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Sonntag, 10. Oktober 1920
Nummer 428 Morgen- Ausgabe
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greiheit
Berliner Organ
der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Möglichkeiten der Internationale
Von Friedrich Adler( Wien).
Der Dampffessel einer Lokomotive ist explodiert. Die Teile der Maschine find auseinandergeschleudert worden. Ein etwas größerer Teil mit zwei Rädern und dem Plage des Maschinisten ist erhalten geblieben. Der Maschinist erklärt: Die Lokomotive besteht noch, mein Teil, auf dem ich mich befinde, das ist die Lokomotive". Inzwischen wurden einige der weggesprengten Teile zusammengefügt: zwei Räder, der Rauchfang und die Pfeife und ein neuer Maschinist erklärt uns: Jh habe nun auch eine Lokomotive!" Wir hören also von zwei Lokomotiven und sehen außerdem noch eine Reihe weggefprengter Teile, die zu feiner der beiden gerechnet merden. Es bestehen" zwei Lokomotiven, aber feine von ihnen tann fahren.
Das ist genau das Bild, das heute die Internationale wirkfich bietet. Es wird fortwährend von zwei Internationalen" gesprochen, aber die Wahrheit ist, es existiert gegenwärtig überhaupt teine Internatio: nale. Nur wenn man diese bittere Wahrheit vollständig erfaßt, fann man das Problem des Neuaufbaues der Internationale ernsthaft untersuchen.
In einem Punkte hat der Moskauer Rongreß erfreuliche Klarheit geschaffen. Er erklärt deutlich, daß die von ihm erstrebte dritte Internationale nichts anderes sein will als die straff organisierte, internationale Zusammenfassung der tommunistischen Parteien aller Länder. Die dritte Internationale soll also den Typus der Partei auf internationalem Gebiet repräsentieren.
Die zweite Internationale dagegen ließ alle sozialistischen Parteien, die auf dem Boden des Klassenkampfes stehen, also aus einem Lande auch mehrere Parteien, die sich in der Tattif unterschieden, zu. Sie stellte also gewissermaßen den Typus des Arbeiterrates auf internationalem Gebiet dar. Unter Arbeiterrat" verstehe ich dabei die Form der Institution, wie sie in Oesterreich besteht. In unferem Arbeiterrat sind alle sozialistischen Parteien vereinigt, die in der sozialistischen Gesellschaftsordnung das Ziel und im Klassenkampf das Mittel der Emanzipation des Proletariats ertennen. Es figen dort die Vertreter der sozialdemokrati fchen Partei mit den Vertretern der kommunistischen Partei zusammen, um über gemeinsame Probleme des ganzen Hlassenbewußten Proletariats zu beraten und zu beschließen.
Von der Partei zur Sekte
Eine Ohrfeige aus Moskau
DE. Mostau, 9. Oftober.
In einem Artifel Der Durchschnittskommunist", dessen Inhalt in der Moskauer Prawda" der Gefretär des Zentralfomitees ausdrücklich als persönliche Meinung bezeichnet wird, schildert der Russischen Kommunistischen Partei Preobraschensti aus Anlaß der Parteifonferenz die Zustände in der Partei.
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Die Einigkeit und die lameradschaftlichen Bande von 1917 and 1918 Find in der Partei nicht mehr zu finden. Die Parteidisziplin ist zwar gewachsen, aber sie beruht mehr auf äußerem Zwang. Das Parteileben erftirbt gerade in den breiten Massen der Par teigenoßen. Früher wußte der Durchschnittskommunist, daß auch er an der Bildung des Parteiwillens mitwirte; jekt hat er nur die Beschlüsse des Parteitomitees auszuführen. Der Grund für eine derartige Zentralisation liegt zwar in dem Todeskampf, den die Sowjetrepublik zu führen hat, allein man hat dabei das notwendige und zulässige Maß doch überschritten. Die Parteiarbeit ist mit Bureaukratismus durchtränkt, und diesem Uebel fann nicht von heute auf morgen abgeholfen wer den, da es auf den Mangel von Kräften zur Bewältigung der ungeheuren Parteiarbeit zurückzuführen ist. Der Durchschnitts tommunist steht den leitenden Parteimitgliedern auch seelisch fern. Das tommt daher, daß die leitenden Barteimitglieder wenig Interesse für die Schulung der Parteimassen an den Tag legen, aber auch der Unterschied in den Lebensbedingungen der beiben Gruppen, dem man zuerst wenig Bebeutung beimag trägt sehr dazu bei, und bringt mit der Zeit auch einen Unter schieb in der geistigen Verfassung mit sich.
Was die Maffen am meisten der Partei entfremdet, ist, daß die Partet von streberischen und gewinnsüchtigen Elementen durchsegt wird, die ihr innerlich fernstehen. Wegen Mangels an Arbeitskräften mußte man sich mit derartigen Persönlichkeiten abfinden, aber wenn man nun zwischen ihnen und den Arbeitern zu wählen hat, fo find uns die Arbeiter lieber. Aber selbst bei einer, glüdlicherweise bisher geringen Anzahl alter Kommunisten
So ist der Arbeiterrat in Desterreich gewissermaßen ein Barwältigende Mehrheit der Arbeiterklasse in Desterreich far, lament der Arbeitert lasje geworden. Der Ar: beiterrat fann nicht die Partei erlegen, aber er hat sich als große Förderung der Einheit der Aktion des Proletariats er wiesen, daß die proletarischen Parteien im Arbeiterrat ihre abweichenden Standpunkte mit den Waffen des Geistes ver treten fönnen, und in entscheidenden Situationen die durch
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der proletarische Geist im Schwinden begriffen. Wenn man bei seiner Tagesarbeit und in seinem Privatleben nicht mehr mit den Arbeitern, sondern nur mit dem Bürgertum und den bürgerlichen Intellektuellen verkehrt, so darf man, wenn man Margift bleiben will, nicht bestreiten, daß dies auf die Dauer seine Fol gen haben muß. Die leitenden Parteimitglieder müssen einmal im Jahr für einen bis anderthalb Monate der Handarbeit als gemeine Arbeiter zugeführt oder im Falle von förperlicher Schwäche mindestens in die Provinz geschickt werden. Die ge schilderten Zustände haben dazu geführt, daß zahlreiche Arbeiter, bie fich während der großen Werbewoche bereits zum Beitritt ge meldet hatten, schließlich der allgemeinen Parteiregistration doch ferngeblieben find.
Diese Auslassungen aus berufenem Munde find eine glänzende Rechtfertigung unserer Saltung. Sie zeigen uns, daß die Kommunistische Partei Rußlands, durch die straffe Zentralisation und den äußeren 3wang zur Disziplin, bereits zu einer Sette geworden ist, von der fich die Massen a bwenden, weil jeder proletarische Geist in ihr erstift wird durch den Bureaukratismus und die Be fehle von oben, an deren bedingungslosen Ausführung die Mitglieder gebunden sind. Was sich in Rußland als schwerer Fehler herausgestellt hat, das will man jetz den westeuropäischen Ländern aufzwingen! Die Pleite würde hier aber viel schneller kommen, da das westeuropäische Pros letariat geistig viel zu beweglich und politisch viel zu selbs ständig ist, als daß es sich auf die Dauer einer Führerdiktatur unterwerfen würde. Das Moskauer Bekenntnis fommt also gerade zur rechten Zeit. Wer die westeuropäische Arbeiter schaft vor der geistigen Verflachung und dem Geftierer tum bewahren will, der muß die Moskauer Bedingungen grundsäglich ablehnen. Zum Experimentieren ist in Westeuropa feine Zeit! Das Proletariat muß seine Reihen schließen und zur Mitverantwortung herangezogen werden, die es aber nur iragen fann, wenn es das Recht hat, mit zubestimmen.
muß aus der Anpassung der sozialistischen Par. die Energie und den Opfermut der russischen Revolutionäre, teten aller 2änder aneinander. Wir bewundern
daß sie nicht den Weg gehen kann, den die Partei Deutsch- Desterreichs bisher gegangen ist und weiter daß sie nicht den Weg gehen kann, den die fommunistische gehen will. Die Kommunisten in Desterreich folgen militärautomatisch dem Diktat von Moskau, ebenso wie sie durch folgt ind. Die sozialdemokratisch geschulten Arbeiter glau- vorragender Personen oder Gruppen of tropiert, he fann viele verhängnisvolle Monate dem Dittat von Budapest geben nicht, daß eine Dittatur innerhalb der Inter nationale auf die Dauer erfolgreich sein fann, so wün
die Mehrheit des flassenbewußten Proletariats beschlossene Tattit für alle maßgebend wird. Der Arbeiterrat hat in Defterreich die Einheit der Attion des Proletariats in hohem Maße gefördert. Allerdings fonnte er dies nur, in- schenswert eine Steigerung der Schlagkraft des Gesamtprole: dem er sich beschränkte, von den einzelnen Barteien nichts Unmögliches verlangte, sondern in gewissen Fällen entschied, daß nicht der Arbeiterrat, sondern die sozialdemokratische und tommunistische Partei, jede für sich selbständig Beschluß fallen möge.
Und so entsteht nun für uns die Frage: Soll die neue Internationale den Typus der Partei oder den Typus des Arbeiterrates repräsentieren? Jede Lösung hat Partei ermöglicht in viel weiteren Bereichen die Einheit ihre Vorteile, jebe Lösung hat ihre Nachteile. Der Typus der der Aktion, aber er begrenzt damit notwendig den u m= fang der Organisation in entscheidender Weise. Der Arbeiterratstypus beschränkt die Wirkungsmöglichkeiten der Internationale in erheblichem Maße, aber er ermöglicht es, die Proletariermassen aller Länder zu vereinigen. Eine Internationale, die nach dem Typus der Partei begründet ist, wird in den meisten Ländern auf eine fleine Gefte beschränkt sein. Der Arbeiterratstypus ermöglicht in jedem Lande die Angliederung der proletarischen Massenparteien, ermöglicht die Angliederung auch in Ländern, die das Unglüd haben, eine gespaltene Arbeiterbewegung zu besitzen. Die britte Internationale ist und will nichts anderes fein als eine organisatorische Zusammenfassung der fommunistifchen Parteien aller Länder. Und daher rechtfertigt sich der Standpunkt, den ich gegenüber unflareren Parteigenossen stets vertreten habe: Wenn ich mich zur britten Internationale bekennen würde, bann würde ich mich vor allem zuerst zur kommunistischen Partei Deutsch- Desterreichs bekennen. Denn es erscheint mir als eine Unaufrichtigkeit, in meinem Lande die Taktik der kommunistischen Partei als ein Unglück für die Arbeiterklasse zu bekämpfen, aber auf internationalem Gebiet mich einer Bentralorganisation fommu: nistischer Parteien anzuschließen. Der Moskauer Kongreß hat erfreulicherweise die Möglichkeit solcher 3weideutigkeiten beseitigt. Die Frage heißt nun nicht mehr: Wollt Ihr Euch der britten Internationale anschließen?", sondern: Wollt Ihr in die tommunistische Partei Eures Landes eintreten?" Richt in der nebelhaften Form des Wunsches nach internationaler Solidarität ist das Problem gestellt, sondern in der tonkreten Form nach der unmittelbar notwendigen Taftif des Proletariats in eigenem Lande. Und da ist es fie die über
tariats auch ist. Bei der Kompliziertheit der ökonomischen bestimmen, gibt es niemanden und politischen Bedingungen, die die Tattif der Arbeiterklasse und sei er der genialste Kopf, der die Möglichkeit befizen würde, diese Bedingun gen für ein anderes Land vollständig zu erfassen. Ich wenigstens muß bekennen, daß, wenn ich sehe, wie es mir tif in Desterreich von Tag zu Tag zu erfassen, ich mir feinen nur mit Mühe und Rot gelingt, die Notwendigkeiten der TafMann von wirklichem Berantwortlichkeitsgefühl vorstellen wegung zu dirigieren. fann, der die Möglichkeit hätte, vom Ausland her unsere Be
aber wir fönnen nicht darauf verzichten, in die Internation nale einzutreten als Gleiche unter Gleichen. Die neue Internationale fann nicht von einzelnen noch so her nur durch die Gesamtheit des klassenbewußten Proletariats erarbeitet werden. Wir wünschen die möglichste Steigerung der Einheitlichkeit und Geschlossenheit der Organisation und Attion des Weltproletariats, aber der Weg zu dieſem 3iele, den die dritte Internationale eingeschlagen hat, fön nen wir nicht akzeptieren, ohne gegen unser sozialistisches Ge wissen zu handeln. Denn eine Zentralisation, wie sie der Moskauer Kongreß wünscht, tann nach unserer Meinang mer das Ergebnis und nicht die Vorbedingung der in ternationalen Organisation der Arbeiterklasse sein.
italienischen Partei, die bei weitem teine einheitlich fommu Man stand in Moskau am Scheidewege. Die Aufnahme der nistische ist, fonnte bedeuten, daß sich die dritte Internation
nale vom Parteitypus zum Arbeiterratstypus entwideln Gesamtproletariats werde, das heißt auch Parteien aufneh werde, tonnte bedeuten, daß sie zu einer Internationale des men wolle, die in der bolfchemistischen Geschichtsperspektive nicht die einzige Möglichkeit der Weltrevolution sehen. Man hat anders entschieden, man hat sich streng zum Partei
Einschränkung der Autonomie der Parteien der Jeder Beschluß, den die Internationale faßt, bedeutet eine einzelnen Länder. Denn soll die Internationale nicht bloß ein Wort, sondern Wirklichkeit sein, so darf die Autonomie bestehen, der durch die Beschlüsse der Internationale offen pus bekannt. Das bedeutet beinahe für jede Partei, der einzelnen Parteien nur innerhalb des Rahmens bleibt. Und daher sind die Beschlüsse der Internationale eine Lebensfrage nicht nur für sie selbst, sondern für jede einzelne und tonsequenterweise ist an das italienische Proletariet Bartei, die ihr angeschlossen ist. Denn einer internationalen fchon ber Auftrag ergangen, die Partei zu säubern". Und so organisation beitreten, ohne den ernſten Willen, ihre Be ist die Möglichkeit beseitigt, daß die dritte Internationale der alles barauf an, inwieweit es der Internationale gelingt, bie fönnte, benn nach unserer festen Ueberzeugung kann die Inschlüsse anzuerkennen, ist bloß eine Farce. Und daher kommt Ausgangspunkt für den Aufbau der Internationale werden Notwendigkeiten der Geschlossenheit der 3nter- ternationale nur Wirklichkeit werden, wenn der Aufbau vom nationale mit den Rotwendigkeiten der Altions. Typus des Arbeiter rates ausgeht. fähigkeit der angeschlossenen Parteien in Einklang zu bringen. Für die mögliche Lösung dieses schweren Problems ist von entscheidender Wichtigkeit, wie die Beschlüsse der Internationale entstehen, ob sie barstellen das Arbeitsprodukt des flaffenbewußten Weltprole tariats oder aber bloß das Dittat einer Gruppe. Denn auch der Sozialist, der die Diftatur des Proletariats über die Bourgeoisie in der entscheidenden Phase der sozia: len Revolution für unausweichlich hält, muß anerkennen, daß es innerhalb bes flaffenbewußten Proleta: riats feine Dittatur, sondern nur bemokratische Gleichberechtigung geben fann.
Wir sind der Meinung, daß der Neuaufbau der Internationale nicht durch das Diftat einer einzelnen Gruppe und noch dazu einer, die sich in einer ganz besonders schwie rigen taftischen Situation befindet rigen taftischen Situation befindet- erfolgen tann, sondern, bak die gemeinsame Aftion der Internationale hervorgehen
Internationale nicht einfach weitergeführt werden?& art Und so entsteht nun die Frage: Warum konnte die zweite Kautsty stellt sich in seiner jüngsten Bublitation auf den Standpunti, daß der einzig zwedentsprechende Weg des Neuaufbaues auf dem Boden der zweiten Internationale gegeben sei. Er übersieht einige wesentliche historische und psycholo gische Gesichtspunkte. Die zweite Internationale it im Kriege augrunde gegangen. Nicht etwa deshalb, weil sie den Arbeiterratstypus vertörperte, sondern wegen der Politik, die die einzelnen Parteien im Kriege machten. Der Sozialpatriotismus hat im Kriege Schiffbruch erlitten, aber die durch den Krieg tompromitierten Parteien hatten bei der Berner Konferenz im März 1919 noch die volle Mehrheit in der Internationale. Mit biefer fompromittierten Mehrheit war an den unmittelbaren Neuaufbau nicht zu denken, ste fompromittierten nicht nur sich, sondern auch die Internatio nale, in der sie den Ton angaben. Der Wandlungsprozes