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Einzelpreis 30 Pfg.. 3. Jahrgang Donnerstag, 30. Dezember 1920
Die Freiheit erscheint morgens und wechmittags, Conntags und Montegs
einmal. Der Bezugspreis beträgt bet freier Buftellung ins Haus für Groß- Berlin 10,- m. im voraus sablbar, von der Spedition felbft abgebolt 8,50 m. Für Bots bezug nehmen fämtliche Poftanstalten Beitellungen entgegen.
Unter Streifband bezogen für Deutschland und Ofterreich 16,50., für das übrige Ausland 21,50 m. guzüglich Baluta- Aufschlag, per Brief für Deutschland und Efterreich 30,-
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Nummer 556
Morgen- Ausgabe
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Berliner Organ
bor Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Gemeinsame Kämpfe und gemeinsame Arbeit
Von Georg Ledebour
Die proletarische Emanzipationsbewegung ist in Deutsch Tand zurzeit einmal wieder der Verflauung verfallen. Wäh rend die reaktionären Umtriebe andauernd anschwellen und die schwache Regierung immer mehr in ihren Dienst zu wird das sozialistische Parteiwesen durch zwingen wissen, innere Kämpfe in stärferem Maße als je für alle Abwehr fämpfe gegen die Reaktion gelähmt.
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Die Vertreter der Moskauer Internationale in Deutschland haben sich allerdings eingebildet, durch die Abreißung großer Teile der Unabhängigen Sozial Semotratie eine starte revolutionäre Organisation schaffen zu können, der es ein leichtes fein würde, die fapita listische Klassenherrschaft zu zertrümmern, um an ihrer Stelle zunächst die proletarische Diktatur zu errichten. Es hat sich aber jetzt schon herausgestellt, daß nur schwache in berheiten des flassenbewußten Proleta fiats in Deutschland eine solche Politik der Selbstent militaristisch der Unterwerfung unter äußerung und organisierte Autoritäten in Mostau mitmachen wollen. Und nun steht die kapitalistische Klasse vergnügt vor dem für sie höchst erbaulichen Schauspiel, daß die kommunistischen Minderheiten, um die Existenzberechtigung ihrer Partei zu er weisen, mit den verleumderischen und terroristischen Kampfmitteln reaktionärer Parteien ihre eigenen bisherigen Genossen in dem revolutionären Emanzipationslampf bes Proletariats auf Tod und Leben befehden.
Durch die unvermeidliche Abwehr gegen diese fommunifti schen Borstöße wird, natürlich auch unsere Partei gehindert, ihre volle Kraft einzulegen für die Verfolgung ihrer Lebens aufgabe, die fapitalistische Staats- und Ges sellschaftsordnung durch die sozialistische zu erlegen; ganz abgesehen davon, daß halbierte Heerhaufen an sich kaum noch halbierte Aktionskraft entfalten
fönnen.
Der Rongreß von Tours
Gegen das Werk der Zerstörung tungen. Alle Extremisten verwahren sich aus diesem Grunde mit
( Von unserem Sonderforrespondenten)
W. Tours, 26. Dezember.
In der an beiden Ufern der Loire liegenden Vaterstadt des französischen Dichters Rabelais begann gestern der Parteitag der französischen sozialistischen Parteien. Anwesend sind über 300 Delegierte. Unter ihnen wiegen nicht nur Intellektuelle ganz entschieden vor, sondern man hat fast noch den Eindrud, als befände sich hier ein Kreis auserlesener Wissenschaftler beisammen. Und war ist dieser Gelehrtentypus nicht nur etwa eine Eigentümlich feit der Renaudel Gruppe, sondern er findet sich in hohem Mage auch bei den sich um Jean Longuet und Frossard triftallifierenden Kreiken. Gewiß wiegt er bei der Rechten und beim Zentrum- die Tendenzen sind auch hier deutlich nach außen geschieden vor, aber in diesen Reihen finden wir auch all die alten Bortämpfer der französischen Partei, während sich die Linke doch hauptsächlich aus den jüngeren zusammensetzt.
Das geistige Uebergewicht des Zentrums und der Rechten tritt auch schon sehr bald bei der Berichterstattung der einzelnen Departements in Erscheinung die an Stelle der Berichterstattung des Vorstandes und der parlamentarischen Gruppe gelegt wird und als Einleitung der im Mittelpunkt des Kongresses stehenden Frage der Internationale gedacht ist. Das war ein sehr glüdlicher Gebante. Dadurch, daß jeweils ein Bertreter der Mehrheit und der Minderheit abwechseln, wird tatsächlich ein wertvoller Einblid in die Verhältnisse der einzelnen Organisationen ermög licht. Dazu trägt aber auch nicht zulegt die angeborene Rebe begabung der Franzosen bei, welche diese befähigt, schon in wenigen Strichen ein deutliches Bild zu entwerfen.
Je nach dem Departement sind natürlich auch die Mehrheiten
Entschiedenheit gegen den Ausschluß des Genossen Longuet, dessen unerschrodene Haltung im Kriege- im Gegensatz zu Cachin und Frossarb-wiederholt Gegenstand von Ovationen und Dantesbezeugungen wird. Ob man aber auf eine Scheidelinie zur Renaudel- Gruppe hinüber verzichten will, das freilich scheint zu mindesten noch zweifelhaft zu sein. Nach seiner auf dem Kongreß der Seine- Föderation abgegebenen Erklärung ver wirft zwar Frossard einen solchen Trennungsstrich, aber es sind schon manche Stimmen laut geworden, welche deutlich den Ausschluß von Renaudel und Genossen verlangen. Ob dies als Zeichen dafür gedeutet werden soll, daß die Politik der Cachin- Frossard diese selbst zu überschlagen droht, oder ob die von Frossard abge= gebene Erklärung nur eine verlodend aufgerichtete Falle ist, darüber werden sich die entgegengesetzten Tendenzen wohl bald Klarheit zu verschaffen wissen. Einstweißen schaut Frossard von der Vorstandstribüne dem Redegepläntel im Saale mit einem ewigen ironischen Lächeln zu, während sein Partner Cachin äußerlich teilnahmslos hinten in einer Ede des fleinen Saales fauert.
Die gestrige Sigung
Ueber die gestrige Sigung liegt folgender Wolffbericht nor: Der sozialistische Parteitag setzte die Erörterung über die Frage des Anschlusses an die dritte Internationale fort. Lebas ers flärte, er ehe in Lenins Wert wohl Zerstörung, aber feinen Wiederaufbau. Bevor von der Dittatur des Prole, tariats gesprochen werden dürfe, müsse das Proletariat erzogen werden. Kurz vor Beendigung ber Vormittagsfigung trai ein Telegramm Alara Zetkins ein, bas sich für die dritte Internationale aussprach.
In der Nachmittagssigung erschien Klara Zettin wider Erwarten, denn man vermutete, sie werde an der Grenze zuriid gehalten, persönlich im Sizungsjaal. Sie erklärte, nachdem der
verschieben gelagert. Dabei fällt auf, daß oft ausgesprochen bäuerliche Bezirke mit den Extremisten von Baris an Radikalismus wetteifern, während mittlere Industrie Borsigende fie in einer Ansprache begrüßt hatte, in einer heftigen bezirke wieber mit Mehrheit die Mostawer Bedingungen ab= lehnen. Bezeichnend find in dieser Hinsicht die Ausführungen, welche ein Bertreter des Departements Saône et Loire machte Dort hatten die ländlichen Gruppen ausnahmslos für die Reso
Rede, daß die französischen Sozialisten eine Trennung vornehmen müßten, trat für eine Revision des Vertrages von Ver failles ein und empfahl eine geistige Union zwischen den dents schen und den französischen Arbeitern. Die Ausführungen ber
Die Selbstzerfleischung des revolutionären Sozialismus hat nun aber nicht nur dem kapitalistischen Interessenflüngel die Hoffnung auf dauernde Befestigung seiner Macht neu etwedt, auch die Rechtssozialisten machen sich die Zer- lution Cachin- Froffard gestimmt, während die Arbeiter wichtiger Rebnerin wurden auf der Linken mit großem Beifall aufSplitterung unserer Partei zunuze, um das klassenbewußte Proletariat für ihre Bolitit der Zugeständnisse an die kapitaliſtiſche Ordnung und des Bündnisses mit den bürgerlichen Parteien wiederzugewinnen."
Industrieorte wie Creuzot den Anschluß an Moskau ablehnten. In diesem selben Departement wat es auch, daß sämtliche in bicfem Jahre neugegründeten Drisgruppen samt und fonders für
den bedingungslosen Anschluß an die dritte Internationale stimm aufgenommenen Zwischenruf entlodt: Das ist eben neuer So
ten, was Renaudel den auch in der Mitte mit starkem Beifall
Was ist in dieser Situation die Aufgabe der Un abhängigen Sozialdemokratie? Wir sind uns vollkommen bewußt, daß wir unter diesen bedauerlichen Verzialismus hältnissen mit den uns allein zur Verfügung stehenden Kräften ernstliche Aftionen zur Erschütterung oder gar zum Sturz der wiedererrichteten 3wingburgen des Kapitalismus nichts unternehmen fönnen, ebensowenig wie die Rechts fozialisten oder die Kommunisten andererseits. Eine wit fungsträftige Machtbetätigung im proletarischen Klassenfampf bedarf auch heutzutage, wenn nicht des gesamten Proletariats, so doch der überwiegenden Mehrheit seiner bereits
Erst bas praktisch für große Aufgaben geeinte Proletariat fann fein 3iel erreichen, es darf aber selbst in den Teil. fämpfen, die der Tag erzwingt, nicht der 3ersplitterung ver fallen, wenn es nicht schweren Niederlagen ausgesetzt werden foll. Aber warten mit den Attionen, bis der Wieder: zusammenschluß der proletarischen Bewegung auf programmatischer Grundlage erfolgt ist, wäre ganz unmög lich. Das hieße, die Hände in den Schoz legen und der tapitalistischen Realtion das Feld überlassen. Läßt sich das Proletariat noch nicht dauernd für den gemeinsamen Kampf muß wenig gegen den gemeinsamen Feind organisieren, es mani: tens der Versuch gemacht merden, für Einzelaufgaben eine gefchloffene Front zu bilden.
Diese Pflicht hat die Unabhängige Sozialdemokratic schon vordem erkannt und wiederholt bestätigt, so bei der Abwehr gegen den Kapp- Butſch, so bei bet terhiberninger der ententistischen Truppen- und Munitionstransporte durch Deutschland zur Bekämpfung der russischen Sowjetregierung. Die Zersplitterung des Proletariats verhinderte auch damals die volle Auswirkung der angestrebten Gesamtaftionen. Immerhin wurde etwas erreicht, und die Vorgänge selbst offneten den weiterblickenden Klassenfämpfern die Augen dafür, was hätte erreicht werden können, wenn das Proletariat gefchloffen seine Macht für das gemeinsame Ziel eingesett hätte Mach biejen Richtlinien gilt es weiter zu arbeiten. So oft auch der Faden abgerissen ist, er muß von neuem wieder anSelbst die Verdächtigungen und Begelponnen werden. fehdungen, mit denen wir gewohnheitsmäßig nach feder chhen Attion behelligt werden, dürfen uns nicht abschrecken. folchen Gerade die Unabhängige Sozialdemokratie, die die ganze Kriegs- und Revolution oeit hindurch die Grundsäße des proletarischen Emanzipationskampfes betätigt hat, ohne in teien zu entgleisen, oder durch sortlaufend inszenierte
Da oft von einem und demselben Bezirk die entgegengesetzten Bewertungen der Lage gegeben werden, so kommt es natürlich häufig zu erregten Zwischenfällen, die aber feineswegs in ein gegenseitiges Beschimpfen ausarten. Wiederholt wird auch von den Extremisten wiederholt, daß die abgegebenen Stimmen für die Resolution Cachin- Frossard durchaus nicht als Gradmesser der revolutionären Energie betrachtet werden dürfen. Die meisten der Befürworter verbanden damit in erster Linie nur eine Sympathieerklärung für die russische Revolution. Keines. falls wolle man li Mostau bebingungslos unterwerfen. Das tun nur die ganz neuen in der Be
wegung.
Die ernfte Sorge um die Erhaltung der Parteieinheit bildet den immer wiederkehrenden Unterton der Reden aller Rich
Butschistereien die flassenbewußten Proletarier zu entfür solche sozialistische Einheitsaktionen. mutigen und zu demoralisieren, ist die gegebene Vorfämpferin
Da ist benn unsere nächste Pflicht die gründliche und sorgfältige Borbereitung der Abwehrattionen gegen reattionäre Butsche. Sollten die Orgesch leute und ihre Sintermänner in den verschiedenen staatlichen
Machtpositionen eine vervollkommnete Rappisterei versuchen, um das alte Unterdrüdungssystem aus der Borkriegszeit in vollem Umfange wiederherzustellen, so muß das sofort eine umfassende Gegenattion des Proletariats auslösen, die natürlich nicht bei der erreichten Abwehr haltmachen darf, sondern so gründliche Arbeit zu schaffen hat, daß die Reaktion in Deutschland nicht wieder ihr Haupt erheben kann. Die Biertelrevolution vom November 1918 muß dann zu einer gangen Revolution gemacht werden.
Aber über Abwehrmaßregeln hinaus sind die proletarischen
kräfte auch jest schon zusammenzufassen, um die Umgetaltung unserer staatlichen und wirtschaft lichen Organisationen im sozialistischen Sinne zu erzwingen. Das proletarische Gesamtinteresse bedingt, daß die Gestaltung unserer Beziehungen zum Auslande der Förderung des Weltfriedens dient. Den Ententemächer ſchen bee he barauf hinzuwirken, daß die Politit des Reiches den Arbeitermassen der Ententeländer Vertrauen einflökt, bas mit wir die Sicherheit gewinnen, daß alle imperialistischen
genommen.
Als Alara Zetkin sich zurüdzog, durfte niemand bas Saus verlassen, und der Kongreh tagte eine halbe Stunde hinter geschlossenen Türen, um eine Denunziation zu vers hüten.
Bongnet hält seine Tagesordnung und die von ihm ver tretene These aufrecht. Die russische Disziplin jet für die französischen Sozialisten nicht annehmbar. Die fommunistische Altion in Europa hätte geringfügige Ergeb nisse gehabt. Auf dem Baltan habe Mostau bei den immer noch der russischen Anziehungskraft unterworfenen slawischen Bölfern wohl Anhänger gefunden, aber in der Schweiz feien jüngst die Leninschen Bedingungen zurückgewiesen worden. In Italien habe man nach dem ersten schönen Enthusiasmus den Kommuniss mus fahren lassen. In England und in den Bereinigten Staaten habe die bolichemistisch- kommunistische Propaganda die Labour Party nicht reizen können. Auf diese Länder könne man aljo teinen Einfluß mehr haben. Er warne daher die Freunde vor dem Anschluß und ver der Unterwerfung unter die Moskauer Internationale und hoffe, daß es nicht zu spät sein werbe, um den Sozialismus zu retten.
Angriffsgelüfte der dortigen Machthaber gegen uns an dem entschlossenen Widerstande des englischen, franzöfifchen, italie nischen und amerikanischen Proletariats scheitern werden. Nicht minder drängt das gemeinsame Interesse des deutschen Proletariats zur Wiederantnüpfung der diplo matisen und wirtschaftlichen Beziehungen mit Sowjetrußland. Sand in Hand damit muß im Einvernehmen mit dem Proletariat der Westländer die internationale Abwehrattion gegen alle auf die Schädigung Sowjetrußlands abi 8ielenden Borstöße ber Ententemächte erstrebi
werden.
Was die positive Neugestaltung unserer eigenen Landes verhältniffe anbetrifft, so tommt für das sozialistische Prot letariat naturgemäß hauptsächlich die Sozialisierung des Wirtschaftslebens in Betracht, und da wir nichi in der Lage sind, mit einem Schlage dieses wünschenswerte Ziel zu erreichen, müssen wir schrittweise vorgehen. Da brängt sich aus oft genug in letter Zeit erörterten Gründen als nächste Aufgabe die Sozialisierung des Kohlenbergbaues auf. Auch fie bedarf der 3usammenfassung allei proletarischen Kräfte. Leider hat sich die Kom munistische Partei infolge einer unverständlichen Feindselig feit gegen die Sozialisierung einzelner Produktionszweige folchen gemeinsamen Attionen durch die offene Bekämpfung der Forderung, den Kohlenbergbau zu sozialisieren, entzogen Das darf uns natürlich nicht abhalten, solche gemeinjam