Cinzelpreis 30 Pfg. 3. Jahrgang Freitag, 19. November 1920

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Nummer 488

Morgen- Ausgabe

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greiheit

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Der Kampf gegen die Arbeitslosigteit

Belebung der Bautätigkeit.- Berufsumstellung.

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der Lehrlingsfrage

Bon Otto Ziska

Die Arbeitslosigkeit im Allgemeinen, sowie in der Me tallindustrie im Besonderen, wächst sich immer mehr zu einer Katastrophe aus; nicht nur die stetig wachsende Zahl der Arbeitslosen, sondern vor allem auch durch die lange Dauer der Arbeitslosigkeit, von der der Einzelne heimgesucht wird. Alle Verfuche, die bisher unter nommen wurden, um der Arbeitslosigkeit und dem damit verbundenen Elend zu steuern, haben sich als völlig unge eignet erwiesen.

Während mit der produktiven Erwerbslosen fürsorge alle möglichen und unmöglichen Experimente gemacht worden sind, wird dem Hauptmoment, das im gegen wärtigen Augenblid die Arbeitslosigkeit mildern fönnte, fast gar feine Aufmerksamkeit zugewandt. Es gilt vor allem die Bautätigkeit, die in Deutschland seit 6 Jahren voll­tommen darniederliegt, großzügig zu heben. Das größte Hindernis, das dieser Maßnahme entgegensteht, sind die un= finnigen Preis'e der Rohmaterialien. Genau so wie bei allen Produkten, die Deutschland gegenwärtig erzeugt, sind auch hier die Preise der Materialien nicht zwingend burch die Verhältnisse bedingt, sondern ein erheblicher Teil bes gegenwärtigen Materialpreises wird durch unberech tigte Profite hervorgerufen.

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Die Bedeutung der sächsischen Laudtagswahlen

Bon Rich. Lipinski.

Die Wahlen zum Landtag in Sachsen haben für die Ara Regelung beiterklasse Deutschlands in mehrfacher Hinsicht lehrreiche Bedeutung. Fanden sie doch unmittelbar nach der Spaltung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei statt und wurden so zum Prüfstein, wie sich die Arbeiterklasse Sachsens zu dem Moskauer Diktat stellt. Sachsen ist für den Schein radifalismus und die kommunistische Phraseologie ein fruchtbarer Boden. Denn Sachsen hat die dichteste Industries bevölkerung und Sachsens Industrie brach am frühesten im Weltkriege zusammen, weil sie auf den Export eingestellt war, der durch den Krieg völlig unterbunden wurde. Dess halb war auch in der Nachkriegszeit die Arbeitslosig feit nirgends so groß wie in Sachsen. Bei 4% Millionen Einwohner, knapp 8 Prozent der Gesamtbevölkerung Deutsch lands, betrug die Zahl der Arbeitslosen im Herbst d. J. 28 Prozent der Gesamtarbeitslosen im Reich. Da es sich bei den Arbeitslosen meist um Familienväter handelt, so ist die sehr groß. Dazu kommt, daß die Dauer der Arbeitslosigkeit Zahl der in Mitleidenschaft gezogenen Familienmitglieder überaus lang ist. In Plauen im Vogtland sind über 5000 Arbeitslose, die länger als 26 Wochen arbeitslos sind.

für den Kriegsbedarf bedingte Steigerung der Erzeugnisse der Metallindustrie hat es nötig gemacht, aus allen Be­rufszweigen, auch aus den bis zu Beginn des Krieges selb: ständigen Handwertstreifen, einen großen Teil der Arbeitskräfte herauszuziehen und in die Produktion der Metallindustrie einzugliedern. Durch die Abschnürung der einzelnen am Kriege beteiligten Länder und durch den rie­senhaften Bedarf an Metallerzeugnissen wurde die Metall­industrie aller am Kriege beteiligten Länder in ihrer Pro­duftion weit über die Aufnahmefähigkeit des Friedensbedarfs hinaus erweitert. Jezt, nachdem der die Metallerzeugnisse geradezu verschlingende Krieg beendet ist und sich die gesamte Welt auf den Frie densbedarf einstellen muß, ist es unmöglich, die wäh­rend der Kriegszeit in die Metallindustrie hineingezogenen Arbeiter für den Friedensbedarf weiter beschäftigen zu fön­nen. Es werden sich also große Teile der in den Industries zentren zusammengeballten Metallarbeiter mit der Tatsache vertraut machen müssen, daß genau so, wie der Zustrom während der Kriegszeit zur Metallindustrie einsetzte, jetzt wieder eine Abwanderung aus der Metallindustrie in andere Industriezweige erfolgen muß.

Welche Steigerung in den Berufsziffern während der

Kriegszeit zu verzeichnen war, soll an einem kleinen Beispiel erläutert werden, das nicht als Ausnahme, sondern nur als typische Rege I zu betrachten ist. Die Branche der Wer f- zeugmacher in Berlin zählte zu Beginn des Krieges im Höchstfalle 1500 Mann.

Während der Kriegszeit ist die

Zahl der Arbeiter in dieser Branche allein auf 4500 anges wachsen. Der Friedensbedarf Groß- Berlins ist mit 1500 Werkzeugmachern im Höchstfalle vollkommen gededt. industrie feine Berwenbungsmöglichfeit.

Für die überschüssigen 3000 Arbeiter hat die Berliner Metalls

Wenn man in großzügiger Weise die Bautätigkeit heben pin, lo lann das nur durch Serablegung der gegenwärtigen Breise der Rohmaterialien geschehen. Daher ist es Pflicht des Reiches und der Länder, buth& rei ftellen ihrer Borräte preisfentend zu wirken. Der größte Teil des zum Bauen benötigten Holzes befindet sich in den Staats­forsten, die im Besitz der einzelnen Länder sind. Auf­gabe der Regierungen muß es also fein, ihre gewaltigen Holzvorräte zu den Preisen, die die Herrichtungskosten be­Dingen, ben zu bildenden Baugenollensaften zur Verfügung zu stellen, damit auf diesem Wege dem geradezu Genau so wie bei den Werkzeugmachern liegt es bei einem unsinnigen 5 o 13 wu cher entgegengearbeitet werden fann. großen Teil ähnlicher Berufszweige. Selbst wenn es mög Bisher haben die Länder eine genau entgegengesette Tattit lich sein sollte, durch eine großzügige Hebung des Be verfolgt; sie haben den Holzvorrat der Staatsforsten dazu bedarfs die Beschäftigungsmöglichkeit in der Metallindustrie nuzt, um durch übermäßige Verkaufspreise ihre Finanz auf den alten Friedensstand zu bringen, wird trotzdem ein großer Prozentsaz übrig bleiben, der in der Metallindustrie feine Arbeit finden kann.

talamität zu beheben.

Durch Uebernahme der gegenwärtig außergewöhnlich hohen Frachttosten durch die produktive Ermerbs Lofenfürsorge wäre es weiter möglich, senkend auf den Breis des Holzes einzuwirken. Denn nur dadurch fann die produk­tive Erwerbslosenfürsorge ihren 3wed erfüllen, daß durch die Freistellung von Mitteln die wirtlich im Interesse des Volksganzen liegende Produktion belebt wird, und nicht dadurch, daß einzelnen Unternehmern geholfen wird, ihre Betriebe, von denen ein großer Teil wirkliche Bedarfsartikel nicht produziert, weiterzuführen.

Diese Tatsache zwingt uns, der Frage der Berufsum= stellung erhöhtes Interesse entgegenzubringen. Während der Kriegszeit sind nicht nur aus anderen industriellen Be

rufszweigen Arbeiter in die Metallindustrie hineingeströmt, schäftigung in der Land- und Forstwirtschaft ihren Erwerb hatten. Anstatt daß nun mit allen Mittel versucht Erwerb hatten. Anstatt daß nun mit allen Mittel versucht wird, die Betreffenden ihren alten Erwerbszweigen zuzu­führen, tragen die agrarischen Produzenten zur Steigerung der Arbeitslosigkeit dadurch bei, daß sie zu Tausenden Wanderarbeiter heran­ziehen. Wenn die staatlichen Organe zur Minderung der

rbeitslosigkeit etwas tun wollen, müssen sie also in exfter Linie die Beschäftigung polnischer und gali­zischer Arbeiter in der Landwirtschaft ver bieten, um vorerst einmal unseren Arbeitern, die infolge

ihrer früheren Zugehörigkeit zu diesem Beruf die fachlichen Borkenntnisse mitbringen, Beschäftigungsmöglichkeit zu geben. Auch die Regelung der Lehrlingsfrage inner­

leibefizer. Bei den Liebhaberpreisen, die jetzt für die polnische und galizische Ziegelsteine gezahlt werden, hat ein Teil der Ziegeleibefizer gefunden, daß es viel mehr im Interesse ihrer Profitwirt­chaft liegt, die 3iegeleiringöfen, die ein notwen diges Produktionsmittel darstellen, abzubrechen und ber Bicienigen Unternehmer, die auf diese Art zur Sebun Der Bautätigkeit beitragen, fann es nichts weiter geben, als Das man sie von ihrem Beth enteignet und den für die Durchführung der Bautätigkeit zu Genossenschaf= Entebie Zeitung ber tirei au bibenden gelen halb ber Wietallindustrie ist ein Gebiet, bas erhöhte Auf­werden wir in ganz furzer Zeit dahin gelangt sein, daß es bet Liebe ühe ter um beles merksamkeit bedarf. Obwohl in absehbarer Zeit night bamit zu rechnen ist, die gegenwärtig der Metallindustrie zur Ver: herzutant fügung stehenden Arbeitsträffe zu beſchäftigen, werben von den Metallbetrieben Groß- Berlins wahre Lehrlings Um das für die Herstellung von Bauten notwendige tufen, die an und für sich schon ein starkes ueberange. züchtereien angelegt und zwar hauptsächlich in den Be­verbilligen, zu bot non Arbeitskräften haben. Es fann damit nur der 3wed verfolgt werden, durch eine immer größere Ueber­ättigung des Arbeitslosenmarktes das Lohnniveau und da mit die Lebenshaltung der Arbeiter herabzubrüden. Dess halb muß nachdrüdlich davor gewarnt werden, in dem bisher

herzustellen.

müssen ebenfalls Reichsgelder zur Verfügung gestellt wer gesetzliche Bestimmungen den Preis der Eisenteile nach oben hin erträglich zu begrenzen. Bei richtiger Anwendung der hier vorgeschlagenen Maß- geübten Maße die schulentlassenen Knaben der Metall­nahmen ist es auch heute möglich, die Bautätigkeit in der zu steigern. Man schafft damit für große Teile der Arbeitss

in denen eine Aufnahmefähigkeit für Lehrlinge noch besteht, follten nicht wahllos überlaufen werden, sondern man sollte fich vorher Auskunft bei den Organisationen holen.

Wenn in den beteiligten Kreisen ernstlich die so oft von ihnen geäußerte Absicht besteht, mit allen Mitteln die Arbeitslosigkeit zu mildern, so fann es nur geschehen, wenn

genheit und behebt gleichzeitig damit das Wohnungs­elend, das heute schon zu einer sittlichen und mo talischen Gefahr ausgewachsen ist. wird, durch geeignete Maßnahmen die absoluten Ziffern der Jeder Bersuch, burch teilweise Erfüllung der hier aufgestell Wenn es also in den verschen Berufen möglich sein zie hier angeführten Maßnahmen durchgeführt werden. Arbeitslosen ganz gewaltig herabzudrücken, so wird das Problem der Linderung der Arbeitslosigkeit in der Me

ten Forderungen mit der Arbeitslosigkeit fertig zu werden, würde als Palliatiomittel nur das Gegenteil ber beabsich

tallindustrie- bedeutend schwieriger zu lösen sein. Die tigten Wirkung, auslösen..

Neben der großen Zahl der Arbeitslosen( über 100 000) fommen aber die Kurzarbeiter, die drei bis vier Tage in der Woche nur arbeiten, und deren Zahl abertausende zählt. ist außerordentlich groß, so groß, daß das fächs. Ministerium Die Not und das Elend unter der sächsischen Arbeiterschaft im Auslande Arbeitsaufträge für Sachsen zu gewinnen suchte.

Der Nährboden für eine Gewaltpofitit ist also porhanden, verzweifeltere Arbeiterschicht finden wie in Sachsen. Und bie Moskauer und ihre Nachläufer fonnten nirgends eine

nun der Erfolg der Moskauer? Eine völlige Ableh nung der Revolutionspläne und des Moskauer Diftats. In dem Antwortschreiben der Moskauer an die Zentral daß die Arbeiter anders wollten als die Führer. Die Wah leitung der U. S. P. D. gingen diese von der Annahme aus, len haben ergeben, daß diese Auffassung falsch ist.

Gewiß, die Moskauer haben erreicht, daß die Organisation der U. S. P. D. vielfach beeinträchtigt und gestört worden ist. Wir hatten den Nachteil, daß in zwei bis drei Wochen der Schaden nicht voll ausgeglichen werden konnte, aber im all. gemeinen blieb die Organisation doch geschlossen bestehen und die Parteipresse hat nur winzige Einbußen erlitten. Die organisierten Massen standen zu ihren Führern. Der Teil, der sich absplitterte, ging weder zu den Neukommunisten noch zu den Kommunisten, sondern bleibt außerhalb jeder politischen Organisation und vermehrt das Heer der Indifferenten. Ein großer Teil der Ar beiter hat nicht an der Wahl teilgenommen. Verglichen mit Wahl fern. Da wir den größten Verlust an Stimmen gegens der Reichstagswahl blieben diesmal 360 000 Wähler der über der Reichstagswahl haben, weder die Rechtssozialisten, noch die bürgerlichen Parteien oder Kommunisten und deren Nachläufer diese Stimmen aufgesogen haben, so bleibt nur der Schluß, daß viele Arbeiter und deren Frauen, die bei der letzten Wahl uns gewählt haben, nicht wählten, ein anderer Teil der Wähler d'en bürgerlichen Par teien zugelaufen ist. Die bürgerlichen Parteien haben faft die sozialistischen Stimmen eingeholt und ihre Mandats giffer um acht verbessert. Zählten sie in der Boltskammer 39, so jezt im Landtag 47 von 96 Abgeordneten. Sinow ie w schleuderte uns beim Abzug vom Parteitag das Schimpfwort: Agenten der Bourgeoisie" nach. Der Pfeil ist auf den Schüßen zurüdgeprellt, denn die Tat der Moskauer und Neutommunisten hat zur Stärkung der Bourgeoisie beigetragen und die Macht der Arbeiterklasse geschwächt.

Die Kommunisten haben noch nicht einmal einen Vorteil. Im Wahlkreis Chemniz- Plauen, vereinigten sich die Neu. fommunisten mit den Kommunisten, erstere zogen ihre Kandi datenliste zurück und der Erfolg ein Rüdgang der fommunistischen Stimmen. Bei der Reichstags wahl erhielten sie 82 044, jetzt 78 330 Stimmen, ein Verlust von nahezu 4000 Stimmen. In den anderen Wahlkreisen haben sie zwar eine Zunahme, aber dort, wo sie länger praf. tisch tätig sind, ebbt ihre Bewegung ab. Diese Tatsache ge winnt an Bedeutung, wenn man berücksichtigt, daß gerade in diesem Wahlkreis im Erzgebirge und Vogtland das Elend am größten ist. In diesem Wahlkreis haben auch wir und die Rechtssozialisten Stimmen verloren, ein Beweis, wie start dort die Wahlenthaltung von den Arbeitern geübt worden ist.

Die Neufommunisten segelten unter falscher Flagge, sie hatten Gener zum Vorspann gewonnen und arbeiteten mit den gemeinsten Mitteln persönlicher Verleumdung. Wie verheerend das gewirkt hat, geht daraus hervor, daß eine fleine auserleene Schar Neufommunisten eine Liste von U.S. P. D.- Führern aufgestellt hat, die gewastlam beiseite geschafft werden sollen. Wir haben es abgelehnt, den Kampf in verlegender Form zu führen. Wir hatten ja Gelegenheit, den flüchtenden Heldenmut" ihres Spizenreiters während den Kapps und Maerdertage au fennzeichnen, wir haben es