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3. Jahrgang
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Sonntag, 21. November 1920
Nummer 492
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Morgen Ausgabe
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greiheit
Berliner Organ
der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Eden und Inferno
Irgendwo im Osten Berlins, so erfuhren wir am Freitag abend aus einem bürgerlichen Blatte, gibt es eine schmale Gaffe; die Häusermauern rüden eng aneinander und das zwischen hodt die finstere Nacht. In der Mitte der Gasse eine große Laterne, die das Haus Nr. 5 beleuchtet. Das ist Hotel Mariushof in der Kleinen Markusstraße 5. Nur eine Penne", ein Seuchenherd, ein Steinhaufe, wim melnd von Ungeziefer, wie der Berichterstatter schaudernd und entristet zugleich mitteilt. Dort gab es jüngst eine Razzia. Im Lichtkreis der Blendlampen wachjen", so hören wir, nur ein winziges Quadrat, vier Mauern steil und grau in die Nacht; auf schlüpfrigem Stein stinft ein Berg non Asche und Speisereften; unter den Stiefeln liebt es, wallt brauner Staub auf zu den Fenstern. Brödelnde Stufen hinab in den Keller; Staub zeichnet scharfe Lichtkegel; bann, im Halbdunfel, wälzen sich Matragen übereinander, zerrissene Deden, Lumpen und Eisengerüm pel. Drei, vier Räume liegen voll, und die Luft ist did von Verwesung. Dann im legten ein erschrectes Geräusch und wieder eine Matraße und zerrissene Decken und dazwischen ein Mensch; ein alter Mann, dessen Schultern nadt aus den Lumpen fich heben, nun ängstlich zuden und heiser beteuernd: Ich wohne doch hier!"
Jm Westen Berlins, am 3oologischen Garten, wo die Kaiser Wilhelm- Gedächtnis- Kirche als ein Schandmal wilhelminischer Kunst zum Himmel progt. Tauenzienstraße
und Kurfürstendamm, die Promenaden der eleganten Welt und was sich dazu rechnet. Päden mit allen Roftbarkeiten der Erde; Kaffeehäuser und Dielen mit luftigen Menschen, die in seidenen Kleibern und hochmodernen Anzügen Tönen distreter Mujit lauschen; Brunfbauten mit 20-3immer- Wohnungen, mit eingebauten Safes und Marmortoiletten wech Jeln ab mit Luxushotels, vor denen stattliche Portiers, ges wandte Kellner und aufgepuzte Pittolos den Gästen die Bequemlichkeiten des Hauses weisen. Es erwartet sie in diesen Lurusbauten feine Matragengruft und die bürgerliche Presse braucht vor ihnen nicht als„ Seuchenherden" zu barnen.
Edenhotel am Kurfürstendamm und Mariushof beim Andreasplay: Eden und Inferno, Paradies und Hölle!
Am Freitag hatte sich der Direktor des Edenhotels not dem Wuchergericht des Landgerichtes II in Berlin wegen Hebertretung irgendwelcher Schleichhandelsverordnungen zu verantworten. Herr Birndörfer stammt aus proletari schem Geschlecht, aber er hat es in der fapitalistischen Welt doch recht weit gebracht, so weit, daß die ganze öffentliche Meinung sich seines Falles annimmt. Und man weiß, was die öffentliche Meinung" ist. Sie nimmt es gelassen hin, bak 20 Millionen gesunder Männer im Weltfrieg hingeSchlachtet wurden; fie lägt die Kinder des Proletariats zu Miriaden an Unterernährung und Krankheit zugrunde gehen und sammelt höchstens einige Bettelpfennige für fie; es fümmert sie wenig, daß hunderttausende von Arbeitslofen in monatelangen törperlichem und geistigem Siechtum einem langsamen Tode überliefert werden. Aber die öffentliche Meinung erhebt sich drohend, wenn die Paragraphen ber bürgerlichen Gesezmaschine einen der Ihrigen zu treffen wagen. Die öffentliche Meinung entrüstet sich darüber, baß die Gesundheitspolizei einen Seuchenherd, wie den tiger deswegen, daß gegen den Direktor eines Luxushotels die Wucherparagraphen angewendet werden sollen.
Sören wir die Geschichte des Eden- Direktors weiter. Herr Birndörfer ist der Gohn eines Müllers. Er hat die Gemeindeschule besucht, mar zwanzig Jahre herrschaftlicher Diener, später met und hat sich dann allmählich bis zum Direktor des Eden- Hotels aufgeschwungen. An Gehalt bezieht er dort 80 000 Mart im Jahre, dazu fommen neben anderen Einnahmen freie Wohnung und Verpflegung, sodaß jährlich geschäzt wird. Die Besizer des Hotels wissen, daß sie nicht umsonst solche riefenhaften Summen an ihren Direktor zahlen. Er hat es wieder auf die Höhe gebracht, nachdem es durch die Garde- Kavallerie- Schüßen- Divilion und durch die dort verübten Morde an Rosa tommen war. In einigen Anzeigen gegen das Eden- Hotel an die Staatsanwaltschaft wird mit Empörung mitgeteilt, welche Preise im Edenhotel gezahlt werden. Für Kaffee waren 9 Mart, für zwei Stüd kuchen 12 Mart, zusammen 21 Mark zu entrichten, in einem anderen Falle für eine Portion Tee 18 Mart und ein Stüd kuchen 10 Mart. Andere Besucher hatten für Eistaffee 10 Mart, für eine Tasse Schofolade 6 Marf, für eine Portion Kaffee mit Milch 6 Mart, für ein Glas Tee 18 Mart, für zwei Stüd Kuchen 10 Mart zu zahlen. Beim Nachmittagstee tostete eine Portion Raffee fomplett" 15 Mark. In der Woche vom 16. bis 25. Juni 1920, find für rund 100 000 Mart Lebensmittel, Fleisch, Butter, Juder und Mehl im Schleichhandel gekauft worden, Nach den Büchern, die unübersichtlich geführt waren, hatte Herr Birndorfer insgesamt 385 150 Mart für Fleisch. 8720 Mart für Mehl, 43 800 Mart für Butter, 60 000 Mart
Watter mobilisiert in Baden
Gefahr im Berzuge
Rarlsruhe, 20. November.
Das Staatsministerium gibt folgendes bekannt: Am 18. No. pember hat im Tiergarten- Restaurant in Karlsruhe eine vera trauliche Bersammlung gefagt, in welcher General Ieutnant von Matter über die Gründung einer Organis jation gesprochen hat, deren Bilbung durch private Personen die Teilnehmer in Ronftift mit den Strafgesezen bringen kann. Wir warnen vor jeglicher Teilnahme an solchen Versuchen durch persönlichen Beitritt oder durch Singabe von Gelb, da schon vorbereitende Handlungen zu einem berartigen Unternehmen strafbar sind.( Berordnung des Reichspräsidenten vom 30. Mai 1920.) Außerdem find solche Unternehmungen un vereinbar mit dem Entwaffnungsgeset. Für die Sicher heit der Bevölkerung sorgt die Regierung selbst.
Wir haben schon vor einigen Wochen festgestellt, daß der angeblich stedbrieflich verfolgte Hauptmann Pfeffer im Ruhrgebiet weilte, dort mit Offizieren eine Besprechung hatte und sie zu verstärkter Rüstungsarbeit an Spornte. Im Anschluß daran war Pfeffer bei Watter in Onnhausen und besprach mit ihm eingehend die strate
gischen Aufmarschpläne. Die Alarmnachricht der badischen Regierung zeigt uns, daß Gefahrim Verzuge ist. Die Konterrevolution ist auf dem Marsche. Sie rüstet trog Spaa und trok Entwaffnungsgefeß vor den Augen der Regierung luftig weiter, um schlagfertig zu werden für ben großen Streich, der besser flappen soll als das Unter nehmen vom 13. März.
Die Arbeiterschaft hat die Pflicht, diese Vorgänge auf merksam zu verfolgen. Wir erinnern noch einmal daran, daß bas Märza blommen noch nicht erfüllt ist. Die Ge wertsaften, die es abgeschlossen haben, find in ihrem eigensten Interesse verpflichtet, schnellstens für seine sofortige Durchführung zu sorgen. Noch ist Zeit!
Das vereitelte Landesschießen Die Verbrüderung der bayerischen und Tiroler Reaktion verhindert ( Eigene Drahtmeldung der Freiheit".) München, 20. November.
Der Sonderberichterstatter des Münchener Kampf" meldet aus Innsbrud:
Das Landesschießen ber Tiroler Seimatwehren ist bank der Geschlossenheit und energischen Haltung ber einigen Tiroler Arbeiterschaft Dollständig gescheitert. Aus Bayern sind nur wenige Schügen in Innsbrud, die schon vor dem Generalstreit nach Tirol gelommen waren. Die Bauern, Schützenvereine und Seimatwehren sind ausgeblieben. Selbst die aus der nächsten Umgebung von Innsbrud haben feine Bemühungen gemacht, zum Schießen zu kommen. Die Grenze ist vollkommen abgesperrt. Die Eisenbahn ist auf allen Streden nach Innsbrud stillgelegt und die Straßen durch große Barrifaden verriegelt., Die Orgesch- Leute haben für diesmal ihren
Feldzug aufgegeben, weil die bayerische Regierung im Augenblid
um den weiteren Bestand der Einwohnerwehren gegen die beurt.
für 3uder ausgegeben. Die Gesamtsumme der Schleichhandelsgeschäfte in fünf Monaten ist aut 1 118 367 mart festgestellt worden.
sche Reichsregierung und gegen das Ausland zu kämpfen hat. Sie mollen ihren Angriff zu günstigerer Zeit wiederholen. Die Tiroler Arbeiterschaft ist in einmütiger Geschlossenheit auch in aller Zukunft bereit, jede Verbrüderungsaktionen und jeden Aufmarsch der Tiroler und bayerischen Monarchisten abzuwehren. Die Tiroler Landesregierung macht aus der Not eine Tugend und ist nur noch bemüht, bewaffnete Zusammenstöße zu verhindern. Die staatliche Militärmacht und die Gendarmerie ist auf Seiten ber Arbeiterschaft, die Tag und Nacht unermüblich auf dem Boften ist.
Die durch die bürgerliche Bresse verbreitete meldung, daß dis italienische Militärmission der Tiroler Landesregierung für den Notfall Truppen zur Silfeleistung angeboten habe, ist eine Lüge und fann nur als Sensationsmache bürgerlicher Jour nalistit betrachtet werden. Vor dem Eisenbahnerstreit ist es der bayerischen Orgesch gelungen, einen Möbelwagen voll Waffen und Munition als Umzugsgut über Kufstein nach Tirol zu bringen. Es sind ausreichende Maßnahmen getroffen, daß weitere Transporte nicht mehr über die Grenze fommen.
Die Meldungen der bürgerlichen Presse, daß aus München und Wien Kommunisten zugereist seien, die die Arbeiterschaft verhehen, ist purer Schwindel, ebenso die Meldungen, daß die
sozialdemokratischen Führer die Arbeiter nicht mehr in der Hand hätten. Die Alarmnachrichten sind nur darauf berechnet, die Lage in Tirol so darzustellen, als ob dort völlige Anarchie herrsche, damit die Orgesch als Retter vor der Gefahr des Bolschewismus erscheinen fann. Die Kommunisten sind ein völlig einflußlojes Grüppchen, die Arbeiterschaft hält strengste Disziplin; die Ruhe ist nirgends gestört.
Herr von Kahr empfiehlt sich ( Eigene Drahtmeldung der Freiheit".) München, 20. November. Der bayerische Ministerpräsident von Kahr hat der Tapferteit besseren Teil gewählt und der Einladung der Tiroler Orgesch zum Landesschießen nicht Folge geleistet. Es traf in Innsbrud ein Schreiben ein, dessen Siegel den Aufdrud trägt:„ Präsidium der föniglich bayerischen Regierung". Das Schreiben lautet:
,, München, 16. November 1920. An die Landesleitung ber Heimatwehr Tirols. Jm Auftrag S. Erzellenz, des Herrn Ministerpräsidenten Richard von Kahr, beehre ich mich, ganz ergebenft mitzuteilen, daß Seine Exzellenz zu seinem leb haften Bedauern verhindert sind, der liebenswürdigen Ein ladung zum ersten Landesschießen Folge zu leisten.
Ergebenft: Rat Surrer."
Eine deutsch- nationale Fälschung
Berlin, 20. November Nach Auskunft des preußischen Staatskommissars für die öffent liche Ordnung ist der von der Deutschen 3eitung" am 5. Rovember veröffentlichte Schriftmechsel zwischen einem angeblichen tommunistischen Zentraloher tommands in Berlin und der Moskauer Regierung eine Fälschung. Damit entfallen alle an die Angaben dieser Schriftstücke über Organisation und Bewaffnung einer Roten Ars mee geknüpften Folgerungen.
geben, daß gelegentlich eine besonders übelduftende Blume im Sumpfe des Rapitalismus gefnidt wird. Sondern wir wollen den Rapitalismus selbst beseitigen. Das Gericht hat den Eden- Direktor zu 9 Monaten Gefängnis und 200-000 Mart Geldstrafe verurteilt. D5 Herr Das ist die eine Lehre, die wir aus dem Falle des Edenhotels zu ziehen haben. Sie ist alt genug, aber fie muß uns legen behaupten, nur das Opfer der Verhältnisse war, erBirndörfer schuldig ist oder nicht, ob er, wie seine Berufstol- täglich aufs neue ins Bewußtsein dringen. Und nun die scheint nebensächlich neben der Tatsache, daß es zahllose zweite Lehre. Die ganze bürgerliche Welt ist um diesen Eben- Direttor in Erregung geraten, weil sie sich durch das praßt wird, in denen ein Gaft für die Verpflegung eines folcher Ebenhotels gibt, in denen geschlemmt und ge- Eingreifen des Staatsanwalts in ihren heiligsten Interessen Tages so viel ausgibt; wie manche Proletarier familie bedroht fühlt. Nun stehen sie alle einig und geschlossen ba, nun findet man feinen Unterschied zwischen Chriften und nicht für den Unterhalt eines ganzen Monats Nicht- Christen, zwischen Deutschnationalen, Zentrumsleuten übrig hat. Und daß es zu gleicher Zeit Millionen von Wohnungshöhlen gibt, in denen Menschen, Gottes Ebenbilder, Klauen, sie wollen nicht, daß am Wesen der kapitalistischen und Liberalen. Sie verteidigen ihr Eden mit Zähnen und ihre Leiber mit stinkenden Lumpen bededen müssen, in denen Erwachsene und Kinder sterben und verberben, weil für sie wohner ber holle? Sie streiten sich noch darüber, mit in dieser Gesellschaftsordnung fein Play ist. soll und sehen nicht, daß fie darüber sich selbst den Weg er. foll schweren, ber sie zu den Höhen menschlicher Kultur führen
Sind es Einzelerscheinungen, Auswüchse dieser Ordnung, durch fie wird ihr wahres Wesen bloßgelegt. Ohne Marcusdie sich hier so unvermittelt nebeneinander zeigen? Nein, Hof tein Edenhotel, ohne die Hölle für das Proletariat fein Paradies für das Kapital. Aus den stinkenden Lumpen der Marcusgaffe erwachsen die Prachtträume des Kurfürstens damms. Auf der Ausbeutung der Lohnarbeiter baut fi bie ganze fapitalistische Welt auf. Deshalb bürfen wir es nicht
Babei bemenben laffen, baß ein Staatsanwalt gelegentli einer allzu häßlichen Erscheinung dieser tapitalistischen Welt zu Leibe geht, wir wollen uns auch nicht damit zufrieden
Eben und Inferno, Paradies und Hölle, Kapital und Ar beit, Ausbeuter und Ausgebeutete: Unüberbrüdbare Abgründe zwischen ben Klassen! Schon aber find die Zeichen aufgerichtet, bie das Ende dieser Zustände fünden. Je toller
Die tapitalinifde belt treibt, befto faneller wird bie
Stunde fommen, in bez bas Proletariat als bie stärkste Macht der Erbe, als die Macht der Zukunft diesem Wahnwig ein Ende bereitet.
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