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Freitag, 15. Oktober 1920
Nummer 436
Morgen- Ausgabe
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greiheit
Berliner Organ
ber Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Hilferuf der armenischen Sozialisten
Der neue Tyrann
Die armenische sozialistische Arbeiter- Partei erläßt folgenden Aufruf an alle sozialistischen Parteien der zivilisierten Welt:
„ Die armenische Frage ist schon immer eins der schmerzlichsten nationalen Probleme gewesen. Während des Krieges hat das armenische Bolt riesenhafte Opfer bringen müssen; durch den Sieg der russischen Revolution über den Zarismus und die Niederlage der Türken sah es endlich den Weg zu seiner Freiheit offen. Es gründete einen selbständigen Staat, dem durch den Friedensvers trag der Entente mit der Türkei überdies noch Teile der armenis schen Türkei zugesprochen wurden. Ein lang gehegter Traum war endlich in Erfüllung gegangen: das vereinigte und unabhängige Armenien war Tatsache geworden.
Die demokratische Republik Armenien führte während 2 Jahren einen fortwährenden Kampf auf Leben und Tod gegen die Ges fahren, die es von innen und außen bedrohten.
Einerseits war es die beispielslose wirtschaftliche Destruktion des von den Türfen geplünderten und zerstörten Landes, die furchtbare Hungersnot, die epidemischen Krankheiten, die MassenSterblichkeit, die schwere Last der Unterhaltung der Flüchtlinge, der Waisen und Arbeitslojen, deren Ziffer in die Hunderttausende ging, die die junge Republit vor diesen Aufgaben stellte; anderer feits hatten die Angriffe der Türkei und ihres Bajallen, Azerbeid jan, eine Situation geschaffen, deren Ueberwindung wahrhaft heldenhafte Anstrengungen erforderte.
Und jetzt, wo ich unser Volt schon im zweiten Jahr seiner politischen Freiheit befindet, bedroht eine viel schwerere unb tödliche
Ein Urteil über Brest- Litowsk Wer hat die Weltrevolution verraten? Die Alt- und Neukommunisten, mit einem Wort: die proletarischen Ludendorffparteiler erweisen der U. S. P. u. G. B. öfters die Ehre, ihren Kampf für den Frieden als Ver= brechen und als Verrat anzutreiben. Wir wollen uns diesmal in feine lange Diskussion darüber einlassen, und auch nicht fragen, ob der Friede von Versailles eigentlich viel anders aussehen konnte, nachdem die Bolschemiti den Frieden von Brest geschlossen hatten. Was war aber dieser Friede von Brest? War das ein proletarischer, ein vorbildlich sozialistischer Friede? Bevor noch die Bolschewiki zur Macht gekommen waren, wurde bereits der Gedanke eines russischen Sonderfriedens mit Ludendorff von So= zialisten abgelehnt, die hoffentlich bei unseren Neukommunisten noch etwas gelten werden. Hören wir ein solches Urteil:
„ Ein Sonderfriede wäre, wie anscheinend sämtliche sozia listische Richtungen in Rußland eingesehen haben, nicht eine Be endigung, sondern nur eine neue Entjachung des Welttrieges. Jeder Sonberfriede ist überhaupt schon aus dem Grunde nicht proletarische, sondern rein bürgerliche Politi!, weil er auf eine einseitige nationale Lösung des Kriegsproblems hinausläuft, weil er die Schicksale des europäischen Proletariats im Ganzen außer Acht läßt, um nur ein einzelnes Land aus den Krallen des Krieges zu befreien.
Will sich die russische Republit etwa durch einen Sonderfrieden aus der Schlinge des Völkermordens ziehen, dann verrät sie das internationale Proletariat und die eigenen Schidjale an den deutschen Impe. rialismus."
Diese Worte schrieb Rosa Luxemburg in den Spartatusbriefen Nr. 6 vom August 1917, dieselbe Rosa Luxem burg, die wir als Verfasserin des Spartakusprogramms schon einmal als glühende Gegnerin der Moskauer Be dingungen zitieren konnten. In dem Spartakusbrief Nr. 11 vom September 1918, der bezeichnenderweise Die russi sche Tragödie" überschrieben ist, zieht Rosa Luxemburg Schlußfolgerungen aus dem Brester Frieden, die außer ordentlich weitblickend waren. Rosa Luxemburg weist hier darauf hin, was die Trennung Rußlands von seinen Randstaaten durch diesen Frieden bedeutet:
„ Erstens Erdrosselung der Revolution und Sieg der Konter revolution in allen revolutionären Hochburgen Rußlands.
Zweitens Abschnürung auch des großrussischen Teils des revolutionären Terrains som Getreidegebiet, Kohlengebiet, Erzgebiet und Naphtagebiet, also von den wichtigsten wirtschaftlichen Lebensquellen der Revolution.( Ist das nicht alles genau lo eingetroffen? Anm. d. Red.)
Drittens: Ermunterung und Stärkung aller fonterrevolutionären Elemente innerhalb Rußlands zum tatträj tigsten Widerstand gegen die Boliche witi und ihre Maj. nahmen.( Ist das nicht eine Prophezeiung der Koltschat, Wran gel und Konsorten? D. Red.)
Die Widerstandslosigkeit Rußlands mußte auch die Entente and Japan auf rajishes Gebiet anloden. So wird die russische
Gefahr seine Unabhängigkeit und diese Gefahr tommt von einer Seite, von der man fie am wenigsten erwarten sollte.
Die Sowjetregierung, die mehr wie jede andere, Erklärungen und feierliche Versprechungen über das Selbstbestimmungsrecht der Kleinen Nationen und die Berteidigung ihrer Interessen gemacht hat, hat jeht zu einem tödlichen Schlage gegen ein Bolt ausgeholt, das das größte historische Recht hat, durch die Bildung eines selbständigen Staates sein nationales Problem zu lösen. SowjetRußland, das mit Azerbeidjan, den türkischen Nationalisten, die in Anatolien operieren und den Soldaten Mustafa Kemal Paschas verbündet ist, hat Armenien von allen Seiten mit feinds lichen Kräften belagert und droht die Freiheit des armenischen Boltes und seine Unabhängigkeit völlig zu vernichten.
Unter den Augen der zivilisierten Welt ist dieses furchtbare Berbrechen, ein Verbrechen, wie es noch nie dagewesen ist, der Bollendung nahe. Ein Volf, das gerade dem Joch des Zaren und des Sultans entronnen ist, ist jetzt der Gefahr ausgesetzt, durch die politischen Führer der bolschewistischen Partei erneut der Sklaverei ausgeliefert zu werden. Es ist selbstverständlich, daß die Führer dieser Partei und die Sowjet- Politiker diese verbrecherischen Akte sorgfältig den Augen des europäischen Proletariats zu verbergen trachten.
Das Zentralfomitee der sozialdemokratischen Arbeiterpartei uns terbreitet die vorerwähnten Tatsachen dem Internationalen Sozialistischen Bureau und protestiert in der heftigsten Form gegen das Verbrechen, das Sowjet- Rusland gegen das armenische Bolt verübt."
Der Aufruf schließt:„ Nieder intt allen Kräften, von wel chen Seiten fie auch fommen und wie sie sich auch nennen, wenn sie die chemalige Tyrannei wiederherstellen!"
Revolution im Endresultat des Brester Friedens von allen Seiten umzingelt, ausgehungert, erdrosselt."
Das war das Urteil von Rosa Luxemburg über den Brester Frieden! Wir haben nicht die Absicht, aus dieser Kritit antibolschewistisches Kapital zu schlagen. Aber wenn die Neu- und Aĺtkommunisten diese Zeilen lesen und alle ihre befannten Ausreden und Entschuldigungen, richtige und falsche, für den Brester Frieden vorbringen, sollten sie dann nicht wenigstens daran lernen, auch die Friedenspolis tif der U. S. P. etwas nach sichtiger zu beurteilen, nachdem ihre eigene von Rosa Luxemburg als„ Verrat am internationalen Proletariat" so scharf gebrandmarkt wor den ist?
Der Kampf der Bergarbeiter Das endgültige Abstimmungsergebnis DA. London, 14. Oftober. Die bisher veröffentlichten Zahlen über die Bergarbeiter abstimmung lassen erkennen, daß die Angebote der Bergwerkss besitzer mit einer ungeheuren Mehrheit verworfen worden sind. Bon insgesamt 500 000 abgegebenen Stimmen haben ich 418 757 Stimmen gegen die Annahme und 81 263 dafür ausgesprochen. Die noch ausstehenden Ergebnisse werden wohl faum cine Nenderung im Gesamtresultat herbeiführen. Das Eretutivtomitee der Arbeiterschaften ist gestern in London zusammengetreten und hat sich in dreistündiger Sigung mit der Lage be schäftigt.
Amtlich wird mitgeteilt: Die Konferenz der Bergarbeiter hat beschlossen, daß die Streifankündigungen am 16. Oktober fällig werden.
Genf fallen gelaffen
DA. Basel, 14. Ottober.
Wie aus Paris gemeldet wird, ist man in französischen Regierungstreisen überzeugt, daß die Konferenz in Genf nunmehr endgültig vereitelt wurde. Darin sieht man aber feinen franzöfischen Erfolg, benn an die Stelle der Konferenz dürfte nach dem Ergebnis der Londoner Besprechungen Delacroix mit Lloyd George eine andere 3usammenkunft zwischen Mitgliedern der Wiedergutmachungstommission und den finanziellen Sachverständigen aller europäischen Staaten stattfinden. Die Engländer wünschen sogar, daß an dieser Konferenz auch A merita vertreten sein soll. Die französische Presse ist mit dem Ergebnis der Londoner Besprechungen selbstverständlich nicht sehr zufrieden. Nur die offiziös angehauchten Blätter sprechen von einer vollständigen Einigung zwischen Lloyd George und Delacroix. Es scheint je doch, daß der englische Ministerpräsident in der Frage der Vertretung Deutschlands auf der nächsten Besprechung der Wiedergutmachungsfragen unentwegt auf seinem Standpunkt ver harre, wonach die Vertreter Deutschlands zu diesen Besprechungen eingeladen werden müssen.
Graf Sforza zurückgetreten
Rom, 14. Oftober.( Stefani.) Der Minister des Auswärtigen Graf Sforza ist zurüfgetreten.
Das entschleierte Bild
Die gestrige Nachmittagssigung des Parteitags began mit einer großangelegten Rede des Vertreters des Kommu nistischen Erefutivkomitees, Sinowiews, die fast 4 Stunden währte und die ganze Sigung bis zum Schluß ausfüllte. Während der Rede kam es oftmals zu stürmischen minutenlangen Unterbrechungen der rechten Hälfte des Parteitags, und ebenso oft zu stürmischen Beifallskundgebungen der linken Hälfte, die endlich in Sinowiew einen Vertreter ihrer Anschauungen fand, für die bisher Däumig und Stoeder nur den dürftigsten Ersaz geboten hatten.
Rein rednerisch betrachtet, bot die Rede Sinomjews eine glänzende Leistung, und man kann es schon ver stehen, daß die linfe Hälfte des Parteitags dem Redner, be sonders zum Schluß, zujubelte. Das darf uns aber nicht hin dern, auch auf die großen Lüden und Schwächen dieser programmatischen Rede hinzuweisen, vor allem darauf, daß der Redner oft mit der Gewandtheit eines Kars tenspielers über die für ihn brenzlichen Fragen hinwegglitt und sich auch nicht scheute, die gegen seinen fachlichen Standpunkt erhobenen Einwendungen durch völlige Ver= schiebung des Kampfbildes aus dem Gesichtskreis der Zuhörer zu entfernen.
Doch bei der Wertung der Rede Sinowjews fommt für die breite Parteiöffentlichkeit nicht diese oder jene pofitive und negative Eigenschaft in Betracht, sondern die gesamte Tendenz, die Art und Weise des Tons, die Methode der Einsetzung weltpolitischer und parteipolitischer Fragen, die gesamte Einstellung zu den Streitfragen, die das internatio nale Proletariat zerreißen. In dieser Beziehung bot die Rede Sinowiews einen prattischen Anschau ungsunterricht, wie wir ihn besser gar nicht wünschen fönnen, um der deutschen Arbeiterklasse den Gegensatz auf zuweisen, der zwischen der Jdeologie des revolutio= nären Sozialis mus, wie er von der U. S. P. vertreten wird, und der Ideologie des Kommunismus, die bes herrscht wird von der Theorie und Praxis der russischen Kämpfe, flafft.
Man kann diesen Gegensatz in folgende fraffe Formel zus sammendrängen: Der Standpunft Sinowjews ist der des tommunistischen Parteiführers, völlig befan gen von den geschichtlichen Bedingtheiten der russischen Revolution und von den praktischen Notwendigkeiten der russischen Politit, der ein sehr geringes Verständnis hat für die anders gearteten Verhältnisse der westeuropäischen Revolution, und der deshalb die Aufgabe der westeuropäis schen Arbeiterklasse hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt der um Erhaltung ihrer Macht ringenden russischen Kommunisten betrachtet. Das soll fein persönlicher Vorwurf gegen Sinowjem sein. Ebenso wenig wie jeder andere Par reiführer und Politifer, fann er aus seiner Haut heraus, und das umso weniger, als er, wie andere führende russische Koms munisten, berauscht von seinen zeitweiligen Erfolgen an die Erfüllbarkeit seiner theoretischen Anschauungen und praktis schen Kampfmethoden glaubt.
Man muß hier an das Wort von Marr über die Bes schränktheit der Führer der bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts denken, die die hinter ihrem Rüden wirkenden historischen Kräfte oftmals übersahen, und fich selbst als die Schöpfer der Geschichte wähnten, während sie doch nur die ausführenden Organe des großen ökonomischen und politischen Umwälzungsprozesses waren. Auch die russischen Kommunisten sind, ob sie wollen oder nicht, lediglich die Testamentsvollstreder der großen agras rischen Umwälzung, die sich in Rußland vollzieht, und die durch die kommunistischen Experimente der Sowjetregies rung nichts an ihrem wesentlichen Inhalt einbüßt. Und noch weniger fönnen sie darauf Anspruch erheben, daß jene politischen Schachzüge, die sie neuerdings auf dem Gebiet der Orientpolitit vollbringen, anders bewertet. werden, benn als Bestandteile jenes Machtkampfes, die die Somjet diplomatie mit der Diplomatie Englands und Frankreichs auszufechten hat. Mit frasser Deutlichkeit treten dicfe Züge der kommunistischen Politik in den Ausführungen Sinowjews über die weltpolitische Situation und insbesondere über die Politik der Sowjetregierung in Asien zutage. Die Vorwürfe, die in den vorhergehenden Sizungen des Parteitags gegen das Bündnis der Sowjetregierung mit dem Armenierschlächter Enver Pascha erhoben worden waren, bewogen Sinowjew, besonders ausführlich auf diese Dinge einzugehen. Die gegen die Sowjetregierung erhobenen Vorwürfe vermochte er nicht zu entfräften. Doch in feinen Ausführungen über die Notwendigkeit der Aufrüttelung der ausgebeuteten Bölfer des Ostens und ihre Kämpfe gegen den englischen und französischen Imperialismus zeigte er allerdings ein sehr gutes Verständnis sowohl für die Psychologie der asiatischen Völker, wie für die praktischen Notwendigkeiten der Sowjetpolitik, die die Aufstandsbewe gung der islamitischen Völfer braucht, um einen Drud auf die englische Regierung ausüben zu können. Den Bemeis blieb er freilich schuldig, daß die Unabhängigkeits. bewegung der asiatischen Völler für die Sowjetregierung mehr ist, als eine Figur auf dem diplomatijgen