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Einzelpreis 30 Pfg. 3. Jahrgang

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Die Freiheit erfcheint morgens und nachmittags, Sonntags und Montegs nar einmal Der Bezugspreis beträgt bet freier Buftellung ins Haus für Groß- Berits 10. im voraus jablbar, von der Spedition felbft abgeholt 8,50 m. Für Bost bezug nehmen fämtliche Boftanstalten Bestellungen entgegen. Unter Etreifban bezogen für Deutschland und öfterreich 16,50 m., für das übrige Ausland 21,50 siglich Baluto- Aufschlag, ver Brief für Deutschland und Diterreich 30,- m. Bebaktian. Spedition and Verlag: Berlin C2, Breite Straße 69.

Freitag, 10. Dezember 1920

Nummer 524

Morgen- Ausgabe

Die echtgelpaltene Nonpareillegeife ober beren Raum koftet 5,-. einfchließli Seuerungszufchlag. Kleine Anzeigen: Das fettgedruckte Wort 2,-., fedes weitere Wort 1,50 M., einschließlich Teuerungszuschlag. Laufende Angeigen laut Tarif Familien- Anzeigen und Stellen- Gefuche 3,20 m. netto pro Beile. Stellen Befuche Wort Anzeigen: bas fettgedruckte Wort 1,50 M.. jebes weitere Wort 1.­Fernsprecher: Zentrum 2030, 2845, 4518, 4603, 4635, 4848, 6822

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Berliner Organ

Der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

I.

An die sozialistischen Parteien aller Länder!

Durch den Weltfrieg ist die Periode der entscheidenden Kämpfe zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie um die Macht im Staate eingeleitet worden.

Das unmittelbare Ergebnis des Weltkrieges ist die Weltherrschaft des britischen und ameritas nischen Kapitalismus, der auf dem europäischen Festlande dem französischen Militarismus, in Ostasien dem japanischen Imperialismus die Vorherrschaft überläßt.

Zunächst hat der Sieg in den herrschenden Ländern die Macht der Kapitalistentiasse gefestigt, den auf der Arbeiter­flasse dieser Länder lastenden Drud verschärft. Gleichzeitig ist aus dem Krieg ein Weltherrschaftssystem her borgegangen, das unmittelbar gegen die proletari­che Revolution in Ost- und Mitteleuropa und gegen bie Freiheitsbestrebungen der unterdrüdten Nationalitäten und Kolonialvölfer gerichtet ist. Die Sieger versuchen durch die Bloda de und durch friegerische Interventionen dte russische Sowjet republik, den vorgeschobensten Posten der jogtalen Revolution, niederzuwerfen. Sie benutzen die wirts schaftliche Abhängigtett der besiegten mitteleuropäischen Län­der dazu, um die Entfaltung der proletarischen Revolution in diesen Ländern zu verhindern. Sie bedienen sich der blut­befle ften fonterrevolutionären Gewalten in Ungarn, Polen und Rumänien als ihrer Schergen sowohl gegen Sowjetruk land als auch gegen das mitteleuropäische Proletariat. Gie unterstützen in Deutschland, in Desterreich, in der Tschecho­Slowakei die gegenrevolutionären Bestrebungen. Jeder revo lutionären Bewegung in Italien droht die Erdros iung durch die Hungerblotade. Durch ökonomische Represalien und finanzielle Erpressung machen sie sich die fleinen Staaten zu gefügigen Werkzeugen ihres Willens. Sie erstiden die Freiheitsbestrebungen der vorderasiatischen Völfer in einem Meer von Blut.

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Dieses kapitalistische System wird immer mehr unvers einbar mit den wirtschaftlichen und sozialen Lebenserfors bernissen der proletarischen Massen in den Ländern der Sieger selbst. Die Blodade über Rußland und die durch die Friedens­verträge herbeigeführte wirtschaftliche Zerstörung Mittel­curopas schließen den größten Teil Europas vom Weltmarkte aus. Dadurch werden nicht nur die Völker Ost- und Mittel­europas in unerträgliche Not gestürzt, die für alle nationa: listischen und konterrevolutionären Bestrebungen den stärt ften Nährstoff bildet, es werden auch die westeuropäische und amerikanische Industrie und Urproduktion ihrer wichtigsten Märkte beraubt und dadurch in schwere Krisen getrieben, die die Arbeitslosigkeit von Millionen bewirken. Ueber die augenblidliche Krise hinaus droht den Arbeitern der west­lichen Länder die Gefahr, daß Ost- und Mitteleuropa zu Serben von Lohnbrüdern werden, die die Lebenshaltung der westeuropäischen und der amerikanischen Arbeiterschaft jahrzehntelang darniederhalten würden.

Digjen Tatsachen gegenüber ist es notwendig, alle Kräfte des Weltproletariats zu sammeln und in den Mittelpunkt jeines Kampfes die sozialistischen Endforderungen zu itellen.

Der Weltherrschaft des Kapitalismus muß das Proleta­riat seine eigene Weltpolitik entgegensetzen. Aufgabe dieser Politit muž es fein, Sowjetrußland gegen die Angriffe der imperialistischen Westmächte tatttäftig zu verteidigen, die tonterrevolutionären Intriguen des franzöfifchen Imperias lismus in Mitteleuropa zu durchkreuzen, die revolutionären Bewegungen in Ost- und Mitteleuropa von den Fesseln, die der westeuropäische Imperialismus ihnen auferlegt hat, zu befreien, die um ihre Freiheit fämpfenden Nationalitäten und Kolonialvölker gegen das Herrschaftssystem des Kapita­lismus zu unterstügen und so alle revotionären Kräfte der Welt gegen die Herrschaft des Imperialismus zu ver

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nationale zerstört.

II.

So

Zimmerwalder Konferenzen haben gezeigt, daß auch wäh- massen auf andere Länder schablonenhaft übertragen. Spe rend des Krieges eine von den Grundsägen des Sozialismus geleitete internationale proletarische Politit möglich war. Sie haben damit den Beweis erbracht, daß die zweite Jnters nationale, zu einer solchen Politif unfähig, ihre geschichtliche Aufgabe nicht erfüllt hat. Das Ergebnis dieses Versagens der in der zweiten Internationale vereinigten sozialistischen Parteien war, daß Haß und Mißtrauen die Arbeitermassen der einzelnen Länder voneinander schieden und dadurch die zweite Internationale zerstörten.

bald das Proletariat die politische Macht erobert hat, wird es überall dort, wo die Bourgeoisie die proletarische Staatss gewalt sabotiert oder sich gegen sie auflehnt, dittatorische Mittel anwenden.

Die Diktatur, d. h. die Anwendung aller staatlichen Ges waltmittel durch das zur herrschenden Klasse gewordene Proletariat, um die Widerstände niederzuzwingen, die die Bourgeoisie der Verwirklichung des Sozialismus ent gegensetzt, ist eine Uebergangsphase im Entwicklungsgange Dom fapitalistischen Klassenstaat zum sozialistischen Gemeine wesen. Es hängt von den gegebenen ökonomischen, sozialen Formen die Diktatur annehmen wird. Sollte das Prole und politischen Verhältnissen des einzelnen Landes ab, welche tariat mit den Mitteln der Demokratie die Macht erobern, so wäre im Falle des Widerstandes der Bourgeoisie auch die demokratische Staatsgewalt zur Anwendung der Diftatur gezwungen. Wird jedoch in der Periode der entscheidenden Machttämpfe die Demokratie durch die Schärfe der Klassent gegenfäße gesprengt, fo muß die Dittatur die Form einer Diktatur proletarischer Klassenorganisationen annehmen. Organe der Diktatur fönnen je nach den Verhältnissen des einzelnen Landes

Die zweite Internationale egiftiert somit nicht mehr. Die Organisation, die sich heute als zweite Internationale bezeichnet, ist nur noch die Zusammenfassung jener Parteien, die den rein reformistischen und nationalistischen Flügel der Internationalen Arbeiterbewegung bilden. Diese Parteien verkennen theoretisch die historischen Notwendigkeiten des revolutionären Klassenkampfes, indem sie sich ohne Rüdsicht auf die Besonderheiten der einzelnen Länder und der einzel nen Entwidlungsphasen auf die demokratischen Methoden beschränken. Sie geben praktisch den revolutionären Kampf um die Machtergreifung des Proletariats auf, indem sie den reformistischen Ministerialismus zulassen und in ihm den Weg zum Sozialismus sehen. Diese Parteien sind es, deren Haltung während des Krieges und nach dem Kriege das Vertrauen der Arbeitermassen der einzelnen Länder zu ein ander am schwersten erschüttert hat.

Die sogenannte zweite Internationale, nicht fähig, die lebendigen Kräfte des flaffenbewußten Proletariats in fich zu vereinigen, ist nur noch ein Element der Zerstörung der Einheit in proletarischen Klassentampf.

Die kommunistische Internationale hat sich selbst als die britte Internationale bezeichnet und damit für sich das Recht und die Pflicht beansprucht, das geschichtliche Werk der ersten und zweiten Internationale fortzusetzen und abzuschließen. In Wirklichkeit aber ist die Moskauer Internationale heute nur eine Zusammenfassung der fommunistischen Parteien, und sie tann nichts anderes werden, solange sie an den Be­schlüssen ihres zweiten Kongresses festhält. Sie drängt die Methoden, die die Bolfchewiki in der proletarisch- bäuerlichen Revolution Rußlands angewendet haben, den Arbeiter. parteien aller anderen Länder als Schablone auf. Ohne Rüdicht auf die Mannigfaltigkeit der Bedingungen des Klassenkampfes in den einzelnen Ländern, ohne Rücksicht auf die räumliche und zeitliche Bebingtheit der im Klassentampf anzuwendenden Methoden will fie die Autonomie der ein­zelnen sozialistischen Parteien, die allein die tonkreten Kampfbedingungen ihres Landes vollständig zu beurteilen vermögen, restlos aufheben und sie einer mit bittatorischen Bollmachten ausgestatteten internationalen Zentralſtelle unterordnen. Sie will eine besondere aus den Rußland eigentümlichen kulturellen Verhältnissen erwachsene Organi fationsform den sozialistischen Parteien aller Länder auf­eigentümlichen fulturellen Verhältnissen erwachsene Organi:

zwingen.

Sie arbeitet bewußt auf die Zertrümmerung derjenigen sozialistischen Parteien hin, die sich nicht widerstandslos ihrem Dittat beugen.

Sie will die Gewerkschaften den Parteien unterordnen und erstrebt die Spaltung der internationalen Gewerkschafts: bewegung, die heute die einzige geſchloſſene internationale Klassenorganisation des Proletariats darstellt. Sie setzt an die Stelle des konkreten durch die gegebenen Existenzbedin gungen des Proletariats in jedem einzelnen Lande bestimm­ten Klaffentampfes eine Seftenbewegung, die nach vorgefaß­tem, für alle Länder gleichem Plane vorgehen, von einer internationalen Zentralstelle aus geleitet werden soll. Auf diese Weise macht die fommunistische Inter­nationale fich felbst unfähig, das gesamte tlassenbewußte Proletariat in ihrem Schoße zu vereinigen.

III.

Arbeiter, Soldaten und Bauernräte, lokale Selbstver waltungsförper( Kommunen) oder andere, dem Lande eigentümliche Klaffenorganisationen

sein. Indes nicht nur die Diftatur, auch die schließliche Struktur der proletarischen Demokratie in den einzelnen Ländern muß ihren besonderen Verhältnissen angepaßt sein. Wie sich die bürgerliche Revolution in den verschiedenen Ländern in ganz verschiedenen Formen vollzogen hat, so wird, da die Stufe der fapitalistischen Entwidlung nicht in allen Ländern dieselbe ist, auch die proletarische Revolution in den einzelnen Ländern sich in mannigfaltigen Formen vollziehen. Auf Grund dieser gemeinsamen, vom Geist des revolutionären Marrismus durchdrungenen Anschauungen haben sich in den Tagen vom 5. bis 7. Dezember Vertreter folgender Parteien in Bern zu einer Bortonferenz versammelt:

1. Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands, 2. Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutsch- Desterreichs, 3. Sozialdemokratische Partei Frankreichs,

4. Unabhängige Arbeiterpartei Großbritanniens, 5. Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands, 6. Sozialdemokratische Partei der Schweiz,

7. Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei in der tschechoslowakischen Republik.

Angesichts der sich stets verschärfenden Weltreaktion, ber nach dem Weltkriege rasch wieder geschlossenen internatio nalen Kampffront der Bourgeoisie, der Notwendigkeit einer Schuße der bereits vorhandenen revolutionären Errungen. internationalen Abwehraktion des Proletariats sowohl zum

schaften als zur systematischen Förderung der revolutionären Entwicklung, im Sinblid auf die starke, jeben wirksamen Kampf zerstörende Zerrissenheit der proletarischen Kräfte in allen Ländern sind die Teilnehmer der Vorkonferenz über eingekommen, den sozialistischen Parteien die Beschickung der am 22. Februar 1921 in Wien. stattfindenden inter nationalen sozialistischen Konferenz empfehlen. Sie schlagen als provisorische Tagesord

nung vor:

1. Konstituierung.

zu

2. Der Imperialismus und die soziale Revolution. 3. Methoden und Organisation des Klassentampfes. 4. Der internationale Kampf gegen die Konterrevolution. Den auf dieser Konferenz vertretenen Parteien wird die Aufgabe zufallen, untereinander als gefchloffene Gemein­schaft in engster Fühlung zu bleiben und darüber hinaus alle Kräfte des internationalen Proletariats zur gemein­samen Attion gegen den internationalen Kapitalismus und Imperialismus zu vereinigen und schließlich die Bildung einer wirklichen Internationale des flassenbewußten Proles

Diese Aufgabe fann das Weltproletariat nur erfüllen, Sat die sozialistische Weltpolitik des Proletariats und die wenn es geeinigt durch die Grundsätze des revolutionären Verwirklichung des revolutionären Sozialismus das Betariats herbeizuführen. Kampf- stehen einer aktionsfähigen internationalen Kampforganisa- Zugelassen zu dieser Konferenz werden alle sozialistischen willen, all seine Kräfte zu diesem Zwede in einer machtvollen tion zur Boraussetzung, so kann eine solche Organisation nur Parteien, die aus der zweiten 3nternationale internationalen Organisation zusammenschließt. geschaffen werden durch den unablässigen Kampf des Prole ausgetreten sind und auf dem Boden der in Zur Stunde entbehrt das Proletariat diefer internationa: fariats eines jeden Landes gegen die kapitalistische Klassen diesem Aufruf. niedergelegten Grundsäke len Organisation. Der Weltkrieg hat die zweite Inter- herrschaft, wobei Kampfmittel und Tattil bestimmt sind stehen. Die Anmeldungen zur Teilnahme an dieser Kon burch den jeweiligen Reifegrad der revolutionären Situa ferenz haben bis zum 1. Februar 1921 an& riedrich Barteien, die vor dem Imperialismus fapitu= Sie ging zugrunde an der Haltung der in the vereinigten tion. Die Arbeitertiae fann in der Zeit, da sie noch als Adler, Wien V, Rechte Wiengelle 97, zu erfolgen. des bürgerlichen Staates Zur Borbereitung der Beratungen hat die Vorkonferenz Tiert haben. Statt ihre Kräfte zum Kampf gegen den lämpft, ihre Aktionsmittel weder auf die bisherigen Metho: eine aus fünf Genossen bestehende Kommission ein den des rein gewerkschaftlichen und politisch- parlamentaris gesetzt, die den sich anschließenden Parteien rechtzeitig zu den Mächtegruppe Partei. Sie machten es sich selbst dadurch schen Kampfes beschränken, noch die Methoden der in akuten Gegenständen der provisorischen Tagesordnung entsprechende unmöglich, für die Beendigung des Krieges zu wirken. Die revolutionären Kämpfen stehenden Arbeiter und Bauern Anträge unterbreiten wird.

Bern, den 7. Dezember 1920.

Friedrich Adler( Wien) Otto Bauer( Wien) Karl Cermak( Teplitz- Tschechien)

2. Martow( Moskau) Ernst Reinhard( Bern)

Robert Grimm( Bern) Rudolf Hilferding( Berlin) Auguft Huggler( Bern) Francis Johnson( London) Georg Ledebour( Berlin) Jean Longnet( Paris)

Kurt Rosenfeld( Berlin)

Artur Crispien( Berlin) E. Shinwell( Glasgow)

Paul Faure( Paris) Paul Graber( Bern) R. C. Wallhaed( Manchester).