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Einzelpreis 30 Pfg. 3. Jahrgang
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Sonnabend, 6. November 1920
Nummer 474.
Morgen- Ausgabe
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greiheis
Berliner Organ
der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Helfferich und Konsorten auf der Anklagebank
Die Schuld der Kriegstreiber
Unsere Fraftion fam in der Etatdebatte gestern zum zweitenmal durch den Genossen Dittmann zum Wort. Seine Rede war eine ebenso großzügige wie gründliche Abrechnung mit den Westarp, Heydebrand, Gräfe und Helfferich. Er wies nach, daß diese Vertreter des alten Systems mit die Hauptschuldigen am Weltkrieg find, der über die Menschheit entsegliches Elend gebracht hat und bezeichnete es als eine Provotation der deutschen und internationalen Pflichten, wenn diefe Reaktionäre immer noch die Stirn besigen, in der Deffentlichkeit aufzutreten. Seine Fest stellung über die Selfferich und Genossen, die ohne Rüdficht auf das Schifal von Millionen Menschen einen deutfchen Siegerfrieben mit allen Mitteln erzwingen wollten, brachte, die Rechte des Hauses, die sich unter den Schlägen des Genossen Dittmann aufbäumte, bald zum Schweigen. Genoffe Dittmann besprach dann eingehend unsere Stellung zum Berfatller Friebensvertrag und wies babet nach, daß alle Forderungen legten Endes immer wieder auf das Treiben der deutschen Imperialisten zurückzuführen find. Aber auch die Folge des Treibens der allbeutschen Konterrevolutionäre und Militaristen, die durch ihre in der Gegenwart betriebenen chauvinistischen, Exzesse bem Ententeimperialismus immer wieder billige Vorwände für das Borgehen gegen Deutschland liefern. Mit Nachbruc wies Genosse Dittmann darauf hin, daß die deutsche Regierung gegen das alldeutsche Verbrechergesindel eine Poliți! der Langmut, der sträflichen Lagheit verfolge, und daß damit auch die deutsche Regierung zum Mitschuldigen an dem Treiben der Andeutschen wird. Gegen links droht die Regierung mit rüdsichtsloser Anwendung der Gelege, ehe diese. Gesetze überhaupt noch verlegt sind, gegen rechts da gegen brüdt die Regierung beide Augen zu.
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Genosse Dittmann ging auf die große Krise ein, unter der mit Deutschland viele andere Völker schwer zu leiden haben. Dabei besprach er die grundsätzlichen ökonomischen und politischen Fragen der Gegenwart, und zwar so flar und grundsäglich, dabei aber in der Form so knapp, daß sie die permanenteste Aufmerksamkeit des Hauses finden mußten. Er fam zu dem zwingenden Schluß, daß die Uhr des Kapitas lismus abgelaufen sei und meldete nun die Forderungen des Proletariats durch die Verwirklichung des Sozialismus an. Er verschwieg dabei nicht, daß der Sozialismus eine gewaltige Arbeit zu leisten haben wird, um die Völker aus dem Elend herauszuführen. Diese Arbeit werde aber geleistet werden, denn an der Verwirklichung des Sozialismus feien heute bereits 80 bis 85 Prozent der deutschen Bes völkerung interessiert. Das klassenbewußte Proletariat wisse aber auch, daß es seine gewaltige Aufgabe nur erfüllen tann, wenn es die politische Macht erobert, um die Diftatur des Proletariats solange sicher zu stellen, bis die ökonomischen, Grundlagen der Klassengesellschaft gefallen find.
Die Darlegungen des Genossen Dittmann bewiefen erneut, daß die UL. G. B. D. die einzige Vertreterin der deutschen proletarischen Revolution ist. Während ist. Während die Rechts. pzialisten den Boden des Klassenkampfes verlassen haben und eine reine Reformpolitit treiben, sind die alten und die neuen kommunisten den Grundgesetzen der proletarischen Revolution in Deutschland fo fremb geworden, baß fie völlig befangen sind in den russischen Methoden und Jufionen. Die 1. S. P. D. ist die einzige Partei, die fest auf dem Boben der Tatsachen stehend, überall und immer als die Bannerträgerin und Führerin des revolutionären deuts schen Proletariats auftritt und den Gozialismus zum Siege führen wird, allen Hindernissen zum Troz!
Für die Alttommunisten sprach Dr. Levi. Er ließ in seiner Rebe weiblich seinen 3orn über die U. S. B. D. die Zügel schießen. Auf die Bemerkung Levis, daß Dittmanns und Ledebouts Reden bewiesen hätten, daß die U. E. B. D. mit den bürgerlichen Parteten zusammen eine geschlossene Einheitsfront bilde, erwiderte Genoe Lebebour in einer persönlichen Bemerkung: Levi habe mit einem der üblichen thetorischen Bläschen wieder einmal die Eri tenzberechtigung der Kommunistischen Partei uns gegenüber zu beweisen gesucht. Wenn er seine Behauptung von der Einheitsfront mit dem Sinweis auf die Mordandrohungen zu bekräftigen fuchte, die er in jener Rebe erwähnt hätte, so müsse festgestellt werben, daß durch verschiedene Zeugen in längeren Unterrebuit gen die Existenz einer solchen tommunisti chen Zelle, die fih mit Mordplänen befalfe, nachgewiesen sei. Levi fuchte nunmehr feine Unfähigkeit, die Tatsachen zu bestreiten, dadurch zu bemän teln, daß er behauptete, Ledebour hab sich mit zem ungenannten Gewährsmann identifiziert. Ledebout erwterte, bie pönige Absurdität dieser Levischen Behauptung gehe ja gerade daraus hernor, bag jener Gemährsmann eben der Berfaffer des Droh
briefes fet.
Das Finanzelend des Reiches- Der sterbende Kapitalismus Das Proletariat und der Sozialismus
Dittmanns Rede
Bei der geftrigen Beratung des Reichshaushalts haben wir hier einen caratteristischen Vorfall erlebt. In der Person von Dr. Helfferich trat ein Vertreter des alten Systems auf, das Im November 1918 zusammengebrochen ist. Das bloße Auftreten der Herren Selfferich, Westarp und Genossen bedeutet aber eine Brovolation ber dentichen und ber internationalen Oeffentlichkeit. ( Lachen und Unruhe rechts! Sehr wahr! links.) Sie haben wäh Gewaltfrieden gefordert und jeben als Landesverräter beschimpft, rend des Krieges im Reichstag immer und immer wieder einen ber einen Frieden der Verständigung forderte.( Sehr wahr! bei ben U. G.) Als ich 1916. als Graf Westarp auf den Sieg Deutschlands hinwies, ihm zutief, es gibt auch ein Totsiegen, da antmortete mir der Herr Graf:
Lieber tothiegen, als schmählich unterliegen! ( Sört, hört! bei den 1. S.) Diese Herren find es auch gewefen. bie bewußt Amerila mit in ben Krieg hineingezogen haben durch ihren frevelhaften U- Bootfrieg( Sehr richtig! bei den U. S.) unb die damit Deutschlands Riederlage besiegelt haben. Dr. Selfferich war es, ber mit einem gewaltigen Zahlenaufwand haarscharf vor zurechnen suchte, baz England beim verschärften U- Bootkrieg in längstens sechs Monaten zum Frieden gezwungen werde. Ein Jahr vorher hatte ez allerdings mit einem gewaltigen Zahlenaufwand bewiesen, daß es unmöglich set, England mit dem U- Bootfrieg nieberzufriegen. Er tann eben heute fo und morgen anbers. 3met Millionen Tote, ein Seer von, Witwen und Waifen und Krüppeln, und der völlige militärische, wirt schaftliche und politische Zusammenbruch, das ist zum großen Teil Selfferichs Wert. Das ist das Wert der Deutschnationalen und bez Adeutschen aller Schattierungen.
Diese Herren haben deshalb fein Recht. über den Gewaltfrieden von Verailles zu flagen. Diefer Friebe ist ihr Friebe. Am 10. März 1915 hat Dr. Selfferi hier im Plenum des Hauses erflärt: Wir werden nicht darauf verzichten fönnen, unb wit denten nicht daran, darauf zu verzichten, daß unsere Feinde
abgesehen vor allem andern uns für den materiellen Schaden aufkommen müssen( Sört, hört! bet ben U. S.), den sie mit diefem frevelhaft angezetteiten Krieg angerichtet haben. Es war Thr Kriegsziel, Dr. Helfferich, die Gegner auszuplfindern. Das haben Sie auch Rußland gegenüber getan, dem Sie in Brest- Litowst einen Sieger- und Gewaltfrieden diftiert haben. Die Entente hat nur nachgeahmt, was ber beutsche Militarismus ihr vorgemacht hat, nämlich eine pazifistische Parole umzulügen ihr vorgemacht hat, nämlich eine pazifistische Parole umzufügen in eine annegionistische Parole. Das Lamento der Deutschnationalen gegen den Versailler Friedn ichürt deshalb nur aufs nene den Haß gegen Deutschland( Sehr wahr! bei den U.S.). Ae Gewaltatte des Beriailler Bertrages find provoziert burch die Berbrecherrolitik der Altdeutschen,( Erregte zurufe rechts.) denn ohne ben rüdsichtslosen U- Bootfrieg hätte es feinen Raub der dents schen Handelsslotte gegeben, ohne die zwelose Zerstörung der französischen Bergwerte fein Kohlenbittat der Entente( Unruhe rechts), ohne die deutschen Räubereien und Plünderungen in Belgien und Norbirankreich( lebhafte Pfuirufe rechts. Sehr richtig! fints), nicht alle die Schabeneriahforderungen, deren Erfüllung uns jegt jo jehr brüdt.( Sehr richtig! bei den UL G.- Fortgesetzte erregte Zurufe rechts. Glode des Präsidenten.) Ohne Hinden burgprogramm auch leine völlige Zerstörung unserer Industrie. Das alles find die Folgen der
Totengräberarbeit der alldeutichen Gewaltnelin ( Erregte Zurufe rechts. Sehr richtig! bei den 1. S.) Es zeugt der Schafsgebulb des deutschen Michels, daß die Weftarp und Selfferich hier überhaupt noch auftreten tönnen. In feinem anderen Lande der Wit dürften solche Boltsverheer es wagen, jemals wieder den Mund aufzutun.
Rut wir, bie unabhängigen Sozialdemokraten( fehr wahr! den U. S. Lebhafter Waderspruch rechts) haben ein
Wir bagegen protestieren grundsäglich gegen die
Vergewaltigung
und würden es auch tun, wenn die Bergewaltigung ausgeübt würde von unseren Alldeutschen gegen die Ententevölker. Mit um so größerem Recht tönnen wir deshalb auch unerfüllbare Zu mutungen des Entente- Imperialismus zurüdweisen und können an die. Solidarität der Proletarier in den En tentelänbern appellieren( Lachen rechts), uns zu helfen in der Abwehr folcher Attentate auf unsere elementarsten Lebens notwendigkeifen.
Die Kohlenlieferungen an Frankreich
find notwendig, um ihm Ersatz zu geben für den Ausfall der durch die deutschen Militaristen ohne zwingende Not zerstörten französi schen Bergwerke. Jedoch gilt auch hier der Sazz, daß uns das Semb näher ist als der Rock. Wir fönnen nicht Kohlen, wie es behauptet wird, im Ueberfluß an Frankreich abgeben, felber aber unjere Werte, unsere Industrien, unser ganzes Berkehrswesen filstehen lassen und noch frieren obendrein, weil es an der nötigen Hausbrandtohle fehlt.
Auch die Requirierung von Milchpich als Ersag für das im Kriege durch die deutschen Militärs geraubte Bieh der Ententes länder muß thre Grenzen finden an dem zur Erhaltung un serer Boltsgesundheit und unserer Bolfstraft absolut Not wendigen.
Die
Zerstörung der Dieselmotoren
ist aus der Besorgnis verlangt worden, fie tönnten wiederum für U- Bootzwede Verwendung finden. Das ist offenbar eine über* triebene Furcht vor dem Wiedererstarten des deutschen Unters wassermilitarismus. Wird für das Abwraden der U- Boote gesorgt, und der Friedensvertrag gibt die Sandhabe dazu, jo tann die Erhaltung der Dieselmotoren allein eine solche Furcht nicht zechtfertigen. Die Motore aber find wichtig und notwendig für das deutsche Wirtschaftsleben.( Sehr richtig! bei den UL. S.) Thre Zerstörung und das Verbot, neue Dieselmotoren zu bauen, bes deutet Vernichtung hochwertiger Produktionsmittel, bedeutet eine Lahmlegung lebensnotwendiger Broduktionsbetriebe und bedeutet Arbeitslosigkeit für Tausende von Arbeitern. Wir wenden uns Dieselmotoren und gegen ein Verbot, neue Motoren zu bauen. beshalb gegen das Berlangen nach Zerstörung der vorhandenen
Wenn die Bejagungstoften im Rheinland fortgelegt ins Ungemessene wachsen und schon mit 15% Milliarden Mart im Sonderefat erscheinen, so ist das ein Zustand, der offens bar der Absicht entspringt, die Unterhalts often jür mönichst große Teile der Ententearmeen auf Deutschland abzuwälzen, ein Zustand, der den. völligen Ruin der deutschen Wirtschaft be schleunigen muß. Leider liefert das Treiben unserer alldeutschen Konterrevolutionäre und Militaristen immer wieder billige Bore wände für das Vorgehen der Entente. Die chauvinistischen der Regelmäßigkeit der Delirien Exzesse, die sich mit von Quartalsfäufern wiederholen( Sehr gut! bei den U. 6.), wie fürzlich in Breslan und an anderen Orten, hat unser ganzes Bolt schwer zu büßen. Gegen das allbeutsche Verbrechergesindel, das diese Exzesse inszeniert, verfolgt die Regles rung eine Bolitif der Langmut, der fträflichen Larheit, daß sie zur Mitschuldigen baran wird( widerholte Zustimmung bei den 1. S.), und wir müssen deshalb die Regierung für die Wiederkehr solcher Standale verantwortlich machen.( Sehr richtig lints.) Gegen links droht die Regierung mit rüchichtsloser Anwendung der Ge jete, che diese Gefeße überhaupt noch verlegt find; gegen rechts bagegen brüdt die Regierung beide Hagen zu, felbst wenn jedes Kind sieht, daß von rechts her die Gelege fortgelegt in der gröbe lichsten Weise mit Fügen getreten werden.( Sehr wahr bei
ben U. G.) al
gegen den Bersailler Gewaltfrieden zu protestieren, denn wir allein diejenigen, die uns biele ungeheure Belaftung auferlegt haben. haben die Politik rüchichtslos bekämpft, die diesen Frieden vers fuldet hat. Man hat uns in die Zuchthäuser und in die Gefängnisse gesteckt, während man doch heute heilfroh wäre, wenn man uns bamals gefolgt hätte.
Es war unser Hugo Saale,
dessen Tob sich in diesen Tagen zum ersten Male jährt, der unsern Standpunkt zum Bersailler Gewaltfrieden im vorigen Jahr in der Nationalversammlung präzisiert hat. Diesen Standpunkt teilen wir auch heute noch.( Sehr wahr! bei den U, S) Wir lassen feinen Zweifel darüber, daß die zein militärischen For berungen des Friebensvertrages restlos erfüllt werden müffen, ebenso zweifellos aber ist für uns, daß die wirtschaft lichen Forderungen des Friedensvertrages bem deutschen Bolte eine Laft auferlegen, die es dauernd nicht wird tragen fönnen. ( Sehr wahr! bei den UL. G.) Soweit es sich um die Wiederguts machungen im Tonalen Sinne des Wortes handelt, müssen sie ers füllt werden. Aber die systematische Ausplünderung Deutschlands unter dem Dedmantel der Wiedergutmachungen führt zum Zus lammenbruch des deutschen Wirtschaftslebens, zum Zusammen bruch ganz Europas und der ganzen Weltwirtschaft.( Sehr richtig! bei den U. S.) Dagegen wenden wir uns mit allem Nachdrud. Aber wir lehnen es ab, etwa mit den Deutschnationalen und anderen nach unserer Auffassung tompro mittierten Bolitilern gemeinsam bagegen zu protestieren.( Sehr mahr! bei den. 6.) Denn fie protestieren, weil bie Bergewal tigung jegt gezabe Denisland trifft
Die Lasten aus dem Friebensvertrage bilben mit 41 Milliarden, eine Summe, bie um ein Drittel den ganzen außerordentlichen Reichsetat übersteigt. Darin liegt eine furchtbare Anflage gegen Denn die Foch, Clemenceau, Lloyd George und Millerand find nur bie Willensvollstrecker der deutschen Kriegstreiber. Diese Er fenntnis ist in Deutschland längst noch nicht genügend verbreitet, Jonst würde der Boltszorn sich noch in ganz anderer Weise gegen die Selfferich und Konsorten wenden.( Sehr gut! bei den ll. S.) Finanzminister Dr. Wirth hat richtig darauf verwiesen, daß bie ungeheuerlichen Anforderungen an unsere Finanzen die Folgen des verlorenen Krieges find.
Er hat dadurch auf die Westarp und Konsorten hingewiesen, über beren voltsschädliches Treiben er sich auch schon während des Kries ges völlig tlar gewesen ist. Ich entsinne mich sehr gut ausmir gegenüber 1917 gelegentlich einmal den verständigen spruch tat:„ Mit den Unsumamen, die der Weltkrieg verschlungen hat, hätte die Menschheit das ganze Antlig bez Erde verjüngen fönnen."( Gehr wahr! bei den U.S.) Es ist ganz verständlich, daß die Deutschnationalen einen Mann mit solcher Gesinnung hassen. Die Deutschnationalen werfen ja selbst nächstens Herrn Stresemann in den Ortus hinabwerfen. In Hannover hat Dr. Hergt nach der Wiederkehr der Monarchie gerufen und dabei behauptet, die Monarchie hat zu sparen" verstanden. Das Resultat diefer Sparsamkeit aber ist der Reichsbankrott, vor dem wir heute stehen.
Der Etat der Betriebsverwaltungen zeigt ebenfalls die Kriegsfolgen. Der Krieg hat das Berkehrs. wejen fo heruntergewirtschaftet, daß der Finanzminister diese A