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Donnerstag, 4. Movember 1920
Nummer 470
Morgen- Ausgabe
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Berliner Organ
der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Die taktische Situation der
Gewerkschaften
Die Gewerkschaftsbewegung befindet sich gegenwärtig infolge der Revolution und der damit verbundenen Machts verschiebung der Klassen aus verschiedenen Gründen in einer neuartigen Situation. Der revolutionäre Wille der Arbeiterschaft drängt die Organisationen vorwärts und die energischsten Gruppen unter den Mitgliedern erheben die Forderung, daß die Verbände aus der Zuspitzung der Klassengegensätze die Konsequenz ziehen, indem sie als Organe der Arbeiterklasse den Kampf gegen den Kapitalismus und die Bourgeoisie tlar und eindeutig auf nehmen. In den Massen ist das Bewußtsein lebendig, daß nur die Zusammenfassung aller organisatorischen Kräfte und ihr Vorwärtsschreiten auf einer einheitlichen Linie die ungeheuren Widerstände zu überwinden vermag, die Machtaufgebot und Machtwille der bürgerlichen Gesellschaft bem Streben der Arbeiterklasse nach dem Besitz der politi: schen Macht entgegensezen. Und diese einheitliche große Linie kann nur die des mit Entschlossenheit und Umsicht ge= führten Klassentampfes sein.
Wrangel auf dem Rückzug
Bor der Perekop- Linie
Die Offensive ber Roten Truppen gegen den General Wrangel scheint nach den bisherigen Meldungen von einem bedeutenden Erfolg gefrönt worden zu sein. Wrangel war von der Krim aus bis an das Dnjeprufer vorgestoßen und hatte eine Reihe wichtiger Städte besetzt. Die Roten Truppen haben ihn durch den Angriff, der Ende Oktober eingeleitet wurde, aus diesen Posttionen verdrängt. Sie melden große Gefangenenziffern und bes trächtliche Beute an Geschützen, Munition und Bagagen. Die Berluste scheinen Wrangel so schwer getroffen zu haben, daß er sich entschlossen hat, das ganze Gebiet nördlich und nordöstlich der Krim zu zäumen,
Nach einer Meldung aus London, will fich Wrangel hinter die Beretop Linie zurückziehen. Berefop liegt auf der fhmaTen Landenge, die die Salbinsel Krim mit dem Festlande verbindet. An dieser Stelle haben die Bolschewisten schon bei der Berfolgung der Denilintruppen, im Frühling 1920, Halt starf ab. Sie ist im Berlauf des Sommers festungsartig machen müssen. Die Linie sperrt den Zugang zur Krim sehr ausgebaut und durch französische Silfe mit den mobeinsten Geschützen beftüdt worden.
Im Frühjahr segten die Bollchemisten ihren Vormarsch über die Landenge hinaus nicht fort, weil die Gewinnung der Linie nische Offensive bie Roten Truppen ein anderes, weit wichtigeres zu große Opfer erfordert hätte und weil anderseits durch die pols au Tätigkeitsfeld erhielten. Der Angriff auf die Landenge von Bes refop ist vor allem auch deshalb schwierig, weil die Gegenrevolu tionate in ber Abwehr bes Angriffs durch das Mitwirken von
Auf der anderen Seite hat die Sozialpolitif ber jüngsten Entwicklung die Gewerkschaften vor zahlreiche neue Aufgaben gestellt. Die sozialpolitische Hochflut, die wir gegenwärtig erleben, entspringt nicht dem Zufall. Wir geben uns feinerlei Jllusionen hin, sondern find uns vollkommen bewußt, daß die Bourgeoisie nicht daran denkt, auch nur die bescheidenste ihrer Machtpofitionen ohne harten Rampf an die Arbeiterschaft preiszugeben. Aber wir vertennen auch nicht, daß sich bie politisch führenden Kreise un ferer Gegner tlar darüber sind, daß teine Maßnahme der regierenden Faftoren möglich ist, ohne daß sie zuvor auf ihre Siffsgelägen von der Geefeite her eine nennenswerte Wirkung auf die Arbeiter, Angestellten, und Beamte geunterstügung finden, die schlecht zu unterbinden ist, da die meits prüft worben wäre. Die Beachtung, die das politische tragenden Schiffsgeschüße vom Lande aus schlecht niederzulämpfen Wollen der Arbeiterschaft findet, ist zweifellos gewachsen. find. Eine Regierung, die sich mit offener Brutalität gegen die Arbeiterschaft wendet, ist zur Zeit nicht nötig, es fet denn, daß sich, wie zur Zeit Rostes, ein Teil der Arbeiterschaft auf die Seite der Regierung stellt. So müssen die Regierungen den Anschein zu ermeden versuchen, als feien sie bestrebt, dem Verlangen der Arbeiterschaft Rechnung zu tragen. Daher die Fülle der sozialpolitischen Ges seze, die das Erstgeburtsrecht des Proletariats gegen dünne Linfenfuppen eintauschen sollen, die man hinnehmen und bes nugen soll, wie es die Sozialdemokratie in Deutschland stets getan hat, die aber gefährlich werden fönnen, wenn fich die führenden Instanzen der Organisationen über ihren Weserstern und den Zwed ihres Daseins einer Täuschung hingeben.
Aber auch diese Gesetzgebung ist nicht möglich, ohne daß das Einverständnis maßgebender Kreise der organisierten Arbeiterschaft dazu vorhanden ist. Die sozialpolitischen Ge fete wären vor allem unfruchtbar und würden den gesezten demagogischen Zwed nicht erreichen, wenn sie so gestaltet wären, daß fie von vornherein mit einem heftigen Wider stand in der Arbeiterschaft zu rechnen hätten. Daher die. Erscheinung, daß sozialpolitische Gefeßze niemals an die Parlamente gelangen, ohne daß sie vorher mit den Instanzen der Gewerkschaften sorgfältig beraten worden sind. Für die Gewerkschaftsbewegung bedeutsam ist vor allem Kompler, von gesetzgeberischen Maßnahmen, der neue Möglichkeiten der 2ohnpolitit erschließt. Wir erinnern nur an die Möglichkeit zur Verbindlichkeitserklärung von Tarifverträgen und zur Schlichtung von Lohnstreitigkeiten, die den Kampf nicht lohnen, durch permanente Schiedsinstanzen.
jener
Mir verkennen nicht, daß ein vor einem Schlichtungsaus schuß erreichter Erfolg teine Tat des revolutionären Klassenfampfes ist. Wir wollen aber auch nicht übersehen, daß wir den Gewerkschaften noch immer die Aufgabe stellen, die Lohnverhältnisse der Arbeiterschaft zu berbeffern oder doch wenigstens bem Ginten des Reallohnes entgegenzuwirken. Es darf wohl auch hinzugefügt werden, daß diefe Aufgabe in der gegenwärtigen 3eit wachsender Schwierigkeit des Lebensunterhalts nicht an Bedeutung verloren hat. Stellen wir den Gewerffgaften aber diese Aufgabe, dann dürfen wir ihnen auch nicht die Mittel verweigern, beren sie zu ihrer Erfüllung bedürfen. Die ungemein schwierige Kampffituation der gegenwärtigen Zeit, hervorgerufen durch Das Darnteberliegen des Wirtschaftslebens, awingt die meisten Gewerkschaften, den Weg über den Schlich tungsausschuß und der Umgehung der offenen Schlacht öfter Gewerkschaften, wie es wiederholt geschieht, darum der benutzen, als ihnen lieb ist. Es ist daher finnlos, die ächtlich zu machen, weil sie diese Mittel der Tarif und Schlichtungspolitik ausnuten. Wir bekennen sogar, daß wir die äußerste Ausnutzung solcher Möglichkeiten in allen Angelegenheiten der teinen Lohnpolitit fordern, sofern dabei nicht Lebensrechte der Bewegung und notwendige Forderungen der Arbeiterschaft preisgegeben werden, denn wir müssen die attiven Kräfte sparen
Aber die französischen Kriegsschiffe stehen für ihn bereit. Sie Wrangel felbft fteht nur eine 11eine Flotte zur Verfügung. haben bereits zugunsten Denitins eingegriffen, und sie werben es auch bei dem Angriff auf Wrangel tun. Für Rußland.ist aber die Bertreibung Wrangels aus der Krim eine Lebensfrage geworden. Durch den Hafen von Sebastopol tann fich Wran gel dauernd mit Munition und Proviant versorgen lassen und nach jeder Niederlage närblich der Perekop- Linie den Kampf von neuem beginnen.
Jungen ben Widerstand des Gegners, bejegten Beretop und fämpfen hartnädig üblich dieser Stadt. In einem späteren Bericht heißt es: Der Gegner, verstärkt durch zahlreiche, von der polnischen Front herübergeworfene Infanterie und Kavallerie- Divisionen, legt seinen hartnädigen Angrijf fort.
London, 3. November.
Wie Reuter meldet, hat General Sarrington gestern London, verlassen, um sich nach Konstantinopel zu begeben. Er wird das Obertommando der Streitfräfte im Schwarzen Meer übernehmen. Außerdem ist er beauftragt, die Ausführung des Friedensvertrages zu überwachen.
Der Korrespondent des Daily Expreß" berichtet aus Konstans tinopel nom 1. Rovember, daß der Druck der Bolsche wisten gegen die Armee Wrangels in der Krim stärter fei, als man anfänglich geglaubt habe. Die Bolschewisten hätten bei ihrem Bormarsch dret Armeekorps, vier Kavalleriedivisionen und meh rere Detachements aus Turfestan in den Kampf geworfen.
Die Abwehr des französischen Anschlags
Paris, 3. November.
Der Allgemeine Arbeiterverband( C. 6. T.), die fozialistische Partei und die Liga für Menschen. zechte haben sich zu einer Propaganda zugunsten der Einstel lung ber Feindseligkeiten gegen Rußland und zur Wiederherstel Lang des Friedens im Orient vereinigt. Je brei Delegierte ber genannten Organisationen haben gestern die Beratungen darüber begonnen. in welcher Weise fie vorzugehen gebenten.
Troßki über den Sieg
SR. London, 3. November.
Ein Telegramm aus Sebastopol bejagt: Die Bolschewiften haben Wrangels 3entrum durchbrochen und offenbar eine gel pernichtet. Wrangel verteidigt fich tapfer und macht Anstalten fich über den Eiwasch- Eee nach der Krim zu rüdzuziehen. Trogti gibt über die Niederlage folgendes bes tannts
" Der Feind ist bereits von der Landzunge abgeschnite ten und ber Ring um ihn wird zusammengezogen. Es ist ein großer Erfolg, wenn er bis zum Ende fortgelegt werden kann, fe bah mir einen Zugang zur Krim bekommen. Es tann nicht daran gezweifelt werden, daß unjer entscheidender Vormarsch nach dem Der russische Seeresbericht vom 31. Oftober meldet: Süden die Pforten ber Krim für uns öffnen wird. Unsere Kar Am Ufer des Schwarzen Meeres besetzten wir den Hafen Stavallerie muß dem geschlagenen Feind nicht Zeit lassen, fich dowst. Jm Abschnitt Beretop übermanden unsere Abtei etwa auf französischen Schiffen einzufchiffen."
Berekop besetzt!
sofortige Erfüllung heifchend, vor uns hintreten fönnen. im Intereffe größerer Aufgaben, die täglich, Stets haben wir uns dagegen gewandt, daß die Revolution zu einer Lohnbewegung gemacht werde. Darum müssen wir aber auch eine Tattit ablehnen, die jede Lohn bewegung fünstlich zu einer grundsäglich revolutionären Aftion aufpumpen will
Die Benutzung der öffentlichen Schlichtungsorgane, die Möglichkeit, Tarife zu rechtsverbindlichen Verträgen stempeln zu lassen, sowie die Mitwirkung auf anderen Arbeitsgebieten der Sozialpolitif, hat aber zur Voraussetzung, daß die Organisationen, die die Vertretung der Arbeiter und Angestellten führen, von den Behörden als Gewerf= chaften anerkannt werden. Das führt soweit, daß die freien Gewerkschaften gezwungen sind, die Anerfennung etwa der Gelben" als Gewerkschaften zu be= lämpfen, während diese Schmarogergesellschaft großen Wert auf die Anerkennung legt, weil ihre Position damit erheblich verbessert wird. Kurz: Die Gewerkschaften bebürfen heute, um alle Möglichkeiten zur Erfüllung der ihnen von ihren Mitgliedern geftelten Aufgabe ausnuten zu fönnen, der Anerkennung burch die Staatsgewalt des Klassenstaates. Und es ist immerhin ein Merkmal der Zeit, daß die Staatsgewalt es nicht wagen darf, ihnen diese, Anerkennung vorzuenthalten.
Gewerkschaften nicht mehr ausschließlich Kampforgani Dadurch bildet sich allmählich ein Zustand heraus, in dem fationen der Arbeiterschaft find, sondern gleichzeitig öffent i anerkannte Organe des gesellschaft ligen Lebens, Autoritäten, deten Wille nicht allein
eine schwierige tattische Situation. Wollen wir den Gewerf aften den Weg durch dieses Didicht bahnen, so müssen wir biese Umwandlung ihrer Stellung, der sie sich gar nicht entziehen können, beobachten und ihre Konsequenzen zu bes greifen suchen. Es hilft gar nichts, sich mit repolutioherumzubrüden. nären Reden um diese Tatsachen und ihre Anerkennung
Die Aufgabe der Gewerkschaftstaftit Jcheint uns jeht darin zu liegen, diese Umwandlung, bie noch nicht abges lossen ist, sondern sicher fortschreitet, zu überstehen, ohne
babei den Boden des Klassentampfes aug nurum Saaresbreite zu verlassen. Es ist ganz gewiß, daß den reformistischen Neigungen der Rurgemertschaftsbureautratie aus dieser neu erworbenen Stellung der Gewerkschaften im Rahmen der Gesellschaft frische Nahrung aufließt. Der reformistische Sozialpolitiker wird durch ein erträgliches Verhältnis zu den Organen des Staates leicht zu der Auffassung fommen, diese gute Nachbarschaft sei ein. natürlich gegebener Zustand, der den Weg eines bedächtigen Borwärtsschleichens bis zur letzten Höhe wirklicher Macht oder auch nur der Teilnahme an der Macht erschließt. Solche Gesinnung und Auffaffung der Dinge führt notwendig zu eine. feitig reformistischen Methoden auf allen Gebieten und bei allen Gelegenheiten, führt zum permanen ten Kompromiß mit den politischen und wirtschaftlichen Gewalten der Bourgeoisie in Koalitionsregierungen und Arbeitsgemeinschaften. Es ist ganz selbst verständlich, daß die Bewegung vor solcher Gefahr politischer Versimpelung bewahrt werden muß. Die revolutionäre Arbeiterschaft folgt nur ihrer gefunden Einsicht in ihre Klassenlage, die durch alle diele Vorgänge im Brinzip nit im mindesten verändert wird, wenn sie solche Politik unter der Füh rung unserer Partei befämpft, aber es ist verfehlt, und es heißt das Kind mit dem Bade ausschütten, wenn die Gewerkschaften mit Hohn übergoffen werden, weil sie ihre ver nußen. Wir können bedenkenlos alle Möglichkeiten der änderte Position für die Zwecke des Lohn kampfes aus: noch die Anerkennung der Gewerkschaften, noch andere bene neueren Sozialpolitik benugen, aber wir müssen weder fie ,, persönlichen Gefühl bes Bureaufraten schmeichelhafte Dinge hinzunehmen haben, und die uns zum Wohlver. hatten verpflichten, sondern wir müssen sie auffallen als einen unzweifelhaften Anspruch der Are beiterflasse, als felbstverständliche Forde. rungen, als fleine Vorteile, die wir, foweit sie dazu tauglich find, benutzen, fester in den Sattelzusehen, und um unseren Kampf um die legte Machtergreifung umfo belfez, aber umso energiföer führen zw Jönnen
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