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Einzelpreis 20 Pfg.
3. Jahrgang
Ste Freiheit erscheint morgens und nachmittags, Sonntags und Montags us einmal. Der Bezugspreis beträgt bei freier Zuftellung ins Haus für Groß- Berlin 10, M. im voraus zahlbar, von der Spedition felbft abgeholt 8,50 9. Für Boft bezug nehmen sämtliche Boftanstalten Beftellungen entgegen. Unter Streifband bezogen für Deutschland und Österreich 16,50 M., für das übrige Ausland 21,50 zuzüglich Baluta- Aufschlag, per Brief für Deutschland und Österreich 30,-. Redaktion, Expedition und Berlag: Berlin 62, Breite Straße S
Dienstag, 28. Dezember 1920
Nummer 553
Abend- Ausgabe
Die achtgespaltene Ronparelleselle sbee beren Raum hoftet 5,-. einschließlich Teuerungszufchlag. Rieine Anzeigen: Das fettgedruckte Wort 2- M., fedes weitere Wort 1,50 M., einschließlich Teuerungszuschlag. Laufende Anzeigen lant Tarif. Familien Anzeigen und Stellen Gefuche 3,20. netto pro Zeile. Stellen Besuche Wort- Anzeigen: bas fettgedruckte Wort 1,50., jebes weitere Wort 1,- M Bernsprecher: Sentrum 2030, 2645, 4510, 4008, 4035, 4842, 4921
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Berliner Organ
Der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Der Parteitag in Tours
Keine Besprechung der Frage der 3. Internationale Es ist auffällig, daß vom Parteitag ber französi fchen Sozialdemokratie in Tours schon gestern nur die knappe und nichtssagende Meldung vorlag, die wir in unserer Morgenausgabe zum Abdruck brachten. Die frans zösische Presse ist noch nicht eingegangen, so daß ein flares Bild von den Verhandlungen zurzeit noch nicht möglich ist. Dennoch besteht der Eindrud, als hätten die Bemühungen zur Erhaltung der Einheit der Partei Früchte getragen. Darum ist auch die heute eingegangene, ebenfalls sehr knappe und etwas unklare Meldung, die auf ein kompromiß in der Frage des Anschlusses an die dritte Internationale hindeutet, nicht un glaubwürdig. Wir geben sie deshalb, wenn auch mit einem gewissen Vorbehalt, wieder.
SN. Baris, 28. Dezember.
Der Sozialistentongreß in Tours nahm eine Entschließung an, die bie Besprechungen über den Anschluß an die 3. Internationale verbietet, da die Banern im allgemeinen die von Mostan gestellten Bedingungen noch wenig begreifen. 2onguet und BIum erflärten sich für die Annahme der Entschließung, nur die Rommunisten wandten sich scharf dagegen.
Die Konzentration der englischen Gewerkschaften
DA. London, 27. Dezember.
Die vier Fachverbände National Union of General Worters", Workers Union",„ Municipal Employees Association" und Amalgamated Union of Labour" planen, sich zu einer einzigen Gewerkschaft zusammenzuschließen, die mit 1% Millionen Mitglieder die größte Gewerkschaft der Welt sein würde. Der auf einer Londoner Konferenz aufgestellte Verschmelzungsplan unterliegt nunmehr der Beschlußfassung der Vorstände ber einzelnen Verbände. Kommt die Bildung dieser Riesengewert schaft zustande, so find in ihr über 200 verschiedene Berufe vertre ten. Auch im Schiffs- und Maschinenbau Englands machen sich diese Zusammenschlußbestrebungen start geltend. Sie ben große Fachverbände dieser Industrien wollen ebenfalls eine einheitliche Organisation bilden, über die zurzeit eine Abstimmung unter den in Frage kommenden Arbeitern stattfindet.
Bei der Zusammenschließung der vier angeführten Orgas nisationen handelt es sich um die Bildung einer gemeinsamen Organisation der Arbeiter in den Gemeindebetrieben. In der großen Gewerkschaft werden aber auch Gruppen vertreten sein, die bei uns im Fabritarbeiterverband organisiert sind. Das Bestreben, die Zusammenfassung der zahlreichen kleinen Berufs- und Branchenverbände, die in England bestehen, zu fördern, ist gegenwärtig außerordentlich rege. Schon unlängst fonnten wir auf prattiche Folgen Lich Berschmelzungsbewegung in anderen Produktionszweigen hinweisen. Diese neue Meldung zeigt, daß die Beratungen über die Zentralisation der englischen Gewerts. schaftsbewegung, die ständig gepflegt werden, fortschreitend Früchte tragen. Die englischen Gewerkschaften werden da= burch zu wirksamen Trägern der Massen= fämpfe, die auch der englischen Arbeiterklasse bevorstehen. Die Energie, mit der die Bildung von Riesenverbänden betrieben wird, zeigt, daß die englische Arbeiterschaft ent= schlossen ist, diese Massentämpfe vorzubereiten und zu führen.
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Die Entwaffnungsaktion
Beim Auswärtigen Amt ist eine neue Note der Entente einge. troffen, die sich gegen den militärischen Charakter der Sicherheitspolizei wendet und die Umwandlung des militärischen Charakters der Sicherheitspolizei in einen politisch- vers waltungstechnischen fordert. Die Umwandlung der Sicherheitspolizei wurde schon auf der Konferenz in Spaa angefordert, Scheint aber nach den Erfahrungen der Ueberwachungstommiffion noch nicht gründlich genug durchgeführt worden zu sein.
Die Botschaftertonferenz in Paris, die sich, wie wir heute morgen meldeten, mit der Antwortnote der deutschen Regierung vom 22. Dezember befaßte, hat von ihren Entschlüssen noch nichts verlautbaren lassen. General Rollet soll bei der Beratung der Ueberzeugung Ausdrud gegeben haben, daß auf einem gütlichem Wege die Entwaffnung der Deutschen, namentlich ber bayerischen Einwohnerwehren, nicht durchzuführen sein werde. deren Entschlüssen Er bezeichnete die bayerischen Einwohnerwehren als eine gefährliche Nebenregierung, von folgenschwere Verwidelungen im Deutschen Reiche
Wohansen tönnen. Das Ministerium Kahr führet icheri
in Bayern nur dem Namen nach, während Forstrat Escherich die wirkliche Kommandogewalt in Händen habe und heute dikta. forisch über ein Heer verfüge, das eine völlige Umwälzung in Deutschland herbeizuführen in der Lage sei.
Nach diesen Ausführungen scheint es die deutsche Regierung, bie die Orgesch schützt, dirett auf einen Konflikt mit der En
tente angelegt zu haben. Möglicherweise werben bie monarchi tischen Kreise in Deutschland versuchen, gerade diesen Konflitt zum Anlaß zu nehmen, um sich in den Sattel zu schwingen.
Die Entschädigungsfrage Weitere Verhandlungen in Brüssel
SR. Saag, 28. Dezember.
Der Sonderberichterstatter bes Nieuwe Rotterdamsche Courant" in Baris meldet über die weiteren Verhandlungen bezüg lich der Entschädigungsfrage: Ueber die Brüsseler Konts ferenz fann mitgeteilt werden, daß die französischen, belgischen und italienischen Delegierten sich untereinander verständigt haben. Deutschland wird bald ein Vorschlag gemacht werden. Der französische Vertreter Seydoux ist Vermittler. 3m Augenblid fann man nicht weitergehen, da Staatssekretär Bergmann nicht genügend Befugnisse hat. Er muß erst mit seiner Re gierung beraten. Man ist in französischen Kreisen der Meinung, daß man Deutschland schon sehr entgegengekommen ist, um so mehr, als im Lande, und namentlich im Parlament, die Opposition gegen eine deutsche Schadenersatzleistung in Naturalien zunimmt.
Berkleinerung des Reichstags Verminderung der Zahl der Abgeordneten um 100. Der alte Reichstag zählte 397 Abgeordnete. Diese Zahl war folgendermaßen entstanden: 1871 zählte Deutschland 39,7 Millionen Einwohner, so daß auf je 100 000 Einwohner ein Abgeordneter entfiel. Troß der gewaltigen Bevölkerungszunahme wurde an der 3ahl 397 feftgehalten und es ergabe sich daraus besonders für die volfreichen Großstädte die größten Ungerechtigkeiten. man ging von der Erwägung aus, daß ein Barlament mit faft 400 Mitgliedern gerade die Höchstgrenze erreicht hat, bei der die Arbeitsfähigkeit noch gesichert ist. Der jegige Reichstag zählt 466 Abgeordnete trok der Verkleinerung, die Deutschland durch den Friedensvertrag von Versailles erfahren hat. Es ent fällt jezt auf etwa 60 000 Einwohner ein Abgeordneter.
Aber
Nach Mitteilungen der Presse ist ein neues Wahlgefeh in Vor bereitung, das eine Verkleinerung des Reichstages dadurch her= beiführen will, daß erst auf 75 000 Einwohner ein Abgeordneter entfällt. Der Reichstag würde dann nicht mehr 466, sondern nur noch 360 Abgeordnete zählen. Auch in Preußen sind ähnliche Bestrebungen im Gange. Die Landesversammlung zählt jetzt rund 450 Mitglieder, während der fünftige Landtag höchstens 350 Aba geordnete aufweisen soll.
Berfehlte Entrüftung
Die deutschnationalen Berleumder
Die demokratische Presse entrüstet sich über einen Artikel der„ Kreuzzeitung", in dem der Versuch unternommen wird, aus dem eben erst eingeleiteten Prozeß gegen den ehemaligen Finanzminister Erzberger einen Prozeß gegen die Demofratie zu machen. In dem Artikel der„ Kreuzzeitung" hieß es u. a. a.:
„ Persönlich haben wir den Fall Erzberger nie genommen. Wir haben Herrn Erzberger immer als das genommen, als was er sich selbst in seiner legten Rede in Moabit bezeichnete, als Bertreter der jungen deutschen Demokratie."
Für die Redaktion der„ Kreuzzeitung" existiert natürlich in ihrer Verleumdungssucht die Tatsache nicht, daß Erzberger Beamter der Republik wurde. In dem Artikel heißt es dann taiserlicher Staatssekretär gewesen ist, und erst später
weiter:
„ Wir haben immer behauptet, daß dieser korrupten De motratie die Geschäftspolitit, das Denunziantentum, die Unwahrhaftigkeit und die Unanständigkeit eigen seien, die diesem Vertreter" gerichtlich attestiert worden sind. Darum eben befämpfen wir diese Demokratie, weniger weil sie solche Leute hoch bringt, sondern weil sich solche Leute mit Recht ihre Vertreter nennen tönnen."
Es ist durchaus richtig, wenn die Berliner Volts zeitung" dazu schreibt:
Diese mit teinem parlamentarischen Ausdrud näher zu bezeichnende Frechheit ist das vielleicht st ärtste Stüd, das sich die Reaktion in den letzten Monaten geleistet hat. Wenn noch eine Spur von politischem Anstand in den paar ehrlichen Führern der Deutschnationalen Boltspartei sikt, dann müssen sie umgehend von der Leitung eines Blattes abrüden, das man bis gestern noch für das sauberfte der Familie gehalten hatte."
Aber wozu diese Entrüstung und der Appell an die„ ehrlichen deutschnationalen Führer? Weiß die, Berliner Boltsdeitung" nicht, daß sich in dieser Gesellschaft, die doch nur von der Lüge und der Verleumdung der Republik und des So zialismus lebt, die Männer wie Helfferich, Wulle, Kerkhoff usw. zu Führern hat, schon lange kein ehrlicher Politiker mehr
aufhält?
Bombenanschlag in Lissabon. Wie aus Lissabon( Portugal) gemeldet wird, murde ein Bombenattentat auf den Ministerpräsidenten und eine Anzahl politischer Persönlichkeiten verübt. Es wurde niemand verlegt.
Arbeitslosigkeit
in England
( Von unserem Londoner Korrespondenten) London, Mitte Dezember.
Das beherrschende Problem des englischen Wirtschafts lebens ist die Arbeitslosigkeit. Sie tam mit allen eines falten Winters. Die offizielle Statistik gibt die Zahl ihren Leiden und Schrecken zusammen mit den Entbehrungen der in den Arbeitsnachweis- Bureaus registrierten Arbeits suchenden mit 550 000 an. Aber es wird allgemein zugegeben, daß eine weitere halbe Million von beschäftigungslosen Ars beitern und Angestellten hinzugerechnet werden muß, die den staatlichen Arbeitsnachweis gar nicht anrufen. Also mehr als eine Million Erwerbsloser. Mit den Angehörigen sind das rund 4 Millionen Seelen, die seit Wochen, manche seit vielen Monaten, ohne Verdienst herumgehen. Sie bilden ein Zehntel der werftätigen Bevölkerung Großbritanniens. Darunter sind eine Viertelmillion demobilisterter Soldaten, die von der Regierung eine Unterstügung von 1 Pfd. Sterl. pro Woche erhalten. Diese Zahlen geben noch feine erschöpfende Auskunft über den Umfang der Produk tionsstodung im Lande. Dazu kommen mehrere Hunderttausende von Arbeitern, die drei und weniger Tage in der Woche arbeiten. Am schwersten betroffen ist die Textilindu strie. In Vorkshire arbeiten 100 000 Tertilarbeiter bloß von 6-24 Stunden in der Woche. In Lancashire arbeiten etwa die Hälfte aller Fabriken halbe Zeit. In dem Industriebezirk Oldham find 65 000 Textilarbeiter davon betroffen, in Roch dale über 40 000. Daneben sind Dutzende von Fabriken mit Zehntausenden von Arbeitern völlig stillgelegt. Ebenso schwer betroffen ist die mechanische Industrie. Mit den Angehörigen ist es eine weitere Million Menschen, die faum eine Sälfte ihres auch sonst ungenügenden Lohnes heimbringt. Es bedarf nicht vieler Worte, um flar zu machen, welches Maß von Entbehrungen und Leiden in diesen Krisenzahlen zum Ausdrud tommt.
Die arbeitende Bevölkerung hat sie bisher mit relativer Geduld ertragen. Zu ernsten Ruhestörnugen ist es seit der Demonstration und den Zusammenstößen mit der Polizei am Tage der Parlamentseröffnung, am 18. Oftober, nicht ge tommen. Aber der Unmut der Massen steigt zusehends. Er machte sich in den letzten Wochen am häufigsten Luft in mehreren Versuchen der Arbeitslosen, leere Häuser, insbesondere öffentlichen Charakters, wie Bäder, Bibliotheken, Rathäuser, zu besetzen. Die so offupierten Räume dienen gewöhnlich zur Einrichtung von Lebensmittel- Verteilungsstellen und der Bureaus der Arbeitslosenvereine. Aber es war auch schon ein Versuch, nicht leerstehende Lagerhäuser in Beschlag zu nehmen.
Die Regierung hat bisher auf dem Gebiete der Ara beitsbeschaffung oder der Unterstügung der Erwerbs. losen nichts wesentliches geleistet. Es wurde ein neues Verficherungsgesetz angenommen, das Arbeitslosen eine Unterstügung von 15 Schilling in der Woche durch höchstens 15 Wochen im Jahre gewährt. Die Versicherung beruht auf einer regelmäßigen Beitragsleistung. Die Regierung selbst trägt nur 14 Prozent bei, die restlichen 86 Prozent werden zu einem Drittel von den Arbeitern und zu zwei Dritteln von den Unternehmern aufgebracht. Das Gesetz umfaßt etwa 12% Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen und bedeutet
somit eine dreifache Ausdehnung der Arbeitslosen- Versiche rung aus der Vorkriegszeit. Natürlich ist aber eine, Unterftügung von 15 Schilling in der Woche bei der heutigen Teuerung gänzlich ungenügend. Mit den kleinen Zuschüssen für die Angehörigen kommt sie durchschnittlich auf 1 Pfd. Sterl pro Woche, während das Existenzminimum für eine Arbeiters familie mit 4 Bfd. Sterl. zu veranschlagen ist. Dazu kommt, daß mit Ausnahme der beschäftigungslosen demobilisierten Soldaten die 750 000 Arbeitslosen vorderhand feinerlei Zuschüsse seitens des Staates erhalten. Denn das Gesetz wurde zu spät angenommen, um ihnen zugute zu kommen. Man muß wenigstens 4 Wochen Beiträge geleistet haben, bzw. in Arbeit sein, um auf eine achtwöchentliche Unterstüßung Anspruch zu haben. Es entstand somit die unmög liche Situation, daß das Gesez gerade für die Sunderttausende wirkungslos ist, die der Unterstügung am dringendsten bedürfen.
Die Arbeiterpartei hat im Barlament ein Gesez zur Verhinderung der Arbeitslosigkeit einges bracht, das aber angesichts des Widerstandes der Regierung feine Aussicht auf. Annahme hat. Die Erefutine der Partei verlangte darum eine Reihe von Rotstandsmaßnah men der Regierung. In ihrem Beschluß verweist die Partei auf die wachsende Rot und die Unfähigkeit der Behörden, Standal, daß unschuldige Menschen Hungers sterben, nicht Arbeit zu verschaffen, und erklärt, daß der gegenwärtige. weiter fortdauern darf. Die Partei fordert zunächst, daß jeder Arbeiter, der durch den staatlichen Arbeitsnachweis feinen Erwerb finden kann, unterstützungsberechtigt ist und daß, ferner, der Unterstützungsbetrag auf 40 Schilling in der Woche für einen Mann und 25 Schilling für eine Frau, samt Zuschüssen für die Angehörigen, erhöht wird.