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Mittwoch, 6. Oktober 1920

Nummer 420/21 Abend- Ausgabe

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greihe

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Günstige Friedensaussichten in Riga

Unterzeichnung des Präliminar­

Ukraine einerseits und Polen andererseits nicht später, als Freitag, den 8. Oks

friedens und des Waffenstillstandestober, zu unterzeichnen.

am 8. Oktober

( Eigene Drahtmeldung der Freiheit.) Riga, 5. Oktober

Folgender Akt wurde heute, am 5. Oktober, von Joffe und Domski unterzeichnet:

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Damit bestätigt sich eine vom Warschauer sozialistischen Blatt Robotnik" gebrachte Meldung, daß der Friede nahe bevorstehe. Bon den Polen war versucht worden, bie ostgalizische Frage als Kell in die Verhand­lungen zu werfen. Aber durch die Erklärung Joffes und des Zentral- Exekutivkomitees in Moskau über die An­erkennung der völligen Unabhängigkeit Ost­Ueberserkennung galiziens ist auch dieser Stein aus dem Wege ge­räumt. Rußland ist bis an die Grenze des Möglichen gegangen, um den Frieben im Osten endlich herzustellen und es ist dringend zu hoffen, daß nach Waffenstillstand und Bräliminarfrieden der endgültige Friedenszustand mög­lichst rasch eintritt.

Unter Vorsitz der russisch- ukrainischen Friedens: delegation wurde in der Sigung vom 5. Oktober beschlossen: Angesichts der erreichte a Ueber: einstimmung in der Konferenz der beider seitigen Vorsitzenden in der Frage des Bräliminar: friebens und des Waffenstillstandes, den Akt über den Präliminarfrieden und den Waf­fenstillstand zwischen Rußland und

Glettrizitätsarbeiterstreit in Moabit

Am Dienstag nachmittag ist in Berlin ganz unerwartet, ein Strelk der Elektrizitätsarbeiter des Werkes Moabit aus gebrochen, der sowohl einen Teil des Straßenbahnverkehrs unter­bunben, als auch eine Reihe von gewerblichen Betrieben in Mit­Leidenschaft gezogen hat. Der Streit geht aus von den Heizeru bes Elektrizitätswerks Moabtt. Bon der Dtrettion der Stä dtischen Elektrizitätswerte Berlin wird über bie Gründe des Streifs folgendes mitgeteilt:

Seit längerer Zeit, etwa einer Woche, wird mit den Helzern wegen Herabfegung der Arbeitszeit verhandelt. Die Heizer erklären, daß sie bei der schlechten Qualität der gelieferten Kohle die achtstündige Arbeitszeit nicht aushalten können. Die Direktion er klärte fich bereit, die Arbeitszeit auf 7 Stunden herabs Jufegen. Damit waren aber die Heizer nicht zufrieden, die ben sechs stündigen Arbeitstag verlangten. Am Dienss tag nachmittag 3 Uhr legten fie plöglich ohne vore herige Ankündigung die Arbeit nieder und verließen Den Betrieb.

Ueber die Gründe des Streiks, der sich auch auf andere Elektrizitätswerke ausgedehnt haben soll, laufen natürlich die verschiedensten Gerüchte in der Stadt herum. Eine Lokalkorrespondenz behauptet, daß fie legten Endes in politischen Ursachen zu suchen seien. Es hätten nämlich am Dienstag bereits Berhandlungen zwischen Elektrizitätsarbeitern und Straßenbahnern stattgefunden, um die legteren zur Solidarität zu verpflichten. Auch zwischen den Arbeitern ber einzelnen Kraftwerke hätten Besprechungen stattgefunden, die Heizer des Kraftwerkes Rummelsburg erklärten sich ohne weiteres zur Solidarität bereit. Wie die genannte Korrespondenz weiter hört, werden am Mitt­woch vormittag im Rathaus Besprechungen mit den Streikenden und Beauftragten des Verbandes der Heizer und Maschinisten stattfinden, von deren Aus­gang es abhängen wird, ob Berlin noch länger ohne Licht und Kraft bleibt.

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Die reaktionäre Presie hat dieses Stichwort natürlich sofort benugt, um das ganze Bürgertum gegen die gesamte Arbeiterschaft mobil zu machen. Die Deutsche Zeitung" bringt ble Meldung mit riesigen Lettern unter der alarmierenden Ueberschrift Rätediktatur in Berlin; Machtp: abe der Be triebsräte!" und heẞt gegen die gefam.e. Arbeiterschaft. Das Berliner Tageblatt" glaubt bereits zwischen dem Streik der Versicherungsangestellten, dem Streik der Beitungsangestellten, sowie dem Streik der Elektrizitäts­

arbeiter innere Zusammenhänge entdecken zu können und spricht die Hoffnung aus, daß die ,, Technische Nothilfe" ohne Verzug eingreifen wird,

» um diesen lebenswichtigen Betrieb so raich als möglich wieber in Gang zu bringen; benn es geht wahrhaftig nicht an, daß der Wille einer kleinen Anzahl Personen die Bes völ kerung Berlins auf diese Weise schädigt."

Das Blatt betont ferner, daß es den Anschein hat,

als ob diese neuerliche Streikbewegung, im Zusammens hange mit bem Kampf um den Berliner Magistrat und mit den augenblicklichen Auseinanderfegungen zwischen ben Unabhängigen und Kommas nisten, nicht ohne einen politischen Hintergrund ist. Es fcheint, als ob gewisse radikale Agitationszentren wieder einmal die Gelegenheit für gekommen erachten, um bie Atmosphäre für eine neue Welle der Unruhe zu schaffen. Wir möchten alle, die es angeht, bringend bavor warnen, fich zu unüberlegten Schritten verleiten zu lassen. Auf eine Sympathie der demokratisch gesinnten Kretse haben sie dabei nicht zu rechnen. Jeder neue Bersuch, daß politische und wirtschaftliche Leben Deutschlands zu ers füttern, würde auch nur allen reaktionären ben, fich als Retter bes Baterlandes" bes reit zu machen."

Alle Angaben über den Zusammenhang dieses Streiks mit der Frage Groß- Berlin find unwahr. Die Ur sachen und der Zweck dieses Streiks der Elektrizitäts­arbeiter sind rein wirtschaftlicher Art.

raschend gelommenen Einstellung der elektrischen Kraft und Sicht in Anmerkung der Redaktion: Jufolge der auch für uns ganz über die technische Fertigstellung unseres Blat.es berhindert worben. Bis furz nach 10 11hr hatten wir beibes, fobaß wir glauben durften, ins besondere, da andere Blätter bereits au wesentlich früherer Belt Mangel an Kraft und Licht hatten, baß wir von ihrer Einstellung nicht betroffen würden. Gegen 10%, Uhr aber versagte plöglich in urferem ganzen Gebäude das Licht und auch die Kraftzufuhr hörte auf. Wir waren daher nicht in der Sage, bas Blatt drucken zu Jaffen.

Die jenige Nummer fonnte baher nicht fu unserer eigenen Druderet bergestellt werden und enthält, tufolge der Unmöglichkeit, neue Wel dungen in größerer Zahl feßen zu laffen, im wesentlichen nur die etilstandes der Schinaschtuen founen auch nicht alle Druckfehler be bereits am Dienstag abend vorliegenden Nachrichten. Wegen des set igt werden.

Metallarbeiterstreit in Spanien. Die Metallarbeiter- Gewerf­schaft von Bilbao beschloß den Generalstreif. 35 000 Ar­beiter feiern, alle Fabriten und Metallschmelzen stehen still Es arbeiten nur die zur Instandhaltung der Hochöfen unentbehrlichen Arbeiter. Es herrscht Ruhe.

Wirtschaftsnot und Sozialismus

Die Geschäftsordnungsdebatte, die nach der Eröffnungsrede Graßmanns auf dem Betriebsrätetongreß einsekte, spitzte si zu auf die Forderung, zu allen Tagesordnungspuntien Rotteferenten zu stellen. Die Mehrheit des Kongresjes wehrt sich durch lebhafte Kundgebungen des Unwillens gegen diese Verzögerung und lehnt nach Annahme eines Antrages auf Schluß der Geschäftsordnungsdebatte den Antrag auf Einfügung von Korreferenten mit starter Mehrheit ab. Aber die Oppofitioh fämpft weiter. Sie forbert burd einen weiteren Antrag zur Geschäftsordnung, daß nur ge wählte Delegierte zur Diskussion auge laffen werden. Auch dieser Antrag wird mit über­wiegender Mehrheit abgelehnt. Die Opposition geht nu

,, den legten Weg", wie sich ihr Rebner ausbrüdt, und fordert

für den ersten, von der Opposition bestimmten Rebner eine Redezeit von einer halben Stunde. Diesen Borschlag hatte das Bureau bereits selbst gemacht und es soll so verfahren werben. Ein von der Kommunistischen Frattion" gestellter Antrag, die in Deutschland anwesende Abordnung zuſcher Gewerkschaften zum Kongreß einzuladen, wird ein­stimmig unter Beifall angenommen. Der Kongres forbert ferner durch Annahme eines weiteren Antrages die Ein­

reiseerlaubnis der noch im Hamburger Hafen fest gehaltenen russischen Gewerkschaftsdelegierten.

Wissell beginnt sein Referat, zu dem nun der Kongres tommt, mit der Bemerkung, er stehe nicht vor dem Kongres als Vertreter einer parteipolitischen Richtung. sondern er will nur Tatsächliches darstellen mit aller Objektivität, die dem einzelnen Betrachter gegeben ist. Mit pastoraler Feierlichkeit schildert er die Not in Küche, Kammer und Kohlenteller. Uns fehlt der Ueberschuß der verlorenen agrarischen Ostoebiete. Der Ertrag des Bodens ist starf ge­funfen. Die schlimme Lage bedingt Einführung von Lebensmitteln zur Defung des nackten Lebens in un gewöhnlichen Mengen. Auch die frasi enot der Industrie erfordert die Einfuhr großer Rohstoffmengen. Wissell schil­bert Einfuhr und eigene Förderung von Erzen vor dem Kriege in detaillierten Darlegungen und der Kongres folgt onfmerfiam feinen Rahlen. Kent find wir auch darin arm. Wir müssen das Erz vom Auslande beziehen und be: zahlen. Wir leben auf rebit und bezahlen mit Ar­beit, die noch nicht getan ist. Dohei sind die technischen Mittel der Industrie und die Arbeitsfräfte ruiniert durch den Krieg. Die deutsche Wirtschaft ist vollends zu fammengebrochen. Mit so gefchwächter Kraft follen mir arbeiten, um unser Leben zu fristen. Wir haben feinen Kredit im Auslande mehr, dafür aber große Verpflichtungen infolge des Friedensvertrages.

Ein grauses Bild, ein Bild der Not, der Armut und der Ohnmacht ist es, was Wissell vor dem Kongrek aufrollt. Wir brauchen mehr an Einfuhr als vor dem Kriege und fönnen nicht die Hälfte davon bezahlen oder auf Krebit beziehen, folgert der Referent. Darum müsse man sich fragen, ob die jest bestehende Wirtschaftsform geeignet sei, uns aus dieser Wüste herauszuführen. Der Kongres folgt gespannt und erwartet nun die Lösung. Wissell fritifiert bie planlose Einfuhr im lekten Jahre und findet, daß dieses planlose Kaufen der Grund für die hohen Preise ist. So wirkt die kapitalistische Wirtschaftsform, die nach dem Grundiak voller Freiheit der Spekulation arbeitet. Diese Spekulanten aber werfen dem Arbeiter die hohen Löhne vor. Dabei ist trok niedriger Löhne und billiger Rohstoffe -verglichen mit den Weltlöhnen und Weltmarktpreisen­die deutsche Wirtschaft nich tkonkurrenzfähig. Das kann nur an einem organischen Fehler in der Wirtschaft liegen. Ste muß planmäßig, nach gemeinwirtschaftlichen Grundsägen, geregelt werden. Die heutige Wirtschaft ist unfähig, die Probleme zu lösen, die der Krieg erzeugt hat." Rene Formen find nötig, die an zugeben der Rebner dem zweiten Referenten, überläßt.

Nur Arbeit fann uns retten", ein Wort, dem der Mr­beiter stets mi tMißtrauen gegenüberstand. Dieses Mig trauen wird heute gerechtfertigt dadurch, daß die Un­ternehmer rücksichtslos ihre Betriebe schließen und bamit die Produktion unmöglich machen. Das sprach Wissell gestern aus. Die Arbeiter aber werden nicht ver geffen haben, daß es seine politischen Freunde waren, die einft, als fie an der Regierunasgewelt onts scheidenden Anteil hatten, ienes demagogische Wort une in geschränkt zu ihrer Parole gemacht, die die Arbeiter selbst mit Gewalt in die Betriebe gezwungen haben zu einer Zeit, da die Arbeiterklasse noch machtvoll genug bastand, um das Unternehmertum auf andere gee n brängen.

Nach der Mittagspause verliest Losowsky zunächst einc Rede, in der er Wesen, Wollen und Aufbau der russischen