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Sonntag, 24. Oktober 1920
Nummer 452
Morgen- Ausgabe
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Berliner Organ
der Unabhängigen Sozialdemokratie Dentfchlands
Die Streikbewegung in England
Am kritischen Wendepunkt
-
Der Eisenbahnerstreik verschoben. Neue Vers handlungen wahrscheinlich
Die gewaltige Streitbewegung in England steht in diesen Tagen in ihrem fritischen Wendepunkt. Das Streifultimatum der Eisenbahner sollte am Sonntag abend ablaufen. Damit bestand die Möglichkeit, daß nicht nur die Eisenbahner am Montag, sondern in schneller Auf. einanderfolge auch andere Berufsgruppen, vor allem die übrigen Transportarbeiter, in den Streit eintreten würden. Diese Krisis hat dazu geführt, daß man auf allen Seiten bemüht war, Spielraum zu gewinnen. Auf der gemeinsamen Konferenz der Eisenbahner und Bergarbeiter am Sonnabend ist vorgeschlagen worden, daß die Eisenbahner den Streit bis auf Mittwoch vertagen sollen, um den Beschluß der dann zusammentretenden Pat Iamentsfommission der Gewerkschaften abzuwarten. Ferner wurde gemeldet, daß zwischen den Ministern und den Führern der Bergarbeiter informierende Be: Sprechungen stattgefunden haben. Die Folge dieses Borschlags an die Konferenz und dieser Beratungen der Minister mit den Bergarbeiterführern dürfte es sein, daß nach einer gestern am späten Abend eingehenden Meldung der Eisenbahnerftreit für die Dauer der Verhandlungen zwischen Regierung und Bergarbeitern auf unbestimmte Zeit verschoben worden ist.
Damit ist indes zunächst nur Zeit gewonnen. Was bei ben Verhandlungen herausfommt, bleibt abzuwarten. Die Erregung in der Arbeiterschaft fteigert sich, und die Zahl der Beteiligten am Streit wächst mit jeder Stunde. In Bradford sind gestern wiedetum 13 000 Transportarbeiter in den Ausstand getreten, und der Arbeitsminister teilt mit, daß außer den Bergarbeitern noch über 300 000 Arbeiter gezwungen feiern. In einzelnen Bergwerksdiftritten soll es zu Plünderungen und Zusammenstößen mit der Polizei gekommen sein, in anderen Bezirken sollen die Bergarbeiter mit der sofortigen Zurüdziehung aller noch in den Gruben Arbeitenden einschließlich der Pumpenbedienungen gedroht haben. Diese Alarmnachrichten find jedoch auf ihre Richtigkeit nicht nachzuprüfen. Sicher ift indes, daß die gesamte Oeffentlichkeit in Härtste Erregung verfekt ist, wozu die Maßnahmen der Regierung nicht zum wenigsten beitragen. So ist in allen Straßen Londons ein neuer Aufruf Lloyd Georges an die Bevölkerung angeschlagen. In diesem Aufruf fordert der englische Ministerpräsident das englische Bolt auf, in den fritischen Tagen des großen Streifs zur Selbsthilfe zu greifen. Marschall Saigh hat gleichfalls einen Aufruf erlassen und fordert die ehemaligen Soldaten auf, der Regierung gegen die Strei fenben behilflich zu sein und sich an den Unruhen nicht zu beteiligen.
Thomas Ashton, Führer der Bergarbeiter von Lancashire, erklärte in einem Interviem, daß er der Ansicht sei, der Streit wäre gar nicht ausgebrochen, wenn es
Das Echo
Der Aufruf zum Kampfe für die Sozialisierung des Bergbaues hat in der bürgerlichen Presse ein lautes Echo erweckt. Das ist natürlich. In dieser Frage steht die ganze Bourgeoisie geschloffen zusammen. Sie weiß. daß es um eine entscheidende Stellung im Klaffentampf geht. Es ist deshalb selbstverständlich, daß die bürgerliche Presse fofort Lärm schlägt. Auch das ist nichts Besonderes, daß gerade demofratische" Zeitungen die lautesten Rufer im Streit sind. 3ft boch gerade die demokratische Partei diejenige, die ununterbrochen gegen jebe Einschränkung der tapitalistischen Wirtschaft anfämpft und am liebsten die alte Herrlichkeit tapitalistischer Ungebundenheit wiederherstellen möchte.
Nach den bisherigen Erfahrungen ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß der Vorwärts" über die Aufforderung unserer Partei, im Kampf um die Sozialisierung des Bergbaues die gesamten Kräfte der Arbeiterklasse zu sammeln und fie geschlossen in den Klassenkampf um die proletarische Machterweiterung zu führen, sehr ungehalten ift. Der Borwärts" hat zur Frage der Sozialisierung eine fehr zweifelhafte Stellung eingenommen, er hat das Steden. Pferd der Wissellschen Planwirtschaft geritten und schien nicht übel Luft zu haben, in der berüchtigten Teilsozialisierung die richtige Lösung zu sehen. Run hat der Kasseler Parteitag sich zwar für die Bollsozialisierung erklärt, der Vorwärts" benutzt aber die erste Gelegenheit, um den Kampf zu Sabotieren und unseren Aufruf zur Aktion als eine Art Konkurrenzmanöver zu verdächtigen. Diese Verleumdung ist zunächst damit zu widerlegen, daß wir bereits feit Monaten entschlossen waren, in dem Moment, wo die Frage
von Lloyd George abhängig gewesen wäre, aber die ein zelnen Mitglieder des Kabinetts hätten sich den Wünschen ber Bergarbeiter entgegengesetzt. Falls nicht noch im Laufe dieser Woche die Verhandlungen mit den Arbeitern beginnen, wird es in der nächsten Woche bedeutend schwieriger sein, den Streif aufzuhalten, denn die Lage würde von Tag zu Tag schwieriger. Ashton versicherte noch, daß die Unterstügungsfonds der Arbeiter auf Monate ausreichen.
Je
So ist die Situation trotz der Verschiebung des Eisen. bahnerstreifs auf allerschärften Kampf gestellt. Es hat ganz den Anschein, als wollten die beiden Gegner ein ander nicht ausweichen. Der Arbeiterschaft in England gehört die wärmste Sympathie der gesamten deutschen Arbeiter! lasse. schärfer sich der Konflikt zufpizt zu einem Kampfe zwischen Bourgeoisie und Proletariat, zwischen Arbeiterschaft und Staatsgewalt, um so stärker werden im Falle eines Sieges der Arbeiter die politischen Auswirkungen des Streits sein. Ein Erfolg der Bewegung wird auch den Ein Erfolg der Bewegung wird auch den politischen Einfluß der englischen Arbeiter laffe vermehren, und nicht zuletzt darauf dürfte der heftige Widerstand der bürgerlichen Gesellschaft zurüdder bürgerlichen Gesellschaft zurüd zuführen sein, denn in England stehen die Parlamentszuführen sein, denn in England stehen die Barlaments wahlen benot, von denen man ohnehin einen starten Machizuwachs der Arbeiterbewegung bebenden Herzens erwartet. Ein Sieg der englischen Arbeiterklasse wäre somit ein Sieg des Weltproletariats, wenn es auch eine von völliger Unkenntnis der englischen Verhältnisse zeugende politisch naive Vorstellung ist, wenn fommunistische Organe in dieser Bewegung den Anbruch einer unmittelbar wirkenden sozialistischen Revolution sehen wollen.
Lloyd George über die Lage
Rotterdam, 23. Oktober.
Laut Nieuwe Rotterdamsche Courant" erklärte Lloyd George mit Bezug auf den Bergarbeiterstreit einer Abordnung gegenüber, es fönne innerhalb weniger Stunden Frieden sein. Die Lage fönne fich jedoch auch zum größten Kampf entwideln, den England je durchgemacht habe.„ Evening News" meldet über die bisherige Wirkung des Streits: die BerInfte an Steinfohlen für das Land betragen 2 500 000 Tonnen. Die Zahl der Arbeitslojen beläuft sich auf insgesamt 1 650 000, ber Ges famtverlust an Löhnen auf 3 255 000 Pfund Sterling.
Jnternationale Solidarität
Amsterdam, 23. Oktober. ,, Algemeen Handelsblad" meldet, daß die Leitung des Internationalen Transportarbeiterverbandes in ihrer diese Woche in Amsterdam abgehaltenen Versammlung beschlossen hat, unter Mitwirtung der Transportarbeiterorganisationen non England, Frankreich, Deutschland, Belgien und Holland, die für eine eventuelle internationale Unterstüßung ber treifenden britischen Bergarbeiter notwendigen Maßnahmen zu treffen.
der Kohlenwirtschaft vor die Gesetzgebung lommen würde, eine Massenattion einzuleiten. Natürlich besteht diese Aktion nicht in der Einbringung des Gelegentwurfs. Wir haben vielmehr deutlich erklärt, daß dies nur das Signal sei, um alle Arbeiterorganisationen aufzufordern, in den Kampf einzutreten. Die großen Bertretungen der organisierten Areinzutreten. Die großen Vertretungen der organisierten Ar beiter, zuletzt noch der Betriebsrätefongreß, haben sich für die Bolsozialisierung des Bergbaus erklärt. Jegt gilt es zu zeigen, daß hinter dieser Erklärung der entschlossene Wille der Arbeiterklasse steht, das Biel durchzusehen. Scheuen die Rechtssozialisten den Kampf, so werden sie erleben müssen, daß die Massen, bie endlich einen Anfang sehen wollen, der Partei folgen werden, die diesen Kampf zu führen wissen wird.
Die Lage im Osten
Mostan, 23. Oftober. Operationsbericht der russischen Sowjet- Republit vom 21. Ot
tober.
An der Beresina, in den Abschnitten Minst und Sluzt vollziehen unsere Truppen Umgruppierungen zweds Besetzung der laut Friedensvertrag bestimmten Linie.
Nordöstlich Sluzt unternahm der Feind am 19. Oftober, 6 Uhr abends, einen Ausfall gegen unsere Truppen und zwang hie zum Rückzuge.
Südfront: 3m Abschnitt der Eisenbahnstation Sinefnitowo führte der Feind unter Deckung von vier Panzerzügen einen Angriff auf die Station Sinelniiowo aus. Der Angriff wurde zurückgeschlagen und der Feind zum Rückzuge gezwungen.
Die Wahlen in Deutschösterreich
Bon Julius Braunthal, Wien.
Der Wahlkampf, der mit ungeheurer Erbitterung geführt wurde, endete mit einer Behauptung des Befihstandes der Sozialdemokratie. Die vorhergehenden Wahlen im Jahre 1919, dreieinhalb Monate nach dem Zusammenbruch der Monarchie, trieben die ungeheuren Massen der über den Krieg, die Kriegsleiden und das alte System Empörten in das Lager der Sozialdemokratie. Die Bourgeoisie war ver ängstet und überließ der Sozialdemokratie widerspruchslos die Führung der Republik. Die Wahlbedingungen waren damals für die Sozialdemokratie die allergünstigsten; fie ging als die stärkste Partei aus dem Wahlkampfe hervor. Eineinhalb Jahre lagen in den Händen der Sozialdemokratie die Geschide der Republif. Ein ausgeblutetes, Ders ftümmeltes Land, eine zerstörte Bolfswirtschaft, völlig zer rüttete Finanzen, ein Riesenheer von Arbeitslosen, ein wirts schaftliches und soziales Chaos fondergleichen das war die Erbschaft, die die Sozialdemokratie übernahm. In rast loser Arbeit, mit übermenschlicher Singabe versuchte die Sozialdemokratie den wirtschaftlichen und sozialen 3u sammenbruch der Republik zu erwehren und sie gegen die innere und äußere Konterrevolution zu schützen. Dies gelang ihr. Aber ihr Handeln war nicht frei. Denn mit ihr saßen die Christlichsozialen in der Regierung, die geheimen Feinde der Republik, die den Aufbau der Republik zu hindern luchten und sich der Verantwortung für die Re gierung zu entziehen wußten. Die ungeheure Wirtschaftsnot, ein Erbteil des Krieges und des Zerfalls eines großen Wirtschaftsgebietes lastete vor allem auf der sozialdemokra tischen Partei.
Die Reattion glaubte nun, die Sozialdemokratie wieders werfen zu können. Die Millionen Horthys, die Millionen aus Brangins, die Millionen des Finanzkapitals tollten, um die Sozialdemokratie zu diskreditieren. Die ganze bürgerliche Presse stand in dem Dienst der Reaktion. Der Nachweis der Arbeiterzeitung", daß die Christliche fozialen bezahlte Agenten Sorthys seien, wurde von der bürgerlichen Journalistit einfach totgefchwiegen. Ein Verleumdungsfeldzug, der bestenfalls an die amerikanische Pinkertonpreffe heranreicht, wurde gegen die Sozialdemokratie geführt. Zu dem Bestreben, sie zu zerschmettern, gesellten sich die Kommuni'sten, die die fozialdemokratischen Führer als Verräter an dem Pro letariat brandmartten. So hatte die Sozialdemokratie einem ungeheuren Ansturm von rechts und links stand zuhalten. Und sie hielt ihm stand. Bis auf fieben Mandate behauptete sie alle ihre Parlamentsfige; als zweitgrößte Partei zieht sie in die Nationalversammlung ein. Die Bes deutung der Wahlen für die Sozialdemokratie wird durch den Umstand erst klar, daß die Million Wähler, die am 17. Oftober für die Sozialdemokratie ihre Stimme abge geben hat, treue und überzeugte Kämpfer ihrer Sache sind.
Sieger im Wahlkampf ist die christlich soziale Pars tei. Diese Partei, belastet mit der Schuld an dem Kriege, belastet mit dem Berrat an der Republik, belastet mit der Antlage, im Solde Horthy- Ungarns zu wirken, vereinte alle Massen um sich, die wider ben Sozialismus fämpfen. Alle fulturellen und sozialen Gegenfäge innerhalb des Bürgertums versanten in der unterschiedslosen Masse der Reaktion, die in der christlichsozialen Partei ihren Ausdrud findet. Die Sozialdemokratie verlor an die Christlichsozialen fieben Bar lamentsfike, das sogenannte freisinnige, deutsch-, jüdisch und tschechichnationale Bürgertum nicht weniger als acht Mandate. Die Christlichsozialen werden mit 86 Abgeord neten, die Sozialdemokraten mit 66 und das gesamte übrige Bürgertum einschließlich der Bauernpartei mit 19 Abgeord neten in das Parlament einziehen. Schon haben die Christ lichlozialen alle Schichten der Bevölkerung, die reaktionär gesinnt sind, in sich aufgefogen. Es gibt von einer dünnen Schicht abgesehen- fein demokratisches Bürgertum in Desterreich. Alles, was nicht sozialistisch ist, ift fozialen Partei seine Bertretung. reaftionär und findet in der christlich.
Hat der Wahlfampf die Arbeiterklasse von der Jufion eines demokratischen Bürgertums befreit, so hat das Ergeb nis der kommunistischen Wahlziffern den Nachweis erbracht, daß das Proletariat geschlossen im Lager der Sozialdemokratie steht. Das Wahlergebnis ist für die Kommunisten niederfametternd. In Wien, bei einer Wählerzahl von einer Million Wählern, haben sie nicht mehr als 14 000 Stimmen auf ihre Liste vereinigt, in gang Deutschösterreich nicht mehr als 30 000 Stimmen. In den Industriebezirken Wiener Neustadt und Floridsdorf, in denen sie zumindest ein Mandat zu holen hofften, haben sie auf ihre Lifte faum eine ansehnliche Miorität vereinigt. Der Schleier der Illusion von der machtrollen Größe der kommunistischen Bewegung ist zerrissen Die fommunistische Partet vereint nur ein fleines bedeu.ungsloses und durch aus unmangebliches Säufchen von Anhängern. Die Einheit. ber Arbeiterklasse, die in der Sozialbemofratie ihre Ver. tretung hat, ist ungebrochen und macht alle die Hoffnungen der Kommunisten und ihrer impulsiven Ableger in der