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3. Jahrgang Donnerstag, 25. November 1920 Nummer 498

bezogen für Deutschland und Österreich 16,50 m., für das übrige Ausland 21,50 M.

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greiheis

Berliner Organ

Der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Wiederaufnahme der Rigaer Berhandlungen

Rückzug der polnischen Truppen ab, die auf einer Lostrennung des protestantischen Nordens

Sinnfeiner oder gemäßigte Nationalisten, lehnen jede Regelung

beruht. NH. Haag, 24. November.. Der Rigaer Berichterstatter des Nieuwe Rotterdamiche Cous rant" meldet, daß das polnische Seer seinen Rüdzug be. gonnen habe und daß Joffe baraufhin am 22. November Dombsty mitteilte, der Wiederaufnahme der Friedensverhandlun­gen stände nichts im Wege. Daraufhin fanden noch am selben Tage wieder Ausschußßigungen statt. Britisch- bolschewistische Zusammenstöße in Perften

SR. London, 24. November.

Die Times" melden aus Teheran, daß die britischen Truppen am 19. November bei Haschin auf dem Wege von Raswin nach Rescht mit dem Feinde ins Gefecht gelommen Jeien. Die Bolschewiften hätten 100 Tote, es befanden sich aber nur zwei Russen darunter. Die britischen Verluste beliefen fich auf ſechs Mann. Am selben Tage bewarfen die Engländer den Safen von Eufeli mit Bomben und vernichteten acht Lager­häuser.

Das irische Problem

( Von unserem Londoner Rozzefpondenten) K. London, Mitte November.

Die Beratung bes Gefeßes über die Selbstverwaltung Jrlands ging im Unterhaus unter allgemeiner Teilnahmslosig teit vor sich. Die Arbeiterpartei beteiligte sich überhaupt nicht dn der Debatte zum Zeichen des Proteftes gegen die Einbringung des Gesetzes. Nur bei der dritten Lesung griff Adamson in die Debatte ein, um im Namen der Arbeiterpartei die Jofortige Zurüdziehung der Offupationsarmee und die Eins berufung einer Jrischen Konftituante zu fordern. Die Arbeiterpartei, sagte Adamson, glaubt nicht an eine Jrische Republit, aber sie verlangt volles Selbstbestimmungsrecht für Jr land, einschließlich des Rechtes der Bildung einer unabhängigen Republif. Die einzigen Boraussetzungen find: Schutz für die protestantische Minderheit im Norden und Sicherungen gegen eine militärische Bedrohung Englands. Diese Erklärung der Arbeiterpartei ist von weittragender Bedeutung.

Irland betrachtet das Gesez als eine Herausforderung und erneute Kriegserklärung. Für die Jren ist das Gesetz schon bamit erledigt, daß es einen gesonderten Landtag und eine ge Sonderte Berwaltung für den Süden und den Norden( für die lechs Ulstergrafschaften) vorsieht. Die Jren, ob republitanische

Wermuth

Grundsätzliches

zur Sozialisierungsfrage

Von Prof. E. Lederer, Heidelberg [ Nachdrud verboten.]

IL

Was ist

Wie müssen wir sozialisieren? Schon in den Argumenten, welche herkömmlicherweise für die Auswahl der zu sozialisie renden Wirtschaftszweige maßgebend, und die abzulehnen sind, ist die Gefahr angedeutet, welcher eine falsche Sozialisie rung ausgesetzt ist: die Bureaukratisierung.= Bureaukratisierung? Die Formung eines Wirtschaftsbetrie bes zur Behörde. Die Behörde, gleichgültig, ob in einem absoluten oder einem parlamentarischen Staat, ist dadurch gekennzeichnet, daß sie schon bloß durch ihre Autorität handeln kann. Darum muß sie in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt werden. Weil ihre Tätigkeit nicht von selbst an dem entgegenstehenden Willen der Menschen ihre Grenze findet, so ift Einschränkung der Willfür das Wesentliche. Da­her Kontrolle über Kontrolle.

Inzwischen nimmt der Kampf zwischen der englischen Mili. tärverwaltung in Jrland und der irischen Bevölkerung immer tragischere und blutigere Formen an. Das irische Problem wirb nunmehr, da nach der Beilegung des großen Streits die soziale Frage sozusagen in den Hintergrund gerüdt ist, zum beherrschenden Fattor der englischen Bolitit. Die Frage ist indes zu verwidelt, um im Rahmen dieser Uebersicht behandelt zu merden. Nur eine Episode soll hier festgehalten werden, weil fie zeigt, welcher Abstand zwischen der offiziellen Bolitik der Re­gierung in Irland und der wirklichen Gesinnung des englischen Boltes tlafft. Wir meinen die merkwürdigen Vorgänge bei der Beerdigung des Bürgermeisters von Cort, der am 74. Tage feines Hungerstreits verschieden ist. Seine Bahre wurde mit allen Ehrenbezeugungen durch die Straßen Londons geführt. Die Sinnfeiner- Deputation aus Jrland und die Jren Londons haben die Prozeffion in eine machtvolle Kundgebung für die irische Republik verwandelt. Die republikanische Fahne umhüllte die Bahre. Eine Aufschrift in irischer Sprache bezeichnete Terence Mag Swinney als Brigadefommandant der irischen republikani­schen Armee, ermordet von fremden Feinden". Eine Ehrenwache der irischen Freiwilligen geleitete den Toten, und unabsehbar war der Zug der republikanischen Deputationen. Zehntausende von Engländern füllten die Straßen, die der 3ug passterte. Entblößten Sauptes grüßten sie den Mann, den ganz paffterte. Entblößten Sauptes grüßten fie ben Mann, den ganz Jrland als Märtyrer und Nationalhelden beweint. Reinerlei Störung der Demonstration trübte bie Trauerfeier.

Man wußte nicht, worüber man mehr staunen soll: Weber bie Aundgebung der Jren mitten im Herzen Englands für ihren un entwegten Kampf um ihre Selbständigkeit gegen das übermäch tige Britische Reich, oder über die Manifestation des Mitgefühls des Boltes von London und die englische Duldsamteit. Gogar die erzreaktionäre Morning Post" hob am nächsten Tage mit Stolz hervor, daß eine derartige politische Demonstration nur in London möglich sei. Das mag richtig sein. Nur haben die Morning Post" und ihre Freunde am allerwenigsten Grund, barauf zu pochen. Denn würde England ganz und gar nach ihren politischen Grundlägen regiert werden, dann wäre freilich bas Leichenbegängnis des Lord Mayor von Corf in London ebenso verboten worden, wie man es in Dublin nicht zugelassen hat. Die würdige Saltung der Londoner Bevölkerung ist indes ein tröstliches Zeichen dafür, daß eine Verständigung und Ver föhnung zwischen den zwei Völkern noch möglich ist.

Rücktritt des Oberbürgermeisters einem Entschluß, verliert Berlin einen Leiter, ber großes

Aus dem Rathaus tommt die Nachricht, daß der Ober­bürgermeister Wermuth dem Magistrat sein Rüdtritts: gesuch eingereicht habe. Die Gründe für diesen Entschluß find teils gesundheitlicher, teils politischer Ratur. Man fann es Wermuth glauben, daß er, der energische, fraftvolle Mann, durch die furchtbaren Anstrengungen wäh­rend des Krieges im Interesse gerade der notleidenden Be­völkerung Nerven verbraucht hat.

am

Wermuth mit gewählt. Bleibt Wermuth endgültig bei Verständnis für die Rot der hreiten Massen gehabt hat. Nicht Sozialist, aber ein Gegner des kapitalisti­fchen Klingels, hat er sich die Wut und den Haß der bürger­lichen Parteien zugezogen. Seit langem ist fein Mann so sehr verfolgt worden wie Wermuth, nur weil er mit den Ar­beitern hielt. Die Arbeiterschaft Berlins weiß, was sie an ihrem Oberhaupt hatte und würde es sehr bedauern, wenn er wirklich endgültig sein Amt verließe.

Aber er war doch entschlossen, das neue Berlin mit auf­bauen zu helfen, eine Tätigkeit, die ihn reizte, und für die er besonders geschaffen war. Schwierigkeiten faßte er Schopfe anstatt ihnen aus dem Wege zu gehen. Die letzten Wochen haben aber Riesenanforderungen an die Kraft des seiner Aufgabe bewußten Leiters Groß- Berlins gestellt. Die Sorge um das Wohl der Bevölkerung aus An­laf bes Streits haben den so fräftigen Mann start mitgestionsfreiheit der Arbeiter zu unterbrüden, verurteilt wird. Den

nommen.

Der private Wirtschaftsbetrieb nun hat keine Gewalt über die Menschen. Er kann nur existieren, soweit er sich in den ökonomischen Kosmos einfügt. Daher tann man ihm( unter normalen Verhältnissen) frei schalten und walten lassen. Eine besondere Reglementierung des privaten Unternehmens ist nicht erforderlich. Weil nun alle privaten Wirtschafts­betriebe frei sind, so bedeutet die gegenüber den Behörden notwendige Kontrolle für den Staatsbetrieb eine Belastung wegungsfähig. Daher wird die Sozialisierung nicht Um­mehr und macht sie gegenüber dem Privatbetrieb be formung eines Wirtschaftsbetriebes in eine Behörde sein müssen, wie das bei den Eisenbahnen der Fall war( 3. T. aus militärischen Gründen!).

Boltscharakter entscheidet auch über Form und Intensität der Weiter: Jedes Bolt hat seine eigene Bureaukratie. Der Bureaukratisterung. Freilich, der riesenhafte Apparat prägt auch die Menschen; aber umgefehrt entscheidet auch die Eig­parats. Da zeigt sich aber wiederum: was für den politischen nung zum Bureaufraten über das Funktionieren dieses Ap Verwaltungsapparat, zumal für das Funktionieren seiner untergeordneten Organe ein Vorteil: strenges Einhalten der Direttiven, Arbeiten nach Vorschrift; das ist für den Wirt­schaftsbetrieb, insbesondere die Leitung, wenn man ihn der Bureaukratie überliefert, ein Nachteil.

Endlich: die Bureaukratisierung ist für die Entfaltung der von ihr erfaßten Wirtschaftszweige deshalb so verhängnis voll, weil jede Bureaukratie wieder bureaukratische Naturen anzieht, genau wie jede frei und wirtschaftlich tüchtig ge leitete Unternehmung nicht alle privaten find es!- wirts schaftliche Begabungen an sich Lodt. Je größer die Bureau­tratie, um so stärker auch ihre eigene Mechanit.

Wenn die Sozialisierung mit einer Bureaukratisierung gleichbedeutend wäre, dann tönnten wir sie von vornherein als höd, st bedenklich bezeichnen. Und daher unterlassen es bie Gegner der Sozialisierung niemals, diese als Verstaats lichung zu bezeichnen, d. h. als Verwandlung in ein Organ des Zwangs- und Machtstaats, dessen Stüßen sie seit jeher waren. Das Wort Verstaatlichung aber führt irre. Nicht jede Verstaatlichung, d. h. Uebereignung auf die im Staate jeweils repräsentierte Allgemeinheit" führt zur Bureau­fratisierung. Der Staat ist ebensowenig als irgendeine an dere gesellschaftliche Form in seinem Charakter etwas Bes ständiges. Ein autoritativer Machtstaat ist soziologisch etwas anderes, als ein volkstümlicher Arbeitsstaat", um dieses eines autoritativen Machtstaates haben wir im Kriege zur r Genüge tennen gelernt: 3wangswirtschaft mit dem Ziel möge lichst scharfer militärischer Machtkonzentration. Die Sozialis fierung des volkstümlichen Arbeitsstaates" ist weit entfernt von der Schaffung neuer Behörden. Im Gegenteil, sie ist: Demokratisierung, Organisation der Volkswirtschaft durch und für die werftätige Bevölkerung. Diese tann freilich und damit tommen wir wieder zur Organisationsfrage nicht unmittelbar die Wirtschaft führen. Sie muß, wie jedes Wirtschaftssystem, Organe entwidein. Aber diese Or­gane werder weder selbstherrliche Unternehmer sein, denen der größtmögliche Profit der alleinige Richtpunkt aller Pro­duftion, noch Bureautraten, denen die Einhaltung ihrer Amtsstunden und die buchstabengetreue Beobachtung der Vorschriften das Bewußtsein treu erfüllter Pflicht gibt.

Der Welt- Gewerkschaftskongreß Wort Anton Mengers zu gebrauchen. Die Sozialisierung

Der Internationale Gewerkschaftstongres in London hat mit einem starten Auftatt begonnen. Der Holländer& im= men, einer der Sefretäre des Bundes, brachte eine Entschließung ein, in ber bie Bersuche der herrschenden Klassen, die Organisa Arbeitern, die auf ben Ruf der Amsterdamer Internationale den weißen Terror in Ungarn befämpft und gegen die Forthegung des Krieges gegen Sowjetrußland Einspruch erhoben haben, wird der Dank der organisierten Arbeiterschaft der Welt ausgesprochen. Die Resolution er i den internationalen Streit als zwemäßige Waffe gegen die Reaktion Sie wurde mit 21 906 000 Stimmen gegen 2710 000 Stimmen angenommen, womit die Gesamtvertretung der Gewerkschaften der Welt die seinerzeit von ber Amsterdamer Zentrale unternommenen Attionen gegen Blutungarn und für Sowjetrußland anerkannt hat. Diese Zustimmung bedeutet zweifellos, daß ber Internationale Gewerkschaftsbund auf dem einmal betretenen Pfade fort Ichreiten wird.

Dazu tamen die niedrigen, gemeinen Hezereien ber bürgerlichen Bresse, die am letzten Donnerstag im Rat­haus ihren Widerhall fanden. Um den niederträchtigen hatten alle sozialistischen Parteien ein Vertrauensvotum für Wermuth gestellt. Nachträglich find dann den Neufom munisten, die den Antrag mitunterschrieben hatten, Bes benten gekommen. Ihr Prinzip sage ihnen, daß man grund fäglich niemanden besonderen Dank und Anerkennung aus. Sprechen dürfe, der seine Schuldigkeit tue. Deshalb haben sie Unterschrift zurüdgezogen. Sie haben erklärt, fich da­mit feineswegs gegen die Person Wermuths wenden zu wollen, sie würden auch gegen das von den Rechtsparteien Fimmen warnte in einer Rede vor. Teilausständen und beantragte Mißtrauensvotum stimmen, aber fie tönnten ihre erflärte es für verkehrt, daß zahlreiche Arbeiter die Arbeit wegen Unterschrift zu dem gestellten Antrag nicht mehr aufrecht- einer verhältnismäßig fleinen Lohnerhöhung niederlegten, ohne mit den Gewerkschaften anderer Länder vorher erhalten. Heute so, morgen so, das ist neufommunistische Politit. Niemand fann sich auf solche Leute verlassen. zu beraten. Der Bertreter der Deutschen, Graßmann, Oberbürgermeister Wermuth hat in einem Augenblic sprach nach den vorliegenden sehr knappen Meldungen gegen die Don Mostau ausgehenden Bestrebungen, die die Gefahr einer noch zur Berhandlung steht. Diese Parteien werden sich die Spaltung der Gewerkschaftsinternationale heraufbeschwören. Er Sände reiben vor Vergnügen, daß die Neufommunisten so legte eine Entschließung vor, die gegen die Angriffe der fhnell ihr Ziel erreicht haben. Die Neufommunisten haben| Internationale von Mosfan Einspruch erhebt.

Wenn man heute fragt: wo find diese neuen sozialen Führer, so werden wir schon in einigen Industrien auf biefe Persönlichkeiten hinzuweisen vermögen. Freilich noch nicht in allen Industrien, weil wir eben heute noch mitten in der fapitalistischen Wirtschaft leben, welche nur Unternehmer und Arbeitnehmer, aber noch nicht den Typus des gemein­wirtschaftlichen Industrieführers entwideln fonnte. Aber es gibt einen Weg, diesen gemeinwirtschaftlichen Industrie­führer auszuwählen und zu formen was nur geschehen tann in einer Organisation, welche ihn postuliert. Diese Organisation ist der Selbstverwaltungsförper. Dieses Wort des Selbstverwaltungstörpers hat heute mit Recht einen schlechten Klang, weil die fo benannten ,, paritäti schen" Selbstverwaltungsförper in ber Realität- trog aller