Einzelpreis 20 Pfg. 3. Jahrgang

Donnerstag, 18. November 1920 Nummer 487

Die Freiheit erscheint morgens und nachmittags, Sonntags und Montage w einmal. Der Bezugspreis beträgt bei freier Zustellung ins Haus für Groß- Berlin 10,-. im voraus zahlbar, von der Spedition felbft abgeholt 8,50 M. Für Pofte bezug nehmen fämtliche Boftanstalten Bestellungen entgegen. Unter Streifband bezogen für Deutschland und Ofterreich 16,50 M., für das übrige Ausland 21,50 m. ausiglich Baluta Aufschlag, per Brief für Deutschland und Österreich 30,-. Redaktion, Expedition und Berlag: Berlin 2, Breite Straße 8,9.

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greiheit

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands.

Eine Warnung an Bayern

Die Monarchisten wollen die Besetzung gründung, daß die Sicherheit der ungarischen Nachbarstaaten, bie

des Ruhrgebiets

Die württembergischen Zentrumsblätter bringen in Sperr­drud eine Warnung an die bayrische Regierung des In­halts, daß nach zuverlässigen Mitteilungen aus diplomatischen Kreisen bei weiterem Widerstand der bayris schen Regierung gegen die Ablieferung der Militärwaffen und die Beibehaltung der bayrischen Einwohnerwehren mit der Besetzung des Ruhrgebiets sicher zu rechnen sei. Der Auf­ruf erklärt: Als Schwaben sprechen wir ganz offen aus, daß wir uns diese Politik des Selbstmordes nicht ge= fallen lassen werden, weil alle Teile darunter zu leiden haben. Wir erwarten von den ruhig denkenden Kreisen des bayerischen Voltes, daß sie der Politit der Verblendung und Phraje nicht folgen werden.

Bayern fümmert sich um diese Mahnungen nicht. Herr v. Kahr hat soeben wieder im Parlament versichert, daß die Regierung nicht gewillt ist, die Wehren aufzulösen. Bayern arbeitet, gestützt auf die preußischen Monarchisten, absichtlich auf einen Konflikt hin.

gewillt find, militärisch abzurüften, nur durch eine republikanische Staatsform in Ungarn verbürgt werden kann.

Die östliche Wetterecke

( Eigene Drahtmeldung der Freiheit".) Enbtuhnen, 17. November. Infolge der Niederlage Wrangels scheint sich auch die litauische hauptet, daß Minst von vordringenden roten Truppen wieder Lage etwas gebessert zu haben. Von russischer Seite wird be: besetzt worden sei. An der Front des Generals Balacho. witsch droht eine neue Offensive. Es werden große Um­gruppierungen innerhalb der roten Armee vorgenommen, die allerdings infolge der Verkehrszerrüttung start erschwert werden und deshalb nur langsam vor sich gehen. Die inneren Schwierig teiten in Polen werden mit jedem Tage größer. Deshalb ist es möglich, daß sich Polen bei den Verhandlungen in Riga Wilna besetzt hält, gelten als nicht mehr zuverlässig. Es sollen maßvoll zeigt. Die Truppen des Generals 3eligomitis, der Meutereien vorgekommen sein. Zwischen Litauen, Lettland und Estland finden angesichts der polnischen Bedrohung Eini­

wird täglich unwahrscheinlicher, ist aber noch keineswegs völlig ausgeschlossen.

England und Rußland

Der Aktionsrat der Arbeiter für Aufnahme der Beziehungen

London, 16. November. Einer Reutermeldung zufolge tritt der Aktionsrat britt­

Die bayrische Presse ist wütend über die Enthüllungungsverhandlungen statt. 3eligowskis Vormarsch nach Kowno gen, die wir in den letzten Tagen über das Wesen der bay­rischen Einwohnerwehren gemacht haben. Es wird be hauptet, der Briefwechsel, den wir leghin wiedergaben und der wichtiges Tatsachenmaterial über riesige Waffen­schiebungen enthielt, sei gefälscht. Demgegenüber be tonen wir, daß die von uns veröffentlichten Dokumente echt sind und jederzeit durch neue ergänzt werden können. Die bayrische Presse streitet auch ab, daß zwischen dem früheren deutschen Kronprinzen und den bayrischen Konter­revolutionären ein reger Kurierdienst stattfindet. Wir sind jederzeit in der Lage, unsere Behauptungen vor Gerichtscher Arbeiter in einem Aufrufe für die Wiederaufnahme der ſondere verläſſige Zeugen einwandfrei zu beweisen. Insbe­fönnen wir beweisen, daß der Kronprinz in den letz­ten Wochen einen Brief nach Bayern gesandt hat, wo­rin er zum Ausdrud brachte, daß es hoffentlich nicht mehr lange dauert, bis sein Vetter Rupprecht den Thron besteigen werde. Der Kronprinz selbst äußerte eine starte Sehn= sucht, recht bald wieder nach Deutschland zurückzukehren, da es ihm in Holland nicht mehr gefalle.

Die Drgesch in Desterreich

Junsbrud, 17. Rovember.

Der Landtag verhandelte einen Dringlichkeitsantrag der sozials Demokratischen Abgeordneten wegen des beabsichtigten Fest. schießens der Tiroler Einwohnerwehr und gegen die Einreise bayerischer Orgesch Funktionäre zu dieser Veranstaltung. Der sozialdemokratische Abgeord: Rete Rappolbi führte aus, daß die Einwohnerwehren ihren portlichen Charakter durch den Einfluß der Drgesch verloren hätten, und daß diese monarchistischen Zweden dienen. Die Arbeiterschaft werde alle Mittel anwenden, um eine Restauration zu verhindern. Er ermahnte die Regierung zu han­beln. Landeshauptmann- Stellvertreter Dr. Schmittner teilte mit, baß die Entente verständigt worden sei. Eine Drohung der Ens tente liege nicht vor.

Die Anarchie in Ungarn ( Eigene Drahtmeldung der Freiheit".) Wien, 17. November.

on der Regierung verhafteten Präsidalmitglieder des Ver Die von der Polizei verhafteten Terroroffiziere und bie ins der erwachenden Ungarn" find jetzt durch Horthy wieber freigelalien worden. Das ist der Kampf gegen den Terror in Ungarn! Nach dem ersten Schrecken rüsten jetzt die Terroristen zur allgemeinen Offensive. Hejjas will mit 40 000 frage" lösen. Noch immer lauien anzeigen bei der Regierung ein über Mordtaten, Räubereien und Erpressungen, verübt von ben königlichen Offizieren im Hotel Britania". Eine Kauf mannsfrau zeigte an, baß ihr Mann nach der Gemeinde Szant reiste und dort verschwand. Nach vergeblichem Warten erfuhr die Frau, daß ihr Mann in Begleitung von zwei Offizieren des Detachements Seijas gesehen wurde. Die weitere Untersuchung crgab, daß der Kaufmann getötet und in einem Sumpfge= worfen wurde. Der Frau wurde erklärt, sie möge fich büten, Anzeige zu erstatten. In Budapest hat die Polizei festgestellt, daß die Offiziere des Britania- Hotels Kunstschäge im Werte von vielen Millionen Mart geraubt und nach Amerifa gesmuggelt haben. In

Handelsbeziehungen mit Kugland ein, bie bisher aus politicher

Erwägungen hingezogen worden sei. Er erwartet von der Wieder­aufnahme ein Sinten der Preise und die Lösung der Kohlen­

frisis. Daily Chronicle" zufolge wird das englische kabinett

in dieser Woche über den Entwurf des Handelsabkommens be­raten. Laut Daily Mail" bestehen innerhalb des Kabinetts

ernste Meinungsverschiedenheiten über diese Frage.

Lloyd George, Bonar Law, Horne und die meisten liberalen Mit­glieder seien für die Wiederaufnahme der Handelsbeziehungen mit Rußland, Churchill und Chamberlain seien dagegen. Diese ver­langten Bürgschaften bezüglich der Bezahlung der russischen Staatsschuld.

Die Faffung des englisch- russischen Abkommens HN. London, 17. November.

Das abgeänderte Abkommen beruht auf den Grundsägen, anf russischen Regierung hinwies und die beide Regierungen am 7. Juli welche die britische Regierung in ihrer Note vom 20. Juni der anerkannten. Das Abkommen enthält Bestimmungen über die Freilassung von Gefangenen, die Beendigung der bolschewißischen Propaganda und der feindseligen Handlungen, die grundsätzliche der Wiederaufnahme des Handels. Anerkennung von privaten Schulden und die praktische Regelung

Wrangel in Konstantinopel

Nach einer Meldung aus Konstantinopel ist General Wrangel mit etwa 40 000 Flüchtlingen aus Sebastopol dort eingetroffen. Die Stadt ist durch diesen Zustrom überpölfert. Die Kranken. häuser haben keinen Plah mehr. Es herrscht Mangel an Nahrungsmitteln. Die britischen und die amerikanischen Behörden versuchen, Lebensmittel heranzuschaffen, um die Lage zu verbessern.

Rücktritt der finnischen Regierung Kopenhagen, 18. November.

Wie aus Helsingfors gemeldet wird, haben sämtliche Mitglieder die Vorlage über die Grenzbewachungsmaßnahmen abgelehnt hat. der Regierung ihre Entlassung gegeben, weil der Reichstag Friede notwendigerweise darauf beruhen muß, daß der Regierung Das zurüdgetretene Ministerium ist der Ansicht, daß ein bauernder die Vollmacht gegeben wird, allem schädlichen Ausfuhrhandel und jeder ungefeßlichen Spekulation vorbeugen zu können. Der Prä­ersucht, die neue Regierung zu bilden. fident von Finnland hat den sozialdemokratischen Führer Tanner

Die internationale Konferenz

Bern, 17. November. Die Geschäftsleitung der Sozialdemokratischen Bartei

der Schweiz hat beschlossen, den deutschen Unabhängigen die Ber miniſter Benes der Bölferbuntagung in Genf den Antrag schiebung der Internationalen Konferenz vom 15. Dezember unterbreiten wird, daß der Völkerbund nicht nur gegen die Wie­dereinsehung der Habsburger in Ungarn, sondern gegen die Er­und Jugoslawien werden den Antrag unterstügen mit der Be

vorzuschlagen. Sie faßte ferner den Beschluß, sich für den Fall, daß die Berschiebung nicht erfolgen würde, an der Konferenz nur zu ternationale teilnehmen.

beteiligen, wenn daran feinerlei Elemente der 3 weiten 3n­

Wo bleiben deine Steuern?

Von Jgnaz Wrobel

Bor mir liegt der Entwurf des Reichshaushaltsplanes füt das Rechnungsjahr 1920. Jm ersten Bande befindet sich ber Haushalt des Reichspräsidenten, des Reichstags, des Reichs­ministeriums, des Reichskanzlers und der Reichskanzlei, des Reichsministeriums des Auswärtigen, des Reichsministe= riums des Innern, des Reichswirtschaftsministeriums, des Reichsarbeitsministeriums, des Reichswehrministe riums. Die Haushalte der ersten sieben Dienststellen nehmen zusammen 313 Seiten ein der Haushalt des Reichswehrministeriums umfaßt 255 Seiten.

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Der Gesamtetat für das Heer von hunderttausend Mann einschließlich der Marine beträgt für das Rechnungsjahr an­nähernd fünf Milliarden Mart.

Diese Organisation, die bestenfalls eine ungeschulte Polis zeitruppe darstellt und ohne Erlaubnis der Entente niemals vor den Feind tommen tann, ist noch nicht zwei Jahre alt. Am 9. November 1918 war das deutsche Volk aufgewacht und hatte erkannt, daß ein schlimmerer Feind als der jenseits der Schützengräben hinten in seinen Generalfommandos saß. Jm Januar 1919 sammelte sich der Sozialdemokrat Gustav Roste mit einem Grafen Bismard Offiziere und Mannschaften von der Straße auf, bekämpfte mit ihnen die klassenbewußten Ar­beiter, schützte die Banken und erreichte in fürzester Zeit, daß ein neues Heer erstand. Ein Heer, das aus der großen Zeit jene verschwenderische Ueberorganisation, jenen bunten und lauten Apparat übernahm, ohne auch nur eine Leistung der alten faiserlichen Armee aufweisen zu können. Die Ar­beit, die da geleistet wird, ist ganz und gar eine Arbeit in fich. Die Reichswehr erinnert an eine Lokomobile, die bas Holz, mit dem sie geheizt wird, selbst sägt.

Die folgenden Zahlen werden das Bestreben der leitenden Offiziere aufdeden, möglichst viel Kastenkameraden unters zubringen. Sie arbeiten alle, gewiß. Jeder, der die Vers hältnisse fennt, weiß, daß sich preußische Dienststellen gegen

Dieſe Arbeit ist unproduktiv. Die Arbeitslosen­

unterstügung nach Chargen weist folgende Einzelheiten auf:

Seite 8 des Etats Reichswehrminister. Ausgaben für be­

fondere 3wede 4 Millionen. Die Mittel sind übertragbar und stehen ausschließlich zur Verfügung des Reichswehrminis sters. Die Jahresrechnung unterliegt der alleinigen Prüfung des Reichswehrministers, der auch die Entlastung erteilt". Welchem Zweck dient dieser schwarze Fond?

Seite 15: Die Offiziere und höhern Beamten des Reichs. wehrministeriums erhalten eine sogenannte Ministerial­zulage von zusammen 484 800 Mart.

Seite 44: ,, Besondere Ausgaben. Uebungsreisen, Uebungs­ritte und Besprechungen im Gelände 1 270 200 M." Die bes rühmten Kritiken mit anschließendem Frühstück in frischer Luft( Was? 30 Kilometer Luftlinie ist das Dorf entfernt? Es wird schon einen näheren Feldweg geben!") sind in aller Erinnerung. Dieses Heer darf nicht fämpfen. Und für die Verdauungsgalopps seiner Offiziere 1 Million?

Seite 68: Was man nicht deflinieren fann, sieht man als Nachrichtenwesen an. Die hunderttausend Mann haben sich so viel gegenseitig zu benachrichtigen, daß die Andern pers sönlichen Ausgaben" des Nachrichtenwesens 2311 000 M. und die ,, Sächlichen und vermischten Ausgaben" 2069 000 M. be­tragen. Darunter befinden sich Futterkosten für 1300 Tauben und 145 Diensthunde.( Ist das der offizielle Ausdruck für Spikel?)

Seite 76: Die Seelsorge der Reichswehr verschlingt insges famt 601 200 M. Es ist den Reichswehrangehörigen unbe­nommen, wie alle andern Leute in die Kirche zu gehen. Aber Sie haben offenbar einen besonderen, einen uniformierten lieben Gott. Hat man schon jemals etwas von einem Feuer­wehrpfarrer gehört?

Seite 86: Pferdehaltung 15 412 900 M.

Pferde mögen noch nötig sein. Wozu aber Heeresanwälte erforderlich sind, das weiß außer den Posteninhabern fein Mensch. Nach scheinbarer Aufhebung der Militärgerichts­barkeit betragen die Kosten für die Rechtspflege im Heere 1376 150 m.( Seite 78.)

Seite 218: Gnadengebührnisse für die Ende März 1920 oder später mit Pension ausgeschiedenen Offiziere: 2 000 000 Mart."

Aus Seite 249 geht hervor, daß an die Inhaber alter fai­serlicher Klunterorden und Ehrenzeichen Ehrenzulagen von der Republik munter weitergezahlt werden. Die Gumme überschreitet weit eine halbe Million.

Seite 150: Reise- und Umzugsgebührnisse sowie Reise­beihilfen 2 150 000 M." Wer das preußische Militär fennt, weiß, daß dies ein Gewerbe ist, das im Umherziehen aus­geübt wird. Wenn diese Wirtschaft mit den Versehungen, Rommandierungen und Dienstreisen nicht wäre, hätte das von der Entente geduldete Trüpplein überhaupt nichts zu tun. Also macht es sich Scheinarbeit. Der Geist der Reichswehr ist bekannt. Der Chef der Heeresleitung hat offen das deutsche Volt und damit den deutschen Feldsoldaten gegen die politische, also militärische Leitung während des Krieges ausgespielt und verhöhnt. Er hat sich und uns ein neues Sedan gewünscht. Man kann sich