Einzelpreis 30 Pfg.

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3. Jahrgang

Die Freiheit erscheint morgens und nachmittags, Sonntags und Montags mu einmal. Der Bezugspreis beträgt bei freier Buftellung ins Haus für Groß- Berlin 10, M. im voraus zahlbar, von der Spedition selbst abgeholt 8,50 9. Für Poste bezug nehmen sämtliche Postanstalten Bestellungen entgegen. Unter Streifband bezogen für Deutschland und Österreich 16,50 M., für das übrige Ausland 21,50. zuzüglich Valuta- Aufschlag, per Brief für Deutschland und Österreich 30,- Redaktion, Expedition und Verlag: Berlin 2, Breite Straße 8-0.

Mittwoch, 24. November 1920

Nummer 496

Morgen- Ausgabe

De achtgespaltene Nonpareillegeile oder deren Raum koftet 5,- m. einschließlich Teuerungszufchlag. Kleine Anzeigen: Das fettgedruckte Wort 2, M., febes weitere Wort 1,50 M., einschließlich Teuerungszuschlag. Laufende Anzeigen laut Tarif. Familien- Anzeigen und Stellen- Gefuche 3,20 m. netto pro Beile. Stellen Gefuche in Wort- Anzeigen: das fettgedruckte Bort 1,50., jedes weitere Wort 1, Fernsprecher: Sentrum 2030, 2645, 4516, 4603, 4635, 4840, 4921

greiheit

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Russischer Vormarsch an der Westfront sur Sosialisierungsfrage

Petljura vor der Vernichtung

( Eigener Drahtbericht der Freiheit".)

Stodholm, 23. Rovember.

Der Frontbericht des Generalstabes der Roten Armee vom 23. November lautet:

Attive militärische Operationen gegen Petljura haben an­gefangen, vollständige Bernichtung dieser Heere fann bald er­wartet werden. Betljuras Kavallerie- Division ist ganz zer­treut und zerschlagen. Während der lezten drei Tage find 30 Kanonen und 73 Maschinengewehre genommen.

Im Mostnrgebiet fortgesetter erfolgreicher Vormarsch. Kaminkowitschi ist zurückerobert, Gefangene und Kriegsbeute ge macht. Im. Resitzagebiet schlugen wir sämtliche Angriffe auf Restza zurüd. Der feindliche Rückzug vollzieht sich in südwest licher Richtung.

Südwestfront: In der Richtung Korosten- Most yr befesten unsere Truppen die Station Schlowitschna und über­chritten den Fluß Schlowitschna nordwestlich des Owrutsch. Unser Vormarsch dauert an. Im Proskurowgebiet fortgesetzte Kämpfe bei Deraschnia. Westlich haben unsere Truppen wieder den Feind geschlagen und zahlreiche Stellungen 12 bis 15 Werst südöstlich und öftlich Prosturom besetzt. Wir haben 13 015 Gefangene gemacht, über 9000 Pferde und 1 Abteilung Banzerautomobile mit Mannschaft, viele Kanonen und Maschinengewehre erbeutet. In Stockholm ist aus Mostau Professor Lomonossoff ein­getroffen. Er ist bevollmächtigt, namens der Räteregierung mit der schwedischen Regierung über Zusammensetzung der fünftigen russischen Handelsdelegation in Stockholm zu unterhandeln. Lo­monossoff selbst ist zum bevollmächtigten Vertreter der Räteregie­rung mit den Befugnissen eines Volkskommissars bei allen aus ländischen Eisenbahnbestellungen ernannt..

Gewinn und Verlust der Roten Armee in der Krim

DE. Helsingfors, 22. November.

In der Petersburger Roten Zeitung" veröffentlicht Bela Ahun einen Artikel, worin er hervorhebt, daß die Roten in den Kämpfen um den Besitz der Krim außerordentlich große Ver­Iuste gehabt hätten. Die Befestigungen an der Peretop Landenge und an der Siwaschlucht seien unter unerhörten Opfern seitens dreier roter Divisionen genommen worden. Die

Die Unruhen in Irland

Kriegstommissare des Befehlshabers der Roten Kavallerie Bubjenny melden telegraphisch, daß die Wrangeltruppen keine Zeit gehabt hätten, die Verpflegungsvorräte und das Kriegsmaterial in der Krim zu vernichten. Es seien Geschüße erbeutet wor­den, die ein Kaliber aufweisen, welches nur aus dem Kriege gegen Deutschland bekannt war. General Bogajewski, der die Don­tojaten tommandiert hat, ist im Reiterkampf mit der roten Kaval­Ierie gefallen.

Die aus der Wrangelarmee zu den Roten Truppen übergetrete­nen Soldaten werden von dem Sowjetkommando an die nördliche

Front abgeschoben. Die Sowjetpresse ist der Ansicht, daß Wrangel

einen Teil seiner Truppen über Rumänien an die Balacho­witschfront werfen werde und einen anderen Teil über Georgien in den Nordkautasus, um dort eine neue Front zu bilden. Ueber das Schicksal der Weißen Flotte schweigt die Sowjetpresse. Sie empfiehlt dringend, alles erbeutete Kriegs­material sofort an die Petljurafront zu schaffen, da Balachowitsch eine Verbindung mit dieser Front herzustellen beabsichtigt.

Die Ruffen vor Kiew

DA. Warschau, 23. November.

Die ukrainischen Truppen haben Kiew geräumt und ziehen sich zurüd. Die russischen Truppen stehen unmittelbar vor der Stadt, deren Einnahme durch die Rote Armee stündlich erwartet wird.

Die Zustände in Budapest

DA. Budapest, 23. November.

Die Organisation der Budapester 3eitungssezer faßte den Beschluß, vom Minister des Innern die sofortige Abstellung der unerträglichen Verhältnisse zu verlangen, die sich nachts auf den Straßen herausgebildet hätten. Sie seien in der Nacht nach Beendigung der Arbeit auf der Straße dauernd Mißhand Iungen ausgelegt und würden, wenn nicht unverzüglich Abhilfe eintrete, die Arbeit einstellen. Es muß also in Budapest mit einem Streit der Zeitungsseger gerechnet werden, da die Re­gierung Horthy weder den Willen noch die Macht besitzt, die Bassanten und Arbeiter zu schützen. Interessant ist das Geständ nis des Ministers des Innern gegenüber einem Berichterstatter des Magyarorszag", daß es unmöglich sei, die derzeitigen Zu= stände aufrecht zu erhalten, angesichts derer nach 9 Uhr abends tein Mensch ohne Zittern die Straße zu betreten wage.

Folgen einer Rückkehr Konstantins hingewiesen werde. Das Teles gramm begründet dann eingehend, weshalb Konstantin von Frankreich nicht geduldet werden könne. England hat die französischen Telegramme noch nicht beantwortet. Die französis

Die Unruhen in Jrland gehen weiter. In Dublin hat das Militär nach Umzingeln der Stadt jeden Fußgänger, Fuhrwert und Bahnverkehr stillgelegt. Die Truppen besetzten die Hauptsche Regierung hält daran fest, daß unter allen Umständen vor der Straßen. Es fanden, Straßenfämpfe zwischen den Streitkräften ber Regierung und den irischen Freiwilligen statt. Auf beiden Seiten murde eine Anzahl verwundet. Mehrere Freiwillige wurden ge­langen genommen. Amtlich wird in Dublin bekanntgegeben, daß der Lord mayor die Polizei um Schuh ersucht habe. Da teine städtische Polizei und teine töniglich irische Polizei verfüg­bar war, wurde ein Trupp Hilfspolizei zum Schuße des Lord­mayors entsandt. In Cort wurde ein Detektiv von Sinnfeinern entführt. Die Bürger von Cort sind mit Wiedervergeltungsmaß­nahmen bedroht worden, wenn der Entführte nicht zurückgebracht

würde.

Zwischen Dublin und Limerid wurden zwei des Mordes an einem Polizisten angeklagte und freigesprochene Zivilisten er= schossen: In der Nähe von Stibbereen wurde ein Polizist er= Ihoffen, ein anderer schwer verwundet. Bei Knappagh wurde ein Zivilist durch Militär erschossen, ebenso in Dragan.

in Dublin von ihrem Plan, eine Untersuchungsfom

Die englische Arbeiterpartei hat im Hinblid auf die Mordtaten

mission nach Jrland zu senden, abgesehen. In einer öffent­lichen Erklärung verurteilt die Partei aufs schärfste die Morde in Dublin und fordert, daß die Ginnfeiner Führer die Erklärung abgeben, daß sie mit diesen Verbrechen nichts zu tun haben, daß aber auch die britische Regierung weitere Ber geltungsmaßregeln verhindere.

Beide Parteien

werben zu einem Waffenstillstand aufgefordert, um in Ruhe die irische Frage zu lösen. Die Debatte über Jrland im Unterhaus, die für Mittwoch vorgesehen war, soll angesichts ber erregten Stimmung verschoben werden.

Die griechische Frage

5. Paris, 23. November.

Donnerstagabstimmung in der griechischen Kammer die obens genannte Erklärung abgegeben werden müsse, damit die Ab­Stimmung nicht unter falschen Voraussetzungen und ungenügenden Aufklärungen stattfinde.

Gewerkschaftskongreß in London

Amsterdam, 23. November.

Die Times" meldet aus London, daß der Internationale Ge­werkschaftsbund zum Nachfolger von Appleton, der gestern zu rüdgetreten ist, ben bekannten englischen Eisenbahnführer Thomas zum Vorsitzenden des Internationalen Gewerkschaftsbundes wählte. Am Kongres nehmen teil: 10 englische, 12 französische, 12 deutsche, 10 belgische, 6 holländische, 5 italienische, 5 norwegische, 4 schwedi sche, 4 dänische, 4 tschecho- slowakische, 2 luxemburgische, 2 spanische, 1 schweizerischer und 1 kanadischer Delegierter. Jouhaur wird über die Währungsfrage, Mertens über die Berteilung der Roh­Stoffe, Oudegeeft über die Sozialisierung und Fimmen über die internationale Lage und die Stellung des Internationalen Ge­werkschaftsbundes sprechen.

Metallarbeiterstreik in Schlesien Der im Lohnstreit der schlesischen Metall arbeiter gefällte Schiedsspruch ist von den Arbeitnehmern mit allen gegen 6 Stimmen mit der Begründung abgelehnt morden, daß die Zugeständnisse ungenügend seien. Es ist mit einem, die ganze Provinz Niederschlesien, mit Aus­nahme der Stadt Breslau, umfassenden Streit zu rechnen. Im Riesengebirge haben die Arbeiter sämtlicher größeren Werke gestern früh die Arbeit niedergelegt. Es handelt sich um Lohnforderungen.

Langues hat gestern ein zweites Telegramm nach London ge fandt, um den franzöfifchen Standpunkt in der griechischen Frage barzulegen. Die französische Regierung hält an ihren Borschlag fest, daß eine öffentliche Erklärung abgegeben werben müsse, in der das griechische Bolt far auf die ernsten nieder,

Görlig, 23. November.

Seute früh legten die Metallarbeiter, nachdem gestern wegen Lohndifferenzen der Streitbeschluß mit einer Mehrheit von 82 Prozent der an der Abstimmung beteiligten Arbeiter ge faßt worden war, in allen Betrieben, soweit ie dem Berband der Metallindustriellen Niederschlesiens angehören, die Arbeit

Grundsätzliches

Von Prof. E. Lederer, Heidelberg

I.

[ Nachdruck verboten.]

Die wieder ins Uferlose anschwellende Diskussion über die Sozialisierung zwingt zur Besinnung auf die letzten Ziele und die entscheidenden Argumente.

Warum müssen wir sozialisieren?

Weil der Krieg die ökonomischen Bewegungsgeseße des Kapitalismus gelodert hat, das soziale Gefüge der europäis schen Gesellschaft umstülpte, die fraglose Autorität des Staates zerstörte, und den automatischen Gang der Repro­duktion unterbrach. Eine wirtschaftliche Neuordnung ist nots wendig, die ökonomischen Gesetze der Welt vor dem Kriege aber gelten nicht mehr als verbindlich. Der Krieg, von ökonomischen Dilettanten entfesselt, und bis zum Weiß bluten überspannt, stürzte Europa in die Katastrophe und zwingt uns eine neue Ordnung auf. Eine neue Ordnung für Völker, die vier bis fünfmal so zahlreich sind, als zur Zeit des erwachenden Kapitalismus, wobei noch gar nicht in Rechnung gestellt, daß die große Masse heute mit wachem Bewußtsein in die Gestaltung der Schidjale eingreift. Können wir die Welt anders neu ordnen, als indem wir entschlossen die Demokratisierung der Wirtschaft durchführen, d. h. an die aufbauenden Kräfte in den Massen appellieren? Und ist das möglich ohne Sozialisierung?

-

Ob die neue Epoche, in die wir jetzt eintreten, Chaos, Bürgerkrieg, hoffnungsloses Elend, soziale Anarchie-leigh hin eine Vernichtung der letzten Reste materieller Kultur und täuschen wir uns darüber nicht damit auch die Vernichtung aller Möglichkeiten des Aufstieges bringen wird oder ob sie ein zwar langsamer, opfervoller, müh famer, vielleicht mitunter gestörter, aber immerhin ein Auf­stieg sein und auf die Bahn der Genesung führen wird, das hängt davon ab, welche moralischen Kräfte wir in den Menschen zu entfesseln vermögen. Die kapitalistische Wirt­schaft vermag heute nicht mehr für sich zu werben, weil im Paroxysmus der Kriegs- und Revolutionskonjunktur die rüdsichtslosesten, sozial zweifelhaften Typen zur Herrschaft über die Gesellschaft bzw. deren Reichtümer gelangt find. 3u innig war weiterhin die Verquickung der kapitalistischen Maschinerie mit der Tendenz zur Kriegsverlängerung ge worden, als daß noch moralische Kräfte für dieses System als Streiter hätten gewonnen werden können. Weil wir aber die moralischen Kräfte für den Wiederaufbau nicht ents behren fönnen, weil wir nur durch große, heroische An­strengungen die Menschen über die furchtbaren Jahre hins wegzubringen vermögen, die uns als Erbstüd der Kriegss zeit noch erwarten, darum müssen wir sozialisieren. Wir müßten auch wenn wir es nicht wollten.

Freilich, die Situation, in welcher wir zur Sozialisierung Schreiten, ist anders, als sie Marr vorgestellt hatte. Aber doch nur in der äußeren Form anders. Anstatt Uebera fluß und Krise der Ueberproduktion: Elend, Mangel, Pauperisierung ganzer Völker. Anstatt wohlorganisierter Produktionsstätten deroutierte technische Körper. Aber auch Mary nahm an: Der Sozialismus wird realisiert als un ausweichlicher Ausweg aus einem elementaren, anders nicht mehr zu bewältigenden Rotstandes. Dieser Sozialismus von heute zeigt uns freilich die Züge des Krieges und des all­gemeinen Niedergangs. Aber vielleicht entfesselt nur eine solche Zeit die Energien, die zur Begründung einer neuen Epoche notwendig sind. Und vielleicht fann nur in einer Katastrophe sich die psychische Energie gleichsam eruptiv ents laden und alle ererbten Vorstellungstreise derart zerstören, daß die Schaffung einer neuen Gesellschaftsform sich aus der Utopie zur realen Möglichkeit erhebt.

Was wollen wir sozialisieren? In voller Uebereinstimmung haben sich alle Pläne zur Sozialisierung bisher auf die Urproduktion gerichtet. Bergbau auf Kohle und Erz, großer Grundbesitz, Forstwirtschaft, Großeisen industrie, sind die bevorzugten Objekte für die Sozialis fierungspläne in allen Ländern. Man begründet das meistens damit, daß der Betrieb in diesen Wirtschafts zweigen in herkömmlicher, gleichförmiger Weise erfolge, daß auch in der Privatindustrie bureaukratische Methoden ein­reißen, daß die Entfaltung der Technik in diesen Industrien nicht in hohem Maße zu erwarten oder auch außerhalb des privaten Betriebs möglich sei. All diese Argumente zielen darauf ab, daß die Sozialisierung mit bureaukratischem Staatsbetrieb gleichbedeutend sei und daher dort möglich, wo auch die Privatindustrie dem Bureaukratisierungsprozeß unterliege. Diese Argumente halte ich für falsch. Denn weder ist die Privatindustrie in dem Sinne bureaukratisch, wie eine Behörde, noch vollzieht sich der technische Fort Schritt automatisch. In der Tat sind nicht diese Umstände für das richtige Tempo und die Auswahl der zu sozialisieren­ben Wirtschaftszweige maßgebend. Entscheidend ist vielmehr, daß sich die Sozialisierung mitten in einer fapitalistischen Welt, in einer Boltswirtschaft, die noch überwiegend fapita listisch, und in einer Weltwirtschaft vollziehen muß, welche