung enthalten, daß diese weit über das Maß hinaus­fchießen, das mit dem allgemeinen volkswirtschaftlichen Interesse noch verträglich ist. Gerade durch dieses rüdts­Lose Vorgehen des Unternehmertums sei auch die Geldent­wertung nicht unerheblich gefördert worden.

Diese Bemerkung ist zweifellos richtig. Darüber hinaus hat diese Gewinnsucht noch weit nachhaltigere Gefahren im Gefolge, die in legter Zeit schon mehrfach in Betriebsein schränkungen und Betriebsstillegungen in Erscheinung ge­treten find. Die fünstlich noch über alle Notwendigkeiten hinaus gesteigerten Preise der Textilwaren haben immer weitere Massen zum unfreiwilligen Käuferstreif" gezwun gen und den deutschen Inlandsmarkt als Abnehmer größten

sollen es sein, die der Tagung die entscheidende Note geben. Graßmann findet, daß die Betriebsrätebewegung ein Kindder Revolutionist, das Bestreben der Arbeiter schaft, das zur Betriebsrätebewegung geführt hat, ist so alt, wie die gewerkschaftliche Arbeiterbewegung selbst. Der Kon­greß bedeutet einen gewissen Höhepunkt dieser Bestrebungen, die auf Umgestaltung und Einfluß der Arbeiterschaft im die auf Umgestaltung und Einfluß der Arbeiterschaft im Wirtschaftsleben gerichtet sind. Heute habe die Bewegung bewußt die Sozialisierung der Wirtschaft zum Ziel. Das Be triebrätegese sei der Kampfboden. Graßmann richtet an den Kongreß die Aufforderung, die Aussprache in fame= radschaftlicher Form zu führen.

Stürme fündeten sich an. Die Einberufer schlagen vor, daß die Leitung des Kongresses in der Hand der Betriebsrätezen­trale, des Bundes und der Afa bleibt, das Bureau aber er­gänzt wird aus den Kreisen der gewählten Delegierten. Habermeier fordert dagegen, daß die Betriebsräte ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und dadurch bekunden, daß sie selbst ein Bureau nach ihren Wünschen wählen. Eine fleine Probe! Bei der Abstimmung weicht Habermeier der Minderheit, aber die Minderheit ist außerordent lich st art und sie zeigt durch lebhafte Zwischenrufe, die sie gegen den Abstimmungsmodus und gegen das Resultat der Abstimmung richtet, ihre Energie. Sie gibt den Kampf noch nicht auf. Koenen Merseburg wird vorgefchidt, um in längerer Rede der Geschäftsordnung die Art der Einberufung des Kon­gresses und die Verteilung der Delegierten scharf zu tri­tisieren. Er erhält lebhafte Zustimmung, aber auch sehr starten Widerspruch aus den Reihen der Delegierten. Bei Schluß des Berichts dauert die Geschäftsordnungshebatte noch an.

teils ausgeschaltet. Da infolge der Valutabesserung aber auch das Ausland als Käufer faft gänzlich ausgeschaltet wird, so befindet sich die deutsche Textilindustrie heute in einer ähn lichen Krise wie die Schuhindustrie.

Diese Krisen offenbaren den ganzen Unsinn der heutigen Privatwirtschaft; denn während auf der einen Seite die Maffen nach Waren hungern, wird die Produktion auf der andern Seite ftillgelegt. Die von feinen Rücksichten gehemmte Raff gier der Kapitalisten hat somit selbst die Grundlagen für ihre weitere Existenz untergraben.

Lenin über die Lage an der Front

Kopenhagen, 5. Oktober. Wie ber Zeitung Politiken" aus Helsingfors telegraphiert wird, erstattete Lenin auf dem allrussischen Kongreß in Mostau einen Bericht über die Lage an den Fronten und ers flärte, es sei unzweifelhaft, daß die Entente den Kampf der Polen und General Wrangels gegen Sowjetrußland unterstütze. Ein Winterfeldzug werde taum zu vermeiden jein. Die militärische Macht und die wirtschaftliche Lage Sowjetrußlands böten jedoch genügend Gewähr für ben endgültigen Sieg.

Neue Hilfe für Wrangel.

Charbin, 4. Oftober.( Savas.) General Lesch wihti, ber den Oberbefehl über die alten um gruppierten Armeen Koltschats in Transbaitalien übernommen hat, erklärte dem General Wrangel namens feiner Truppen telegraphisch, daß er sich ihm vollständig unterordne und ihn als Oberbefehlshaber anerkenne.

Freiwiligenrekrutierung in Gefangenlagern.

TU. Warschau, 5. Oftober. Der ukrainische Heerführer Mach to ist in Warschau angekom men und hat in diesen Tagen russije Gefangen enlager in Stalmierzyco und Ostrowo besucht. Aus diesen Gefangenen lagern werden Freiwillige herausgezogen und zu be­fenderen Formationen, unter Führung des Generals Poboczto zusammengestellt, die dem Oberbefehl Sawientos unterstehen.

Polnischer Frontbericht.

TU. Warschau, 5. Oftober. Amtlicher Heeresbericht vom 4. Oftober. Die vordersten Pa­

trouillen der nördlichen Verfolgungsabteilungen, die längs der Chaussee Lida Nowo Godet mir vorgehen, über­Schritten am 3. b. M. die Njemen- Linie zwischen Ula- Tolpec. Nach fiegreichen Kämpfen bei der Linie der ehemaligen russischen Schüßengräben haben Posener Abteilungen östlich von Perano­witschi Rieswierz und Kled eingenommen. Die Polnische Gruppe hat nach vollendeter Umgruppierung im Raume von Logiszyn und Binst in zwei Tagen trotz des schweren Widerstandes die Linie Maltowice- Sastyn- Leniniec- 2adon- Davids

grober erreicht. Die Eisenbahnlinie Lida- Baranowitschi Luniniec- Zarny- Rowno ist dadurch vollständig von un= feren Truppen besett.

Die Brüsseler Finanzkonferenz

E. W. Die von dem Völkerbund nach Brüssel einberufene Sachverständigenkonferenz hat ihre öffentlichen Sigungen am vergangenen Samstag vorläufig beendet. In Untertom missionen sollen die aufgeworfenen Punkte zunächst weiter beraten und dem Kongreß die Ergebnisse alsdann in einer Schlußßigung bekanntgegeben werden.

Es ist wohl gar nicht erst nötig, daß wir in unserer Presse Jllusionen zerstreuen, die sich in Arbeitertreisen mit dieser Finanztonferenz verknüpft haben fönnten. Die Arbeiterschaft ist sich bewußt, daß sie von derartigen Aussprachen nichts zu erwarten hat. Dennoch wäre es falsch, achtlos an solchen Konferenzen vorbeizugleiten und die Tendenzen zu igno rieren, durch deren Verfolgung eine Ueberwindung der durch den Weltkrieg ausgelösten Weltwirtschaftskrise erhofft wird. Denn daß die heutige Krise sich feineswegs auf die strategisch unterlegenen Länder beschränkt, sondern in mehr oder minder scharfer Form sowohl Sieger wie Besiegte umspannt, das ist gerade durch die von den Vertretern der einzelnen Länder gegebenen Finanzberichte aufs neue bestätigt worden. Die Erschütterung aller Währungsverhältnisse hat sowohl die Wirtschaft der Länder mit hochstehender Valuta wie der mit tiefstehender Valuta unterhöhlt. Wohl ist es einzelnen am Kriege unbeteiligt gewesenen Ländern gelungen, sich von früheren Verschuldungen dem Auslande gegenüber freizu= machen, aber alle diese Länder leiden zugleich an einer ge waltigen Absaktrise. Gerade der hohe Stand ihrer Valuta, aus dem sie bisher so außerordentlich großen Rugen zur Ges sundung ihrer Staatsfinanzen ziehen fonnten, wird ihnen hierbei zum gefährlichsten Hindernis, da er ihrer Ausfuhr eine schier unüberbrüdbare Schranke segt und sie fast jeder Abfahmöglichkeit im Auslande beraubt. So hat denn der Augenhandel aller Länder mit hochstehender Baluta eine völlig ab norme Entwicklung genommen. All diese Länder leiden an einer zu massenhaften Einfuhr, der nur geringe Ege portziffern gegenüberstehen.

Es ist nur zu leicht verständlich, daß das Valutaproblem auch in den Mittelpunkt der Brüsseler Konferenz gerüdt und Gegenstand zahlreicher Abhandlungen und großzügiger Re formpläne geworden ist. Eine erschöpfende Lösung dieses Problems ist die erste und notwendigste Voraussetzung, wenn überhaupt die Wirtschaft wieder einigermaßen gefunden soll. Aber die Delegierten in Brüssel müßten nicht Bertreter fas pitalistischer Staaten und fapitalistischer Weltanschauung sein, um nicht in ständigen Widerstreit der einzelnen Inter­effengruppen zu geraten. So wird denn dieser Widerstreit jede Lösung des Valutaproblems verhindern und nur die Vernichtung des tapitalistischen Prinzips überhaupt den Weg zu neuer wirtschaftlicher und fultureller Gesundung der Völker freimachen.

Einige besondere Beachtung verdient der von dem Ver treter Deutschlands überreichte Finanzbericht. Er stützt sich im wesentlichen auf die schon fürzlich vom Finanzminister Wirth bekanntgegebenen Zahlen. Neu waren nur die über unsern Außenhandel gemachten Angaben. Demnach hat bis zum April d. J. die Einfuhr nach Deutschland in der Handels bilanz ganz gewaltig überwogen. Im Jahre 1919 hatten wir einen Gesamteinfuhr- Ueberschuß von 22 Milliarden Mark und in dem ersten Vierteljahr 1920 einen solchen von 6 Mil­liarden. Da trat der ungeheure Valutasturz in Deutschland ein und nun verschob sich das Bild. Der Monat April zeigt zum erstenmal einen Ausfuhrüberschuß von 576 Millionen Mart und im Monat Mai steigt dieser schon auf 1,1 milliar den Mark.

Von welch anderen Rückwirkungen der Valutasturz aber gleichzeitig noch begleitet war, das zeigt der Bericht ebenfalls, denn es wird ausdrücklich bemerkt, daß mit der sprunghaften Entwertung der Mart, die ihren vorläufigen größten Tief­stand im Februar und März dieses Jahres erreichte, alle warenpreise in Deutschland um das Viel­fa che gestiegen sind. Diese Preissteigerung beschränkte fich aber feinesfalls auf die vom Ausland bezogenen Waren. Auch die im Inlande erzeugten Produkte machten vielmehr den tollen Sprung mit, denn je höhere Preise die deutschen Erzeuger infolge des Valutasturzes im Auslande erzielen fonnten, um so höher schraubten sie ihre Preise fürs Inland. So ist denn die attive Handelsbilanz der Monate April und Mai alles andere als ein Zeichen der Gesundung der deutschen Wirtschaft.

Interessanter noch sind die von dem deutschen Vertreter ges machten Mitteilungen über die deutsche Steuerreform. Man erwartet von ihr für das Jahr 1920 allein eine Einnahme von 37,2 Milliarden Mark und hoffe allen Ernstes auf diese Weise die Notenerzeugung zum Stillstand zu bringen. Auch der Besiz sei in Deutschland auf das härteste" zur Steuer herangezogen worden, nachdem schon vorher fast die ges fa mten Kriegsgewinne mit Beschlag belegt

wurden".

Nun hat ja in Deutschland noch fein Mensch einen enteignes ten Kriegsgewinnler gesehen und auch der deutsche Vertreter in Brüssel weiß so gut wie wir, daß die von ihm als großzügig gepriesene deutsche Steuerreform nicht so sehr auf dem Besig als auf der Arbeit selbst lastet und, abgesehen von den wieder auf die breite Masse der Schaffenden überwälzten indirekten Steuern, allein der Einkommensteuer ein Drittel aller Ein nahmen zuweift. Aber es ist offensichtlich, daß der deutsche