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3. Jahrgang

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Montag, 11. Oktober 1920

Nummer 429

Abend- Ausgabe

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greiheis

Berliner Organ

ber Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Der Parteitag in Salle Die Schweiz und die dritte Internationale

auf es her, daß in Salle der erfte Parteitag der deutschen Sozialdemokratie nach bem Fall des Sozialistengesetzes stattfand. Zwölf Jahre lang hatte die Partei ein unterirdisches Leben führen müssen. Nun fonnte sie ihr Banner wieder frei entfalten und die Blide Deutschlands, der ganzen Welt waren auf die Tagung von Halle gerichtet. Unter der Herrschaft des Schandgesetzes war es zu scharfen Auseinandersetzungen in verschiedenen Orten, besonders in Berlin gefommen, die kurz vor dem Parteitag ihren Höhepunkt erreicht hatten. Es handelte sich bei diesen Fragen wie gewöhnlich weniger um grundsätzliche Differen zen als um Fragen der Taftit. Die Reichstagsfraktion und ber Parteivorstand hatten wiederholt, ohne vorher sich mit der Masse der Parteigenossen in Verbindung setzen zu fönnen, Sandlungen unternehmen müssen, die später heftig fritifiert wurden. Und nun glaubte das Bürgertum, der erste Parteis tag ber deutschen Sozialdemokratie werde den offenen Kon­flift herbeiführen, werde die scheinbare innere Spaltung der Bartei zu einer offenen machen. Auf diese Borgänge bezog fich Wilhelm Liebknecht, als er bei Eröffnung des Parteitages die Delegierten ermahnte, sich der Bedeutung des Moments und ihrer Berantwortlichkeit bewußt zu sein: Sie werden die Hoffnungen des arbeitenden Boltes aller Länder nicht täuschen; auf der anderen Seite aber werden Sie auch die Soffnungen derjenigen zuschanden machen, welche da wähnen, bie Sozialdemokratie, bie von ihren Feinden nicht befiegt werden konnte, werde sich selbst durch inneren 3 miespalt bestegen."

Liebknechts Erwartungen haben fich erfüllt. Die Ausein anderlegungen endeten mit der vollkommenen Niederlage der Jungen", die Partei stand nach diesem Parteitag und dem folgenden von Erfurt stärker da denn je, bald war die Ber wirrung jener Zeit völlig überwunden. Mit Wehmut liest man heute diese Morte von Wilhelm Liebknecht. Das Halle von 1890 fah, wie die deutsche Sozialdemokratie fich nach den Jahren der Unterdrüdung sammelte, wie sie ihre Reihen neu formierte, um sie geschlossen gegen die Feinde der Arbeiter tlaffe zu führen. Nun soll Halle zum Beugen deffen werden, mie die Erbin der alten Sozialdemokratie, die Unab hängige Sozialdemokratie, zerslagen wird! Denn darüber barf man fich feinen Täuschungen mehr hingeben; die Minierarbeit der K. P. D. ift so weit ge­diehen, daß die verkappten Kommunisten in unseren Reihen offen die Bertrümmerung der Partei anstreben. Dem Partei­tag wird nichts anderes übrig bleiben als diese Tatsache an zuerkennen und die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Die wichtigste Tatsache ist: wer bie Bebingungen Don Moskau anettennt, bet jeibet aus der Unabhängigen Sozialbemotratie aus und muß beider kommunistischen Parteium Auf­nahme nachsuchen. Darüber fann es gar feinen 3wei­fel geben. Dieser Tatsache trägt denn auch die von Däu mig und Stöder für den Parteitag vorbereitete Reso­Infion Rechnung, indem sie die Zentralleitung beauftragen will, den Anschluß unserer Partei bei der Erefutive zu voll­ziehen und sie um die Einleitung von Verhand Lungen zur Schaffung einer einheitlichen deutschen Sektion der Kommunistischen Internationale zu ersuchen". Diese Formulierung bedeutet insofern eine Verschleierung, als sie von Verhandlungen" mit der Erefutive spricht. In Wirt­lichkeit gibt es nach Annahme der Bedingungen feine Ber­handlungen, Jondern glatten Anschluß an die Kommunistische Partei, die sich bereits als deutsche Geftion der dritten Internationale etabliert hat.

Bielleicht wird die Unabhängige Sozialdemokratie durch diese Reinigung eine vorübergehende zahlenmäßige Schwächung erfahren; innerlich wird sie aus diesem Prozeß geläutert und gestärkt hervorgehen und erst recht zur Maffenpartei des deutschen, des revolutionären Prole. tariats werden. Denn darin haben die Befürworter der Mostauer Bedingungen recht, daß die Unabhängige Sozial demokratie bisher nicht recht attionsfähig war. Unsere Par­tei konnte die ihr von der Geschichte vorgeschriebenen Auf­gaben deshalb nicht erfüllen, weil sie bisher den Einflüssen der tommunistischen Elemente, mehr als es gut war, nachgab und den Weg, den ihr die ökonomische und historische Einsicht diftierte, nicht immer mit der nötigen Konsequenz und Energie verfolgte. Diesen Weg freizumachen und den Boden Borzubereiten, auf dem wir, gestützt auf das Leipziger Aftionsprogramm, unsere Arbeit fortführen tönnen, das muß die Aufgabe des Halleschen Parteitages

werden.

Man muß sich an die Geschichte der Unabhängigen Sozial­demokratie erinnern, wenn man verstehen will, weshalb es zu den jezigen Auseinandersetzungen fam. Unsere Partei ist entstanden aus der Opposition gegen die Kriegspolitik der alten sozialdemokratischen Instanzen; es schlossen sich ihr aber auch sehr viele Elemente an, die aus pazifistischen, anarchisti­schen oder syndikalistischen Reigungen nach einem Boden für ihre Bestrebungen suchten. In Massen tamen ferner jene Leute zu uns, die der organisatorisch- sozialistischen Schulung gänzlich entbehrten, die einfach mit den Verhältnissen unzu­frieden waren und die unter Aktion" nur das Schreien auf

Ablehnung der Bedingungen durch das Zentralkomitee

( Eigene Drahtmeldungen der Freiheit.) Bern, 10. Oftober, 12 Uhr nachts. Das Zentralfomitee ber Schweizer sozialiki. Ihen Bartel war Sonnabend und Sonntag in Olten unter bem Vorfige des Genossen Reinhard aus Bern versammelt. nach drei Sigungen und langen Distuffionen lagen brei Resolu tionen über die 21 Moskauer Bedingungen vor. Die erste vom Genossen Welti aus Basel forberte den Eintritt in die Mostaner Internationale und bebingungslose unahme der 21 Punkte. Sie wurde mit 47 gegen 12 Stim men abgelehnt.

Die zweite Resolution, vom Genossen Schneider, bem früheren Rebatteur des Basler Vorwärts", forbert: den priu. zipiellen Beitritt zur britten Mostaner Jnternationale gu erflären, bie 21 Bebingungen nicht anzunehmen und bie Wahl eines Romitees zur Berhandlung mit Moskau megen neuer Bedingungen. Sie wurde mit 48 gegen 8 Stimmen abgelehnt.

Die dritte Resolution, die der Wiederhersteller", vorgelegt von Robert Grimm, vertreten durch Paul Graber, wurde mit 40 gegen 18 Stimmen angenommen. Die Ta gung endete mit einem Sieg der Richtung Grimm. Grabez.

offenem Markte verstehen. Sie sahen, wie das Elend, der Drud, die Not, immer mehr wuchsen, wie der einzelne und die Gesamtheit unter den Folgen des Krieges fast zusammen­brechen, fie beobachteten, wie das Kapital seine Gewinne ins Ungemessene steigerte, wogegen das Proletariat in eine immer größer werdende Verelendung hineingeriet. Und so fonnten fie leicht dem Glauben anheimfallen, daß es die Schuld ein zelner Führer sei, des rechten Flügels", die den raditalen Bruch mit der Gegenwart und die Schaffung einer glüd­licheren Zukunft verhinderten.

Bern, 10. Oftober.

Der Bartelvorstand der Sozialdemokratischen Bartel der Schwetz hat mit 40 gegen 18 Stimmen folgendem Antrag Grimm, zu Hän ben bes Parteitages zugestimmt:

Der Parteivorstand hebt seinen Beschluß vom April 1920 betreffend den Beitritt zur dritten Internationale auf. Dez Parteivorstand beantragt für den außerordentlichen Parteitag: 1. Die 21 Bedingungen für die Aufnahme in die Kommunist sche Internationale werden, weil unerfüllbar, abgelehnt. 2. Geschäftsleitung und Barteivorstand werden beauftragt, mit jenen Parteien des Auslandes, die sich der Kommunistischen Internationale anzuschließen wünschen, sich aber mit den 21 Be dingungen nicht einverstanden erflären fönnen, in Verbindung zu treten, um gemeinsam mit diesen Parteien eine Revision bez Aufnahmebedingungen zu erstreben, die ben internationalen Zusammenschluß der revolutionären Arbeiter parteien ermöglicht.

Dieser Beschluß ist der Urabimmung zu unterbretten. Die Minderheit von 18 Stimmen teilt fich in zwei weitere Auf träge, wovon der eine mit 47 gegen 12 Stimmen abgelehnt wurde, der den Beitritt zur dritten Internationale auf Grund der 21 Bes bingungen vollziehen wollte, während ein Antrag Schneider- Basel mit 49 gegen 8 Stimmen verworfen wurde, der den Beitritt nut grundsätzlich bei gleichzeitiger Anbahnung neuer Verhandlungen mit Moskau beschließen wollte. Der Parteitag findet am 12. Des zember in Bern statt.

und

bliden sollen, täglich zehn neue Losungen herauszuschmet tern, von denen sich zur Zeit auch nicht eine erfüllen läßt, oder ob wir weniger an Losungsworte, als vielmehr daran denken sollen, wie wir unsere sozialistischen Grundfäge auf dem Boden der realen Verhältnisse verwirt lichen fönnen. Es handelt sich also heute wiederum um den zwischen Anarchismus Gegensaz Margismus, den die deutsche Arbeiterklasse schon vor fünf Jahrzehnten überwunden zu haben glaubte. Was sich bie Gläubigen von Moskau unter dem schönen Titel Revo lutionärer Marxismus" vorstellen, ist nichts anderes als der das Kindheitsalter der Arbeiterbewegung beeinflußt hat und Rüdfall in jene fleinbürgerlich- anarchistische Denkweise, die heute noch das Kennzeichen des proletarischen Kampfes in den wirtschaftlich rückständigen Ländern ift.

So erklärt es sich, daß unter sozialistischer und kommu­nistischer Verkleidung putschistische Ideen in die Reihen dieser Kurzsichtigen und Kleingläubigen Eingang finden fonnten. Die materialistische Geschichtsauffassung, ble Grundlage jeber sozialistischen Arbeit, lehrt uns, daß die wirtschaftlichen Ver­hältnisse den Bau und die Entwicklung des Gesellschafts- Der erste Hallische Parteitag der alten Sozialdemokratie förpers bestimmen, und daß auch die weitere Entwidlung der hat die Loslösung von den Jungen" eingeleitet, und damit sozialen Revolution von ihnen abhängig ist. Die Hengstlichen fonnte die Partei sich von den letzten Eierschalen befreien, die und Unzufriedenen unter uns aber meinten, man fönne bie ihr aus der bisherigen Entwidlung noch anhafteten. Der Revolution dadurch vorwärtstreiben, daß man die Gesetze der erste Hallische Parteitag der Unabhängigen Sozialdemokratie wirtschaftlichen Entwicklung und die Tatsachen des politischen wird auch für uns eine neue Entwicklung einleiten. Jetzt Lebens mißachtet, daß es genüge, täglich neue ,, Parolen" aus fann es fein Bertuschen mehr geben. So sehr wir die Ein zugeben, um den Kampf des Proletariats seinem fiegreichen heit bes Proletariats, die Wiedervereinigung der Ende zuzuführen. Sie glaubten, es fame nur auf die rich Arbeiterklasse in einer mächtigen revolutionären Partei her tigen" Führer und auf die richtige" Taktik an, damit der beisehnen, so kann sich dieser Prozeß erst vollziehen, wenn der Sozialismus schon morgen verwirklicht werden fönne. Daß 3ersegung und Zerstörung der Partei durch die anarchistischen die Taktik von den jeweiligen wirtschaftlichen und politischen und syndikalistischen Elemente Einhalt getan ist. Die prole Verhältnissen abhängt, daß die Kampfesformen einer sozia- tarische Einigung kann nur auf der Grundlage des revo listischen Partei nicht von ihren Führern, sondern von der lutionären Klassentampfes, dem Mutterboden Zusammensetzung des Parteiförpers und dem Stande des ges der Arbeiterbewegung, erfolgen. Aber ebensowenig, wie man sich eine organisatorische Vereinigung mit den klein sellschaftlichen Lebens bestimmt werden, das hatten sie noch nicht begriffen. Je geringer aber die Aussichten wurden, die bürgerlich- demokratischen Elementen ber Rechtssozialisten Moskauer Schablonen vom Terror und vom Bürgerkrieg und Mostauer Schablonen vom Terror und vom Bürgerkrieg und vorstellen tann, ebensowenig ist eine gemeinsame Organi von der proletarischen Dittatur auf das politische Lebensation mit den fleinbürgerlich- anarchistischen Elementen mög Deutschlands anzuwenden, desto eifriger horchten diese Schich- lich, die jetzt in fommunistischer Verkleidung auftreten. Die ten auf die Losungen", die von kommunistischer Seite her Wiedervereinigung des Proletariats wird fommen, weil erdröhnten. Es ging ihnen so, wie es der Dichter schilderte: ohne sie die Eroberung und die Erhaltung der politischen Wenn die Kinder sind im Dunkeln, fingen fie ein lautes Macht, die Verwirklichung des Sozialismus nicht möglich ist Lied". Oder auch, wie es zwar fein Dichter im Hauptberuf, Sie muß fommen, weil unsere ganze wirtschaftliche und polt aber immerhin unser Friedrich Engels in einem Briefe tische Entwicklung, weil die Sehnsucht der ganzen Arbeiter an Karl Marg ausgedrückt hat: Die Schredens herr flasse dahin drängt. Aber vorher wird es notwendig fein schaft ist die Herrschaft von Leuten, die selbst daß die Arbeiterbewegung sich von allen Krankheitsstoffen befreit, die sie in den vergangenen Jahren des Krieges, des erschroden sind". wirtschaftlichen, des politischen und des tulturellen Verfalls in sich aufgenommen hat.

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Die Rote Fahne" hat vor einigen Tagen den Leuten vom linken Flügel" zum Vorwurf gemacht, daß sie den 3er törungstampf in der U. 6. P. D. nicht in der richtigen Weise führten. Sie stritten sich zu sehr um die Organisationsform, während es doch darauf ankomme, den Unterschied zwischen den fommunistischen und sozialistischen Auffassungen darzu­stellen. Es sei nebensächlich, in welcher Form unsere Partei weitereriſtiere; die Hauptsache sei, daß sie fünftig an jedem Tage und zu jeder Stunde zeige, daß sie sich den 21 Bebin­gungen und 91 Thesen der Mostauer Diftatoren unter­worfen habe. Hernach erst könnte sie für würdig befunden werden, in die heilige fommunistische Kirche aufgenommen zu werden. Das Blatt hat nicht so unrecht. Es kommt in der Tat auf die Unterscheidung zwischen revolutionär- sozia­listischer und kommunistisch- anarchistischer Politit an. Es handelt sich um die Frage, ob wir unsere Aufgabe darin er

Und so wird der Hallische Parteitag der Unabhängigen Sozialdemokratie eine wichtige, eine ungeheuere Aufgabe zu erfüllen haben. Die Klugrebner von rechts wie die Toren von links werden sich in der Annahme täuschen, daß die Unabhängige Sozialdemokratie schon zerschmettert am Boden liege, nicht durch einen äußeren Feind niedergeworfen, fon dern durch inneren 3wiespalt besiegt. Unsere Partei hat die Aufgabe, die ihr von der Geschichte zugeschrieben ist, noch zu erfüllen: Die Massen des Proletariats au fami

meln für den revolutionären Kampf um di Verwirklichung des Sozialismus. Und sie wirk diese Aufgabe erfüllen, nachdem sie die Reinigung von der fleinbürgerlich- anarchistischen Elementen, die sich der link Flügel" nennen, vollzogen hat. Wir müssen durch das Elent