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3. Jahrgang

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Freitag, 5. November 1920

Nummer 473

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greiheis

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Eine neue Front gegen Rußland

Sawinkow marschiert!

Ropenhagen, 5. November.

lands zur Ukraine und Weißrußlands verantwortlich machen und die Unzulässigkeit ausweichender Antworten in Fragen bezüglich der Ausführung des Waffenstillstandes betonen.

Radek über den Frieden mit Polen

In der Mostauer Jswestija" schreibt Rabet unter dem Titel Einen Frieden mit Polen gibt es noch nicht", daß die polnis

Nach einem Telegramm aus Warschau haben Sawintow und General Balachowitsch, der Oberstkommandierende der freis willigen russischen Armee, gemeinjam an Pilsudsti und Gene ral Wrangel eine Depesche gerichtet, in der es heißt, die freischen Rationaldemokraten, die in ihrem Parteikampf willige russische Armee habe die in Riga festgelegte vorläufige Grenze überschritten, um das unabhängige Weißrußland zu befreien und die bolichewistischen Machthaber zu vertreiben. Sawintow und General Balachowitsch haben seit Wochen von Warschau aus die Aufstellung einer neuen Armee be trieben. Es ist ihre Absicht, über Minsk in das innere

Rußland vorzustoßen, um in Verbindung mit Wrangel und Petljura die Sowjetregierung zu stürzen. Die Auf­stellung dieser Armee fonnte nur mit polnischer Un­terstützung durchgeführt werden. Auch jetzt, wo die Ar­mee zu ihren ersten Operationen geschritten zu sein scheint, hängt ihr weiteres Schidsal von der polnischen Hilfe ab. Die offene Unterstützung eines fonterrevolutionären Unter­nehmens durch die polnische Regierung wird den Frieden von Riga äußerst gefährden. Der Osten steht vor neuen schweren Erschütterungen, Polen und die französischen Jms perialisten find verantwortlich für die Ereignisse, die sich an bas Sawintow- Abentuer anschließen werden.

Polnische Friedensfabotage

( Eigene Drahtmeldung der Freiheit".)

Riga, 4. November.

Der stellvertretende Borsitzende der russisch- ukrainischen Fries densdelegation, Obolensky, übersandte dem stellvertretenden Borsitzenden der polnischen Friedensdelegation, Wassilewity, eine Note, in der hingewiesen wird, daß Petljuras Truppen nach Unterzeichnung des Waffenstillstandes Kriegsattionen fort­gesezt haben. Die in Berditschew tagende polnische Waffenstill standskommission gab in ihrer Sigung vom 23. Ottober zu, daß die Petljura- Truppen einen Teil der polnischen Armee bilden und einem polnischen Oberkommando untergeordnet seien. Die polnische Kommission weigerte sich hierbei prinzipiell, die russischer seits aufgerollte Frage zu beantworten, ob Polen sich verpflichten wolle, die Petljura- Truppen zum Rüdzug hinter die Staats grenze zu veranlassen und sie im Falle eines Widerstandes zu ents waffnen. Die polnische Südkommission lehnte es ferner ab, den Aufenthaltsort des Betljura- Stabes zu nennen, nachträglich ers tlärte sie jedoch, daß ihr der gegenwärtige Aufenthaltsort des Stabes unbekannt sei. Nachdem bald darauf die Südkommission vom polnischen Stabe instruiert worden war, erklärte sie, daß die Petljurasche Frontlinie nicht in die Waffenstillstandslinie ein­geschlossen sei. Hierauf wurde den Polen die Frage gestellt, ob die obengenannte polnische Antwort den Abbruch ihrer Be­ziehungen zu Betljuza bebeute und ob Betljura aufgehört habe, Bolens Verbündeter zu sein. Der polnische Oberst Boldestul verweigerte auch auf diese Frage die Antwort.

Obolensty erklärt, daß dies alles die Ausführung des Waffen­Stillstandes und die Feststellung einer neutralen 3one unmöglich mache. Rußland und die Ukraine werden daher die polnische Re­gierung für eventuelle Schädigung der Interessen Ruß­

Harding über den Völkerbund

HR. London, 5. November.

Sarbing hat jetzt 390 Wahlmänner, Cog nur 127. Es steht nur noch das Ergebnis von zwei Staaten mit 13 Wahlmännern aus. Es steht fest, daß Sardings Wahlmännermehrheit höher sein wird, als je die eines anderen Kandidaten in moderner Zeit.

Harding äußerte sich nach der Wahl einigen Journalisten gegen­über: Bezüglich des Beitrittes Ameritas zum Völkerbund oder zu einer Vereinigung der Nationen brauche man nicht besorgt zu sein. Hardings erster Schritt wird vermutlich die Ein­berufung einer Versammlung ohne Parteicharakter sein, in der über Ameritas Saltung gegenüber Europa beraten werden soll, doch ist nichts Entscheidendes zu erwarten, bevor nicht der Kon­greß zusammentritt. Die Aussichten für eine Mitarbeit zu einer Lösung der heutigen Verhältnisse in Europa werden als günstig

beurteilt.

Zur Regierungsbildung in Desterreich

TU. Wien, 5. November,

Die Berhandlungen bezüglich bez Bilbung einer neuen Regie­tung dauern an. Sum Staatssekretär des Aeußern soll ein aus: gesprochener Anschlußfreund, womöglich ein Berufsdiplomat, zum Staatssekretär des Innern der jezige Staatssekretär Breisty

gegen Pilsudsti die Friedensparole ausgegeben hatten, jetzt be­strebt seien, den Kampf gegen Sowjetrußland durch unter­tüzung von Petliura, Slawintow, Balachowitsch usw. forts zuführen. Die sozialistische Partei und die Volkspartei wollen wirklich Frieden. Sie erklären sich gegen die Sabotage des Fries dens. Pilsudski, dessen Politit sowohl vom Saß gegen Sowjet­

rußland wie noch mehr gegen das weiße Rußland als auch von der Furcht vor der Erstartung der nationaldemokratischen Reaktion bestimmt wird, schwankt zwischen beiden Parteien. Die Wilnaer Frage tönnte Pilsudski zu einem Zusammengehen mit den Natio­naldemokraten bringen. Dadurch wäre der Frieden umgestoßen. Infolgedessen fommi Radet zum Schluß, daß man auch weiterhin an der Westfront tampfbereit dastehen müsse.

Ein weißgardistisches Attentat

( Eigener Drahtbericht der Freiheit".) Riga, 4. November.

In der Nacht zum 1. November erschien in Riga im Hotel Belle vue, dem Wohnsiz der russischen Gesandtschaft, ein Unbekannter und verlangte ein Zimmer. Auf die Antwort der Hotelangestell­ten, daß Zimmer an Private hier nicht vermietet werden, gab sich der Unbekannte als diplomatischer Kurier aus Moss tau aus, der in einer heimlichen und dringenden Angelegenheit den Gesandten Haneyty sprechen müsse. Das lettische Aus wärtige Amt und die Polizei wurden von Haneyty verständigt. Eine Durchsuchung des Unbekannten durch die Polizei führte zur Entdeckung eines Revolvers und eines auf den Namen Michael Dadershof lautenden Basses, der von Judenitsch ausgestellt war. Da Dackershof auf einer Unterredung mit Hanezky bestand, wurde ihm dieselbe in Anwesenheit der lettischen Polizei bewilligt. Dackershof teilte mit, daß am nächsten Tage ein Schiff namens Saratow" mit 300 russischen Offizieren an Bord von Riga aus nach der Krim zu Wrangel abfahren werde. Nachforschungen der lettischen Bolizei bestätigten die Richtigkeit dieser Angaben. Das Gesandtschaftspersonal wie auch die lettische Polizei sind der Meinung, daß es sich um den Verfuch eines Atten­tates handelte.

Der Rückzug Wrangels

TU. Paris, 5. November.

Die Chicago Tribune" mebet unterm 3. November aus Kon stantinopel: Die bolschewistische Offensive erweist sich für die Armee des Generals Wrangel verhängnisvoll, der von allen Seiten von einer überaus starten Truppenzahl bedroht wird. Nach hierher gelangten Nachrichten wird er große Schwie­rigkeiten haben, seine Armee zu retten. Die Bolschewisten be­haupten, den Rudzug der Armee Wrangels von der Landzunge von Peretop abgeschnitten zu haben. Es bleibe demnach der Armee nur der Eisenbahnweg von Melitopol, der mit einer Brüde von Rückzug gestattet. drei Meilen Länge nur einen sehr schwer zu bewerkstelligenden

gewählt werden. Ihm wird auch die Wehrmacht unterstellt werden, deren Leitung der Oberst Körner übernehmen soll. Das Ernährungsamt bleibt auch weiterhin in den Händen des Sektionschef Grünberger. Das Staatsamt für Handel wird der jetzige Staatssekretär Heinl und das Staatsamt für Acer­bau der jetzige Staatssekretär Kaneis auch weiterhin leiten. Der jezige Staatssekretär für Finanzen, Dr. Reich, wird aus dem Kabinett ausscheiden und mit dem ehemaligen Generalsekre tär der Desterreich- Ungarischen Bant, Friedrich Schmied, und dem Sektionschef Grimm bezüglich Uebernahme des Staats: amtes verhandeln. Das Staatsamt für Verkehrswesen soll der jezige Staatssekretär Pest a wiederum übernehmen, und zum Präsidenten des Nationalrates wird entweder Dr. Weißkirch ner oder Abgeordneter Hauler vorgeschlagen werden. Der ehe malige Staatssekretär Eldersch wird voraussichtlich von den Sozialdemokraten und der Abgeordnete Dr. Dinghofer von

den Großdeutschen zum Vizepräsidenten der Nationalversammlung

entsendet werden. Für die Stelle eines Bundespräsidenten wer den in erster Linie der ehemalige Minister Homan und der Lan deshauptmann Rintelen genannt.

Die Haltung der Sozialdemokraten Präsident Seiz äußerte sich in einer Besprechung mit einer politischen Persönlichkeit über die Haltung der Sozialdemokraten: Die Sozialdemokraten werden die parlamentarischen Bosten, welche ihnen entsprechend der Stärke ihrer Partei in den Ausschüssen, zustehen, Eine Teilnahme Regierung lehnen sie jedoch ab, ebenjo auch jede Verantwortung

Eine ernste Warnung

Vor einigen Tagen ist im Berliner Westen ein neuer Barieté- Palast eröffnet worden. Der Saal und die Logen­waren dicht gefüllt mit einem glänzenden Publikum. Die Spitzen der Behörden, die Kornphäen der Film- Industrie, alles, was in der deutschen Republit ein würdiges Amt be­fleidet oder einen flingenden Titel besitzt, hatte sich zu dem Schauspiel eingefunden. Gesellschaftstoilette war vorges schrieben. Seidene Kleider rauschten, Gold glänzte, Brillan­ten glizerten. Eine wohlige Wärme lag über dem Raum. Alles Erdenschwere war vergessen, man konnte sich ganz dem Genuß der Stunde hingeben.

In den Fleischerläden hängen wieder wie vor dem Kriege die Rinderviertel und die Schweinehälften. Lederer Schin­fen, feinste Thüringer Wurst, herrlicher Schweizertäse, aus­gezeichnetes Konfeft, alle Delikatessen der Welt füllen die Schaufenster der Feinkostgeschäfte. In den Dielen fließt der Seft in Strömen, diskrete Musik begleitet die Unterhaltung der Speisenden in den vornehmen Restaurants. In den Konditoreien laden Berge von Kuchen, aus feinstem weißen Mehl hergestellt, zum Genuß ein.

Die andere Seite. Auf dem Döberiger Exerzierplatz, auf dem zu Wilhelms Zeiten glänzende Kavallerie- Attaden ge= ritten wurden, streichen in trübem Dämmerlicht des Novem ber armselig gekleidete Gestalten umher. Sie suchen die Reste vergangener militärischer Herrlichkeit zusammen. Sprengstüde, Bünderteile, Geschoßmäntel werden gesammelt und nach der Stadt geschleppt, um hier zu Gelde gemacht zu werden. Vielfache Gefahren umlauern die Suchenden. Militär und Polizei machen Jagd auf fie. Ist man dem Auge des Gefeßes glüdlich entronnen, so besteht noch die Sorge, daß Pulverrüdstände beim Auseinandernehmen ber Geschoßstüde zur Explosion tommen und furchtbares Unglüc anrichten.

Ein solches Unglüd hat sich gestern im Norden Berlins er eignet. Ein arbeitsloser Arbeiter suchte auf den Schieß plätzen Granaten und Zünder zusammen, um sie zu verkaufen. Die Mitbewohner des Hauses hatten wiederholt Vorstellun gen dagegen erhoben, daß der Mann mit den gefährlichen Gegenständen in seiner Wohnung hantierte. Es war ver geblich. Stärker als alle Vorstellungen war der Wunsch des Arbeitslosen, die Lebensmöglichkeiten seiner Familie durch die gefährliche Rebenbeschäftigung zu verbessern. Es mag sein, daß der arbeitslose Arbeiter fahrlässig gehandelt, hat. Aber er hat seine Schuld gebüßt. Er selbst fiel dem Unglück zum Opfer, seine Frau, seine Kinder sind so schwer verlegt worden, daß sie kaum mit dem Leben davon kommen

werden.

Der Mann hat schwere Schuld auf sich geladen, denn nicht nur seine eigene Familie ist durch die Explosion schwer, ges schädigt worden, auch viele Hausbewohner wurden verlegt, fie müssen ihre Wohnstätten räumen, weil das Haus vom Einsturz bedroht ist. Aber wenn je, so gilt hier das Dichter. wort: hr laßt den Armen schuldig werden, dann überlaßt ihr ihn der Pein!" Die Schuld, die der Arbeitsloje im Norden Berlins auf sich genommen hat, ist eine schwere Antlage gegen die heutige Gesellschaft. Sie liefert die Proletarier, die arbeiten wollen und nicht arbeiten fönnen, einem Dasein voller Hunger aus und speist sie im günstigsten Falle mit einigen Bettelpfennigen ab. Die fapitalistische Wirtschaft gibt einer fleinen Minderheit die Möglichkeit, sich alle Genüsse des Lebens zu verschaffen und verhängt über die große Masse der Bevölkerung alle Plagen der Ausbeutung, der Arbeits­losigkeit und der Unterernährung, der körperlichen und geistigen Erkrankung.

In derselben Nummer eines Berliner Blattes, in dem über das Explosionsunglüd im Berliner Norden berichtet wird, findet sich eine Meldung aus Dresden, wonach die dortigen Arbeitslosen eine Erhöhung des Unterstützungs Minimums auf 350 Mark wöchentlich für Männer und 250 Mark wöchentlich für Frauen gefordert hätten. Das Blatt entrüstet sich natürlich über diese ,, unglaubliche" For derung der Arbeitslosen, denn das würde für sie ein Jahres einkommen von mehr als 18 000 Mart bedeuten. Undisku­tabel sei sie für die sächsische Regierung schon deshalb, weil perlangt werde, daß die Befristung der Unterstützungszah lungen aufhören solle. Den Arbeitslosen soll also eine Rente von unbeschränkter Dauer, für die dazu noch Steuer-" freiheit fomme, zugestanden werden. Sie hätten schon vor einigen Tagen angekündigt, daß sie die Dresdener Arbeiter­schaft zum Generalstreit auffordern würde, wenn ihre For­derungen nicht bewilligt werden sollten. Die Meldung, schließt mit den Worten: Es fragt sich aber, ob sich die hiesige Arbeiterschaft dazu bereitfinden wird, besonders wenn man bedenkt, daß es viele pollbeschäftigten) Arbeiter gibt, bie weniger als 250 Mart wöchentlich verdienen."

Wir wissen nicht, ob die Meldung in ihren Einzelheiten, zutrifft. Aber das eine wissen wir, daß noch nicht einmal mit 350 Mart in der Woche eine Arbeiterfamilie imstande ist, ihre Existenz unter nur einigermaßen erträglichen Ver­hältnissen zu fristen. Nun stelle man es sich vor, daß selbst zugeben, muß, weniger als 350 Mart in der Woche verdienen,

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