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Freitag, 5. November 1920
Nummer 472
Morgen- Ausgabe
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greiheit
Berliner Organ
ber Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Un die werttätige Bevölkerung Groß- Berlins!
Feiert den 9. November durch Arbeitsruhe!
fchlagen! Je stärker sich der Kapitalismus fühlt, desto eher tommt für ihn der Tag, an dem er durch den Sozialismus abgelöst werden muß. Der Sozialismus ist die Verwirklichung jener Entwicklungsgeseze, von denen die kapilas listische Produktionsweise beherrscht und gelenkt wird.
Zum zweiten Male jährt sich der Tag, an dem das deutsche| Revolution ist nicht tot! Sie läßt sich nicht er. Proletariat mit fühnem Entschluß die alten Mächte des Rüdschrittes niedergeworfen hatte. Das tapitalistische System war am 9. November 1918 zusammengebrochen. Militarismus, Bureaukratie, Junfertum, hatten sich vor dem Zorne des Volkes feige vertrochen. Eine neue Welt schien im Werden.
Zurüdblidend auf die verflossenen zwei Jahre, wissen mir, daß wir keinen Anlaß zum Jubel haben. Der Tag, an dem das bentsche Proletariat der Wiederkehr der Revolution gedenkt, tann fein Tag des Triumphes und der Siegesfreude sein. Die in den Novembertagen 1918 zerbrochene bürgerliche Klassenherrschaft ist inzwischen aufs neve aufgerichtet worben. Nur fümmerliche Reite find dem Proletariat von den revolutionären Errungenschaften der damaligen Zeit geblieben. Militarismus, Bureaukratie und Junkertum sind wieder obenauf. Die Formen haben gewechselt, ihr Inhalt ist geblieben. Die kapitalistische Wirtschaftsordnung, die durch den Krieg dem Bantrott entgegengeführt wurde und deren Zusammenbrudh feithem mit jedem Tage offenbarer geworden ist, hat sich noch immer erhalten. Auf Kosten der werftätigen Bevölkerung soll sie anfs. nene befestigt werden.
Die Verwirtlichung des Sozialismus scheint wieder in die Ferne gerildt. Das Sehnen der Proletariermassen nach Beseitigung der unerträglichen wirtschaftlichen Not, nach Zeilnahme an allen Errungenschaften des mensch lichen Geistes, hat seine Erfüllung noch nicht gefunden.
Daß es dahin gelommen ist, daran trägt das Proletariat selbst die Schuld. Ein Teil der Arbeitertiasse hatte nichts Ciligeres zu tun, als durch die politische Verbindung mit den bürgerlichen Parteien diesen wieder die Herrschaft in die Sände zu spielen. Ein anderer Teil glaubte, die Revolution
Je größer die Scharen der Arbeiter, Angestellten und Bes amten werden, die sich mit bewußter Erkenntnis ihrer Klassenlage dem Kampf um die Berwirklichung der sozia listischen Forderungen anschließen, desto früher muß sich die in unaufhörlichem Flusse vollziehende Revolutionierung des politischen, wirtschaftlichen und geistigen Lebens dem Tage nähern, an dem die alten Mächte aufs neue und dann für immer von ihrem Throne gestürzt merden fönnen, an bem das Proletariat die politische Macht übernehmen und tionsweise in die sozialistische vornehmen wird. die Umwälzung der fapitalistischen Produt
Diese Periode des Uebergangs zu beschleunigen, das Proles tariat reij zu machen für die uns noch bevorstehenden Kämpfe und es zu erziehen für die Erfüllung seiner geschichtlichen Aufgaben, das ist die Arbeit, die jetzt geleistet werden muß.
Genofsinnen und Genossen! Die Erinnerung an die Revolutionszeit des Jahres 1918 verpflichtet uns, alle unsere Kraft einzusehen, daß das revolutionäre Proletariat feine Geschlossenheit wiederfindet, daß sich seine Einsicht in die tatsächlichen Verhältnisse vermehrt, daß es reif wird für jene Attionen, die im Interesse der sozialen Revolution durchgeführt werden müssen..
Wir rufen die werftätige Bevölkerung Groß- Berlins, alle Sands und Kopfarbeiter, auf, den 9. November 1920 würdig und mit fester Entschlossenheit zu feiern. Die
Pharisäertum
Der Herr von Borsig hat seinen Betrieb geschlossen. Kollegen von ihm erwarten nun die günstige Gelegenheit, um dem Beispiel zu folgen. Vorgänge dieser Art sind nicht zufällig und sind nicht nur Angelegenheiten des gerade bes troffenen Systems, sondern sind Teile eines Systems. Der Kampf des organisierten Unternehmertums gegen die Arbeiterbewegung wird absolut einheitlich nach zens traler Parole geführt und bewegt sich in zwei Richtungen. Die Tendenz, die Gewerkschaftsbewegung mattzusetzen durch die Verhinderung weiterer Lohnerhöhun gen und durch das Bestreben nach dem Abbau der Löhne, ist von uns mehrfach besprochen worden. Die zweite Tendenz ist gerichtet auf die Zurückdrängung des Einflusses der Betriebsräte, der bei aller Dürftigkeit dem Unternehmertum noch zu start ist.
Als Mittel bedient sich das Unternehmertum nicht nur der Aussperrung in der früher üblichen Form, sondern der Betriebsstillegung nach neueren, durch die Preus ersten Mal geübten Methoden. Wir haben schon damals ßische Eisenbahnverwaltung im Anfang des Jahres zum vorausgejagt, daß das private Unternehmertum nicht verfehlen wird, sich dem brutalen Borbild der preußischen Eisenbahnverwaltung schleunigst anzupassen. Die Behör den des Klassenstaates, die ein beständiges Ges jammer über ungenügende Arbeitsleistungen ausstoßen, laffen dem Kapital dabei volle Freiheit unter Berufung darauf, daß sie sich nicht in die Maßnahme des Unternehmertums um die sozialen Kämpfe einmischen dürften, daß sie Etreifs wie Aussperrungen absolut gleich behandeln müßten und daher nicht berufen feien, dem rücksichtslosen Vor gehen des Unternehmertums entgegenzutreten.
Worauf es bei den Betriebsstillegungen antommt, und wie es gemacht wird, wie vor allem der Kampf gegen bige Arbeiter geführt wird, das hat neben dem Fall die Betriebsräte und gegen politisch mißlieBorsig der Fall der Daimler- Werte in Untertürkheim gezeigt. Das Daimlermerk war das erste große industrielle Werk, in dem die Probe zum ersten Male in großem Stile gemacht wurde.
badurch vorwärts treiben zu können, daß er die Organi: Macht der Zukunft gehört der Arbeiterklasse. Keine Gewalt Bewegung beigelegt wurde, da war es die Betriebsleitung
sationen der Arbeiterschaft spaltete, feine Kraft in planlosen Aftionen verzettelte und damit erst den Boden schaffen half, auf dem der alte Klassenstaat wieder hergestellt werden fonnte.
Bietet uns der 9. November 1920 fomit teinen Anlaß zur Siegesfreude, so darf uns die Erinnerung an diese Zeit doch nicht dazu veranlassen, Trauerfundgebungen zu veranstalten; denn auch mit dem Proletariat ist seitdem eine gewaltige Aenderung vor fich gegangen. Millionen neuer Kämpfer, die vorbem teilnahmslos beiseite gestanden haben, haben sich in die Reihen der um den Sozialismus tämpfenben Arbeiters fchaft gestellt. Die wirtschaftliche Not, das politische Elend haben auch in die Köpfe der Angestellten, der Beamten, der Bandarbeiter die Erkenntnis eingehämmert, daß nur der Sozialismus ihnen die Rettung bringen kann.
Noch ist die Gegenrevolution nicht am Ziele ihrer Wünsche. Das Stolze Wort hat heute mehr denn je Geltung: Die
Berlin, den 5. November 1920.
ist imitande, ihren Siegeslauf zu hindern. Unser aller Wahrspruch sei an diesem Tage:
Jhr hemmt uns, doch Jhr zwingt uns nicht!" Arbeiter, Angestellte, Beamte, Männer und Frauen des werktätigen Volles! Zeigt am 9. November, daß Ihr ents schlossen seid, die Revolution ihrem Siege entgegenzuführen! Lajt an diesem Tage die Arbeit ruhen! Ehret Laht an diesem Tage die Arbeit ruhen! Ehret das Andenken an die Toten der Revolution, indem Ihr durch Arbeitsruhe ihr Gedenken feiert. Zeigt dem tapitalistischen Bürgertum durch Verweigerung der Fronarbeit an diesem Tage, welche gewaltige Macht Euch innewohnt! Demonstriert
am 9. November 1920:
Für die Revolution! Für den Sozialismus!
Für die Einigkeit der Arbeiterklasse!
Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
Bezirksverband Berlin- Brandenburg
Der geschäftsführende Ausschuß
Arbeiter! Angestellte!
Am 9. November jährt sich zum zweiten Male der Tag der deutschen Revolution. Wir fordern die Angestellten und Arbeiterschaft auf, den Gedenktag der Revolution und der für sie gebrachten Opfer durch Arbeitsruhe würdig zu begehen. Es gilt Rüdichau zu halten über das, was der Deutschen Arbeiterschaft aus den revolutionären Rämpfen der Bergangenheit an Erfolgen verblieben ist, und Ausschau zu halten, wie die Revolution erfolgversprechend weiter
getrieben werden kann.
an
Insbesondere gilt es diefem. Tage, ein Gelöbnis abzulegen für den ersten Schritt zum Sozialismus, die Gozialisierung des Bergbaues. Alle Veranstaltungen für diesen getroffen, deshalb fordern wir die Angestellten und Tag werden von den sozialistischen Parteien Arbeiter auf, sich diesen Veranstaltungen anzuschließen.
Die Gewerkschaftskommission Berlins und Umgegend
J. A.: Sabath.
Als die Bewegung um den Steuerabzug in Württemberg, bei der die württembergische Regierung im Gegensatz zu der sonstigen Auffassung, daß sich Regie: rungen nicht um Streits und Aussperrungen zu fümmern haben, die Aussperrung anordnete- als diese des Daimlerwerfes in Untertürkheim, die sich weigerte, den Abmachungen zwischen Arbeiterschaft, Unternehmertum und Regierung über die Wiederaufnahme des Betriebes zu folgen. Sie ließ ihre Arbeiter meiter ausgesperrt, da die Absichten. die sie mit der Aussperrung verbunden hatten, noch nicht voll zur Erfüllung gekommen waren.nod
Ierwerf zurüdzukommen, weil ein Bericht der Werks Es lohnt sich heute, auf die typischen Vorgänge im Daimleitung vorliegt, der allen Verkleidungen zum Troß authentisch beweist, wie schamlos das Unternehmertum seine niedrigen Profitinteressen ohne Rücksicht auf das soziale und wirtschaftliche Intereise der Gesamtheit des Boltes durch setzt. Der Bericht ist weiterhin um deswillen interessant, weil er drastischer als irgend ein anderes Dokument das reaktionäre Wesen des Betriebsräte- Ge feyes fennzeichnet. Es hat einen pifanten Reiz, daß der Bericht den einzelnen Kapiteln Paragraphen des Ges leges als Motto voranstellt, um zu beweisen, daß die Arbeiterschaft durch ihre Handlungen im Werk gegen die Paragraphen dieses Gesetzes verstoßen hat. Getreu der Ahficht, die Betriebsräte auf die reaktionären Bestimmungen des Gesetzes festzulegen.
Bei näherem Hinsehen jedoch stellt sich nun heraus, daß die Vorwürfe gegen die Arbeiterschaft und gegen den Bes triebsrat, die der Bericht erhebt, durchweg nur deswegen
erhoben werden, weil erstens die politische Gesinnung des Betriebsrates der Wertsleitung nicht behagt hat, und weil es zweitens der Betriebsrat anscheinend verstanden hat, die Interessen der Belegschaft mit großer Energie und mit Erfolg wahrzunehmen. Es fennzeichnet das Wesen dieses Geleges, daß Betriebsräte, die so handeln, in der Tat mit dem Wortlaut vieler Paragraphen dieses Machwertes in Ronflift geraten.
Wir geben einige Beispiele. Ausführliche Darlegungen des Berichts beschäftigen sich mit der sogenannten„ TerroTerrors wird angeführt, daß von den 22 Arbeitervertretern, risierung der Arbeitskollegen". Als wichtiges Merkmal des die aus der Betriebsratswahl hervorgingen, 12 der U. S. P. und 5 der K. P. D. angehören. Es folgen lange Klagen darüber, daß die Gemäßigten" nicht gewählt wurden. Eine Reinigung des Betriebes wurde mithin notwen big. Da Entlassungen aus Gründen der politischen oder ges werkschaftlichen Betätigung der Arbeiter und Angestellten unter normalen Verhältnissen nach dem Betriebsräte- Gesek