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3. Jahrgang
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Mittwoch, 3. November 1920
Nummer 468
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Morgen- Ausgabe
Die echtgefpaltene Ronpareillezette aber beren Raum koftet 5,-. einfcheid Seuerungszuschlag. Rleine Anzeigen; Das fettgedruckte Wort 2, M., jebes weiterg Wort 1,50 M., einschließlich Teuerungszufchlag. Laufende Anzeigen laut Tarif Familien- Anzeigen und Stellen Gefuche 3,20 m. netto pro Beile. Stellen Gefuche En Wort- Anzeigen: das fettgedruckte Wort 1,50., jedes weitere Wort 1,- Serniprecher: Bentrum 2030, 2645, 4518 4603, 4635, 4649, 4021.
greiheis
Berliner Organ
ber Unabhängigen Sozialdemokratie Dentfiblands
Eine Kampfesorganisation der Lungenkranken
Von Dr. Jul. Mojes.
Jch stelle an die Spize meiner Ausführungen ein Wort, das Birchow vor über 70 Jahren einmal geprägt und das uns anmutet, als wäre es heute geschrieben, so aktuell flingt es: Epidemien gleichen großen Warnungstafeln, an denen der Staatsmann von großem Stil lesen fann, daß in dem Entwicklungsgang seines Voltes eine Störung eingetreten ist, die selbst eine sorglose Politit nicht länger über fehen darf."
Wo ist heute in Deutschland der Staatsmann von großem Stil", der angesichts des geradezu grauenerregenden Massensterbens im Proletariat vor das Volt und die Volksvertretung hintritt und trok des Finanz elends, unter dem heute Deutschland seufzt, den Mut hat, die Kulturmilliarde zu fordern, die nötig ist, um wenigstens einigermaßen diesem Massensterben Einhalt zu gebieten. Jm Reichshaushaltplan für das Rechnungsjahr 1920 ers fordert das Reichswehrministerium an fortdauern den Ausgaben 3025 251 662 M., an einmaligen Ausgaben 208 690 072 M., im außerordentlichen Haushalt 1718 806 267 Mart. Diese schwindelerregenden Summen resp. Unsummen braucht man, trotz des Finanzelends, in dem sich unser Volt befindet, um ,, Ruhe und Ordnung" in Deutschlands Ganen aufrecht zu erhalten.
Welche Mittel stellt man demgegenüber von Reichswegen zur Verfügung, um die durch den Krieg so schwer heims gesuchten proletarischen Massen vor weiterem Siechtum, weiterer Berelendung durch Krankheit und Tod zu schützen? Unter den einmaligen Ausgaben des Reichsministeriums des Innern befindet sich auch ein Betrag von 2 300 000 m. zur Förderung der Erforschung und Bekämpfung der Tuberfulose. In der Begründung heißt es:„ Die Entstehungsweise und der Verlauf der Tuberkulose machen es in hohem Grade wahrscheinlich, daß der volle Umfang der Verschlimmerung der Krankheit sich erst nach einer Reihe von Jahren, ja viel leicht erst in Jahrzehnten deutlich zeigen wird. Deshalb gilt es, mit Aufwendung aller Tattraft und Einsetzung großer Mittel(?!), den Kampf gegen die Tuberkulose so zu führen, daß in möglichst furzer Zeit(?!) der Schaden, den unsere Volksgesundheit erlitten hat, wieder gutgemacht und weitere schwere Schädigungen, die bei dem anstedenden Charakter der Tuberkulose sonst unvermeidbar sind, ver hütet werden. Hierfür erscheint die Aufwendung großer Geldmittel(?!) seitens des Reiches unerläßlich."
Machtprobe in der Berliner Metallindustrie
Die Unternehmer sperren aus! gemeinheit, auch der Arbeiterschaft, bezahlt werden. Die Hinter
Die industriellen Scharfmacher rüsten zum Kampf.
Wenn sie bisher nur ihre Verbindungen mit den maßgebenden Stellen des Reiches benutzten, um für die Arbeiterschaft den Zu stand der vortriegszeitlichen Betriebssklaverei herbeizuführen, ihnen dieser Weg aber scheinbar zu langwierig ist, gehen sie jetzt zur direkten Aktion, und zwar zu
systematischen Betriebsschliehungen
über. Wie feit jeher, so auch diesmal wieder wird in Berlin der erste gewaltsame Borstoß unternommen in der Er wartung, wenn man hier ein Exempel statuieren kann, die Verhältnisse im ganzen Reiche sich ähnlich gestalten würden. Mahgebende industrielle Firmen Berlins, wie die Lokomotivfabrit Borsig, die Telephonjabrit Lorenz, die Automobilfabrik Aga und noch einzelne kleinere Betriebe find infolge geringfügiger Differen zen, die wegen der Entlohnung eines Teiles ihrer Belegschaft mit der Betriebsleitung ausgebrochen waren, dazu übergegangen, in brutalter Weise ben gesamten Betrieb zu fließen, und damit die Arbeitslosigkeit und das wirtschaftliche Elend ins Ungemess sene zu steigern.
Wenn die Arbeiterschaft sich aus der wirtschaftlichen Notlage heraus veranlaßt sah, um überhaupt ihre Eriftenz bei den gegen wärtigen Preisen der Lebenshaltung fristen zu können, geringfügige Lohnerhöhungen zu fordern, so geschieht das nicht aus dem Grunde, um die Wirtschaftlichkeit der Betriebe zu ruinieren, sondern einzig und allein, um ihre eigene Existenzmöglichkeit den
Berhältnissen anzupassen.
Der typischite Fall dieser großzügigen Unternehmerjabotage ist die Schließung der Lokomotivwerfitatt Borsig.
nut
Weil 300 in Lohn arbeitende Facharbeiter Die allzu sehr berechtigte Forderung aufstellten, ihre Löhne wenig ftens einigermaßen an die Berdienste gleichwertiger Afford arbeitergruppen anzupassen und nachdem die Arbeiterschaft von dem Recht der Arbeitsverweigerung Gebrauch gemacht hat, hat die Firma die in Frage kommenden Arbeiter einfach entlassen. Aber durch die Anwendung dieses Zwangsmittels fonnte die Arbeiterschaft von dem Beharren auf ihre Forderung nicht abgebracht werden. Nachdem ein Teil dieser 300 Arbeiter 14 Tage vom Betrieb ferngehalten wurde, hat die Firma turzerhand den gesamten Betrieb geschlossen, trotzdem es feststeht, daß wichtige und wesentliche Teile des Betriebes auch ohne die Arbeit der Entlaffenen ihre Produktion hätten fortführen können.
Daß diese Mittel völlig unzureichend find, bedarf keiner Begründung. Für das neue Reichsheer müssen immer Die Firma Borsig hat unter bewußter Verlegung der Bestim mungen des Betriebsrätegesetzes zu diesem brutalen Mittel ge= noch über fünf Milliarden aus dem Volfe herauss griffen, indem sie den Betriebsausschuß von der von ihr beabsich gepreßt werden, für die Bekämpfung und Ertigten Maßnahme überhaupt nicht in Kenntnis setzte, trobem forschung der Tuberkulose sollen insgesamt nur diese Firma ausschließlich von Staatsaufträgen lebt, die von der All
2% Millionen ausreichen. Auch für das neue Deutschs land trifft noch zu, was der Holländer Haentjens furz vor dem Ausbruch des Krieges einmal gesagt:„ Der Vers
gleich zwischen den von einem Volfe votierten Ausgaben für Heer und Flotte und den erbärmlichen Staatsalmosen zur Verbesserung seiner sozialen und hygienischen Lage führt zu der Betrachtung: Jedes Bolt hat bie Tuberkulose, die es verdient."
Man verschanzt sich im Reich hinter der Ausrede, daß es ja die Aufgabe der Einzelstaaten sei, für die Voltsgesundheit größere Summen im Etat auszuwerfen. In welchem Umfange das 3. B. in Preußen geschieht? Ministerium für Boltswohlfahrt hat einen Das Etat für 135 Millionen! Davon tommen 103 Millionen lediglich für Bauzwede in Betracht denn in Preußen ist auch das gesamte Bauwesen in das Ministerium für Bolts wohlfahrt hineingezwängt worden. 25 Millionen fommen auf die eigentliche Wohlfahrtspflege, von denen 17% Millionen an die Kommunalverbände zur Durchführung des Gesetzes über die Fürsorgeerziehung Minderjähriger abzu führen sind, und nur 7 Millionen Mart entfallen in Preußen auf die eigentliche Gesundheitspflege. Das, was bis zum heutigen Tage für die Volksgesundheit im Reiche und den Einzelstaaten ausgeworfen wurde, materiell und ideell, war so beschämend gering, daß man immer unter dem Eindrud stand: All das Reden und Tun geschieht ja doch nur, um das Geficht zu wahren. Gewiß gab es Debatten im Reichstag beim Kapitel Reichsgesund heitsamt und hei passender Gelegenheit wurde auch allerlei in den Parlamenten über die Bolksgesundheit verhandelt und abgehandelt, aber wie tief die gesamte Materie die Erwählten des Volkes berührte, geht aus der Tatsache hervor, daß die Verhandlungen über diese Dinge regelmäßig vor gähnend leerem Hause vor sich gingen. Und wenn die Vers baner ber Arbeiterschaft den Finger auf diese Wunde legten, bann wurden sie von der Regierung und den herrschenden Riaffen als Ständer und als Sezer hingestellt. Auch heute noch waltet in unseren Regierungen der Geist, der in dem Crlaß des Preußischen Ministeriums des Innern vom 3. Juli 1918 betr. Gewährung von Beihilfen zur Bekämpfung der Tuberkulose zum Ausdrud gekommen ist. In
diesem Erlaz heißt es, daß die Tuberkulosebekämpfung grundsäglich(!) nach wie vor Aufgabe der Wohlfahrtspflege sein müsse, die Mittel durch Mitgliederbeiträge, Inanspruchnahme der freien Liebestätig feit und Erwirtung fommunaler Zuschüsse aufgebracht werden müßten:„ Bei voller Würdigung der ernsten Bedeutung treten des Staates mit größeren Mitteln der Tuberkulose als Volkskrankheit muß von einem EinVerhältnissen bei der schweren, zweifellos noch lange Zeit abgesehen werden, die zudem unter den gegenwärtigen nachwirkenden Belastung der Staatsfinanzen nicht verfügbar zu machen wären. Nur vorübergehend und in mäßigem Umfange fönnen Staatsmittel zu dem besonderen 3med bereitgestellt werden."
Wohlfahrtspflege, Wohltätigkeit der besitzenden Klassen: zeichen und kaiserliche Suld find nicht mehr durch öffentliche beides ist im Schwinden begriffen. Orden, Titel, Ehrenstürzen? Und die Margueritentage und ähnlicher Firlefanz Geldspenden zu erreichen. Wozu sich da noch in Unkosten haben faum die Unkosten der Reklame usw. zu deden ver
mocht.
hältigkeit der Begründung, die die Firma Borsig bereits in die Bresse lanciert hat, ergibt sich daraus, daß der Betriebsschließung folgende Bekanntmachung voraufging:
,, Bekanntmachung. Infolge der Vorgänge der letzten Wochen ist eine ordnungsmäßige Fortführung des Betriebes nicht mehr möglich, sodaß ich mich gezwungen sehe, auch die noch teilweise arbeitenden Betriebsabteilungen bis auf weiteres end gültig zu schließen, und zwar erfolgt der Schluß für die erste Schicht um 3 Uhr, für die zweite Schicht um 11 Uhr abends. Mit dem heutigen Tage gilt die gesamte Arbeiterschaft des Wertes als entlassen.
Die Löhnung erfolgt am Mittwoch, den 3. November dieses Jahres im großen Kasinosaale durch die Meister, und zwar für ben Betrieb 1 um 2 Uhr, für den Betrieb um 3½ Uhr.
Die Restlöhnung findet am Donnerstag, den 4. November dieses Jahres am gleichen Ort zu den gleichen Zeiten statt.
Die Wiederaufnahme der Arbeit wird entsprechend den Bes triebsverhältnissen jedem Einzelnen durch schriftliche Mittei lung befannt gegeben. Diese schriftliche Mitteilung dient als Ausweis für die Wiedereinstellung, und ist am Werteingang vorzuzeigen.
Für diejenigen Arbeiter, die seit dem 18. Oftober 1920 nicht infolge eigener Arbeitsverweigerung, sondern infolge Unmög lichkeit der Weiterbeschäftigung entlassen wurden und bei Wies bereröffnung des Betriebes neu eingestellt werden, bin ich bereit, die Zeit der Entlassung nicht als Unterbrechung des Arbeitsverhältnisses zu betrachten.
Diejenigen, die ihre Entlassungspapiere wünschen, sollen dies schriftlich dem Lohnbureau mitteilen; die Zustellung erfolgt nach Maßgabe der Arbeitsordnung.
Diejenigen Arbetter, die während des Werkstilstandes zu dringenden Rotstandsarbeiten gebraucht werden, werden durch die einzelnen Abteilungsleiter bestimmt. A. Borsig."
Berlin, den 1. November 1920.
Es zeigt sich also hier, daß es der Firma nicht darum zu tun ist, die um ihre Existenz ringende Arbeiterschaft in den Betrieb zu bekommen, sondern einen Teil der Arbeiterschaft, der sich in der Interessenvertretung seiner Mitarbeiter ganz besonders hervor getan hat, zu maßregeln.
Wenn der Streit bisher als ein untergeordneter Lohnstreit zu betrachten war, so wird er jetzt durch diese Absicht der Firma Borsig auf ein anderes Gebiet geschoben, und es wird in den Kampf eine Schärfe hineingetragen, die nur von der Absicht dits tiert sein kann, durch den Versuch, ein Erempel zu ftatuieren, ber Arbeiterschaft die Macht und das Heren- im- Hause- sein der Ins dustriemagnaten fühlen zu lassen.
Exzellenzen und Geheimräte und Professoren. Der Erfolg ihrer Liebeswerbung ganze 340 000 Mart. Die andere Tatsache: Die„ Schlesische Gebirgszeitung" vom 28. August 1920 berichtet:
Ein bedeutsamer Beschluß wurde von den Betriebsräten des Waldenburger Bezirks in einer Versammlung, an der mehrere hundert Personen teilnahmen, gefaßt. Der Kampf gegen die Tuberkulose ist dort in vorbildlicher Weise durch Gründung von Waldheilstätten für tuberkulosetrante und verdächtige Kinder aufgenommen worden. Der Betrieb dieser Waldheilstätten in aber so teuer, daß die großen Kosten die Fürsorgeanstalten in Frage stellen. Nun haben die Betriebsräte einstimmig bes schlossen, den Belegschaften vorzuschlagen, ein Jahr lang je Mann eine Stunde im Monat Wohlfahrtsüberschicht zu fahren. Welch ungeheure Summe auf diese Weise zusammenkommt, gehi daraus hervor, daß man bestimmt damit rechnet, drei Millionen Mark für das soziale Fürsorgewerk der Waldheilstätten zu be tommen. Diese drei Millionen Mart sollen einen Grundstod bilden, von dem nur die Zinsen verwendet werden sollen." So handelt das Proletariat in einem einzigen fíeinen Bezirk Deutschlands. Die hohen Herrschaften des Zentral fomitees bringen ganze 340 000 Mart auf, von denen wahr. scheinlich noch die Hälfte zur Bestreitung der Bureaus und Organisation usw. verwandt werden.
Ich stelle zwei Tatsachen gegenüber. Der letzte vom Generalsekretär des deutschen Zentralfomitees zur Be fämpfung der Tuberkulose erstattete Geschäftsbericht, der recht refigniert, in gedämpften Tönen gehalten ist, stellt fest, Nun hat dieses Zentralfomitee auf seiner letzten General versammlung folgende Entschließung angenommen: Die daß der Reichszuschuß von sage und schreibe 160 000 Generalversammlung der deutschen Zentrale zur Bekämpfung Mart auch im vergangenen Jahre trotz des ungeheuerlichen der Tuberkulose befürwortet dringend, angesichts der Zu Anschwellens der Tuberkulose nicht höher gewesen, ill. Insnahme der Tuberkulose und der schweren Notlage der von gesamt verfügte das Zentralfomitee über 500 000 Mart. Was der Tuberkulose heimgesuchten Familien, die Herbeiführung bamit geleistet werden fonnte, braucht nicht erst gesagt zu einer reichsgeseglichen Regelung der Tuber. tulojebetämpfung, durch die endlich die Rechtsa grundlage und Geldmittel für eine umfassende Tuberkulose fürsorge beschafft werden sollen."
ber Impotenz der bürgerlichen Geſellſchaft, eine Bentotts erklärung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, ein Denk
mal von unserer Zeiten Schande. 340 000 m. hat das über ganz Deutschland verbreitete 3entralfomitee für die Bes aufzubringen vermocht und dabei stehen an der Spike fämpfung der Tuberkulose auf dem Umweg der Liebesgaben dieses Komitees Staatsminister und Staatssekretäre und
In der Tat, die Tatsache, daß die Tuberkulose infolge des Kriegselends eine geradezu grauenerregende Zunahme eri fahren hat, wirft ein entsegliches Schlaglicht auf unsere Zeis und sollte nicht nur die Fachleute aus ihrem Schlummer auf rütteln. Wenn in früheren Jahren Gleichgültigkeit und