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Einzelpreis 20 Pfg. 3. Jahrgang

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Kebaktian, Expedition and Berlag: Berlin 2, Breite Straße 8.0.

Mittwoch, 22. Dezember 1920

Nummer 545

Abend- Ausgabe

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greiheit

Berliner Organ

Der Unabhängigen Sozialdemokratie Dentfchlands

Drohender Eisenbahnerstreik

Die Einheitsfront der Eisen­

bahner

Die unterzeichneten Großorganisationen der Lahn- und Gehalts­empfänger der Reichseisenbahn erklären, daß die durch den Reichss tag erfolgte Erhöhung der Kinderzulage ben notwendigen und bes rechtigten Ansprüchen der Beamten auch nicht im entferns tekten Rechnung trägt. Dasselbe gilt für die in Aussicht Benommene ähnliche Aufbesserung der Arbeiterbezüge.

Die Organisationen find gewillt, alle Berhandlungs­öglichkeiten zu erhöpfen, um den Eisenbahnern und thren Familien die Existenz zu gewährleisten. Die Not, ist ins Unerträgliche gestiegen, fie führt zur Berelendung und hat bereits geradezu eine verzweifelte Stimmung in den Kreisen der Beamten and Arbeiter erzeugt. Schnelle und ausreichende Hilfe ans diesem Elend ist notwendig! Die Organisationen richten tochmals ben dringenden Appell an Regierung nb Barlament, helfend einzugreifen. Sollten die Bemühungen ber Organisationen ohne ben erwünschten Erfolg 54 bleiben und die zuständigen Stellen nicht geneigt sein, Entgegen Tommen im ausreichenden Maße zu zeigen, jo sehen sich die Dr Banisationsleitungen gezwungen, entsprechend der Willensäuße ung ihrer Mitglieder, zu dem legten gewerkschaft= Jigen Mittel,

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zum Streif au greifen.

Die unterzeichneten Berbände find ich ber Tragweite eines folchen Schrittes in ber jetzigen Zeit durchaus bewußt und ver­Tennen nicht die große Gefahr für das Wirtschaftsleben Deutsch­lands Sie mürben es tief bedauern, wenn die berechtigten, auf eine gemeinsame Linie gebrachten Forderungen der Organi: fationen nicht die gewünschte Berücksichtigung finden sollten. In biesem Falle find sie entschlossen, ben ihnen aufgezwunge= Ren Rampf gemeinsam durchzuführen.

Im Interesse der erfolgreichen Durchführung des Kampfes Jaben sich die unterzeichneten Organisationen verpflichtet, ein­mütig zusammenzustehen und alles zu vermeiden, was die Einheitsfront tören sollte.

Deutscher Eisenbahnerverband: Franz Scheffel. Reichsgewerkschaft deutscher Eisenbahnbeamten und -Anwärter: Scharfschwerdt. 25 Gewerkschaft deutscher Eisenbahn- und Staatsbediensteter: Allgemeiner Eisenbahnerverband: S. Scaruppe.

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W. Gutsche.

Die Wahl des Oberbürgermeisters Ber Beschluß des Wahlausschusses, den Kämmerer Böz als Oberbürgermeister der Stadtgemeinde Berlin in Vorschlag zu bringen, ist für die endgültige Entscheidung der Stadtverordneten­bersammlung noch nicht bestimmend. Einen entscheidenden Faktor bei dieser Wahl bilden die Deutschnationalen, die je nach der Situation ihre Taftit einstellen werben. Sie haben bisher chon bei den verschiedensten Gelegenheiten bewiesen, daß sie ihre Abstimmung nicht nach ihrer Ueberzeugung einrichten, sondern nach dem Gesichtspunkte, wie sie den sozialistischen Parteien eins Answischen fönnen.

Die Rechtssozialisten haben sich für Böß erklärt und es ist wahrscheinlich, daß sie diese Kandidatur auch im Plenum unter­tüzen werden. Salten sie an diesem Entschluß fest, jo tragen sie die Verantwortung, daß Berlin eines sozialistischen Oberhauptes entbehrt. Denn darüber wird niemand im Zweifel sein, daß der bon unserer Partei präsentierte Kandidat nicht ein Amt annehmen fann, das ihm etwa nur mit Hilfe der nur Bosheitspolitik trei­benden Deutschnationalen übertragen werden würde.

Die Rechtssozialisten wollen lieber Böß als Weyl wählen, weil he in Böj den Mann sehen, der in diesem Augenblick der rechte Mann an dem Plage des Oberbürgermeisters sei. Aber es ist fein 3weifel, daß Böß ein Feind jeder Sozialisierung ist; er war es bisher schon und wird es im Amte des Oberbürgermeisters nod) beit mehr sein. Großzügigen Ideen ist er nicht zugänglich, er be­tramtet die Geschäfte der Stadt von dem Gesichtspunkt des kleinen Geschäftsmannes. Boz hat, und das sollte den Rechtssozialisten night unbekannt sein, in den letzten Monaten die Fort- und Aus­führung der beschlossenen Notstandsarbeiten verhindert. Gewiß it die Stadt in finanzieller Bedrängnis. Aber erste Pflicht einer Stadtgemeinde wie Berlin ist es, produttive Arbeit zu schaf: fen. Die Tausende von Arbeitslosen wollen feine Unterstügung, le mollen Arbeit. Das ist den Arbeitslofen auch versprochen. Die Einlösung des Versprechens scheiterte aber an dem Kämmerer Bök. Und nun soll er gar noch Oberhaupt der Stadt werden. Die Arbeit der übrigen Magistratsmitglieder wird damit noch mehr trichwert, ais e es durch die traurigen wirtschaftlichen Berhält

Die Forderungen der Eisenbahner

Der Sekretär des Deutschen Eisenbahner- Verbandes Kozur veröffentlicht in einer rechtssozialistischen Partei­torrespondenz einen Artikel: Der Eisenbahner Ghicialsstunde". In diesem Artifel werden erstmalig Schidsalsstunde". In diesem Artifel werden erstmalig die Forderungen der Eisenbahner genau präzi siert. Wir geben deshalb den nachfolgenden Ausschnitt aus Koturs Artikel wieder:

Was die Forderungen der Eisenbahner betrifft, so handelt es sich vor allem um die Sicherung eines Existenzminis mums für die unteren Gruppen. Deutscher Eisenbahner verband und Reichsgewertschaft verlangen für die Beamten eine Erhöhung der Teuerungszuschläge mit einer Mindestgrenze von 7000 Mart Darüber hinaus verlangt die Reichsgewerkschaft eine allgemeine Erhöhung des beweglichen Teuerungszuschlages um 25 Prozent, während der Deutsche Eisenbahnerverband einen festen Teuerungszuschlag in den Orisklassen A und B von 8000 Mart und 7500 Mart in C und D wünscht.

Für die Arbeiter liegt eine gemeinsame Forderung der Tariffontrahenten vor, den beweglichen Teuerungs­ushlag allgemein um 1 Mart zu erhöhen.

Kein Aufgeben der Beamtenforderung

Die Presse- Abteilung des Deutschen Beamtenbundes schreibt:

Wenn es auch im Augenblic unter Berücksichtigung der Umstände nicht zur Beranflailung der Urabstimmung unter der Be amtenschaft gekommen ist und durch Zahlung des Januargehalts porerst über die dringendsten Nöte während der Weihnachtszeit hinweggeholfen worden ist, so bleibt die Forderung des Deutschen Beamtenbundes auf allgemeine Erhöhung des Teuerungszuschlags doch bestehen und wird in Uebereinstimmung mit der Reichsge­werkschaft deutscher Eisenbahnbeamten und Anwärter aufrecht= erhaiten. Es fann feinem Zweifel unterliegen, daß der Be­drängnis der Beamten durch die unzulängliche Aufbesserung der Kinderzulagen nicht ausreichend abgeholfen ist und daß die Be­amtenschaft im Januar wieder in einer sehr schwierigen Lage stehen wird. Der Deutsche Beamtenbund gibt sich der Hoffnung hin, daß die Berhandlungen mit den maßgebenden Stellen bis dahin soweit gedichen sein werden, daß die Beamtenschaft dann auf eine Erfüllung ihrer bescheidenen Wünsche

rechnen tann.

Wir bezweifeln start, daß der Deutsche Beamtenbund auf die Stellen, an die er diese Erwartung richtet, überhaupt noch Ein­bruck macht, nachdem er zu erkennen gegeben hat, daß er nicht die Absicht hat, den Kampf um seine Forderungen bis zu Ende zu führen. Wer die Waffe hinwirft, steht dem Gegner fuglos gegenüber. Der Beamtenbund aber scheint noch nicht eingesehen zu haben, daß er es mit einem abgefeimten, strupellosen Gegner zu tun hat.

wiramen Antrieb zu geben. Ein Sozialiſt, der in der Auschal­dieser grundsäglichen Gegnerschaft diesem Kandidaten seine

tung des privaten Eigentums fein Ziel sieht, fann schon wegen Stimme nicht geben, noch viel weniger seine Wahl direkt oder indirekt fördern. Als Oberbürgermeister für Berlin ist Böß eine Unmöglichkeit.

Der Vorwärts" hat in einer Polemik gegen unsere Be­merkungen über die Oberbürgermeisterwahl darauf hingewiesen,

daß der Oberbürgermeister von Kassel, Echeidemann, und Leinert als Oberbürgermeister von Sannover nicht zu vergleichen seien mit dem Oberbürgermeister von Berlin. Wir möchten ihn doch daran erinnern, daß bei Bildung des Magistrats auch die Rechts­jozialisten feinen Einspruch erhoben haben gegen die Stellung des Oberbürgermeisters durch die Unabhängige Frattion, obwohl ihnen schon damals flar war, daß für diesen Bosten nur Weyl in Frage

Tommen fonnte. Aber abgesehen davon haben sie selber für den Posten des Bürgermeisters von Berlin Personen vorgeschlagen, gegen die dieselben Einwände erhoben werden könnten, als die sie jetzt gegen die Kandidatur der Unabhängigen Partei erheben. Uebrigens haben Scheidemann wie Leinert sehr häufig ihre Ober­bürgermeistergeschäfte von Berlin telephonisch erledigt, was bei unserem Kandidaten nicht der Fall wäre. Soeben wird be richtet, daß gestern abend nach einer sehr erregten Sigung ber städtischen Kollegien in Hannover Leinert sein Amt als Ober­bürgermeister niedergelegt hat. Serr Leinert war in Hannover lebenslänglich angestellt, obwohl die Versammlung über eine bürgerliche Mehrheit verfügt.

Es ist sicherlich erwünscht, in Berlin tüchtige Männer an der Spize des Gemeinwesens zu haben. Aber wir können doch die Tatsache nicht mit einem Schlage beseitigen, daß durch die jahrzehntelange Ausschließung von Sozialisten aus den Verwal tungsstellen die Arbeiterbewegung nicht von heute auf morgen zahllose Kräfte aus der Erde stampfen kann. Diese wichtigen Stellen aber deshalb dauernd den Bürgerlichen auszuliefern, wie das jest mit Silfe der Rechtssozialisten geschehen soll, oben brein durch eine Wahl des dem Sozialismus feindlichen Kämmerers Böß, schädigt den Kommunalsozialismus in ber

nille ohnehin schon ift. Die Wahl von Böß wird den Kommunali herungsgedeanten noch mehr erftiden und seine praktische Durch führung verhindern, anstatt ihm zum Leben zu verhelfen und ihm schwersten Weise.

Die französische sozialistische Partei und die 3. Internationale

In allen romanischen Ländern sind die sozialistischen Par­telen nur wenig innerhalb des Proletariats verwurzelt. So zählt die französische sozialistische Partei noch heute bei weitem feine 200 000 Mitglieder, obwohl in ihr noch alle Richtungen, von den Reformisten bis zu den Kommunisten, oreinigt sind. Diese Feststellung allein zeigt deutlich die Gefahren auf, welche eine mögliche Spaltung der französischen Partei nach sich ziehen würde.

Diese Gefahr wird in Frankreich auch von denen nicht über­sehen und verkannt, die sich zu leidenschaftlichen Für­sprechern des Anschlusses an die dritte Internationale auf­geworfen haben. In ihrem Auftrage verlas darum ihr pro­minentester Führer Frossard auf der letzten Sigung der sozialistischen Gruppe des Seine- Departements eine Erfiä­rung, in welcher nicht nur der Ausschluß der sich um Longuet fristallisierenden Zentralistengruppe, sondern der Ausschluß jeder Minderheit überhaupt in der bestimmtesten Form verworfen wurde. Die Rechte der Minderheit", so heißt es in der Erklärung, dürfen weder verschwinden, noch der Willkürlichkeit wechselnder Mehrheiten überlassen wer­den." Folgerichtig würden Frossard und Genossen selbst den Ausschluß der reformistischen Renaudel- Gruppe ablehnen.

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Aehnliche Bemühungen unternimmt in Italien Genosse Serrati, der jetzige Bizepräsident der dritten Inter­nationale. Auch er will die Einheit der italienischen Partei unter allen Umständen wahren und hat sich darum wieder holt gegen die von Moskau geförderten Ausschlüsse ausge sprochen. Aber obwohl Serrati feine Toleranz weniger weit pannt wie Frossard, und beispielsweise den Ausschluß der Reformisten Turati und Treves als notwendig erachtet, hat et von Sinowjem eine ziemlich fräftige, mit offener Kampfes­anjage verbundene Zurechtweisung erhalten. Merkwürdiger­meise scheint Moskau in Frankreich geflisfentlich zu dulden, was es in Italien bekämpft und was es in Halle durch Sinowiew mit derber Faust zerschlagen hat: die Einheit der Partei.

Da die Frossard- Gruppe aber nicht nur in der Ausschluß­frage die Mostauer Aufnahmebedingungen verl#t, sondern auch in ihrer Stellung zu den Gewerkschaften und in ber Frage der eigenen Autonomie von Moskau abweicht, und schließlich auch die Namensänderung ablehnt, sonderbarer weise alle diese Abweichungen aber mit der Annahme der in Moskau aufgestellten Thesen und Bedingungen verträglich hält, so werden die Kommunisten an der Mehrheit, die sich auf dem am 25. Dezember in Tours beginnenden Parteis tag für die von Frossard und Cachin eingebrachte Resolution ergeben dürfte, feine volle Freude haben können. Schon heute hat sich darum links von Frossard eine Gruppe gebil= det, welche unter Verwerfung aller Vorbehalte die restlose, an feinerlei Bedingungen und Deutungen geknüpfte Kapitu­lation vor Moskau verlangt.

Einen bedeutsamen Auftakt hat der französische Parteitag auf dem am 28. November geschlossenen Kongreß des Seine­Departements erlebt. Hier haben die bedeutendsten Führer der französischen Partei zu der Frage der Internationale Stellung genommen und in teilweise wirkungsvoller Art die Begründung geführt.

Leon Blum sprach als Vertreter der Reformistengruppe. Seine Ausführungen gipfelten in der Ablehnung der Macht ergreifung durch das Proletariat in dem augenblicklichen Zeitpunkt. Erst wenn das Proletariat seine Organisationen zur vollsten Entfaltung gebracht habe, so folgerte er, fönne die Machtübernahme und dann auch der ungestörte Aufbau der sozialistischen Gemeinschaft erfolgen. In Verbindung mit dem Genossen Paoli legte Blum eine Resolution vor, die auf eine verbesserte Wiedererrichtung der zweiten Inter­nationale hinausläuft.

Für die sogenannte Zentristengruppe sprachen die Genossen Berfeuil und Jean Longuet. Ihre Stellung zu Mos­tau deckt sich restlos mit der unserer Partei. Sie betrachten die in Moskau formulierten Thesen und Bedingungen als das Ergebnis reiflicher Ueberlegungen und sehen darin feinen Spielraum für die von Frossard gemachten Zusiche= rungen und Reserven, sondern erfennen fie als ein in feiner Wirkung wohlberechnetes fommunistisches Sprengmittel*** Bertrümmerung aller nichtkommunistischen Barteien. J einem am 23. Oftober, an die französischen Arbeiter" gerich teten Brief hat sie ja auch Sinowjew selbst mit einem radi­falen Pulver verglichen. Gleichwohl ist dieses Schreiben in einem auffallend versöhnenden und entgegenkommenden Tone gehalten. Nicht nur, daß die Frossard- Gruppe wegen ihrer Vorbehalte nicht mit Drohungen und Schmähungen überhäuft wird, Sinowjem erklärt auch in diesem Schreiben die gesamten Moskauer Bedingungen einfach für null und nichtig. Nur eine einzige Forderung habe inter­nationalen Charakter: der Ausschluß der Reformisten. Alle anderen Fragen seien sekundär.

Die Frage liegt nahe: war Ginowjew berechtigt, die ges samten Beschlüsse eines Kongreffes mit einem Federstrich auf zuheben und einen Fidibus aus ihnen zu machen? Und dies ausgerechnet an dem gleichen Tage, da er dem Bizepräsiden tent ber Internationale, tommunistischen Genossen Gerrati, sowie dem leitenden Redakteur des Züriches

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