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Mittwoch, 27. Oktober 1920

Nummer 457

Abend- Ausgabe

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greiheit

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Vor einem neuen Putsch

Der Aufmarsch in Sachsen

TU. Dresden, 26. Oftober.

Die Chemnizer Boltsstimme" veröffentlicht einen sensatio Bellen Artikel, der zusammengefaßt etwa folgendes bringt: Wir und die Mehrheitssozialdemokratische Parteileitung in Chemnih haben schon lange Kenntnis von der im tiefsten Dunkel sich vors bereitenden Umsturzbewegung, an der führende Pers jonen des Bürgertums, hohe Offiziere und alle mög lichen reaktionären Verbände beteiligt sind. 3ug um Zug vers vollständigten wir unser Material, bis es gelang, aus den Reihen ber Organisation Escherisch, selbst von Personen an prominenter Stelle unwiderlegliche Beweise zu be­lommen, daß auch in Sachsen die Gegenrevolution ors ganisiert und beinahe fertig zum Aufmarsch ist. Weiter führt die Boltsstimme" an, daß die Finanzierung ber Organisation Escherich in Chemnig vom Chemniter Bürgerrat ausgeht. Der Finanzausschuß des Bürgerrats sei gleichzeitig die Kaffenverwaltung der Organisation Escherich. Arbeiter, Angestellte und Beamte ruft sie auf, auf der Wacht zu jein. Zum Schlusse heißt es: Von der Regierung aber vers langen wir rüdsichtsloses Zugreifen. Die Schuldigen müssen jofort verhaftet werden, ohne Ansehen der Person; ob Gene ral oder Beamter. Jede Zaghaftigkeit ist Berbrechen am Bolle und macht mitschuldig an den Zuständen, die offensichtlich zum Bürgerkrieg treiben. Nicht um Kleinigkeiten geht es, jon dern um das Leben tausender Volksgenossen."

Was die Chemnizer Volksstimme" berichtet, sind keine Gerüchte, sondern eherne Tatsachen. Wir erinnern an die Vorgänge in Ostpreußen, an die Rüstungen, die von Pfeffer, Roßbach und anderen Freikorps­führern in den letzten Wochen geradezu fieberhaft betrieben worden sind. Wir verweisen weiter auf die Kampfansagen, die die Monarchisten auf ihrem Partei­tag in Hannover in die Welt schleuderten und die Arbeiter­schaft wird wissen, was für sie auf dem Spiele steht.

Eine wichtige Tatsache muß dabei hervorgehoben werden: Die Konterrevolution hat aus dem Kapp­Butsch gelernt. Sie wird diesmal nicht wieder den Angreifer machen, weil sie sonst von vornherein auf die geschlossene Abwehrfront der Arbeiterklasse stoßen würde. Sie ist daher bemüht, durch ihre Agenten, die sich in die Reihen der Linksradikalen eingeschlichen haben, die durch die Moskauer Parolen hervorgerufene Putschstimmung in ihrem Sinne auszunützen. Die Arbeiterklasse soll den An­greifer machen, um sie und die ganze Republik dann um so sicherer erwürgen zu können.

Deshalb muß die revolutionäre Arbeiterklasse, die durch den Streit um die Moskauer Bedingungen allzulange von ihrer Hauptaufgabe, den Kampf gegen die Reaktion, abges lenkt wurde, ihre Reihen schnellstens fester schließen und alle

Englands große Sorgen

London, 26. Oftober.( Reuter.) Unterhaus. In Beantwortung der Anfrage über die Wiederaufnahme der Handelsbeziehungen zwischen England und Rußland erklärte Bonar Law wiederum, daß die Freilassung aller britischer Staatsangehöriger in Rußland, welche heimzukehren wünschten, die Borbedingung für eine Wiederaufnahme der Verhandlungen über die Handels­beziehungen sei. Bonar Law fügte hinzu, die Regierung habe stets die Wiederaufnahme des Handels für äußerst wünschenswert erachtet und stehe jest mehr denn je auf diesem Stands punit. Man müße den Umfang der Arbeitslosigkeit und die Tatsache berücksichtigen, daß der Handel mit Rußland von an deren Ländern wieder aufgenommen wurde. England müsse sein Bektes tun, um seinen Anteil daran zu erhalten.

Krassin russischer Vertreter in Berlin?

HN. London, 27. Oftober.

Manchester Guardian" meldet: Krassin soll aus England abberufen und zum russischen Vertreter in Berlin ernannt werden. Litwinow wird, wie bereits früher ver­lautete, in besonderer Mission nach China gehen.

Vor dem Abschluß des Streiks Die Grundlagen zu weiteren Verhandlungen HN. London, 27. Oftober.

Die Besprechungen zwischen der englischen Regierung und den Grubenarbeitern find auf eine Art Friedenstonferenz ausgelaufen. Der Vollzugsausschus der Grubenarbeiter beriet zwei Stunden über die neuen Regierungsvorschläge und beschlo. Diese anzunehmen, als eine Grundlage für weis

Versuche, sie zu Abenteuern zu verleiten, energisch von sich weisen. Sie muß die Vorgänge im feindlichen Lager mit scharfem Blid verfolgen und zu jeder Stunde bereit sein, der konterrevolutionären Front die geeinte Abwehrfront des entgegenzustellen. revolutionären, von jeder Illusion befreiten Proletariats

Ein Unschuldsengel

Die Oberleitung der Organisation Escherich" gibt in den heutigen Morgenblättern Münchens nochmals ihre Ziele und Richtlinien bekannt, in denen hervorgehoben wird, daß sich die Organisation nicht mit militärischen Dingen befaßt. Sie sei eine private Einrichtung, die auf verfas­fungsmäßigem Wege die Versöhnung der Boltsklassen und den Wiederaufbau Deutschlands fördern wolle.

Wie schön das alles flingt, wenn es wahr wäre! Aber Esche= rich ist bemüht, die Oeffentlichkeit absichtlich zu täuschen, damit er in aller Ruhe seine Rüstungen beenden kann. Wer sich von aufgehen. ihm übertölpeln läßt, dem werden eines Tages die Augen

Neuer Krieg im Osten

Deutsche Söldner versprigen ihr Blut

In Litauen sind in den legten Tagen neue Kämpfe ent brannt. Der von der polnischen Regierung vorgeschobene Gene­ral 3eligowsti hat versucht, von Wilna aus einen Vor­stoß auf Kowno zu unternehmen. Dabei ist er auf litauischen Widerstand gestoßen, auf deren Seite auch deutsche Söldner fochten, jene Elemente, die in den letzten Wochen von monar histischen Offizieren über die ostpreußische Grenze geleitet

wurden, um den Grundstein für ein neues Baltikum­

Abenteuer zu legen. Die Kosten dafür wird letzten Endes wieder der deutsche Steuerzahler zu tragen haben. Die Berbrecher aber, die dieses neue Abenteuer eingeleitet haben, Sie werden ebenso wie die Ur- Baltikumer nach einer eventuellen Liquidation nach Deutschland zurückkehren, hier herumlungern und ihre fetten Offiziersgehälter meiter beanspruchen.

Diesem politischen Gautlerspiel muß schnellstens ein Riegel vorgeschoben werden. Die Erklärungen der Regierung, daß der Uebertritt nach Litauen verboten sei, find leeres Gerede. Die ostpreußische Grenze muß durch zuverlässige Truppen evtl. unter Zuhilfenahme organisierter Arbeiter, scharf überwacht werden. Die bereits Uebergetretenen müssen durch einen sofortigen Erlaß ihrer staatsbürgerlichen Rechte verlustig erklärt werden. Werbungen für das Abenteuer und auch die Versuche dazu sind Landesverrat und dementsprechend zu bestrafen. Der Reichstag muß die Regierung sofort zu bie sen Maßnahmen zwingen, sonst macht er sich ebenso an dem Verbrechen mitschuldig, wie die eigentlichen Organisatoren und deren Helfershelfer in der Regierung.

Die Sozialisierung des ärztlichen Berufes

Bon Dr. R. Kuczynski, Direktor des Statistischen Amts, Berlin- Schöneberg.

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Die Veröffentlichungen aus dem Gebiete der Medizinal treis. Es handelt sich da meist um Monographien, die nur verwaltung" wenden sich in der Regel an einen fleinen Leser den Fachmann interessieren. Die Auswahl der Mitarbeiter war unter dem alten Regime nicht immer glücklich. Es set hier nur an die ganz unzulängliche Untersuchung Solbrigs fiber Geburtenrüdgang und Säuglingssterblichkeit in Deutschland" erinnert. Seitdem nun die Medizinalabteilung dem Ministerium für Volkswohlfahrt untersteht, ist eine ent schiedene Besserung eingetreten. Auch wenden sich die Ar beiten immer häufiger an die Allgemeinheit. Das gilt ganz besonders für das neueste, von dem praktischen Arzt Dr. Roeder verfaßte Heft Die Sozialisierung der ärztlichen Seiltätigkeit im Verbande der Gesundheitsversicherung".

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des. Nicht der, der am schwersten frant ist, fann sich unter Roeder beginnt mit einer Kritit des bestehenden Zustan allen Umständen die beste und ausgiebigste Hilfe verschaffen, sondern der, der am meisten für sie bezahlen tann; ber be güterte Nervöse findet mehr und bessere Aerzte, als der arme Schwerkrante". Das Schweigegebot des Arztes habe zur Folge, daß die Heilung einer Krankheit in das vollkommen untontrollierbare Belieben des einzelnen gestellt ist". Eine weitere Folge des Schweigegebots set, daß die Erfahrungen, die ein Arzt bei einem Kranten gemacht hat, beim Wechsel des Arztes vollkommen verloren gehen". Die Vereinzelung bes Arztes im freien Berufe bringt es mit sich, daß er wissen schaftlich dauernd isoliert bleibt." Eine gleichmäßige Ber teilung der Kranten auf die Aerzte tann heute zum Schaben der Allgemeinheit überhaupt nicht hergestellt werden; den Bielbeschäftigten, die deswegen nicht mehr Qualitätsarbeit leisten fönnen, steht die große Zahl der mit Recht unzufriede nen Unbeschäftigten gegenüber." Eine gleichmäßige Ber teilung der Aerzte auf Stadt und Land ist ebenfalls ein un lösbares, schmerzlich empfundenes Problem", unlösbar, denn Freizügigkeit". Die heutige Trennung der Behandlung von der freie Beruf duldet keine Aufhebung des Rechtes der so notwendige Vereinigung. der Fürsorge sei unsinnig, aber der freie Beruf" hindere die Eine regelmäßige Unter­fuchung der gesamten Bevölkerung sei eine dringende Forbe rung, aber im freien Berufe und ohne Zentralisation un ber Kassenpraris hat der freie Beruf bes durchführbar." Sowohl in der Privats wie in Arztes abgewirtschaftet... Der Fehler liegt im freien Berufe, im ärztlichen Einzelbetriebe mit seinem voll Einkommen. Nur eine vollkommene umgestal. tommen berechtigten Streben nach mehr Patienten und mehr tung des Heilwesens mit Sozialisierung des ärztlichen Berufes fann helfen und die Bedingungen schaffen, die nicht bloß die beste ärztliche Versorgung für jeden verbürgen, fon dern zugleich das gesamte Gesundheitswesen auf eine gegen heute bedeutend höhere Stufe heben."

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Die Durchführung der Sozialisierung denkt sich Roeber so: Für je 60 000 Menschen wird ein Gesundheitshaus mit 40 Aerzten geschaffen, das Räumlichkeiten zur Abhaltung der Sprechstunden, Apparate, Institute, Apotheke usw. ent hält. Innerhalb des Hauses besteht freie Arztwahl. Für Besuche wird den Aerzten Fuhrwert zur Verfügung gestellt. Ueber jeden Bewohner des Bezirkes wird eine Gesund heitsfarte geführt. Sie gibt ein vollständiges Bild seines gesundheitlichen Lebenslaufs vom Säuglingsalter bis zum Tode; sie begleitet ihn in ein anderes Gesundheitshaus, wenn er in einen anderen Bezirk oder in eine andere Stabt verzieht. Bei Krankenhausbehandlung wandert die Karte mit ins Krankenhaus, erhält dort die für die Zukunft not wendigen Eintragungen und fommt mit dem Mitgliede an das Gefundheitshaus zurüd." Rettungswachen können fort fallen, wenn die Bezirke nicht zu groß sind. Sämtliche Fürs forgestellen gehen auf das Gesundheitshaus über. Der Schul arzt als Arzt der Gemeinde verschwindet, ebenso der Armen wachung der Halte- und unehelichen Kinder. Die Aufgaben des Kreisarztes gehen zum Teil auf das Gesundheitshaus über, z. B. die Gutachten für Behörden. Das Gesundheits haus stellt den Fabrifarzt für diesenigen Betriebe, die in seinem Bezirk liegen. Alle Zweige der sozialen Versicherung werden zusammengefaßt, und zwar zu einer Gesund. heitsversicherung, die sich auf die Gesundheitshäuser als Unterbau stützt.

tere Berhandlungen. Der Friedenskonferenz" wohnten der Premiers und die anderen Minister bei, ebenso Vertreter der Grubenbesizer. Die Anwesenheit der Grubenbesitzer ers regt die Hoffnung, daß man zum Verhandlungsschluß fommen wird. Die genauen Bedingungen der Regelung, die jetzt bespros chen werden, werden noch geheim gehalten, aber vermutlich werden bei der Endregelung den Grubenarbeitern 10 Schilling bewilligt werden. Diese Erhöhung wird aber eine Erhöhung der Erzeugung zur Bedingung haben, wobei die Grubenbesiger fich verpflichten, alle Verbesserungen der Anlagen, die verlangt wer den, anzubringen. Die Arbeiter werden durch erhöhte Leistungen und strikte Pflichterfüllung zur Erzeugnissteigerung beitragen. Wenn die Regelung zustande kommt, wird der Vollzugsausarzt. Das Gesundheitshaus übernimmt auch die Ueber schuß der Grubenarbeiter den Plan einer Versammlung von Abgeordneten unterbreiten, die dann ihre Zustimmung geben müssen. Danach wird die Regelung einer Abstimmung der Grubenarbeiter unterworfen werden. Diese Hand­lung, die vermutlich mehrere Tage in Anspruch nehmen wird, wird aber abgekürzt werden, da der Streit den Grubenarbeiterorganis fationen wöchentlich ungefähr 10 Millionen Pfund Ausgaben vers ursacht.

Rationaltrauer in Jeland. Eine Radiomeldung aus Dublin meldet: Auf den öffentlichen Gebäuden Dublins werden aus An­

laz des Todes des Bürgermeisters von Cork republikanische Fahnen auf Halbma st gehißt. Eine nationale Trauerfeier ist in Bors bereitung. In den Arbeitervierteln Belfasts waren republi­tanische Fahnen mit Trauerflor umhüllt in den meisten Fenstern erschienen. Die Orangisten hißten zur Gegenwirkung die englische Fahne. Darauf entstanden heftige 3usammenstöße, in deren Verlauf ein Mann getötet und mehrere verlegt wurden. Der Polizei war es nicht möglich, die Ordnung herzustellen; erst ein startes Militäraufgebot tonnte die Demonstranten zerstreuen.

Die tägliche Arbeitszeit der Aerzte soll 7 bis 8 Stunden betragen. Das Gehalt staffelt sich nach dem Dienstalter. Der Arzt ist pensionsberechtigt, seine Angehörigen haben Anspruch auf Versorgung. Die Anstellung geschieht nach Meldung und Batanz. Sämtliche Aerzte ohne Ausnahme haben auf dem Lande zu beginnen. Eine Versegung oder eine Entlassung des Arztes gibt es im allgemeinen nicht. Versage ein Arzt dauernd, so werde er sich ohnehin nicht halten tönnen, da die anderen Aerzte, die dann seine Arbeit mitmachen müßten, fich das nicht gefallen lassen würden.

Sehr eingehend beschäftigt sich Roeder mit den Ein. wänden gegen bie Sozialisierung. Es werde vor allem behauptet, der Krante fönne dann nicht mehr