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Donnerstag, 4. November 1920

Nummer 471

Abend- Ausgabe

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greiheit

Berliner Organ

ber Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Der Wahlfieg der Republikaner

Neue Wahlergebnisse

HN. New York, 4. November.

Aus allen Nachrichten geht hervor, daß die Wahlkampagne für die Republikaner ein bedeutender Siegeszug gewesen ist. Jn Tennessee, wo gestern morgen um 10 Uhr das Er gebnis von 66 Bezirken vorlag, erhielt Harding eine Mehrheit Don 158 Stimmen. Hier wurde der republikanische Kandidat für den Gouverneurposten Taylor mit 15 000 Stimmen Mehrheit gegen den demokratischen Kandidaten gewählt. In Missouri fiegten die republikanischen Kandidaten für die Präsidentschaft, den Gouverneurposten und den Senat mit 35 000 Stimmen Mehrs heit. Im Staate New- Yort ist das Ergebnis der Wahlen für den Gouverneurposten noch unsicher, doch gibt man bem republika. nischen Kandidaten sehr gute Aussichten.

In Colorado war das Stimmenverhältnis des republikas nischen und des demokratischen Kandidaten für den Gouverneurs posten wie 2: 1. In Kentudy, wo Cog eine bedeutende Mehrs heit erhielt, wurde der demokratische Gouverneur wiedergewählt. Für den Kongreß wurden dort sieben Demokraten und drei Repus blikaner gewählt. In Indiana erzielte Harding eine Stimmen­mehrheit von 250 000. Die Wahl der republikanischen Kandidaten für den Senat und für den Gouverneurposten scheint gesichert. In 31linois erreichte Harding eine Mehrheit von über 800 000 Stimmen. Zum Gouverneur wurde Mac Kinley gewählt. In Massachusetts erzielte Harding eine Mehrheit von über 300 000 Stimmen, was die Mehrheit, mit der Kandidat Kinley 1896 dort siegte, weit übertrifft. In Mississippi wurden die Demokraten Jadjon und Roosevelt mit 60 000 Stimmen Mehrheit für den Kongreß gewählt.

Die Präsidentschaftswahl

HN. London, 4. November.

Aus New Yor? wird gemeldet: Die Staaten New York, Pensylvania, Connecticut und Illinois haben riesenhafte Stimmenmehrheiten für die Republikaner er­geben. In den ersten beiden Staaten ergab sich sogar eine Mehr: heit von fast einer Million Stimmen. Aus den Weststaaten, wo die Wahlurnen später geschlossen wurden, sind viele Ergebnisse noch nicht eingegangen. Es ist aber bereits bekannt, daß in Califor:

Ende des englischen Berg­arbeiterstreiks

TU. London, 4. November.

346 504 Grubenarbeiter haben gegen bie Annahme der Abmachungen, 348 045 bafür gestimmt. Das Statut der Föderation erfordert eine 3 wei drittelmajorität, um im Streit zu verharren, und da sich diese Majorität nicht fand, hat die Föderation den Streit für beendet erklärt.

Die nordfranzösischen Bergarbeiter für den Generalstreik

DA. Paris, 3. November.

Die Gewerkschaft der Bergarbeiter des nordfranzösischen Kohlen­reviers hat beschlossen, dem Vorstand die Instruktion zu erteilen, ben Generalstreit zu proflamieren, falls die Unternehmer die Vor­schläge der Arbeiter nicht annehmen sollten.,

SN. Brüssel, 4. November.

Der Streit der Bergarbeiter im Becken von Charleroi hat sich weiter ausgedehnt; ein Teil der Kohlengruben in Mittelbelgien ist jetzt ebenfalls vom Streit betroffen. Bisher ist die Ruhe nicht gestört worden. Mehr als 50 000 Personen sind am Streit be­teiligt.

Eine britische Note an Rußland Die Propaganda soll eingestellt werden HN. London, 4. November.

Lord Curzon sandte in Beantwortung der von Krassin übers reichten russischen Note eine Note der britischen Regierung an die Sowjetregierung. Wie verlautet, wird in der Note abermals auf bie englandfeindliche Propaganda und die agita­torische Tätigkeit der Sowjetregierung im Osten hingewiesen. Die englische Regierung stellt sich genau auf den gleichen Stand­punkt wie in der Note vom 9. Oktober, in der sie erklärt, daß eine Wiederaufnahme der Handelsbeziehungen und die Wiederher stellung der normalen Beziehungen erst erfolgen fönne, wenn die gegen England gerimtete Saltung ber Sowjetregierung aufhöre. Zur Frage der Sowjet­

nien, wo Wilson vor vier Jahren eine fleine Mehrheit erhielt, durch die seine Wahl erreicht wurde, sich die Dinge sehr geändert haben. Dort wurde im Verhältnis von 4: 1 für Harding gestimmt. Der Staat Washington, der 1916 für Wilson stimmte, neigt jezt zu den Republikanern. Senator Borah und andere bekannte Re­publikaner, die gegen den Bölferbund sind, behaupten, daß die Wahl Hardings aus dem Wunsche des Voltes heraus erfolgt sei, sich dem Bölkerbund fernzuhalten, wie dieser von Wilson um­schrieben wurde. Das Volf wolle einen Mittelweg, der die Ber­einigten Staaten von der Verpflichtung befreie, ihre Zustimmung dazu zu geben, daß fie in einen fremden Krieg hineingezogen wer= den fönnen. Boston hat zum zweiten Male seiner Geschichte re publikanisch gestimmt. Die vollständigen Resultate werden erst innerhalb einiger Tage bekannt gegeben werden, doch kann man schon jetzt damit rechnen, daß Harding in der Wahimännerver­sammlung vermutlich 330, Cor aber nur etwa 127 Stimmen haben wird. Die Republikaner werden in beiden Häusern des Konareffes, namentlich im Senat eine verstärkte Position erhalten. Jm Senat wird die wankende Mehrheit von nur einer Stimme für die Republikaner durch eine republikanische Mehrheit ersetzt werden, die so groß ist, daß man mit ihr arbeiten kann.

TU. New- York, 4. November.

Die Frankfurter Zeitung" schreibt: Die ungeheure gegen Cor ausgefallene Mehrheit bei der Präsidentenwahl spiegelt sich nicht in den Kongreßwahlen wieder, die eine erheblich geringere repu­blikanische Mehrheit ergaben. Diese Tatsache, sowie die Erfolge mancher demokratischen Lofaltandidaten nötigen zu dem Schluß, daß Wilfons persönliche Unbeliebtheit und feine autofratischen Alluren, sowie die furchtbare Lebensver teuerung die Hauptgründe des Zusammenbruchs der Demo­fratie bei der Präsidentenwahl gewesen find. In Kalifornien hat sich eine gewaltige Mehrheit gegen die japanischen Landfäufe er tlärt. In Michigan wurde ein gegen den deutschen Unterricht gerichtetes Gesetz abgelehnt.

Lynchmord

Orlando( Florida), 3. November( Reuter).

Ein Neger, der zur Wahl nicht zugelassen wurde, da er seine Steuern nicht bezahlt hatte, veranlagte einen Auflauf; hierbei wurden zwei Weiße getötet und andere verwundet. Die Menge hing den Neger schließlich auf und ver= brannte fünf andere Neger, die an dem Zusammenstoß teilgenommen hatten, ebenso die Säufer, in die sie sich geflüchtet hatten.

tauchboote im Schwarzen Meere erinnert die Note baran, daß der Sowjetkommissar beim Stapellauf eines Unterseebootes die Hoffnung ausgesprochen habe, das erste Schiff, das versenkt werde, möge der Entente gehören. Es werden ferner 3weifel darüber geäußert, ob die Sowjetmarine im Schwarzen Meere wirklich nicht beabsichtige, der Entente zu schaden. So lange die Sowjetregierung die in der Note gekennzeichnete Haltung ein. nehme, werde England seine jetzige Marinepolitik weiter verfolgen.

Neue Verhandlungen in Riga

TU. Warschau, 4. November. In den nächsten Tagen beginnen in Riga die Verhandlungen zwischen der polnischen und bolichewistischen Delegation über den endgültigen Friedensvertrag. Jn gut unterrichte ten Kreijen rechnet man mit einer Verhandlungsdauer von drei bis vier Monaten, da sämtliche strittigen Fragen auf wirtschafts lichem und politischem Gebiet eingehend erörtert werden sollen. Am 4. November reist der Vorsitzende der polnischen Friedens­belegation, Bizepräsident Dom sti, nach Riga. Die Zusammens jegung der polnischen Delegation wird sich nur insofern ändern, als diejenigen Unterhändler, die Landtagsabgeordnete sind, nicht mehr an den neuen Verhandlungen teilnehmen. Dagegen wird bie Zahl der Sachverständigen polnischerseits ganz bedeutend ver­mehrt.

Die Unruhen in Irland

London, 3. November. Wie heute amtlich bekanntgegeben wurde, fanden zahlreiche Angriffe auf Polizisten in verschiedenen Teilen Jrlands statt. Vier Polizisten wurden getötet, mehrere verwundet.

Die Ereignisse in Jrland geben im Unterhause fortwährend Veranlassung zu erregten Szenen. Die nationalistischen Abgeordneten bemühen sich, die Aufmerksamkeit auf die angeb lichen Ausschreitungen der Regierungsstreitkräfte zu lenken. Sie richten zahlreiche Anfragen über bestimmte Einzelfälle an die Res gierung. Die regelmäßige Antwort des Chefsetretärs für Irland Greenwood geht dahin, daß die Mordtaten und Mordversuche gegen Polizisten andauern, und daß es bei Nachforschungen nach Verbrechern zu Unruhen gekommen ist. Er habe um ausführliche Berichte ersucht, doch sei infolge des Durchschneidens der Teles graphendrähte durch die verbrecherischen Elemente die Verständi­gung erschwert.

Die ukrainischen Kommunisten gegen den russischen Zentralismus

In dem in Wien erscheinenden offiziellen Organ der Aus landsgruppe der ukrainischen Kommunisten Nowa Doba" ( Nr. 34) veröffentlicht der bekannte fommunistische Führer Winnitschento, der noch vor kurzer Zeit in Kiew mit den Vertretern der russischen Sowjet- Regierung über die Bildung einer fommunistischen ukrainischen Regierung ver handelte, einen Brief an die Arbeiter und Bauern. Dieser Brief ist von um so größerer Bedeutung, als Winnitschenfo als überzeugter Kommunist, der mit eigenen Augen das System der Bolschewisten in seiner Heimat studiert hat, trotz seiner Sympathien für die russische Sowjet- Republik zu seinen kritischen Ausführungen gelangen mußte. Winnitschenko, der inzwischen aus der Ukraine zu­rüdgefehrt ist und in Karlsbad weilt, schreibt in diesem Briefe:

Das einzige Ziel meiner Reise in die Ukraine war der Wunsch, aktiv an der Verteidigung der Revolution und am Aufbau eines ukrainischen Arbeiter- und Bauern- Staatswesens mitzuwirken. Jch rief damals den ehrlichsten Teil der ukrainischen Emigranten auf, sich entschieden auf die Seite der Sowjet- Ukraine zu stellen, mir dorthin zu folgen und ohne nach irgendwelchen Ehrenämtern, wichtigen Rollen und dergleichen zu streben, aufrichtig ehrlich und uneigennützig sich an die schwere gewaltige Aufgabe der sozialen und nationalen Befreiung unseres jahrhundertelang unterjochten Boltes zu machen. Es war eine bittere Jronie, daß ich gerade jene Arbeit, zu der ich die anderen aufgefordert hatte, selbst für mich nicht finden konnte. Ich erhielt dafür das, wovor ich ges warnt hatte: Ehrenämter, Portefeuilles, materielle Vorteile, furz­um alles das, was Ehrgeiz und Selbstbewußtsein zu befriedigenz vermag."

"

Winnitschenko erzählt dann, daß er trok viermonatlicher Bemühungen nicht die Möglichkeit erhielt, aktiv an der Ar­beit teilzunehmen und daß man ihn mit Aemtern in der leeren Tiefe überhäufte. Den Grund dafür sucht er in der allgemeinen Taktik der russischen kommunistischen Partei.

Der Grundzug dieser Politik ist ein absoluter 3end italismus. Sowohl in der Partei als auch in allen Zweiger ihrer Wirksamkeit, wirtschaftlich, staatlich, politisch, national usw. Aber dieser Zentralismus steht im tiefen Gegena jag zum Parteiprogramm und zu den Tendenzen der Revolution. Deshalb weist die gesamte Tätigkeit der leitenden, führenden Partei zwei Seiten auf. Eine formale, pro­grammatische, deklarative, und eine andere, tatsächliche, reale, nicht beflarative."

daß

Winnitschenko erklärt nun, daß die Auslandsgruppe der ukrainischen Kommunisten sich durch die deklarative, also propagandistische Seite zu dem Irrglauben habe verleiten lassen, daß in der Ukraine tatsächlich ein Bauern und Ars beiterstaat geschaffen werde und daß dabei die breiten profes tarischen Massen aus Stadt und Land schöpferisch mita arbeiten fönnten. Nunmehr habe er aber erkannt, durch die Politit des grenzenlosen absoluten Zentralismus alle diesbezüglichen Soffnungen zerstört werden. Gegenüber den Führern der russischen kommunistie schen Partei, die ihre zentralistische Politit als notwendig für den Sieg der Revolution bezeichnen, erklärt Winni tschenko: daß diese Politik eine große Gefahr für die Revolution selbst darstelle". Er fährt fort:

,, Das System des absoluten Zentralismus ist einer der Faka foren, der die revolutionären Kräfte in Rußland und in der , Utraine schwächt und hemmt. Es ist durchaus richtig, daß die Kräfte der Revolution fonzentriert und zentralisiert werden müssen. Die Führer der russischen kommunistischen Partei haben aber die Methode des absoluten Zentralismus gewählt, die jebe demokratische Methode ausschließt. Hierdurch ist erreicht worden, daß die führende Partei der Revolution aus einem lebendigen, schöpferischen Organismus zu einer großen, blinden Ma schine herabgesunken ist, die von einer geringen Gruppe port Leuten gelenkt wird. Durch das Prinzip der Ernennung der verantwortlichen Leiter der Parteiorganisationen und durch die Aufhebung des Wahlprinzips ist zuwege gebracht worden, daß in der Partei das Verantwortlichkeits­gefühl vor der Gemeinschaft abhandengekommen ist und an Stelle dessen eine bureaukratische Unterordnung eines Bea amten unter den anderen, höheren, plaggegriffen hat. Alle nega­tiven Züge des Bureaukratismus sind mittels dieses Systems in die Partei hinübergenommen worden: Strebertum, Kriecherei, Mißachtung gegenifber dem Schwächeren, Kontrollosigkeit, Verfall der Initiative und Schöpferkraft.

Es ist allen bekannt und es wäre ein Verbrechen, es zu vers heimlichen, daß die Parteiorganisationen jetzt die ehemalige Be geisterung, schöpferischen Schwung, Initiative und Attivität bei Entscheidung brennender lokaler Fragen zerstört haben. Jetzt ist dies eine passive, untertänige, gedanten- und frititlose Masse, die zu dieser oder jener Aktion nicht so sehr durch die Kraft innerez Beweggründe gelenkt und getrieben wird, als durch die Kraft des äußeren Befehls der Obrigkeit". Den Verteidigern dieser Politik wird die Schaffung einer eisernen Disziplin durch diese Methode nachgerühmt. Aber man muß ehrlicherweise gestehen, daß diese Disziplin nicht so sehr eine Disiplin von Kommunisten,