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Einzelpreis 20 Pfg. 3. Jahrgang

Die Freiheit erscheint morgens und nachmittags, Sonntags und Montags m einmal. Der Bezugspreis beträgt bei freier Buftellung ins Haus für Groß- Berita 10. im voraus zahlbar, von der Spedition felbft abgeholt 8,50 M. Für Poft. bezug nehmen fämtliche Bostanstalten Bestellungen entgegen. Unter Streifbans bezogen für Deutschland und Österreich 16,50 M., für das übrige Ausland 21,50 m. uzüglich Baluta Aufschlag, per Brief für Deutschland und Ofterreich 30,-. Redaktion Expedition und Berlag: Berlin C2, Breite Straße 8.

Sonnabend, 4. Dezember 1920

Nummer 515

Abend- Ausgabe

Die echtgespaltene Monpareilegeffe ober beren Raum koftet 8,-. einfchließlich Teuerungszuschlag. Kleine Anzeigen: Das fettgedruckte Wort 2,-., fedes weitere Wort 1,50 M., einschließlich Teuerungszuschlag. Laufende Anzeigen lant Tartf. Familien Anzeigen und Stellen- Gesuche 3,20 m. netto pro Belle. Stellen Gesuche Wort- Anzeigen: bas fettgedruckte Wort 1,50 m., jebes weitere Wort 1,-. Sernsprecher: Zentrum 2030, 2645, 4516, 4603, 4635, 4840, 4921

greiheit

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Punkt 8

unferes Programms

Bon Arthur Crispien

II.

In der kapitalistischen Gesellschaft treten die gesellschaft lichen Beziehungen der Menschen zueinander erst beim Warenaustausch in die Erscheinung. Die Ware ist ein ver­trattes Ding", gleichzeitig die Verkörperung vom Gebrauchs­mert und Tauschwert. Zuerst haben wir es mit Produkten boneinander unabhängigen Privatarbeiten zu tun. Jeder Brivateigentümer von Produktionsmitteln produziert un­abhängig von allen andern Gegenständen mit Gebrauchswert. Mit diesen Produkten geht er zum Markt, um sie gegen andere Produkte auszutauschen. Auf dem Markt verwandeln ich die Produkte in Waren, zu ihrem Gebrauchswert kommt bey. Tauschwert. Durch den Austausch der Waren treten die Privatproduzenten in gesellschaftliche Beziehungen zuein­ander. So daß es scheint, als werden die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zueinander von Sachen, von kraft innewohnt, die die Menschen in bestimmte gesellschaft­liche Verhältnisse zwingt. Marx spricht von dem Fetisch­garatter der Waren.

Unter Fetisch versteht man einen Gegenstand religiösen ults. Auf einer bestimmten Stufe der Religion bewahrt Mensch Gegenstände als Heiligtum auf, die Verstorbenen gehört haben: Schädel, Waffen, Geräte, Gefäße usw. Das geschieht in dem Glauben daß zu bestimmten Betten die Seele, der Geist des Berstorbenen in einem solchen Gegenstand Bohnung nimmt. Solange die Seele( der Geift) in dem Gegenstand wohnt, ist er von einer übermenschlichen Kraft erfüllt, ein Fetisch, der dem Menschen nügen oder schaden

fann.

Mary hat den Fetischcharakter der Ware enthüllt, er hat den Doppelcharakter der menschlichen Arbeit in der tapitalisti­hen Gesellschaft nachgewiesen, er hat die Triebfräfte der Ge­schichte der Menschheit entdeckt und den lieben Gott aus dem gesellschaftlichen Leben hinaustomplimentiert.

Für die Massen ist das gesellschaftliche Leben aber immer noch ebenso geheimnisvoll, wie der Prozeß der Weltschöpfung. Die Defonomie ist eine der schwersten Wissenschaften. Wer in dieses Wissensgebiet nicht eingedrungen ist, steht inmitten des gesellschaftlichen Lebens da und hält die ein zelnen Dinge in seiner Hand, zu denen ihm das geistige Band fehlt. Dieser findet sich dann damit ab, daß Gott eben alles o schön gemacht hat. Die gottgewollte Ordnung! Was böse ist, soll nur den Menschen das Erlangen der ewigen Seligkeit nicht zu leicht machen. Jener poltert und schimpft, ein in finnloser Auflehnung, ein vierter furpfuschert am gesell­chaftlichen Körper, ein fünfter rennt sich den Schädel ein an den Mauern, die sein Wissen und seine Vernunft begrenzen.

Bekenntnis zur Revanchepolitik

' Stresemann zerschmeißt den Laden

Der Parteitag der Deutschen Boltspartei in Nürnberg, über dessen heroischen Auftakt wir schon heute morgen berichtet haben, kennzeichnet die Deutsche Volkspartei als die Partei der Realtion par exellence. Nicht die Deutschnationale Volkspartei, sondern die Deutsche Volkspartei des Herrn Stresemann hat die Führung der Reattion in ihrer Sand. Unter dieser Leitung treiben die beiden in der Gesinnung eng verbundenen tonterrevo lutionären Gruppen ein abgetartetes Spiel mit sorg. fäftig verteilten Rollen. Köstlich war folgende Stelle

aus der Rede Stresemanns:

,, Es war damals, wie auch Graf Westarp anerkannt hat, die geschichtliche Aufgabe der Deutschen Bolts­partei, die Verantwortung für die Regierung auf sich zu nehmen, wie es andererseits die Aufgabe der Deutschnatio­nalen war, in der Opposition dafür zu sorgen, daß die Res gierung nicht nach links abgedrängt wurde.

Die Deutschnationalen also gestatten es der Deutschen Bolts­partei ,,, die Verantwortung für die Regierung auf sich zu nehmen", während die Deutschnationalen sich inzwischen in der Rolle der Opposition von rechts betätigen, um ein Abdrängen der regierenden Reattionäre nach links zu verhindern. Die wach­sende Zuversicht der Reaktion, die wir auch gestern in unserer Notiz über die Schaffung des Reichs- Landbundes tonftatteren fonnten, läßt Herrn Stresemann größenwahnsinnig schen zu können, sondern auch der sozialdemokratischen Partei werden. Nicht nur über die reaktionären Gruppen glaubt er herr­schreibt er das Gesetz ihrer Handlungen vor. Nicht Scheidemann bestimmt", erklärt Stresemann, sondern wir bestimmen, ob und unter welchen Bedingungen es möglich ist, die Sozialdemokratie, falls sie eintreten will, in die Regierung aufzunehmen." Das ist bitter für die Rechtssozialisten, aber sie haben es nicht besser verdient, denn die Reaktion hat sich daran gewöhnt, daß diese Partei Wachs in ihren Sänden ist.

Offen bekennt sich Stresemann zur Monarchie und zum Sohenzollernhause. Es werde wenige Geschlechter in der Geschichte der Völker geben, die so große Persönlichkeiten hervors gebracht haben wie das Geschlecht der Hohenzollern, ruft er aus. " Wir find genau so eingenommen gegen das sozialistische Preußen der Gegenwart und gegen das Berlin der Gegenwart wie unsere

bayerischen Freunde." Also auch die Verbrüderung aller Strese­

männer mit der bayerischen Reaktion ist tomplett. Einen herz lichen Dank sprach Stresemann dem Stinnes aus für die Art, wie er die Deutsche Volkspartei vertreten hat. Und zum Schluß hatte er, wie er sich selbst ausdrüdte, den Mut", auszusprechen, daß Deutschland nicht unter dem Dogma bes Achtstundentages zugrunde gehen darf."

Dr. Gildemeister, eine andere Blüte dieser Partei, äußerte Wir verstehen, was Friedrich Engels sagte: Nun ist alle fich zur auswärtigen Politit. Die Resolution, die er Religion nichts anderes als die phantastische Wieders unterbreitet hat, und die vom Parteitag angenommen wurde, Spiegelung in den Köpfen der Menschen, derjenigen tennzeichnet so deutlich die Gefahr, die das Treiben dieser Ges äußeren Mächte, die ihr alltägliches Dasein beherrschen, eine sellschaft für das ganze deutsche Volt bedeutet, daß wir sie wörtlich Wiederspiegelung, in der die irdischen Mächte die Form von

überirdischen annehmen."

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Und diese phantastische Wiederspiegelung, in der die irdischen Mächte die Form von überirdischen annehmen ,,, ber religiöse Widerschein der wirklichen Welt sagt Karl Marr tann überhaupt nur verschwin den, sobald die Verhältnisse des praktischen Werkeltags=

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wiebergeben müssen:

Die Deutsche Boltspartei erklärt im Namen des Rechts und der Freiheit des deutschen Volfes:

in die Massen! Würdig, ernst und sach­Natur darstellen. Die Gestalt des gesellschaftlichen für den Sozialismus. Das ist revolutionäre Arbeit. nünftige Beziehungen zueinander und zur lich). Rufen, sammeln und führen wir die Massen zum Kampf Lebensprozesses, d. h. des materiellen Produktionsprozesses, Streift nur ihren mystischen Nebelschleier In unserem Leipziger Aftionsprogramm heißt es also nicht von ungefähr unter Punkt 8: Erklärung der Reli

ab, sobald sie als Produkt frei gesell- gion zur Privatsache. ihafteter Menschen unter deren bewußter

planmäßiger Kontrolle steht.

Das muß respektiert werden! Als wissenschaftlich geschulte Sozialisten, als Revolutionäre müssen wir das Wort von

Damit ist gesagt, daß die Religion als Massenerscheinung dem Verhältnis unserer Partei zur Religion stehen lassen.

erst mit der tapitalistischen Gesellschaft verschwinden wird. Erst dann, wenn durch die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaft die Arbeit planmäßig organisiert ist, wenn die Produkte nicht mehr die Form von Waren anzunehmen Konsum gelangen, wenn die gesellschaftlichen Beziehungen brauchen, sondern wenn sie durch die Verteilung in den

Wir fragen feinen Menschen, der Mitglied unserer Partei werden will, ob er Christ, Jude, Mohammedaner oder Buddhist ist. Welche Religion einer hat, ob er überhaupt eine hat, ist jedermanns ureigenste Sache. Das hängt ab von seiner geistigen und seelischen Veranlagung und Verfassung,

der Menschen zueinander schon in dem gesellschaftlichen Pro bieten, von vielen, vielen anderen Umständen. Das sind duktionsprozeß zutage treten, wenn der Zweck der Arbeit, Fragen, die zum ureigensten Innenleben eines Menschen ge Brofitinteresse tapitalistischer Eigentümer. Wirtschaftskrisen, Preisschwankungen, Arbeitslosigkeit sind dann verschwunden.

hören. Sollen wir von unseren Mitgliedern die Abkehr von irgendeiner Anschauung fordern, die sich über die Welt und ihre Wunder gebildet haben und auf eine andere- und Weltanschauung oder gar auf den Freien Boltstatechismus" von Ernst Däumig vereidigen? Da höre

Alles ist klar und einfach zu übersehen. Jedermann sieht, daß auf welche? gearbeitet wird, damit die Menschen essen und trinken und

fich fleiden tönnen. Es wird nur solche Resultate der mensch ich ein schallendes Gelächter, Na also! lichen Betätigung geben, die von vornherein gewollt und die

niglich find.

Ist es unsinnig, jemanden Vorschriften über die Fragen ber Religion und der Weltanschauung zu machen, so folgt daraus, wie und wo sie ihrem religiösen Bedürfnis Genüge zu tun

Alles Wettern gegen die Religion ist für die Kay. Mag daß wir unseren Mitgliedern auch nicht vorschreiben können,

bas Zungen- R dabei eine noch so große Rolle spielen. Poltern

und Schimpfen sind noch immer die typischen Waffen wildge haben, ob im stillen Kämmerlein, in der Kirche, in der

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1. Wir fordern die Wiedergutmachung des dem deuts schen Volke durch die Erzwingung eines innerlich unwahren Schuldbekenntnisses angetanen Unrechts.

2. Wir fordern Beseitigung jeglichen Eingriffes in die staatlichen Hoheitsrechte Deutschlands und Gleichberechtigung im internationalen Verkehr.

3. Wir fordern, daß dem Reich bei allen Ansprüchen auf Wie­derherstellung der Nachweis eines tatsächlichen und von ihm verursachten Schadens erbracht wird.

4. Wir fordern die Wiedergutmachung allen durch die Weg­nahme oder Beschädigung deutschen Privateigentums entstandenen Schadens.

5. Wir fordern unser Eigentum an den Kohlengruben im Saargebiet, an der deutschen Handelsflotte und den deutschen Unterseetabeln zurüd.

6. Wir fordern freie BoIts abstimmung in allen dem Deutschen Reich entrissenen und in den ihm innerlich anhängen den Gebieten; Serabsehung der Besatzung deutschen Gebietes nach dem Verhältnis der Entwaffnung Deutschlands'; deutsche Ver­waltung in den deutschen Kolonien.

7. Wir fordern die Einlösung des feierlichen Ber [ prechens der Vernichtung jeder willkürlichen Macht und gleiche Rechte der beteiligten Bölter, damit das deutsche Bolt in Freiheit der Entfaltung seiner geistigen, mora­lischen und wirtschaftlichen Kräfte und seines Staatswesens leben tann.

Die Deutsche Boltspartei verpflichtet sich und ihre Anhänger, in der unablässigen Verfolgung dieser 3iele nicht zu ruhen, bis das deutsche Volt und das deutsche Vaterland wieder geeint und frei find.

Dieser och mut der auf den Schlachtfeldern schmählich unters legenen Verderber Deutschlands wird normalen Sirnen völlig un faßlich bleiben. Das ist das Bekenntnis zur Revanchepolitik. Daher das Streben der Reattionäre nach Wiederaufrichtung des Militarismus und der Militärherrschaft, entweder offen gegen den inneren und äußeren Feind, oder insgeheim durch die Bildung der Orgeschbanden und der 3eitfreiwilligen. Nichts ge schieht planlos im Rahmen der Arbeit der Konterrevolutionäre. Die Orgesch und die von neuem innig verbündete agrarische Reat tion und die Hetze zur Revanchepolitit bilden ein einziges Ganzes. Je deutlicher diese Bestrebungen an das Licht treten, je ungenierter die Reaktion sich bewegen kann, um so schärfer werden die Maß­nahmen der Entente sein, um so stärker wird das Mißtrauen der zivilisierten Welt gegen Deutschland wieder an wachsen. Die nachteiligen Folgen dieser verwüstenden Politit zei. gen fich schon jetzt. Erst fürzlich ist aus Aeußerungen von wohl­unterrichteten politischen Kreisen in den Ententeländern bekannt geworden, daß die Kosten für die Besaßung in den rheini­land abgewälzt werden, weil Deutschland seinen in Spaa über­nommenen Verpflichtungen in der Entwaffnungsfrage noch nicht nachgekommen ist. Stärker als bisher muß die organi­fierte Arbeiterklasse den übermütig werdenden Reaktionären ihren schen Gebieten nur deswegen mit so hohen Summen auf Deutsch­Willen zeigen. Das kann sie nicht, wenn sie durch gewisse Führer einzelner Gruppen erklären läßt, daß die Drgeschbrüder weit sympathischere Leute sind, als die Männer der Amsterdamer Inter nationale. Das fann sie nur, wenn sie auf dem Roden der ge­gebenen politischen Bedingungen einmütig fämpft gegen den nächsten und schlimmsten Feind, der nicht nur ein Feind der Ar­beiterklasse, sondern ein Feind der Menschheit ist. Nur wenn die deutsche Arbeiterklasse so handelt, kann sie die Unterstützung der Arbeiter der Welt erwarten.

meinde, im Theater oder in der Natur; es folgt daraus ferner, daß wir unsere Mitglieder auch nicht nach ihren reli­giösen Anschauungen als Parteigenossen tiassifizieren können.

Puntt 8 unseres Programms ist Parteitagsbe= schluß. Die Partei hat gesprochen! Keine Organisation eines Orts oder eines Bezirks fann Beschlüsse fassen, die zu Punft 8 in Widerspruch stehen.

Wer unser Programm anerkennt und in Wort und Tat da­nach handelt, ist ein revolutionärer Klassenfämpfer, ist voll­berechtigtes Mitglied unserer Partei und darf keinen Aus­nahmebestimmungen unterworfen werden. Sollen wir je­mand zwingen, aus irgendeiner religiösen Gemeinschaft aus­zuscheiden, ohne danach zu fragen, in welche Gewissenskon flitte er gestoßen wird? Das Innenleben im Menschen ist so zart, daß wir nicht mit rohen Fäusten zupaden dürfen. Und wer sich fügt, um einen Posten oder ein Mandat oder sonst etwas zu erlangen, der soll für Vertrauensämter qualifizier­ter sein, als jemand, der genug Charakter hat, um aus seinem Herzen feine Mördergrube zu machen? Wer wollte das ernst­haft behaupten? Wer sich, dem Zwang nachgebend, nicht dem eignen Trieb folgend, äußerlich von einer religiösen Gemein­schaft lossagt, hat es darum noch nicht ohne weiteres auch innerlich getan. Und darauf fommt es an, wollen wir nicht Heuchler und Streber züchten.

Der Jude Paul Singer, der sich durch seinen lauteren Charakter, seine echte revolutionäre Arbeit und nicht zuletzt

wordener Spießbürger. Tragen wir Naturertenntnis, Ges| Synagoge, in der Moschee, in der Aula der freireligiösen Ge- dauerndes ehrendes Andenken beim Klassenbewußten Prole