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Mittwoch 13. Oktober 1920

Nummer 432

Morgen- Ausgabe

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Berliner Organ

ber Unabhängigen Sozialdemokratie Dentfiblands

Der Gewaltstreich gegen Litauen

Die Rolle Frankreichs

London, 12. Oktober. Der Sonberberichterstatter des Manchester Guardian" in Riga meldet zur Einnahme Wilnas durch die Polen, die Lage in Litauen überschatte augenblidlich alle Ereignisse in Europa. Der Gedanke eines polnischen Korridors durch

Weißrußland, der ohne den Besitz Wilnas undurchführbar sei, stamme von Frankreich. Auch sei der Angriff auf Wilna von

Frankreich inspiriert. Frankreich tommandiere so

wohl an der Ostsee als auch in Südrußland. Es habe feinen Sinn, sich diesen Tatsachen zu verschließen. Der Be richterstatter fragt, ob die britische Regierung sich mit dem Korridorplan einverstanden erklärt oder dagegen Einspruch er­hoben habe.

Der Manchester Guardian" trifft durchaus das richtige. Die ganze Saltung Polens wird erst verständlich durch die Unterstügung, welche ihm Frankreich gewährt. Daß Frank reich seine Hände auch bei der Besehung Wilnas im Spiele gehabt hat, tann als feststehende Tatsache gelten. Die Ziele ber französisch- polnischen Imperialisten sind mit der Be­fegung Wilnas noch feineswegs erschöpft. Das weiter ge­Stedte Ziel ist die Bildung eines Korridors nach der Ostsee. Rußland soll von Deutschland völlig abgeriegelt werden. Die Friedensvorschläge, die in Riga gemacht worden sind und denen sich Rußland, dem Zwang der Ver­hältnisse gehorchend, unterwerfen will, schneiden bereits Rußland von einer Verbindung mit Litauen und damit von der Möglichkeit ab, durch dieses Land einen direkten Han­delsweg mit Deutschland herzustellen. Wenn auch die selb= ständigen Randstaaten durchaus den Wünschen der Entente­imperialisten entsprechen, so gelten ihnen diese Randstaaten doch noch nicht als der zuverlässige Schutzwall, den sie gegen Rußland brauchen. Ein wehrloses Litauen unter der Obers hoheit Polens stehend und mit einem Zugang nach der Ost­see: das erste würde die Vorherrschaft der Polen an der russischen Westgrenze sicherstellen und auch den französischen Imperialisten jene Operationsbasis verschaffen, die ihnen zur Durchführung ihrer Pläne erwünscht erscheint.

Note an Polen statt, in der Marschau der Rat erteilt wird, sich gemäßigt(?) mit Rüdsicht auf Wilna zu benehmen.

Angriff auf Armenien

HN. London, 12. Oktober.

Daily Mail" erfährt aus Ronstantinopel: bie russischen Aufkändischen und ein russisch- tatarisch- bolschewistisches Heer unter Führung von Nury Ben, dem Bruder Enver Paschas, hat an fünf Stellen Armenien angegriffen. Die Ar menier halten bis jetzt stand, obwohl die Angreifer ihnen über legen sind. Die armenische Regierung hat Mustafa Kemal den Krieg erklärt. Georgien zieht Truppen zusammen, um Batum zu verteidigen.

Der Streik in Sachsen

Beim Telegraphenamt in Chemnitz muß seit 10. Oftober vom Eintritt der Dunkelheit an bis 6 Uhr morgens der Telegraphen und Fernsprechbetrieb infolge Mangels an elektrischem Strom und Gas ruhen, weil wegen Streits der dortigen Gemeindearbei­ter bie Elektrizitäts- und Gaswerte ihren Betrieb eingestellt haben. Wegen des Ausstandes der städtischen Arbeiter in Chemnitz sind die Aerzte und Zahnärzte in den Abwehr­streit getreten. Auch die Arbeiter der städtischen Gaswerke und des städtischen Elektrizitätswertes Auch die Arbeiter der städtischen Gaswerte Dienstag früh in den Ausstand getreten. und des städtischen Elektrizitätswertes in Plauen sind

Der Streit der Aerzte ist ein so verwerfliches Unter nehmen, daß es nicht scharf genug. verurteilt werden tann. Man kann über die 3 medmäßigkeit eines Streits in den Wasserwerten gewiß geteilter Meinung sein und auch die Arbeiterschaft stimmt in der Beurteilung dieser Frage nicht über­ein. Aber über das Recht auch dieser Arbeiterkategorien zum Streit darf tein 3 weifel bestehen. Wieweit von diesem Recht wie gesagt aus 3wedmäßigteitserwägungen Ge= brauch gemacht werden soll, das fann allein in Verhand Iungen von Fall zu Fall mit den zuständigen Gewert

Es bleibt nun abzuwarten, welche Stellung der Völschaften entschieden werden. Eine Abwehr" durch einen ferbund, der die Unabhängigkeit Litauens gewährleistet hat, zu dem Gewaltstreich der Bolen einnehmen wird.

Eine Note an Polen

SN. Paris, 12. Oktober.

Echo de Paris" meldet: 3wischen London und Paris findet ein Gedankenaustausch über die Entsendung einer gemeinschaftlichen

Der erste Tag des Parteitages

( Eigene Drahtmeldung der Freiheit".)

Salle, 12. Oktober. Durch den Saal zieht sich ein breiter Gang, der die Size in zwei Hälften teilt. Dieser Gang ist dann Sinn­bilb dieses Parteitages. Es sind zwei Parteien, die hier zufammengekommen sind, zwei Parteien, die ihre Be= lüffeihongefaßt haben, bevor sie noch den Saal betreten haben. Die Entscheidung des Parteitags soll erst bei der Frage der Internationale fallen und deshalb han­

delt es sich bisher nur um Vorpostengefechte, die mit ver haltener Kraft geführt werden.

Die erste Machtprobe wurde bei der Feststellung der Tagesordnung angestellt. Die Abstimmung ergab eine Mehr­heit dafür, daß zuerst der Geschäftsbericht des Parteivor­standes und dann die Frage der Internationale behandelt werden soll. Vergeblich wiesen einige Genossen darauf hin, daß es sich doch um einen außerordentlichen Pars teitag handelt, dessen Kernst id die Internationale sei, und daß von der Beantwortung dieser Frage das fünftige Schicksal der Partei abhänge. Alle Vernunftgründe scheiter­ten an der Wand der tompatten Majorität. Aber diese Mehrheit fonnte ihrer vorher festgelegten Entscheidung nicht froh werden. Es wurde festgestellt, daß eine erheb liche Anzahl von Stimmen mehr abgegeben worben waren, als Delegierte überhaupt anwesend fein konnten. So mußte schließlich auf Vorschlag des Vorsitzenden Dittmann der ganze Parteitag einer Berständigung zustimmen, ohne daß auf beson­deren Beschluß die Tagesordnung nach den Wünschen der Mehrheit festgesetzt wurde.

Genoffin 3ie 3, die bis zur Mittagspause den Geschäfts­bericht der Parteileitung gab, wurde mit Ruhe angehört. Sie schilderte erst die Berhandlungen, die mit den revolutionären sozialistischen Parteien der anderen Länder geführt wurden, und wies die Angriffe zurüd, die Don Moskau aus gegen die U. S. P. gerichtet worden find. Dann schilderte sie die organisatorische und

Aerzte streit ist daher völlig unsinnig.

Eine neue Meldung besagt übrigens, daß die streitenden Ar­beiter in Chemnih sich nach Berhandlungen bereit erklärt haben, den Strom für das Wasserwert als Nots

standsarbeit zu liefern. Trotzdem beharren die Aerzte im Abwehrstreit", ein heller Wahnsinn und eine geradezu verantwortungslose Handlungsweise.

agitatorische Tätigkeit, die Kassenführung und die andere Tätigkeit, die von der Zentralleitung geleistet worden ist. Man mag wünschen, daß die Parteileitung mehr geleistet hätte, man fann der Meinung sein, daß insbesondere bei wichtigen Anlässen größere Attivität hätte ge­zeigt werden müssen. Aber immerhin findet man in dem Bericht doch eine gewaltige Summe von Arbeit wieder, die in der Berichtszeit ausgeführt worden ist, und wenn man jetzt die beiden Lager übersieht, in die sich der Parteitag spaltet, so graut einem vor der Feststellung, daß ein gut Teil dieser Kraft nuglos vertan sein soll. bericht entgegengenommen. Lebhafter ging es am Nach­Mit künstlich hergestellter Ruhe wurde noch der Geschäfts­mittag zu, als die Diskussion darüber einsette. Von daß die Parteileitung in den entscheidenden Si den Freunden der Bedingungen wurde vor allem behauptet, tuationen, insbesondere beim Kapp- Butsch versagt habe. Demgegenüber wiesen Crispien und Dißmann treten fonnte, so habe das daran gelegen, daß zu viel un= nach, wenn der Parteivorstand nicht entschieden genug auf fertige Elemente in die Parteiinstanzen hinein­geraten waren, die noch nicht das Einmaleins des Sozialismus und des Klassentampfes begriffen hätten. An die Stelle von Kameradschaftlichkeit sei Treu losigkeit getreten.

So zog sich die Debatte bis zum Abend hin. Es waren vornehmlich Mitglieder der obersten Partei förperschaften, die den Wortkampf gegeneinander bes stritten. Eine Protest- Resolution der Hamburger Genossen gegen die Ausweisung der russischen Gewerkschaftsdelegierten fand die einmütige Zustimmung des Parteitages. Zum Schluß der Sigung stellte allerdings Genosse Dittmann nach Rücksprache mit dem Auswärtigen Amt fest, daß nach dessen Behauptung feine Ausweisung vorliege. Es liegen für Mittwoch noch 20 Wortmeldungen zu diesem Punkt der Tagesordnung vor. Heute sind die bürgerlichen Pressevertreter, die in großer Menge erschienen waren und auf Sensationen gewartet haben und besonders die Spaltung der Partei schon als sicher angesehen haben, noch nicht auf ihre Rechnung gekommen. ( Sigungsbericht in der Beilage.)

Das Agrarprogramm der dritten Internationale

Bon Dr. Wilhelm Grumach.

Der zweite Kongreß der dritten Internationale hat durch Aufstellung von Leitsägen über die Agrarfrage diesen lange vernachlässigten wichtigen Gegenstand wieder einmal in den Vordergrund des Interesses aller proletarischen Pare teien geschoben und sich damit ein großes Verdienst erworben. Aber es fann doch sehr bezweifelt werden, ob das dadurch ges schaffene Agrarprogramm wirklich internationale Geltung beanspruchen kann, d. h. auf alle Länder paßt. Und was viel schlimmer ist, es kann sehr zweifelhaft sein, ob das Agrars programm ein sozialistisches ist. Ein solches müßte zwei Fragen beantworten: 1. wie die Landbevölkerung für die proletarische Revolution gewonnen werden kann und 2. wie die Agrarverfassung in den Zustand des Sozialismus überführt werden soll. Fast nur mit der ersteren Frage be schäftigen sich die Leitsäge, und zwar in der Art, daß dabei der Sozialismus nicht nur zu kurz kommt, sondern sogar fast ganz geopfert wird.

Zur Gewinnung der Landbevölkerung für die proletarische Revolution empfiehlt die dritte Internationale außer der selbstverständlichen Agitation unter den Landproletariern und den ihnen nahestehenden Halbproletariern, den Par­zelenbauern, die Gewinnung der Kleinbauern, derjenigen Landwirte, die schon von ihrem Boden zu existieren vermögen, und die Neutralisierung der Mittelbauern. Beides könne ers reicht werden durch die Aussicht auf Befreiung von der 3ahs lung des Pachtzinses, Befreiung von Hypothekenschuld, von verschiedenen Formen des Joches der Großgrundbesther ( Wald- und Wiesennugung) und auf sofortige Hilfe für die Wirtschaft durch Ueberlassung von Maschinen, Gebäuden der Großgrundbefizer usw.

Haben diese Dinge mit Sozialismus irgend etwas zu schaffen? Sie find ,, Bauernschuh", wie er in den Pro grammen der Antisemiten, Bauernbündler und anderer Mittelstandsparteien steht und wie er auf dem Parteitage von Breslau( im Jahre 1895) in den damals vorgelegten Agrarprogrammen von der Partei glatt abgelehnt wurde.

Und man kann sich z. B. in Deutschland von den angegebes nen Mitteln auch noch nicht einmal einen nennenswerten Er­folg versprechen. Man schaue sich einmal die Verhältnisse der deutschen Klein- und Mittelbauern an: Die Pacht spielt bei ihnen nur eine geringe Rolle( 16,6 Prozent Pachtland bei Kleinbauern, 9 Prozent Pachtland bei Mittelbauern) und hat teinen wucherischen Charakter; die hypothetarische Vers schuldung war schon vor dem Kriege eine Fabel( 41,4 Prozent der Klein- und Mittelbauern schuldenfrei) und ist es durch den Krieg noch mehr geworden, ein Joch" der Großgrunds besitzer für Wald- und Weidenußung existiert nicht usw.

Es ist, als tämen die Vorschläge aus einer anderen Welt. Und sie kommen in der Tat aus einer anderen Welt, der speziell russischen. Die bis dahin leibeigenen, an die Scholle gebundenen und fein eigenes Land befizenden russi­schen Bauern wurden im Jahre 1861,, befreit", aber die Be­freiung" brachte ihnen fast feinen Vorteil. Das ihnen als Eigentum gegebene Land war fleiner als das bisher von ihnen bewirtschaftete( 3-5 Heftar im Durchschnitt des Reiches); für dies Eigentum mußten sie eine hohe Ablösungs rente zahlen, die ebenso wirkte wie eine hohe hypothekarische Belastung; wegen der zu kleinen Bodenmenge mußten fie vom Großgrundbesitzer Land zupachten und dafür einen wucherisch hohen Pachtzins zahlen oder diesen auf dem Herrenlande, ab arbeiten"; Wald- und Weidenugung mußten sie gleichfalls Zusammenbrechen der Bauern und die Befreiung von bem­abarbeiten". Dieses Joch war allerdings brüdend bis zum

selben sehr geeignet, sie für die proletarische Revolution zu gewinnen.

In Deutschland und wohl auch in andern westeuropäischen Ländern ist die Aussicht dieser Mittel gleich null.

Als ,, sicherstes Mittel, die Bauernschaft für die Revolution zugewinnen", empfiehlt die dritte Internationale Aufteilung des Bodens der Großgrundbesizer und einiger Großbauern unter die landbedürftigen Klein­mentthesen zur Kolonialfrage Aufteilung des Bodens der bauern. Und für die Kolonien empfiehlt sie in den Supple Plantagenbefizer unter die landbedürftigen Eingeborenen. In Deutschland wäre dieses sicherste Mittel" für den ange des Bodens befinden sich schon in den Händen von Bauern gebenen 3wed ziemlich aussichtslos, denn über zwei Drittel listischen Aufklärung unter der Landbevölkerung schlägt dieſe unter 50 Heftar. Dem Sozialismus aber und auch der sozia Forderung geradezu ins Gesicht. Wie können wir den Bauern den Sinn für Gemeineigentum an den Produktionsmitteln kannten Eigentumsteufel stärken und womöglich ihn noch Kreisen ins Blut setzen, die noch nicht ganz davon besessen waren, den Landproletariern? Ferner würden wir durch Aufteilung nur den Fortschritt der landwirtschaftlichen Tech­nit aufhalten. Das Entscheidende aber ist, daß wir mit der Aufteilung des Landes an die Bauern unfere agrarische Ents widelung um fast hundert Jahre zurückschrauben würden. Die Aufteilung schafft einen nach unserer Auffassung rüd ständigen bürgerlich- demokratischen Zustand der Agrarverfas