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Einzelpreis 20 Pfg. 3. Jahrgang

Die Freiheit erscheint morgens und nachmittags, Sonntags und Montags mus einmal. Der Bezugspreis beträgt bet freier Zustellung ins Haus für Groß- Berlin 10,-. im voraus zahlbar, von der Spedition selbst abgeholt 8,50 m. Für Posts bezug nehmen sämtliche Bostonftalten Bestellungen entgegen. Unter Streifband bezogen für Deutschland und Österreich 16,50 m., für das übrige Ausland 21,50 m. auzüglich Baluta- Aufschlag, per Brief für Deutschland und Österreich 30,- Q. Redaktion, Expedition und Verlag: Berlin C 2, Breite Straße 8-9.

Dienstag, 23. November 1920

Nummer 495

Abend- Ausgabe

Die achtgespaltene Monpareillezeile oder beren Raum koftet 5,-. einschließlich Seuerungszufchlag. Kleine Anzeigen: Das fettgedruckte Wort 2,- M., jedes weitere Wort 1,50 M., einschließlich Teuerungszuschlag. Laufende Anzeigen laut Tarif. Familien Anzeigen und Stellen- Gesuche 3,20 m. netto pro Beile. Stellen Gesuche in Wort- Anzeigen: das fettgedruckte Wort 1,50 m., jedes weitere Wort 1,- Me Fernsprecher: Bentrum 2030, 2645, 4516, 4603, 4635. 4649. 4921)

Freiheit

Berliner Organ

ber Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Die Rämpfe in Irland

Neue blutige Opfer

fall um einen Vorstoß der Sinnfeiner gegen bie eng Iische Justiz in Irland handeln. Das gehe daraus hervor, daß fast alle getöteten Offiziere und Zivilisten mit dem Kriegs­

Asquith hat vor einigen Tagen in London eine Rede ge­halten, in der er sich in sehr scharfer Form gegen die irische Politit der Regierung wandte und erklärte, das englische Bolt tönne niemals die Verantwortung für diese Politik übernehmen. Die

Die Kämpfe in Jrland nehmen immer schärfere Formen an. Am Sonntag morgen wurden in Dublin verschiedene englische gericht bzw. der Rechtsprechung zu tun hatten. Offiziere in den Wohnungen angegriffen; 14 Personen wurden getötet, sechs verwundet, drei Täter gefangen genommen. 3 wei Polizisten, die zur Verstärkung ausgesandt worden waren, wurden auf dem Wege erschossen. Unter den Toten befinden fich hat gleichfalls in einer Kundgebung die Regie­teten nachmittags eine Razzia in der ganzen Stadt, die Bür­ser sind von einer Banik ergriffen, da sie Wiedervergeltung be­

fürchten.

Eine spätere Reutermeldung besagt: Unter den in Dublin ge= töteten Offiziere befinden sich ein Major, fünf Hauptleute, ein Hauptmann a. D. und ein Leutnant. Unter den Verwundeten zwei Oberste, ein Hauptmann und ein Leutnant. Die Zahl der Personen, die die Morde ausgeführt haben, betrug 12 bis 24. Bahlreiche Opfer befanden sich noch im Bett, als sie angegriffen wurden; ein Hauptmann wurde in seinem Schlafzimmer in Gegenwart seiner Frau erschossen, nachdem er zuvor noch den Angreifer, der hierbei gefangen genommen wurde, verwundet

hatte.

Am Nachmittag umringte die Polizei den Sportplatz für athletische Spiele und untersuchte die Menge nach Waf­felt. Die Polizei beschlagnahmte eine Anzahl von Revolvern, Ginnfeinerposten beschossen die Polizei beim Herannahen. Die Polizei erwiderte das Feuer und tötete und verwundete eine Anjah Bersonen. Bei dem Gedränge wurden ein Mann und eine Frau getötet. Nach unbestätigten Berichten bes trägt die Zahl der bei diesem Unternehmen gefallenen Opfer 10 Zote und 60 bis 70 Verwundete.

Reuter meldet, daß die Verschwörung schon seit einiger Zeit ins Werk gesetzt war. In mehreren Fällen wurden die Frauen der Offiziere aus den Betten gezogen und ihre Männer vor ihren Augen ermordet. An den Erschießungen der Offiziere nahmen Sunderte von Männern teil: Die durch die Morde erbitterte Dubliner Garnison, wurde zur Vermeidung von Wiedervergel­tungsmaßnahmen, gegen die von seiten der Militärbehörden die häriften Anordnungen getroffen werden, in der vergangenen Nacht in den Kasernen zurückgehalten. Wie das offiziöse Bureau weiter meldet, soll es sich bei diesem neuesten blutigen Zwischen­

Bertagung der Genfer Konferenz

( Eigene Drahtmeldung der Freiheit".)

Bern, 22. November.

Nach Mitteilungen der schweizerischen Sozialdemokratischen Pars tej baben sich für die Durchführung der gemeinsam von der Ges häftsleitung der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz und der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands einbes rufenen und auf den 5. Dezember angefehten Konferenz gewisse Shwierigkeiten ergeben. Diese Schwierigkeiten bildeten den Gegenstand einer Besprechung zwischen dem Vertreter der deuts then Unabhängigen, Genossen Rosenfeld, und der schweize= ischen Parteileitung. Von Frankreich und England lagen Mitteilungen vor, wonach die auf dem Boden der weiten Internationale stehenden und für die Teilnahme an der Berner Konferenz bestimmten Delegierten ihr Mandat nicht ausüben und nicht nach Bern fommen würben. Damit fielen die on einigen Parteien für die Nichtbeteiligung an der Berner Kon­ferenz geltend gemachten Gründe fort. Andererseits haben sich Reiseschwierigkeiten ergeben, die das rechtzeitige Ein treffen der für Bern bestimmten ausländischen Delegierten zur allgemeinen Konferenz verhindern dürften. Unter diesen Ums Ständen sind die Vertreter der Schweizerischen Partei und der Un­abhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands übereins gefemmen, die allgemeine Konferenz bis nach Neujahr zu vertagen, dagegen am 5. Dezember in Bern eine Bor. tonferenz abzuhalten, die die Grundlagen und das Arbeitss. programm, für die spätere allgemeine Konferenz feststellen soll.

Die Schießerei in Bologna

Bologna, 23. November.( Stefani.)

rungspolitik scharf verurteilt. Wenn an dieser Politit nichts ge: ändert werden sollte, dann werden die Kämpfe in Jrland sich noch bis zum blutigsten Bürgerkrieg steigern. Denn ein Vers brechen bildet immer den Ausgangspunkt für ein neues.

Stürmische Unterhausßigung

London, 23. November.

Das Unterhaus nahm gestern unter tiefstem Schweigen eine Erklärung des Unterstaatssekretärs für Jrland Greenwood über die Ermordung der Offiziere in Dublin ent gegen. Nach Verlesung des Berichtes entstand eine Auseinander­setzung zwischen dem Nationalisten Devlin und dem Unionisten Molfon, die derart aneinander gerieten, daß die Sizung auf­gehoben werden mußte.

Nach Wiederaufnahme der Verhandlungen erklärte Lloyd George, daß die Regierung fest entschlossen sei, der Verschwörung und den Mordtaten ein Ende zu bereiten. Molfon erhob sich darauf wieder, um eine Frage zu stellen. Die übrigen Deputierten wollten ihn am Sprechen hindern, wodurch ein neuer Tumult entstand, der nochmals zu einer Unterbrechung der Sizung führte.

Auf verschiedene Anfragen bezüglich der Wiederauf nahme der Handelsbeziehungen zwischen Groß britannien und Rußland erklärte Lloyd George, daß die Regierung dem Unterhaus die Grundlage des vorgeschlagenen Ab­tommens befanntgeben werde, bevor das Abkommen unterzeichnet werde. Auf eine weitere Anfrage erklärte Lloyd George, daß weiteren 159 britischen Gefangenen in Rußland die Pässe zugestellt worden sind. Des weiteren stellte Lloyd George fest, daß General Balachowitsch weber von der britischen noch von einer anderen der alliierten Mächte unterstützt worden sei.

Im ganzen sind 8 Personen getötet und ungefähr 70 werwundet worden. Mehrere Personen wurden verhaftet, und bei einer Durchsuchung des Rathauses Waffen und Bomben beschlagnahmt worden. Eine gerichtliche Untersuchung ist ein­geleitet. Die Ordnung ist wieder vollkommen hergestellt.

Schweres Eisenbahnunglück

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Marienburg, 22. November.

Bei Braunswalde hat sich ein schweres Eisenbahnunglück zu getragen. Der Zusammenstoß erfolgte auf der Brücke des Mühlen­grabens. Die beiden Backwagen, sowie der erste Personenwagen dritter Klasse sind ein völliger Trümmerhausen. In diesem bes fanden sich eine große Anzahl Schüler. Bis jetzt sind 11 schwer verstümmelte Leichen zum Teil ohne Kopf und Hals und ungefähr 35 Schwerverlette geborgen worden. 4 bis 6 Leichen, darunter die des Zugführers des von Marien­werder kommenden Zuges, liegen noch unter den Trümmern. Der Wärter von Bude 63 fonnte den Güterzug noch rechtzeitig zum Stehen bringen, während dies bei dem Personenzug nicht mehr möglich war.

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Als Ursache des Unglüds ist bis jetzt festgestellt, daß der Fahrs dienstleiter den Güterzug a bfahren ließ, trotzdem dieser nicht fahrplanmäßig fertig war. Er widerrief zwar später seinen Auftrag, vergewisserte sich aber nicht, ob der Güterzug abgefahren sei oder nicht. Untersuchung hat bereits stattgefunden.

Das Urteil gegen die Breslauer Konsulatsstürmer. Nach 12- tägiger Verhandlung wurde heute das Urteil in dem Konsulatsstürmer­Prozeß nach fünfstündiger Beratung der Geschworenen und nach eins stündiger Beratnug des Gerichtshofes gefällt. Von den 21 Ange­flagten wurden fünf freigesprochen. Wegen Landfriedens bruches und Plünderung wurde je ein Angeklagter zu 1 Jahr, 9 Monaten, 8 Monaten, 7 Monaten und 6 Monaten, 5 Ange­flagte zu 4 Monaten, 3 Angeklagte zu 3 Monaten und ein Ange­tlagter zu 1 Monat Gefängnis verurteilt. Gegen einen der An­geklagten wurde das Verfahren ausgeschieden. Gegen einen an beren das Verfahren niedergeschlagen. Sämtlichen Angeklagten wurden mildernde Umstände zugesprochen. Die Geschwore nen haben einstimmig beschlossen, für alle Verurteilte ein Gna bengesuch bei dem Reichspräsidenten befürworten zu wollen.

3u den gestern gemeldeten 3wischenfällen werden noch fol. gende Einzelheiten bekannt: Nachdem die Sozialisten auf dem Schiefen Asinelliturm eine rote Fahne gehißt hatten, zogen ihre Gegner zum Rathaus, wo der in seiner Mehrheit lozialistische Gemeinderat zum erstenmal zusammen. getreten war. Sie wurden aber dort pon Polizeiabsper. Diesem Beschluß hat sich auch der Gerichtshof angeschlossen. rungen aufgehalten. In der Nähe der Piazza del Nettuno er öffneten die Sozialisten das Feuer gegen eine Gruppe ihrer Gegner. Gleichzeitig wurden von den Balkons und Fenstern des

General Townshend ins Unterhaus gewählt. Wie die Blätter aus London melden, wurde General Townshend, der Ver= teidiger von Kut el Amara, bei der Ersazwahl in Wrekin mit

Rathauses, wo sich Sozialisten befanden, Bomben geschleudert 14565 Stimmen gegen 10 600 Stimmen, die auf den Arbei

und Schüsse abgefeuert. Im Sigungssaale selbst wurde auf die der Minderheit angehörenden Stadtverordneten geschossen, von denen einer getötet und einer verlegt wurde.

terkandidaten Duncan fielen, ins Unterhaus gewählt. Verschiebung der Abstimmung in Griechenland. Die Voltsab­stimmung über die Rückkehr Konstantins wurde verschoben.

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Wie sieht es in Rußland

aus?

Einer unserer Mitarbeiter hatte eine Unterredung mit dem russischen Genossen R. Abramowitsch, der vor einigen Tagen in Berlin eingetroffen ist. Genosse Abramowitsch ist zusammen mit dem Genossen Martow vom Zentralfomitee der Menschewiki zum Parteitag in Halle delegiert worden, fonnte jedoch aus verschiedenen Ursachen nicht rechtzeitig Mostau verlassen.

Von unserem Mitarbeiter über die angeblichen Auf­stände in Mostau und Petersburg und über die allgemeine Lage in Rußland befragt, teilte Genosse Abra­mowitsch folgendes mit:

Von Aufständen in Petersburg und Moskau haben wir in Petersburg und Moskau nichts gehört. Darüber habe ich nur aus den ausländischen Zeitungen erfahren. Das ist natürlich eine der zahlreichen Enten, die in den verschiedenen Lügenfabriken hier im Auslande fabriziert werden. Es ist nur zu bedauern, daß die Bolschewisten diesen eigenartigen Produktionszweig" selbst fördern, indem sie in Rußland feine einzige unabhängige Zeitung dulden. Ein Land, in dem feine, wie immer geartete Preßfreiheit besteht, und in dem nur Regierungszeitungen erscheinen dürfen, fann nie darauf rechnen, daß man im Auslande eine richtige Vor­stellung über seine inneren Verhältnisse erhält, und daß man seiner offiziellen Presse volles Vertrauen schenkt.

Was die erwähnten Aufstände" anbelangt, so ist daran meines Wissens nur soviel wahr, daß die politische Polizei ( die sogenannte Außerordentliche Kommission") erklärt hat, fie sei einer großangelegten weißgardistischen Verschwörung in Moskau und anderen Städten auf die Spur gekommen.

Ob eine solche Verschwörung wirklich bestanden hat, ist schwer zu sagen. Die politische Polizei hat ja bekanntlich in allen Ländern eine leidenschaftliche Vorliebe für; Ver= schwörungen" aller Art. Das ist ja das Brot, von dem Sie lebt.

So oder anders, im Zusammenhange mit dieser Ver­schwörung wurden in Moskau und anderen Städten Massenverhaftungen vorgenommen. Man spricht in Moskau allein von 3000 Verhafteten( es handelt sich um die Zeit von Mitte Oktober). Der Andrang" der Verhafteten war so groß, daß eine große Anzahl derselben eine ganze Nacht unter freiem Himmel zubringen mußten, weil in den Gefängnissen fein Raum mehr vorhanden war. In Verbindung damit wurde der Chef der politischen Polizei Dzierzinski zum Vorsitzenden des Verteidigungsrates von Moskau an Stelle Kamenews ernannt.

Sonst hat sich meines Wissens nichts ereignet, was mit den ausgestreuten Sensationsnachrichten in Zusammenhang ges bracht werden könnte. Es ist allerdings wahr, daß Anfang Oktober die Stimmung in Mostau etwas erregt war. Es waren gerade die Tage, wo der Präliminarfriede von Riga noch nicht unterzeichnet war und die Sowjettruppen an der ganzen Front vor den polnischen Truppen zurüdweichen mußten. Da begannen, wie im Vorjahre während der Deni­fin- Zeit, in der Bevölkerung verschiedene Gerüchte zu kur­fieren.

Diese nervöse Stimmung, die durch die Massenverhaftungen und die geheimnisvollen Andeutungen der Polizei verstärkt oder vielleicht auch genährt wurde, und sich bis zu einem ge­wissen Grade auch auf die Regierungsfreise übertrug, hielt aber nur eine verhältnismäßig furze Zeit an. Als der Präs liminarfriede in Riga unterzeichnet war, und es am 20. bis 21. Oftober flar wurde, daß die Polen ihren Vormarsch ein­gestellt hatten, fehrte in der Bevölkerung wieder Ruhe ein. Auch die Regierung scheint sich beruhigt zu haben, denn in den Zeitungen stand nichts mehr von der Verschwörung" ( ich habe die Zeitungen bis zum 2. November inkl. gelesen). Keine Details, auch feine langen Listen von hingerichteten Verschwörern, wie es sonst immer der Fall war. Nach einiger Beit ist auch Dzierzinski seines Postens als Vorsitzender des Verteidigungsrates enthoben und wieder durch den in­zwischen von der Front zurückgekehrten Kamenew ersetzt wor ben. Die Welle des Terrors scheint sich gelegt zu haben.

Wie es mit der wirtschaftlichen Lage Ruß­lands steht? Darüber ist es sehr schwer, sich kurz zu fassen. Ueber dieses Thema müßte man längere eingehende Aus­führungen machen. In manchen Beziehungen ist, rein äußerlich betrachtet, eine gewisse Besserung eingetreten. So 3. B. im Eisenbahnverkehr. Die Personenzüge verkehren ziemlich regelmäßig und verhältnismäßig schnell( z. B. Mos fau- Petersburg- 600 Kilometer in 14-16 Stunden). Auch mit der Heizung wird es allem Anscheine nach in den großen Städten etwas besser bestellt sein wie im Vorjahre. Die Eisenbahnen und ein Teil der Fabriken haben Naphtha und etwas Kohle bekommen, so daß das Brennholz für den Hausbrand verwendet werden kann.

Mit der Lebensmittelversorgung scheint es das gegen etwas zu hapern. Die Lage ist vorläufig nicht sa schlecht, wie man Anfang Seröst wegen der Mißernte ges glaubt hatte, aber große Schwierigkeiten und Stockungen werden sich wohl nicht vermeiden lassen. Die Bevölkerung Mostaus und Petersburgs wird einen schweren Winter und