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3. Jahrgang
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Donnerstag 14. Oktober 1920
Nummer 434
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Morgen- Ausgabe
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Berliner Organ
ber Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Der Weg zur Parteisekte
Sinowfew weiß Bescheid!
Vor einigen Tagen brachten wir die Meldung, daß der Sekretär der russischen fommunistischen Partei in einem Artifel der„ Prawda" die Feststellung machte, daß sich die Masse der Mitglieder von der Partei immer mehr entfremde. Kameradschaftliche Bande seien nicht mehr zu finden, die Disziplin beruhe nur noch auf äußeren 3wang, der proletarische Geist sei dauernd im Schwinden und das alles infolge des Ueberhandnehmens der Bureaukratie, die die freie Willensäußerung der Massen unterbinde und ihnen die Lust an der Parteiarbeit nehme. Diese Feststellungen waren die schärfste Anflage gegen die Anhänger der Moskauer Bedingungen. Sie rechtfertigten glän zend die Haltung der Anschlußgegner, denn alles das, was diese bisher gegen den straffen Zentralismus ins Feld geführt hatten, fand seine Bestätigung durch einen Mann, der die Wirkung jener Organisations form, die jetzt den westeuropäischen Proletariat diftiert werden soll, aus eigener Erfahrung fennen gelernt hat.
Nunmehr hat sich auch Sino wjem über die bedenklichen Bersehungserscheinungen innerhalb der kommunistischen Partei Rußlands geäußert. Er hat vor seiner Abreise nach Salle einen Bericht über die„ Sanierung der Partei" erstattet und nach der Moskauer ,, Prawda"( Nr. 215) ausgeführt:
Es ist bekannt, daß es in den letzten Monaten in zahlreichen Bartetorganisationen zu Reibungen und scharfen Konflitten wegen der Entfrembung der Parteiführer gegenüber den Parteimaffen und wegen der Ungleichheit innerhalb der Partei gekommen ist. Das Zentralfomitee war der Meinung, daß man den Verhandlungen über diese Frage nicht aus dem Wege gehen dürfe, und ist bereit, jedem praktischen Vorschlag entgegenzufommen, der die Möglichfeit gibt, den Gefahren vorzubeugen, die sich aus der gegenwärtigen Lage ergeben. Es wurde ein Ausschuß gebilbet, der über die Misstände in der Partei und ihre Sanierung beraten sollte. Eine eigentliche Opposition mit eigenem Bro
gramm gibt es in der Partei nicht, aber es gibt Etrömungen der Unzufriedenheit, die zusammenfließen und mit denen gere.h net werden muß. Vor allem wird Mißstimmung und zwar nicht nur innerhalb der Partei allein, sondern auch bei der ganzen werktätigen Bevölkerung dadurch erregt, daß bei der durchgeführten proletarischen Wirtschaftszentralisation eine Willkürherrs schaft der einzelnen Zentralstellen besteht, die mit bureautratischen Methoden wirtschaften und selbst bei der Verteilung der vorhandenen Produtte oft versagen. Das Odium dafür trifft auch die fommunistische Partei, und mit Recht, da fie für das Wirtschaftssystem verantwortlich ist.
Ein zweiter Grund der Unzufriedenheit liegt in dem Beneh men einer ganzen Schicht der Parteimitglieder, die sich an der Front befinden. Ueber ihrem Treiben wird der Heldenmut und die Selbstaufopferung der Besten der Partei an der Front leicht vergessen. Darüber hinaus gibt die gesamte Militarisierung der Parteiorganisationen, des Berwaltungs- und
Losowsky ausgewiesen oder nicht?
Wie wir hören, hat die Regierung den Genossen Losowsky und die anderen russischen Gewerkschaftler telegraphisch ermächtigt, hier zu bleiben, bis sie von der italienischen Re gierung die Einreiseerlaubnis nach Italien erhalten haben werden. Ursprünglich war dafür eine Frist von 5 Tagen fests gesetzt. Slach der neuen Regierungserklärung ist die Wartefrist nicht begrenzt. Trofdem finden wir auch diese Erklärung noch ungenügend. Deshalb fragen wir: Wenn Losowsty die italienis sche Einreifeerlaubnis in Händen hat, aber noch weiter in Deutschland zu bleiben wünscht, muß er dann heraus oder fann er noch bleiben?
Berständigung im Zeitungsstreik? Verhandlungen im Reichsarbeitsministerium Unter dem Vorsiz des Geheimrats Wigler und des Profef fors Dr. Brahm fanden gestern im Reichsarbeitsministerium Verhandlungen über die Beilegung des Zeis tungsstreits statt. Es wurde eine Einigung dahingehend erzielt, daß die Gehälter der Angestellten durchschnittlich um 12% bis 15 Prozent erhöht werden. Diese Zulagen gelten vom 15. September 1920. Sämtliche Angestellten werden wieder eingestellt. Eine Unterbrechung des Arbeitsvers hältnisses dura den Streit ist nicht eingetreten. Maßrege Iungen finden von beiden Seiten nicht statt. Die Arbeitsaufnahme soll am 14. 10., mittags 12 Uhr, erfolgen. Die vers Kehende Vereinbarung wurde getroffen, vorbehaltlich der Genehmigung der Bollversammlung, die am Donners tag vormittag 10 Uhr im Deutschen Hof", Ludaner Straße, tattfindet. In dieser Versammlung soll die Entscheidung über alle diese Fragen getroffen werden.
Mit den Arbeitern wurde eine Einigung dahingehend erzielt, daß die Arbeitsaufnahme zum gleichen Zeitpunkt erfolgen four. Es werden den Arbeitern vorläufig 75 Prozent bes entgangenen Arbeitsverdientes erstattet. Bon
Wirtschaftsapparates Anlaß für eine gerechtfertigte Misstim mung. Das Benehmen der Fachleute bildet den diitten Grund der Unzufriedenheit. Die Arbeiter fönnen ohne die Fach leute nicht austommen, aber dafür muß gesorgt werden, daß die Parteimitglieder ich ihnen nicht anpassen und mit den einfachen Arbeitern von oben herab oder im Kommandoton sprechen. Die führenden Arbeiter sind jetzt in der traurigen Lage, die Rolle einer Art von Arbeitsvögten zu spielen. Leichter war es, an der Spitze der Arbeiter zu stehen, als es den Kampf gegen den Unternehmer galt.
Bulegt muß noch die Bureaukratisierung der Partei selbst erwähnt werden, die im gleichen Maße in den Zentren, wie in der Provinz, besonders im Süden, zu verzeichnen ist, wo die Parteis massen zur Teilnahme an den Sowjet- Organisationen gar nicht hinzugezogen werden. Dies alles beruht zum Teil darauf, daß infolge der allgemeinen Not und anstrengenden Arbeit, in der Partei große Müdigkeit herrscht.
Um den Mißständen abzuhelfen, muß vor allem eine größere Freiheit der Kritik innerhalb der Partei geübt werden. Dazu fönnte ein besonderes Diskussionsblatt gegründet werden. Auch auf den Parteiversammlungen muß für größere Freiheit der Kritit gesorgt werden. Dazu gehört aber vor allem, daß diese Versammlungen überhaupt stattfinden, und nicht wie an vielen Orten, immer mehr zu Vergangenheitserinnerungen werden. Es ist der Einwand gemacht worden, die Folge der Kritik für den Einzelnen tönnte Maßregelung oder Strafverfehung sein, und in der Tat kommen öfters Fälle vor, wo Versehungen und Parteis mobilisierungen willkürliche Maßregelungen darstellen. Damit muß ein Ende gemacht werden. Es wär aber falsch, dabei das Prinzip der Ernennung und der Versehung der Parteifunktionäre durch die oberen Parteiinstanzen grundsäglich zu verwerfen, wie es oft geschieht. Dieses Prinzip ist eine Notwendigkeit bei den schweren Aufgaben, die die Partet zu bewältigen hat. Die Abneigung, der die ernannten Parteifunktionäre vielfach begegnen und die fich bis zu einem verächtlichen Verhalten gegen sie fteigert, zeugt daher von mangelnder Reife in den Massen der Partei. Auch die Ungleichheit in den Lebensbedingungen der Parteiführer gegenüber denen der Parteimassen, ist eine Schwere Frage. Der Gleichheitssinn der Arbeiter ist eine besondere Erscheinung aber sie müssen einsehen, daß zur Zeit eine Um indessen den Mißpöllige Gleichheit undurchführbar ist.
bräuchen in dieser Hinsicht, die allgemein bekannt sind und so tommission oder ein Ehrengericht in der Partei gebildet starte Entrüstung hervorrufen, vorzubeugen, muß eine Kontrol
werden.
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Der Sinn dieser Ausführungen ist völlig eindeutig. Die Organisationsform der russischen Kommunisten hat sich nicht bewährt, die Partei übt auf die Massen keine Anziehungsfraft aus, ste wird zur Sefte, geht an ihrem eigenen Ungeist zugrunde. Alle Sanierungsversuche" werden an dieser Tatsache nichts ändern können. Um so schlimmer und verantwortungsloser ist es, diesen franten Parteiförper jetzt der westeuropäischen Arbeiterfiasse als Vorbild zu empfeh len, von ihr fategorisch zu verlangen, nach diesem Muster, das alle Keime der Zersegung in fich trägt, ihre Organisationen umzubauen.
den Arbeitern wurde gefordert, daß ihnen, da sie ausgesperrt seien, der Gesamtausfall erstattet wird. Ueber die rests Reichsarbeitsministerium einzusehende Schiedstammer eats liche Forderung von 25 Prozent soll nunmehr eine besondere vow
scheiden.
Achtung! Ausgesperrte im Zeitungsgewerbe! Botenfrauen versammeln sich Donnerstag, vormittags 10 Uhr, im Buchdruder, Hilfsarbeiter, Buchbinder, Transportarbeiter und Gewerkschaftshaus, Engelufer 15.
Tagesordnung: Stellungnahme zu den am Mittwoch im Arbeitsministerium gehabten Verhandlungen mit den Unters nehmern im Zeitungsgewerbe. Es ist Pflicht der Aus. gesperrten, vollzählig zu erscheinen.
Ein seltsamer Borgang
Es wird uns mitgeteilt, daß der Oberpräsident von Brandenburg Herrn Professor Dr. Giese gebeten hat, ihm ein Urteil über die Eignung des zum Verkehrsdezernenten des Magistrats für Groß- Ber lin gewählten Dr. Adler abzugeben.
Der Herr Oberpräsident beschäftigt sich anscheinend zur Zeit mit der Frage der Bestätigung der neugewählten Magistratsmitglieder. Es ist ein felt ames Verfahren, wenn sich der Herr Oberpräsident ein Urteil über Dr. Adler ausgerechnet bei Professor Dr. Giese einholt, der bei der Wahl des Verkehrsdezernenten Dr. Adlers Gegen kandidat war. Wir gestatten uns die Bemerkung, baß eine auf Grund eines solchen Urteils etwa zustandekom mende Ablehnung der Bestätigung Dr. Adlers auf das energischste angefochten werben müßte. Es gibt feine Rechtfertigung für ein solches Benehmen eines hohen Beamten, der seine Pflicht verlegt, wenn er Seine Entscheidung nicht auf Grund eines objektiven Urteils jäut.
Die verhaltene Spannung
Die verhaltene Spannung, die in den ersten Stunden des Parteitages über den Verhandlungen lag und die ihre Ursache hatte in dem Dunkel, das über die Absichten der ,, Linfen" gebreitet war, war in den Nachmittagsstunden des ersten Verhandlungstages bereits vollkommen gewichen. Die Gewißheit, daß der offene Konflikt der beiden Richtun gen zum Ausbruch fommen würde, nicht bei irgend einer nebensächlichen Frage, sondern bei der entscheidenden Frage, die die Trennung in diesem Stadium unausbleibs lich macht, hatte die Stimmung etwas beruhigt. Aber diese Ruhe war äußerlich. Sie konnte nicht darüber hinwegtäus schen, daß neben den tiefen Meinungsverschiedenheiten auch persönliche Unzulänglichkeit einzelner Führer die Gegensäge überall verschärft hat und nun endlich zur Entladung drängt.
Die erste Gelegenheit dazu gab die Beratung des Ges schäftsberichts der Parteileitung, an dessen Behand lung als ersten Punkt der Tagesordnung die Mehrheit fests hielt, anscheinend, weil die ,, Linte" die Erörterung über die Anschlußbedingungen nicht beginnen lassen wollte, bevor der Vertreter des Erefutivkomitees Sin owiew auf dem Parteitag erschienen war.
Die Debatte darüber schuf bereits Klarheit, daß die beiden Richtungen der Partei sich unversöhnlich gegenüberstehen. Niemand versuchte, diesen Gegensatz zu verschleien, obwohl fein Zweifel daran möglich ist, daß die Auseinander sehungen verschärft worden sind, auch durch persönliche Ges gensäge, die sich im Laufe der monatelangen Zurückhaltung herausgebildet hatten. Die Tattik der Partei während des Generalstreits beim Kapp Putsch stand, von Koenen zuerst berührt, im Mittelpunkt der Debatte. Sie war ergebnislos, denn die Kritit an der damaligen Sal tung der Partei bestand aus einer Fülle einzelner Behaup tungen, denen der große leitende Gedanke vollkommen mans gelte.
Die Debatte bestätigte aber andererseits, daß der Kritil der Linken" in der Partei rein negative Gesichtspunkte zugrunde liegen, daß sie nicht imstande ist, gangbare posis tive Wege zu zeigen, daß fie versagen muß, wenn ihre müssen. Denn nur darin ist der unüberbrückbare Gegensah eigenen Handlungen von Verantwortlichkeit getragen sein der beiden Richtungen begründet: während die eine Seite frei von jeglichem Verantwortlichkeitsgefühl, nur erfüllt von dem Bestreben nach äußerer Erfolg hascherei und Revolutionsromantit ist, hat sich die andere Seite bei ihren Taten stets leiten lassen von der Einsicht in die realen Machtverhältnisse, Don dem Bestreben, die schwächenden Niederlagen Don der Arbeiter. klasse abzuhalten und ihre Handlungen in Einklang zu brin gen mit der Kraft und der Energie und dem Wohle der ganzen Arbeiterklasse. Mit aller Schärfe wurde dieser Gea fichtspuntt von den Genossen Dittmann, Crifpien und Rosenfeld hervorgehoben, von denen besonders der lettere, von der Linken als Zeuge aufgerufen, sehr eindrucksvoll die Haltung der Partei während der Kapptage und in der Frage der Kontrolle der Waffen- und Munis tionstransporte rechtfertigte.
Rein äußerlich war bemerkenswert die große Zurückhals tung der linten Seite. Ihre Redner fanden nur geringe Unterstützung durch sie, trotz der dauernden Ermunterung durch Adolf Hoffmann und Eichhorn, denen anschei nend die Regie übertragen ist. Einheitlich und geschlossen trat die sogenannte Rechte auf, deutlich zeigend, daß sie, in der Grundauffassung über Programm und Taktik einig, die Fahne der alten U. S. B. aufrechterhalten werde, während die Zurüdhaltung der Linken den Eindrud hervorrief, als ob die Zusammenballung der verschiedenartigen Elemente, bie nur in der Kritit einig sind, bereits jetzt ihre Kraft lähmen würde,
Der zweite Verhandlungstag vervollständigte diesen Einbrud. Die Verhandlungen über die Internationale begannen. Sinowjew war eingetroffen, aber auch Martow. der alte greise Vorsitzende der der U. S. P. in Programm und Taktik verwandten sozialdemokratischen Arbeiterparte: Rußlands, und Longuet, der Führer der französischen sozialdemokratischen Partei.
Nach ihrer Begrüßung durch den Vorsitzenden Dittmann ergriff Crispien das Wort zu einer großen politischer er nur die Konsequenzen aus der Situation, in der bi Rede. Jedes Eingehen auf Kleinigkeiten vermeidend, zor U. S. P. durch den Streit über die Anschlußbedingunge geraten ist. Scharf arbeitete er die Gegenfäße heraus, di Gegensätze zwischen der Konsequenz der revolutionären Hal tung der U. G. P., der Reformpolitik der S. P. D. und de Revolutionsspielerei der K. P. D. Unerbitter lich fritisierte er aber auch die Haltung der Kommuniste in der Partei, deren Mangel an Ehrlichkeit di jetzige, Krise in der Partei so außerordentlich verschär habe.
Dann ging Crifpien über zur fritischen Betrachtung der Grundsätze der Kommunikisgen Internatio