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Donnerstag, 28. Oktober 1920

Nummer 458

Morgen- Ausgabe

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greiheit

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Parteidemokratie und Partei- Die Umsturzpläne der Rechtsparteien

spaltungen

Die bürgerliche Preſſe hat die Spaltung der U. S. P. D.

mit einem Indianergeheul begrüßt, an dessen Stärke man

erst erkennen konnte, wie sehr die Bourgeoisie die Spaltung des revolutionären Proletariats herbeisehnte. Wir gönnen den Herrschaften die Atempause, die sie zum Schreien be­nuzen, denn wir sind überzeugt, daß sich das Proletariat sehr bald wieder um unsere Fahnen scharen wird, wie es schon jetzt an vielen Orten geschieht.

Auf einem nod) tieferen Niveau als die bürgerlichen Kris tifen standen die Betrachtungen des Vorwärts". Vor Freude über die Spaltung bekam der Vorwärts" plötzlich einen religiösen Klaps und behandelte die Politik im Geiste wahrer Gnade und Strafe, wie etwa Kaiser Wilhelm. In der drohenden Spaltung in Halle, in dem Gründen von Korrespondenzen, Mitteilungsblättern, Diskussionsvereinen sah er eine Vergeltung" für das, was wir Ketzer der Kirche Scheidemanns angeblich angetan haben sollen. Und als die Spaltung Wirklichkeit geworden war, geriet die ganze Res daktion geradezu in eine Psalmstimmung. Jawohl, man mag es ihr glauben oder nicht, in Halle hatte es sich doch gezeigt, daß Gott die Mietat, die wir in Gotha begangen haben, bis ins vierte Geschlecht bestraft und das nicht die förichte, antiproletarische Politik Moskaus, sondern die ges rechte Vergeltung unsere Partei zersplittert habe. Und was Seitdem geschieht, bestärkt den Vorwärts" in seiner Sonn­tagnachmittagsstimmung. Wiederkehr des Gleichen!" jubelt er Dienstag abend, weil u. a. die Neukommunisten zum Boykott der Freiheit auffordern. Gerührt umarmen sich Stampfer und Ben Atiba.

Sehen wir von dem Blödsinn ab, die Politif vom Stand­punft einer waltenden Gerechtigkeit und von der Wiederkehr der Gleichen zu betrachten, so müssen wir uns doch ener gisch dagegen wenden, daß die Agitationsfünfte des Bor wärts" die erste Spaltung des deutschen Proletariats mit dieser jüngsten auf eine Stufe stellen oder gar einen logi­schen Zusammenhang fabrizieren. In Wirklichkeit haben die beiden Spaltungen nichts miteinander gemein. In ihren Urs fachen finden sich wohl gewisse Gemeinsamkeiten, die aber so für uns sprechen, daß wir sie gerne näher untersuchen wollen.

Betrachten wir zunächst die Spaltungin Salle. Was dort von der Linken in Szene gesetzt wurde, entsprach weniger dem bewußten Willen der Massen, als den Plänen jener fommunistischen Keimzellen" in der Partei, die seit Jahr und Tag darauf hinarbeiteten, die U. S. P. zu spren= gen, und die nur dieses Ziel auf dem Umwege über Moskau mit Hilfe der 21 Punfte erreichten. Die Möglichkeit, der fommunistischen Partei beizutreten, bestand ja in unbe­schränktem Maße. Auch jede Ortsgruppe fonnte geschlossen zur K. P. D. übertrten, aber feiner dachte daran, und so manche von denen, die stürmisch den Anschluß an Mostau forderten, stehen nun verdugt vor der Perspektive der Ein gliederung in die Kommunistische Partei. Für alle Parteis mitglieder bestand unbeschränkte Sprech- und Schreibfreiheit. Alle Probleme der Revolution wurden ausgiebig diskutiert. Niemals vorher hat es in irgend einer Partei eine folche Freiheit für die Kritik an Personen, an den gewählten Ver­tretern der Masse gegeben. Um den Willen der Masse in elastischen Organisationen zum Ausdrud zu bringen, wurde vielerseits eine neue, dem Rätesystem angepaßte Organi sationsform geschaffen. Mit einem Wort: in unserer Partei herrschte eine fast vollkommene Demokratie für die Mits glieder.

Ist es in Halle trotzdem zur Spaltung gekommen, so lag das vor allem an den fünstlich geschaffenen, von außen her­eingetragenen, bewußt verschärften neuen Gegensäten in der Partei. Programmatisch war unsere Partei bis zur Abreise ber Delegierten nach Moskau einig. Die letzte grundsägliche Aeußerung der Partei: das Antwortschreiben des 3entral fomitees an die 3. Internationale, wurde einstimmig angenommen. Gespalten hat sie sich dann nicht wegen eines Streites um die alten revolutionären Grundsäge, sondern wegen der Don Moskau geforderten neuen, die allerdings im schärfsten Widerspruch zum Leipziger Programm und selbst zum Programm des Spartatusbundes stehen. Aus diesem Grunde war für diejenigen, die dieses neue Pro gramm afzeptierten, fein Play mehr in unserer Partei. Das beginnt der linke Flügel selber einzusehen, denn die bereits eingeleitete Verschmelzung mit der K. P. D. bedeutet den freiwilligen Berzicht auf die Zugehörigkeit zur Unabhängigen Sozialdemokratie.

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Der Bürgerrat als Geldgeber

Orgesch organisiert den Putsch wehr und Sipo im Bunde mit den Verschwörern

Wir haben in der gestrigen Abendausgabe die Tatsache festge: stellt, daß es in Sachsen gelungen ist, den Umsturzplan der Rechtsparteien auszufundschaften. Die Chemnitzer ,, Volks Stimme" belegt in ihrer Dienstag- Ausgabe die Meldung mit un­widerlegbarem Beweismaterial. Es ist notwendig, dieses Ma­fie aufgerüttelt und von der Größe der Gefahr überzeugt wird. terial einer breiteren Deffentlichkeit zugänglich zu machen, damit

Die Umsturzbewegung geht von der Orgesch aus, deren Be­teuerungen, auf dem Boden der Verfassung zu stehen, eite! Lug und Trug sind. Die Orgesch unterhält feste Beziehungen zu den Regierungsstellen, zur Reichswehr, der Sipo und zu allen nationalistischen Verbänden und Parteien. Diese sind über den beabsichtigten Umsturz genau unterrichtet, in Sachsen wissen die Geheimratsstuben der Regierung genau so gut Bescheid, wie in Breußen und anderwärts.

In Chemnitz wurden die Umsturzpläne Mitte Mai ge schmiedet. Der Bürgerzat übernahm die Führung, ihm schlossen sich folgende Vereinigungen an:

Der Deutsche Offiziersbund,

Verein ehemaliger Einjähriger, Berein nationalgefinnter Frontfoldaten, Deutschnationaler Handlungsgehilfenverband und die Atabemitergruppe der Deutschnationalen Bolkspartei. Die der Putschorganisation angeschlossenen Verbände sind militarisch formiert, Führer und Kommandeure genau be stimmt. Am Tage des Aufstandes sollten die Orgeschmitglieder zunächst nach 3eithain marschieren. Es war ausdrücklich ver­boten, auf dem Marsche selbst Waffen mitzuführen, da das fäch Fische Industriegebiet als feindliches Gebiet zu betrachten sei und der Aufmarsch einzeln in 3eithain zu erfolgen habe. Dieser fehl wurde dahingehend abgeändert, daß der Sammelplatz nicht mehr Zeithain, sondern nunmehr Frankenberg sei.

In beiden Sammellagern hatte die bort stationierte Reichss wehrformation die Bewaffnung und Ausrüstung übernommen. Es wurde ausdrücklich bei Aenderung des Alarmbefehls ver. merkt, daß auch das Reichswehrtommando in Franken­berg die Verpflichtung zur Aufnahme und Ausrüstung des Chemnizer Bataillons übernommen habe,... Gleichzeitig übermittelte der Bürgerrat der Orgeschleitung einen Betrag von 3000 m. zur Errichtung eines Werbebureaus, das befehlsgemäß Oberleutnant von Scheel einrichtete und bis Ende Juli ein Bataillon in Stärke von drei Kompagnien aufftente.

Die Finanzierung des Unternehmens besorgt der Bira. rat, der zugleich Kaffenverwalter der Orgesch ist. Die Deutschnationale Boltspartei begrüßte die Gründung mit Freuden, mahnte aber zur Vorsicht, damit die Partei nicht belastet werde. Als Zivilberater wurde in die Leitung der Orgesch der erste Vorsitzende der Boftspartei, Baurat Bach, hineingewählt. Der Generalsekretär Spangenberg der Deuts fchen. Bollspartei hat die militärische Leitung.

Die Verbindung mit der Sipo wurde durch zwei Offiziere ber Sicherheitspolizei, Hauptmann Conradi und Leut­nant Scholle, aufrecht erhalten. Diese beiden im Dienst der Regierung stehenden Offiziere versicherten, daß drei Fünftel der Mannschaften auf seiten der Orgesch ständen. Oberleutnant

damals so handeln, denn eine Redefreiheit gab es unter dem Regime des Belagerungszustandes für uns auch in der eigenen Partei nicht mehr.. Schlimmer als die Zenfur des Hauptquartiers fämpfte die 3ensur des Parteivorstandes gegen die Kriegsgegner an. Die Verbreitung unserer Ansichten wurde von den siegesberausch, ten Instanzen mit allen Mitteln verhindert. Die Genossen hatten nicht nur feine Möglichkeit, innerhalb der Partei zu wirken, um durch den berühmten Kampf mit geistigen Waffen" die Mehrheit und die Macht in der Partei zu er­obern, fie ristierten sogar dadurch oft ihre persönliche Sichers heit und ihr Leben. Genossen, die die Petition an den Parteivorstand wegen seiner Kriegspolitik unterschrieben hatten, wurden deswegen in Schutzhaft geworfen oder an die Front geschickt. Gewerkschafts- und Parteipreffe lieferten den Kriegsgerichten direkt oder indirekt hunderte Streifende, Kriegsgegner, Revolutionäre ans Messer. Als Crispien wegen des Stuttgarter Streifs vor Gericht stand, verlas der Staatsanwalt Artikel aus der Schwäbischen Tagwacht" und dem Hamburger Echo", weil er, wie er sagte, seine Auf­fassung über den Streit auch nicht besser ausbrüden könnte! Sunderte Jahre Haft sind unter Berufung auf solche Zeugen­

Wie anders lagen die Dinge beim Zusammenbruch der alten Sozialdemokratie. Wenn jemals eine Spaltung aus dem Innern einer Partei herausgebrochen ist, so war es damals der Fall. Aber nicht wir, die wir damals aus der Partei ausgetreten sind, haben diese Spaltung erzeugt, fon bern gegen unsern Willen, gegen unsern klaren, oft betun beten Einheitswillen ist es zur Spaltung gekommen. Es ist wahr, auch wir haben mit Korrespondenzen, Mitschaft verhängt worden. Seine forderte im Reichstag ge teilungsblätter, Sonderorganisationen gearbeitet.

äußerlich hat daher der Vorwärts" ein Recht von der Wiederkehr des Gleichen zu sprechen. Aber wir mußten

radezu allerhand scharfe Maßregeln" gegen feine eigenen Genossen. War es auf die Dauer möglich, daß die Revo lutionäre und ihre Denunzianten in einer Portei blieben?

Reichs­

Ein General als Führer

Scholle entwidelte einen Plan, im Falle einer bewaffneten Aus einandersetzung die andersdenkenden Angehörigen der Sipo an entwaffnen und ihre sämtlichen Heeresgeräte in den Dienst Der Konterrevolution zu stellen. Oberleutnant Scholle übergab auch die Berichte des 3ivilkommissars, die für die sächsische Regierung bestimmt waren, zuerst dem Zentralbureau der Orgesch zur Kenntnis und Aeußerung. Die Boltsstimme" be richtet dann weiter:

,, Die Organisation in Sachsen wurde durchweg durch die Bera trauensleute der Deutschnationalen Wolfspartei ge tragen. Wie in Chemniz, so waren sie auch anderswo überall die Mitglieder der militärischen Organisationen. Nach der Aussage einwandfreier Zeugen, die selbst an der Sache beteiligt waren, war die ganze Organisation flar darauf eingestellt, eine gewalts jame Auseinandersehung herbeizuführen zum Sturze der Verfas fung und zur Aufrichtung einer reinen Rechtsregierung. Die Fas den der Bewegung in Sachsen laufen militärisch zusammen in ben Händen des Generals Senft von Piljach. Er ist Oberfoma mandierender der gesamten sächsischen Kadres der Konters revolution. Die Führung in Leipzig liegt militärisch in den Sän den des Assessors Häubner, Zivilleiter ist dort der Staats. auwalt Mühle. Der Generalstabsoffizier und Oberlehrer Ebersbach- Chemniz hat in allen Orten Anschluß an die deutsch nationalen Vertrauensleute gesucht und gefunden.

Die Verständigung mit den Reichsorganisationen ge schicht in außerordentlich vorsichtiger Weise. Von Woche zu Woche wechselt die Chiffre Schrift. Die Geheimbriefe selbst werden nur von Etappe zu Etappe weitergebracht durch eine ständige Stafettenpost in München. Nachrichtenoffizier Rappauf brachte zunächst einmal die Stafettenpoft nach Sof, wo sie von jungen Offizieren, die sehr oft gewechselt wurden, um ein Bekannt werden zu vermeiden, nach München weitergeleitet wurde. In der Nähe von 3eithain ist eine Fähre über die Elbe im Beige der Orgesch. Sie sollte bei irgendwelchen Bewegungen zum Ueber­sezzen dienen. Ein allgemeines Waffenlager traute man sich in Chemnih zunächst nicht zu errichten, da man sich noch zu schwach fühlte und im Falle des Alarms die Ausrüstung in Frankenberg durchführen wollte."

Soweit die Tatsachen, die bereits der sächsischen Regierung übera mittelt worden sind. Oberleutnant Schalle hat fofort feine Entlassung erhalten, weitere Maßnahmen sollen bevorstehen.

Die Vorbereitungen für die Konterrevolution sind natürlich nicht nur in Sachsen getroffen. Nach den gleichen Plänen ist viel mehr das ganze Reich mit einem engmaschigen Neg überzogen. Die nationalen Parteien stehen überall hinter dem Putsch. Um­sonst hat die Deutschnationale Boltspartei in San nover nicht eine baldige Entscheidung im Sinne der Monarchie angekündigt. Alle Vorbereitungen geschehen unter den Augen der Reichsregierung. Das Entwaffnungsgeleg, die Ebertschen Ausnahmegesege, sie werden nur gegen die Arbeiter ange wendet. Angesichts dieser Tatsachen, angesichts der drohenden Ges fahren, gibt es für die sozialistische Arbeiterschaft nur einen Weg: Sie muß zusammenstehen wie ein Mann, sie muß ihre Front schließen, fie muß es aufgeben, fernliegenden Phantomen nachzue jagen, sie muß ihre Augen auf die reale Gegenwart richten, te muß jeden Augenblid bereit sein, ben Streich der Gegenrevolution abzuwehren, sie endgültig zu Boden zu schlagen.

Kam es also so wie jetzt bei uns durch künstlich zugespitzte, von außen hineingetragene Forderungen zur Spaltung in der alten Partei? Nicht im Geringsten! Kämpfte doch unsere Fraktion in der alten Partei nicht wie die Neufommunisten für irgend welche neuen, ungeheuerlichen Forderungen, denen man auf den ersten Blid die tonterrevolutionäre Wir tung ansieht sondern für die Grundsäge des revo Iutionären Sozialismus, wie sie dieselbe Partei als ganzes hundertmale aufgestellt hatte, gegen das Böller­morden, gegen die Politik des Parteivorstandes, die sich in nichts von der Politit Bethmanns unterschied.

Infolgedessen haben wir nie für die Spaltung, sondern immer nur für den Sieg der revolutionären Grundsäge in der Partei gefämpft. Damals, wie heute, wußten wir, was die Einheit der Partei, besonders im Falle der von uns angestrebten Revolution bedeuten würde. So fonnte Ge noffe Haase unter dem stürmischen Beifall der Oppofition Seine unvergeßliche Anllage gegen die Parteimehrheit auf der Reichskonferenz im Jahre 1916 mit einem Appell zur Einheit beschließen, in dem es heißt:

Wir wollen die Einheit der Partei, aber nicht einer Bartel, in der dem Imperialismus offen oder verstedt Ronzeffionen gemacht werden. Wir wollen die Einheit der Partei auf bem felten granitenen Boden des sozialdemokratischen Bro gramms; wir wollen sie als internationale Sozialisten."