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3. Jahrgang
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Dienstag, 19. Oktober 1920
Nummer 443
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Abend- Ausgabe
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greiheit
Berliner Organ
der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Große Arbeitslosendemonstrationen in London
Zusammenstöße mit der Polizei
HN. London, 19. Oktober.
Wie bereits furz gemeldet, find gestern in London die Ar. beitslosen von den verschiedenen Ufern der Themse unter Führung von 15 Bürgermeistern der Londoner Bors tabte nach Downing Street marschiert. Es waren im ganzen 7 De monstrationszüge. Ein großes Polizeiaufgebot hielt die gewaltige Menge in Schach. Die Polizei mußte aber noch verstärkt werden. In den Zügen wurden rote Fahren entrollt und es tam zu einem Kampfe zwischen der Polizei und der Menge. Die Fenster der umliegenden Regierungsgebäude wurden zer trümmert. Die fleinen Mauern zu beiden Seiten der Wohnung des Premierministers stürzten ein. Ein Mann wurde ges tötet und einige 50 verlegt.
Inzwischen hatte Lloyd George die Bürgermeister empfangen, vor benen er eine Rede hielt, die aber keinen Eindrud machte. Es wurde die Frage der Uebertragung öffentlicher Arbeiten für Rechs nung des Magistrats an die Arbeitslosen erörtert. Die Menge zog später zum Trafalgar Square, wo sie noch eine Versammlung abhielt.
Die Wahlen in Desterreich
Wien, 17. Oftober...
Bon insgesamt 151 zu befehenden Mandaten für den National rat find nach den vorliegenden offiziellen Berichten bisher ge wählt: 57 Sozialdemokraten, 71 Christlichsoziale, 12 Großdeutsche, 2 Mitglieder der Bauernpartei und 1 Mitglied der Bürgerlichen Arbeitspartei. Es fehlen noch die Ergebnisse aus dem Wahlkreis Krems( 8 Mandate). Zu diesen 151 Mandaten tommen noch 9 Mandate aus Kärnthen, die bis zur Durchs führung der dortigen Wahlen von den diesjährigen Abgeordneten ( 4 Sozialdemokraten, 3 Chriftlichsozialen und 2 Großdeutschen)
Josef Seliger
Schmerzlich überraschend kommt die Nachricht vom Tode dieses pflichttreuen, begabten und unermüdlichen Führers der deutsch- böhmischen Sozialdemokratie. Seliger repräsen tierte in glüdlichster Weise alle guten Eigenschaften des nordböhmischen Proletariats, aus dem er hernorgegangen war. Er wurde im Reichenberger Lande im Jahre 1869 geboren. Als Sohn eines Webers wurde er selbst Webergeselle und fam sehr früh in die sozialistische Bewegung. Mit unermüdlichem Eifer arbeitete er an seiner Ausbildung und schon in jungen Jahren gehörte er zu den führenden Genossen. Bald nach der Einigung der österreichischen Partei saß er in ihrer Parteileitung. Seliger gehörte zu jenen prolefarischen Führern, die durch unermüdliche Arbeit an sich selbst mit ihren höheren Aufgaben immer mehr wuchsen. Die Abtrennung von dem übrigen Deutsch- Desterreich zwang die deutsche Arbeiterbewegung in Böhmen vollständig selb ständig in den schwierigsten Situationen zu handeln. Seliger wurde ihr einflußreichster Führer.
Tattraft, Besonnenheit und ein tiefes Berantwortlichkeitsgefühl zeichneten ihn aus. Seine Hauptsorge galt der Er= haltung der Einheit der Partei gegenüber den kommunistischen Umtrieben. Noch auf dem letzten Karlsbader Parteitag setzte er sich in einer großen Rede, obwohl er bereits tootrant war, mit hinreißender Leidenschaft für die Erhaltung der Einheit der Partei ein. Er hatte Erfolg und dieser Sieg der proletarischen Vernunft verschönte ihm die letzten Tage. Ein hochbegabter Arbeiter, ein unermüdlicher Kämpfer ist mit ihm geschieden. Für das deutsch- böhmische Proletariat ist sein Tod in diesen schweren Zeiten ein faum zu ersezender Verlust. Auch diejenigen, die nicht in allen Fragen mit der Taftif Seligers einverstanden waren, stehen trauernd an der Bahre dieses Mannes, der viel zu früh seinem hingebungsvollen Wirken entrissen worden ist.
vertreten bleiben, außerdem noch die auf Grund der Reststimmen zu verteilenden 18 Mandate.
Nach diesen bisher festgestellten Ergebnissen verlieren die Sozialdemokraten und die Großdeutschen je 6 Sige, davon die Großdeutschen 2 an die von ihnen abgesplitterte Bauerns partei; die Jüdisch- Nationalen und die Tschechoslowaken verlieren je ein Mandat; die Chriftlichsozialen gewinnen 12 Mandate. Von ben gewählten Sozialdemokraten find zu nennen die Staatssekre täre Dr. Renner und Hanusch, sowie Friedrich Adler; von den Chriftlichsozialen Staatssekretär Mayr, Präsident Hauser und Fink und von den Großdeutschen Präsident Dinghofer.
In den steiermärkischen Landtag wurden 30 Christlich- Soziale, 22 Sozialdemokraten, 8 Großdeutsche und 6 BauernbündIer gewählt. 4 Mandate für den Landtag werden im zweiten Ermittelungsverfahren besetzt.
Eine Rede Lenins
TU. London, 19. Oftober.
Ein Radiotelegramm aus Mostau meldet, daß Lenin auf der Konferenz der Präsidenten der Sowjets, bie am 15. Ottober in Mostan eröffnet wurde, eine wichtige Rede über die allge meine Politit Ruhlands gehalten habe. Er führte aus, daß angesichts der militärischen Lage der Roten Armee der Frieden mit Bolen weniger vorteilhaft für Rußland sei, als wenn er vor dem Marsche auf Warschau abgeschlossen worden wäre. Unsere Sache bleibt angesichts der wirtschaftlichen Lage der ganzen Welt feit und unumitößlich. Als sich die Rote Armee der polnischen Grenze näherte, schlug uns Lord Curzon im Namen bes Völkerbundes vor, dem Kriege ein Ende zu machen. Wir haben ihm geantwortet, daß wir uns um den Wölferbund nicht fümmern. Zum Schlusse sprach Lenin in längeren Ausführun
über die wirtschaftliche Wiederaufrichtung Rußlands, die er durch verschiedene statistische Darstellungen be fräftigte.
Gauen. In Sonthofen hat der Orgesch- Häuptling aufs neue versichert, daß die bayerischen Einwohnerwehren ihre Waffen nie und nimmer abliefern werden und das Bayern im Kampf gegen den Bolschewismus der ruhende Pol, der„ Kristallisations: puntt" sei, um den herum sich alles gruppiert.
Zum Glüd für die Orgeschleute existieren in Bayern noch Bürgerräte.
In ihnen sehen sie die Rettung. Gemeinsam mit den Mächtigen der tlerifalen Bayerischen Boltspartei spannten sie den Münchener Bürgernt vor ihren Wagen, der dann prompt einen Aufruf an die Münchener erließ, in dem die Münchener Spießer gefragt werden, ob dieser allen Grundlägen der Demokratie hohnsprechende Zustand"( die fazialbem- unabhängige Rathausmehrheit) auf Kosten der Stadt noch jahrelang dauern soll. Es wer fordert, schriftlich entsprechende Erklärungen beim Bürgerrat abben dann Neuwahlen verlangt und die Bürgerschaft aufgezugeben. In Berlin will sich die Bourgeoisie der neuen nach Demokratie". Die Münchener Neuesten Nachrichten" find fozialistischen Mehrheit nicht fügen und in München schreit sie handelt, sondern lediglich um Erfüllung nadtester Klassennoch deutlicher und zeigen, daß es sich nicht um die Demokratie interessen. Sie erklären einen Boltsentscheid für viel zu umständlich und verlangen vom Landtag ein Spezialgeset Neuwahlen bestimmt werden. - auf deutsch Ausnahmegesek, durch das einfach für München
"
Die bayerische Konterrevolution woht ohne weiteres zustande kommen, um den Volksentscheid
Aus München wird uns geschrieben:
Die bayerische Konterrevolution rüstet zu einem neuen entscheidenden Schlag. Ueberall hat sie die Machtpositionen in Händen und die Einwohnerwehr gibt ihrer Stellung die nötige staats erhaltende" Festigkeit. Nur einen fleinen Schönheitsfehler hat das weiß- blaue Bild: Die großen Gemeinden parieren noch nicht dem Kommando der Herren Escherich, Pöhner und Rahr. Dort gibt es noch Mehrheiten aus Sozialdemokraten und Unabhängigen und diesem unerhörten Zustand muß auf raschetem Wege abgeholfen werden, vor allem in München. Dar über sind sich alle Orgeschleute in Bayern einig, vom Landeshauptmann Escherich herab bis zum letzten Wehrmann. Allein mit der Einwohnerwehr läßt sich die gewünschte Korrektur im reaktionären Schönheitsbild Bayerns nicht so ohne weiteres vornehmen, wenn fie gleich start und mannhaft ist in bayerischen
Das bayerische Selbstverwaltungsgesetz steht einen Volts= entscheid vor. Wenn ein Viertel der Anzahl der bei der letzten Gemeindewahl in die Wählerlisten eingetragenen Wahlberechtigten Neuwahl beantragt, ist den Wahlberechtigten Gele genheit zu geben, darüber abzustimmen, ob der Stadtrat sich einer Neuwahl zu unterziehen hat. Der Bürgerrat hat die nötige Zahl der Unterschriften gesammelt. und beim Stadtrat den formellen Antrag auf Abstimmung über Neuwah len vorgelegt. Nun werden zwar die Unterschriften des Bürgerrats nicht anerkannt werden können, aber in den vom Stadtrat aufzulegenden offiziellen Listen wird die verlangte Stimmenzahl herbeizuführen. Nachdem bei der letzten Gemeindewahl rund 360 000 Wahlberechtigte in München waren, müßten über 180 000 Stimmen für die Neumahl abgegeben werden. Gelingt es dem Bürgerrat nicht, diese Zahl aufzubringen, dann bleibt der gegenwärtige Stadtrat bis 31. Dezember 1924 im Amt, wenn nicht der Landtag das von den Münchener Neuesten Nachrichten" verlangte Spezialgeset" beschließt. Bei den Mehrheitsverhält nissen im bayerischen Landtag ist aber ohne weiteres damit zu rechnen, daß er ein Ausnahmegesez gegen die Münchener sozia listische Rathausmehrheit beschließt, so daß es in München im Januar 1921, gleichviel wie der Boltsentscheid ausfällt, zu Ge meindewahlen kommen wird.
Die Münchener Arbeiterschaft hat die Neuwahlen nicht zu scheuen. Aber sie muß alle Kräfte einfegen, um den konterrevo lutionären Angriff auf das Münchener Rathaus in einen Sieg bes Proletariats umzumünzen.
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Der Streik in England
Der Kampf der englischen Bergarbeiter ist ein einfacher Lohntampf, insofern als das Streitobjekt eine Lohnforderung ist. Große Bewegungen so außerordentlich wichtiger Arbeiters gruppen find indes niemals ausschließlich Angelegenheit der um die Lohnhöhe streitenden Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Sie müssen stets von starter Wirkung und Rückwirkung auf die Oeffentlichkeit, auf Gesellschaft, Staat und Wirtschaft und nicht zulegt auf die Arbeiterbewegung selbst sein. In einem Industrielande wie England gilt alles das doppelt von einem Streit der Kohlenarbeiter. Sieg oder Niederlage wers den von großer Bedeutung sein für die Zukunft der Arbeiters bewegung, vorausgesetzt, daß der Streit von größerer Dauer ist und sein Ausgang eine Entscheidung in dem einen oder anderen Sinne bringt. Andere Arbeitergruppen und ihre Organisationen werden hineingezogen werden und alle Fol gen der Bewegung werden auch sie zu spüren bekommen.
Nach wochenlangen Verhandlungen zwischen der Bergs arbeiterorganisation, den Unternehmern und der Regierung ist der Streit unvermeidlich geworden. Um es von vornherein zu sagen: die Situation ist für die fämpfenden Bergarbeiter nightgünstig. In der verflossenen Zeit der Verhandlungen hat sich gezeigt, daß die gesamte Deffentlichkeit sich gegen den Streif wendet, nicht nur die sogenannte bürgerliche Deffentlichkeit, sondern auch große Teile der Arbeiterschaft. Als reine Lohnbewegung interessiert der Kampf nur die Bergarbeiter und es ist feine Möglichkeit vorhanden, dem Streit eine Parole zu geben, die das Interesse der Arbeiterklasse hervorzurufen vermag. Jm Gegenteil mußte die ursprünglich mit den Lohnforderungen der Bergleute verknüpfte Forderung auf Herabsehung des Preises für Hausbrandtohle zurückgestellt werden.
In dieser Situation warnte Robert Smillie vor dem Streit. Gegen seinen Willen und seinen Einfluß wurde der Streit beschlossen. Worin wir jedoch feinen ,, Berrat" des alten Bergarbeiterführers sehen dürfen, was die Engs länder selbst am wenigsten tun, sondern nur ein Zeichen das für, daß die Bergarbeiter eine Lohnerhöhung für so brennend notwendig halten, daß sie selbst gegen den Rat des bewährten Taftifers in den Ausstand traten, nachdem das Ergebnis der Verhandlungen sie enttäuscht hatte.
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Die Unternehmer haben die Zahlung höherer Löhne abtionsziffer. Das war ihr Bugeständnis" bei den Ver hängig gemacht von einem Steigen der Produkhandlungen. Wie die Berechnung erfolgen soll, ist bisher unklar. Es ist nicht anders möglich, als daß der Vors schlag der Unternehmer hinausliefe auf ein Prämiens system, bei dem für eine Mehrleistung ein Mehrlohn an den einzelnen Arbeitern gezahlt wird. Da die Grubenbesizer - genau wie bei uns nicht daran denken, Mittel zur Steis gerung der Fördermengen zur Verfügung zu stellen in Form von technischen Verbesserungen, so ist die Vermehrung der Produktion nach dem Anfinnen der Unternehmer nur möglich durch schärfere Anspannung der einzelnen Ara beitstraft. Dazu kommt, daß ein solches System dem Solidaritätsbewußtsein der geschulten englischen Gewerkschaftsmitglieder widerstrebt, denn es würde eine Konkurrenz unter den Arbeitern herbeiführen, die von nachteiligster Wirkung auf die Gewerkschaftsbewegung sein müßte. Darum lehnen die englischen Bergarbeiter den Vors schlag der Unternehmer aus grundsäglichen Be benten ab.
Das bedeutet, daß sie vor dem Nichts stehen. In den Tangen Verhandlungen haben die Unternehmer nicht das min deste Entgegenkommen gezeigt. Darum ist die Erregung begreiflich, die zu dem Streitbeschluß geführt hat. Die Bergarbeiter halten an ihrer Forderung einer bedingungs losen Lohnerhöhung von zwei Schilling fest. Diese Forderung ist durch die auch in England wachsende Teuerung voll* tommen begründet.
Smillie wollte eine unparteiische Untersuchung über den Stand der Grubenindustrie in England herbeiführen, eine Untersuchung, wie sie in England gewöhnlich unter stärkster Anteilnahme der gesamten Oeffentlichkeit stattfindet. Smillie hoffte nicht ohne Grund die Stimmung der Deffentlichkeit, die in England für den Ausgang größerer Bewegungen noch weit wichtiger ist, als anderwärts, auf solche Art für die Forderungen der Bergarbei ter günstig zu stimmen. Die Führer der Transport arbeiter und Eisenbahner waren mit Smillie einig. Diese beiden Organisationen, die mit den Bergarbeitern im„ Dreibund" kartelliert sind, beteiligen sich auch zunächst nicht an der Bewegung, aber es ist wahrscheinlich, daß sie bei längerer Dauer des Streifs hineingezogen werden, wenn sie, wie zu erwarten ist, nicht bald vermittelnd auftreten. Die Bergarbeiter haben das Eingreifen anderer Organisationen bisher auch nicht gewünscht.
Alle Bedenken der Führer werden indes nicht hindern, daß der Kampf nun, nachdem er ausgebrochen ist, mit der ganzen Kraft der englischen Gewerkschafts. bewegung geführt wird. Und besonders Smillie wird alles aufbieten, um den Streit zu einem für die Ar beiter günstigen Ende zu führen.