Einzelpreis 20 Pfg. 3. Jahrgang
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Donnerstag, 14. Oktober 1920
Nummer 435
Abend- Ausgabe
De achtgefpaltene Stonpareilleselfie ober beren Ram koftet 6,-. nichette Eruerungszuschlag. Rleine Anzeigen; Das fettgedruckte Wort 2-, jebes weiterg Wort 1,50 M., einschließlich Teuerungszufchlag. Laufende Anzeigen laut Tarif. Familien Ungeigen und Stellen- Gefuche 3,20 m. netto pro Beile. Stellen Befuche in Wort- Anzeigen: bas fettgebruckte Wort 1,50 m., febes weitere Wort 1,- Me Bernsprecher: Bentrum 2030, 2645, 4510 4603, 4635, 4649, 6921
greiheit
Berliner Organ
der Unabhängigen Sozialdemokratie Dentfchlands
Der Schrei nach dem Krieg
Auf der Suche nach den„ Verrätern" an der Weltrevolus tion, die auf Anweisung der Moskauer Exekutive vorgenom
Die Gärung in Italien
men werden muß, haben unsere Neukommunisten auch die Gewaltsame Besetzung der Güter| ihes 3iel hat, sondern die Verwandlung des Großgrund
Entdedung gemacht, daß der sogenannte rechte Flügel der U. S. P. D. ber Garant des Versailler Frie. bensvertrages geworden sei. Er schmiede durch sein Schmähliches Verhalten die Arbeiterklasse in die Fesseln des Ententeimperialismus, mache sich zu dessen Vasallen und hemme die Arbeiterklasse in ihrem Befreiungsfampf.
Das ist eine Entdedung, die wie so vieles, was jetzt als neues Evangelium gepriesen wird, die Dinge ein fach auf den Kopf stellt ohne Rüdficht auf die realen Tatfachen. Die Unterzeichnung des Friedensvertrages war nicht das Werk irgendeines Parteiflügels, sondern die U. 6. B. D. hat sich in ihrer Gesamtheit nur deshalb für die Unterzeichnung des Friedensvertrages eingesetzt, weil die Masse des Boltes den Frieden unbedingt wünschte und weil ein anderer Ausweg damals überhaupt nicht vorhanden war. Die deutsche Arbeiterklasse, die sich in jener bedeutSamen Aftion mit ganz geringen Ausnahmen geschloss sen hinter die U. S. P. D. stellte, hatte zwischen zwei Uebeln das fleinere zu wählen. Nichtunterzeichnung des Bertrages hätte bedeutet Wiederaufnahme des Krieges ohne Aussicht auf den geringsten Erfolg. Neue Opfer wären gefallen, neue Milliarden verpulvert, die Wirtschaft dem völligen Ruin entgegengeführt und der Hunger ins Maß lose gesteigert worden. Und das alles ausschließlich auf Rosten der Arbeiterklasse. Denn nicht sie, sondern die nationalistischen Generäle hätten diesen Krieg geführt, während die Arbeiterschaft die Leichen für das Abenteuer beigesteuert hätte.
Daher war es in jenen historischen Stunden die gebiete rische Pflicht unserer Partei, dem Verbrechen entgegenzuarbeiten und einen Krieg zu verhindern. Die Mobilmachung der Massen für dieses Werk war eine Großtat der Unabhängigen Partei. Sie war sich dabei feinen Augenblick im Zweifel, daß der Friedensvertrag, unter dem 3wang besonderer Verhältnisse abgeschlossen, nicht von ehernem Best and sein könne. Alle Stimmen, die sich damals für die Unterzeichnung des Friedensvertrages einsetzten, brach ten flar zum Ausdrud, daß die Arbeiterschaft den Vertrag nur als ein zwingendes Uebel betrachte und daß es ihre Aufgabe sein müsse, zur gegebenen Stunde in Verbindung mit den Bruderparteien der anderen Länder die Vertragsfesseln zu sprengen und aus dem imperialistischen Frieden den Frieden der Sozialisten, den wahren Weltfrieden, zu machen. So schrieb damals in einem Leitaufsatz der Freiheit" Genosse Hilferding:
Wir erwarten nichts von der Gewalt und spekulieren nicht auf eine Revanche. Aber wir sehen vor unsern Augen den unaufhaltsamen Vormarsch der Arbeiterbewegung. Unsere Brüder in talien, Frankreich und in England rüsten sich, die großen Aufgaben, die dem Proletariat gestellt sind, zu erfüllen. Der Ententeimperialismus erlebt heute seinen stolzesten Triumph, aber in dem Gebälte des hohen Gebäudes, das er aufführt, fnistert und tracht es.... Auch im Westen bereitet sich die gewaltige Entscheidung zwischen Imperialismus und Sozialismus vor. Und es ist tein 3weifel, wem der Sieg gehören wird. Diese Sieger werden dann der Welt den endgültigen Frieden geben, den Frieden des Rechts und der Freiheit, den Frieden, der mit der Klassenherrschaft des Kapitals zugleich der Feindschaft der Staaten gegeneinander ein Ende machen wird."
Stalien befindet sich in einer doppelten revolutionären Spannung. Nach dem Vorbild der Arbeiter, die die Fabris fen besetzt haben, gehen nun auch große Massen der Landbevölkerung zur direkten Aktion, zur eigenmächtigen Güterbesetzung und Enteignung des Großgrundbesizes über. Die Not der italienischen Bauernschaft ist so groß, daß nicht nur das sozialistische Landproletariat, sondern auch die reattionaren Massen, die unter dem Einfluß der fatho lischen Boltspartei stehen, ferner die organisierten ehemaligen Kriegsteilnehmer die Träger der Bes wegung find. Allein in der Provinz Latium find schon 13 000 Heftar Boden auf diese Weise besetzt und in bäuer. liches Eigentum verwandelt worden. Die ursprüng liche Absicht, auf Grund der staatlichen Verordnungen, junferliches Debland genossenschaftlich zu bearbeiten, ist durch die Aktion der Masse bereits überholt worden.
Nach der„ Frankfurter Zeitung" ist auch in Sizilien die Bewegung sehr start. Bon 2000 bewaffneten ehemaligen Kriegsteilnehmern, an deren Spike ein Mönch mit einem Kreuze ritt, wurden die Güter des Herzogs von Corigliani und der Familie di Stefano besetzt. In gleicher Weise be mächtigte sich die Menge anderer großer Güter. In Syra cus bot Baron Camerata sein Gut freiwillig an. In Catenuova genehmigte der Präfeft die Belegung der Güter der Hofpitäler. Insgesamt wurden in Sizilien etwa 200 Güter besetzt.
Inzwischen sammeln sich die Gutsbesiger zu Bro testen, die ihnen aber vermutlich nicht viel nügen werden. Die Regierung begünstigt offenbar die Bewegung, beren Unterbrüdung revolutionäre Explosionen zur Folge haben fönnte. Die Landarbeiter beginnen fo fort mit der Arbeit auf den Gütern und schüßen sie durch bewaffnete Bosten.
Während sich die Besetzung der Fabriten nicht aufrechts erhalten ließ und nur zu einem Drud auf die Unternehmer verwendet werden konnte, dürfte die Belegung der Güter vollendete Tatsachen und die Einleitung zu einer be deutsamen agrarischen Revolution barstellen. Der ,, Avanti" hebt hervor, daß die Bewegung eine Fortsegung ähnlicher Eigentumsbestrebungen der Bauern und Kleinähnlicher Eigentumsbestrebungen der Bauern und Kleins pächter früherer Jahre sei. Während die Bewegung aber früher vereinzelt blieb, trage sie jetzt den Charafter einer Attion, der es nicht an organisatorischem Salt fehlt. Die Nachrichten lassen erkennen, daß die Bewegung fein soziali
rung. Erst wenn sich die französische Arbeiterschaft von die fer chauvinistischen Umflammerung befreit hat, erst wenn das franzöfifche Broletariat so erstarkt ist, daß es aus der Devensive zur Offensive übergehen fann, erst dann wird das deutsche Proletariat in der Lage sein, das ihm in Ber failles auferlegte Joch abzuschütteln.
Vor diesen Tatsachen kann sich selbst ein Lenin nicht ver schließen. In seiner Broschüre„ Der Radikalismus, die Kins derkrankheit des Kommunismus", hebt er ausdrücklich her vor, daß selbst ein Sowjet deutschland den Vertrag von
befizes und der Debländer in fleinbäuerliches Eigentum erstrebt.
Rundgebung der italienischen Sozialisten
Die italienische Sozialistische Partet hat für heute, Donnerstag, eine allgemeine Rundgebung in allen Städten Italiens angefagt Die Kundgebung erfolgt zu dem 3wede, die Befreiung aller polis tischen Gefangenen und die Anerkennung der russischen Sowjet Republit zu erwirten. In allen Städten werden zwischen zwet und drei Uhr Versammlungen stattfinden. Die Eisenbahner, bas Bersonal der Straßenbahnen und der Schiffahrtsgesellschaften wer den aufgefordert, die Arbeit zwischen 2 and 5 Uhr niederzulegen.
Der Krieg geht weiter
TU. Warschau, 14. Oftober.
Der amtliche polnische Heeresbericht vom 13. Oftober meldet Unsere Abteilungen, die den Widerstand zweler boljchemistischer Divisionen brachen, nahmen am 12. b. M. Molotyozno ein. In der neutralen Zone vor der Front unserer britten Armee über fielen verfleidete Banden litauischer Soldaten die polnische Be vöfferung und terroristeren fle.(?!) 3m Sababsnitt fehrte unsere Retteret nach einem tiefen Borstoß gegen Roronton va zurüd. Rach Zerstörung der Stadt und ber Brüden haben unsere Abteilungen die 17. Reservebrigade und bie 7. Sowjetdivision vernichtet, über 2000 Gefangene ge macht, 12 Geschüge und 40 Maschinengewehre erbeutet.
Ropenhagen, 14 Ottober Wie bez Berlingske Tibenbe" aus Stocholm telegraphiert wird, haben nach einer Mostaner Meldung die Bollchemisten ben Rampf auf der ganzen polnischen Front wieder aufge Rommen Sie berichten eine Reihe von Erfolgen, u. melden fte, daß fie die Stabt Melobetshno zuzid erobert haben.
Die russischen Handelsbeziehungen
D Bonbon, 13. Oftober.
Borb Curzon erklärt in Jeiner Matwortnote an Tschitscherin, daß England angesichts der znehrlichen diplomatischen unb militärischen Methoden der Sowjetregierung fich ge zwungen gefehen habe, die gegenüber den Alliierten übernomme nen Berpflichtungen zu verteidigen. England finde sich aber trotz bem bereit, die Wirtschaftsverhandlungen mit Ruh land wieder aufzunehmen, falls bie englischen Kriegss gefangenen zurüidgefchidt und alle übrigen schwebenden Fragen in befriedigendem Sinne von der Sowjetregierung einer Lösung zugeführt würden.
Die Stunde hrte nach einer Tat, es blieb bei einem Lippens belenntnis. Schon pochte die Weltrevolution an Deutschlands Tore, das deutsche Proletariat brauchte nur die Türhüter zu perizetben, um die Tür zu öffnen Die Situation war günstig. Die Bourgeoiste felbft war ich uneinig. Sie begann ich schon mit den veränderten Berhältnissen abzufinden. Sie war bereit, sich wieder einmal auf den Boden der gegebenen Tatsachen zu stellen. Deutschland fonnte damals zur nächsten Etappe der Weltrevolution werben. Aber warum geschah nichts? Warum verharrte das deutsche Proletariat in Untätigkeit? Warum tat es nichts, Sowjet- Rußland prattisch an untertigen? Weil ihm teinerlei Bedingungen gegeben waren für eine revolutionäre Attionsfähigkeit, weil ihm die flare lichen Machtverhältnisse eine andere Möglichkeit gar nicht lichen Machtverhältnisse eine andere Möglichkeit gar nicht zielbewußte Führung fehlte, well es sich nicht in eine attions offen lassen. Die ganze Setze der alten und neuen bereite revolutionäre Massenpartet sammeln tonnte. Bergeblich Die opportunistischen Kommunisten findet somit durch Lenin felbst ihre drängten die Massen zur Tat. Gie entlarot sich als ein propa Schärfste Geißelung. Führer münsten revolutionäre Forderungen in fonterrevolu gandistisches Zugmittel, bestimmt, die Massen von den fionäre Parolen um. Ja, die opportunistischen Verräter gingen realen Erwägungen abzulenten, um fie defto leichter noch weiter. Sie verführten die Arbeiter durch ihre hinterhältige als Werkzeug einer frivolen katastrophen- Demagogie Jogar zur tätigen Mithilfe an der Niederknüppelung Sowjet- Rußlands. politif gebrauchen
Diese Auffassung, aus der heraus wir für die Unterzeich- Versailles einzuhalten gezwungen wäre, da die augenblid nung des Versailler Friedensvertrages eingetreten sind, ist bestimmend und grundlegend geworden für die fernere politische Haltung unserer Partei. Wie die Russen den Gewaltfrieden von Brest Litowst unter dem 3wang der Verhältnisse und in der Hoffnung auf einen revolutionären Umschwung in Deutschland unterzeichneten, so trat die Unabhängige Sozialdemokratie für die Unterzeichnung des Bersailler Vertrags in der Erwartung auf einen Umschwung in den Westländern ein. Die Situation ist für Deutschland freilich eine ganz andere als für Rußland. Daß der Friebensvertrag von Brest- Litowst wie ein Jezen Papier zerrissen werden konnte, verdankt Rußland nicht seiner eigenen Kraft.
Die militärische Niederlage Deutschlands machte ihn von selbst null und nichtig. Singegen würde bei einer fiegreichen Deutschland Sowjetrußland noch heute unter dem Brester Friedensvertrag schmachten, wenn es nicht schon längst daran zu Grunde gegangen wäre.
Deutschland aber hat es nicht mit einem besiegten,
Der
Die
Denn die Kom
fönnen. fu munisten alter und neuer Färbung begnügen sich nicht allein damit, die Friedenspolitik der U. S. B. D. verleum derisch zu entstellen, sondern sie schreien heute als neues Evangelium durch alle Gassen, daß nur durch den Bruch des Versailler Bertrages, nur durch die unvers zügliche Wiederaufrollung des Krieges der Weg zur Bezügliche Wiederaufrollung des Krieges der Weg zur Befreiung des Proletariats geöffnet werden könne.
Dieser Krieg der dem deutschen Proletariat als einziger Ausweg aus wirtschaftlicher und politischer Knechtung ge priesen wird, soll zugleich die Abtragung einer revolutio priesen wird, soll zugleich die Abtragung einer revolutionären Schuld gegenüber Sowjet- Rußland sein. Der Friede von Riga, zu dem sich Rußland infolge seiner Mißerfolge entschließen muß, soll durch das deutsche Proletariat ausgelöscht werden. Ja, dem deutschen Proletariat, und insbesondere dem„ rechten Flügel" der U. S. P. D., wird sogar der Vorwurf gemacht, daß sie diesen für Rußland ungünstigen
sondern mit einem fiegreichen Gegner zu tun. Sieg der Westmächte hat die revolutionären Möglichkeiten in diesen Ländern nicht gesteigert, sondern abgeschwächt. In Frankreich vor allem, also in jenem Land, das als der hartnädigste Gegner für uns in Betracht kommt, ist der Chauvinismus führend und tonangebend geworden. französische Arbeiterklasse steht unter dem harten Drud Frieden bewußt herbeigeführt hätten. Also nicht erst jetzt, sondern schon im Sommer hätte das deutsche Proleder Reaktion. In der Tatsache, daß sich der Weltkrieg tariat zur„ Tat" schreiten müssen. Mit voller Klarheit in seinen entscheidenden Phasen auf französischem Boden spricht die Hamburger Volkszeitung" endlich aus, was die zugetragen und dort bisher nie geschaute Verwüstungen anNeufommunisten in unserer Partei bisher nur in vergerichtet hat, die gerade das Proletariat am stärksten in Mitleidenschaft zogen, findet der französische Chauvinismus Schleierter Form anzubeuten wagten. In einem Ar auch innerhalb der Arbeiterklasse Nährboden und Förde- tikel über den Rigaer Frieden heißt es dort wörtlich:
Leichtsinniger und verantwortungsloser ist selbst von den allbeutschen Nationalisten nie zu einem Kriege gedrängt worden, selbst zu einer Zeit nicht, wo Deutschland noch ein starkes Heer und eine gewaltige Flotte zur Verfügung stand. Die realen politischen Tatsachen, die militärischen Unter lagen für die Durchführung und das Gelingen eines Krieges, fie werden von den Neufommunisten einfach achtlos beiseite geschoben. Während die Reichswehr- Generäle, bie gertum auf ihrer Seite haben, in der gegenwärtigen Situa tion einen Krieg rein militärisch für undurchführbar halten, soll das waffenlose Proletariat, von der Gegen revolution umbrandet, geschwächt durch die vergiftende Spal tungsarbeit, die auf Mostauer Kommando betrieben wird, das große Wunder vollbringen, einen Krieg zu führen gegen die inneren Feinde und gegen das übermächtig gerüstete Ententefapital, und es soll diesen Krieg auch gewinnen, ob wohl alle Tatsachen dafür sprechen, daß das deutsche Prole tariat schon nach acht Tagen zerschlagen am Boden läge und als fiegender Triumphator die Weltreattion den Trümmern emporsteigen würde.
aus
Es ist das große Berdienst der Unabhängigen Partei, biefes Chaos bisher von der Arbeiterklasse ferngehalten au