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4. Jahrgang
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Sonntag, 9. Januar 1921
Nummer 13
Morgen- Ausgabe
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greiheit
Berliner Organ
Der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Vogels glorreiche Wiederkehr
Imnestie für gemeine Verbrecher- Die Justiz und das Edenhotel- Runges Geständnis
2testnets Marber. Seit Ihr noch alle ba? Wie geht es denn mit der werten Gefundheit? Habt Ihr die Köpfe noch sben auf? Das ist recht. Gute Berrichtung das nächste Mal. Als furz vor Weihnachten das Moabiter Landgericht mit dem Geständnis herausrüdte, den Hauptmann v. Kessel, der wegen Meineids, Urkundenfälschung, Aftendiebstahls und Bestechung angeklagt war, auf Grund des Amnestie gesezes außer Verfolgung gesezt zu haben, schrieben wir, daß die Moabiter Herren auch dabei sind, einen geschickten Dreh zu erfinden, um den Mörder der Genossin Rosa Luxemburg, den Oberleutnant Kurt Vogel, die Möglichkeit zu geben, in die gesegneten Gaue Deutschlands zurückzukehren, damit er sich unter seinesgleichen der Gnadensonne erfreue, die im Lande Kants, Fichtes und Goethes allen Mördern und Verbrechern in Offiziersuniform so herrlich leuchtet.
Dieser Fall ist jetzt eingetreten. Oberleutnant Kurt Vogel ist durch einen Beschluß des Land gezichts amnestiert worden und befindet sich bereits in Deutschland. Während sich die Richter mit Nägeln und Zähnen wehren, das Amnestiegesez auf Ars beiter anzuwenden, die sich eines politischen Vergehens schuldig gemacht haben, wenden sie das Amnestiegesetz ohne Bedenten für ganz gewöhnliche, ordinäre und gemeine Berbrecher an, mit denen in Berührung zu kommen, sich jeder anständige Mensch scheut oder sich eines Efels nicht erwehren fann, wenn ihm auch nur ihr Name ins Gedächtnis fommt. Stellen wir die Tatsachen fest: Oberleutnant Kurt Bogel gehörte zu jenen Kreisen von Offizieren, die während der Santuariage the Quartier im Eden Hotel aufgeschlagen hatten. Dort liefen alle Fäden zusammen, die zu dem Verbrechen, das an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht verübt wurde, führten. Von dort aus wurden die Spürhunde auf die beiden Arbeiterführer gehegt, dort wurde der Auftrag gegeben, sie zu verhaften, ins Edenhotel zu schleppen, wo die bereitgestellten Mörder der Opfer harrten.
Oberleutnant Kurt Bogel war einer der Mörder Rosa Luxemburgs. Die Komödie der Untersuchung durch ein Militärgericht, die Tatsache, daß die Mörder monatelang auf freiem Fuße waren, um die Spuren ihres Verbrechens nach allen Seiten hin verwischen zu fönnen, die Justiztomödie, die statt einer Verhandlung im großen Schwurgerichtssaal zu Moabit aufgeführt wurde, das alles fonnte die Mitschuld Vogels an dem Verbrechen nicht verdeden. Auch nicht die Tatsache, daß sich unter den Richtern, die die Verhandlung gegen die zu einer Lügengemeinschaft zusammengeschweißten Mörder führten, einer befand, der die Vorbereitungen zur Flucht Vogels traf und beider Anfertigung der gefälschten Bapiere behilfich war. Bogel mußte zu zweieinhalb Jahre Gefängnis verurteilt werden, um wenigstens den Schein des Rechts nach außen hin zu wahren. Und nun ist dieser Bogel aus der holländischen in die deutsche Freiheit gesetzt worden. Er fann zusammen mit seinen Mord- und Spießgefellen auf neue Verbrechen finnen.
Die Richter haben mit diesem Streich alle Schranken durch brochen, die durch Recht und Gesetz gezogen find. Die Ermor bung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts hatte mit irgendeiner politischen Handlung nichts zu tun. Es war der Aft einer durch den Krieg verrohten Verbrecherbande, die allerdings den Vorzug genoß, Achselstücke und kaiserliche Klunkerorden zu tragen. Gelbit wenn der fühl überlegte, feit Wochen genährte, von Großkapitalisten und Bankiers finans zierte Mord mit den Januartämpfen in Berlin in Verbin dung gebracht werden könnte, so steht fest, daß er vollzogen wurde zu einer Zeit, als in Berlin nach jeder Seite vollste Ordnung im staatlichen Sinne herrschte. Außerdem liegt ein flarer Beschluß des Reichsgerichts vor, dahingehend, daß die Januarfämpfe nicht als hochperräterisches Unternehmen gewertet werden könnten, weil sich diese Kämpfe nicht gegen die Regierung, sondern nur gegen einen bestimmten Kreis von Personen gerichtet hätten. Aehnliche Entscheidungen hat das Kammergericht getroffen.
Wir wollen uns darüber, ob diese Entscheidungen gültig find oder nicht, hier nicht befassen. Sie liegen jedenfalls vor, das Gericht tannte sie und hat sich trotzdem bedenkenlos über sie hinweggefegt, ganz abgesehen davon, daß das Amnestiegesetz, wie es auch in politischen Fällen vom Reichsgericht oder Kammergericht ausgelegt werben mag, gegen Mörder nicht angewendet werden darf, es sei denn, daß man den flaren Rechtsbegriffen Gewalt antun und die Massen zu Aftionen herausfordern will, die einem gewissen Kreis von Politikern gerade in diesen Stunden nicht unangenehm wären.
Der Streich der Moabiter Justiz ist wohlüberlegt. Er sollte. sich in aller Stille vollziehen, die Deffentlichkeit sollte nichts danoh erfahren, um den Widerspruch der Massen zu ver hindern, der im Falle Kessel den Oberstaatsanwalt zwang, gegen die Entscheidung des Gerichts Einspruch zu erheben.
Dieser Schlag in das Angesicht des Rechts sollte erst bekannt werden, wenn die Einspruchsfrist verstrichen war, damit sich die Hintermänner der Mörder belustigen fonnten über die Empörung der Millionen, damit sie beruhigt waren durch das Gefühl: Protestiert so viel ihr wollt! Es gibt noch Richter in Deutschland, die es uns ermöglicht haben, den Mann in unsere brüderlichen Arme zu schließen, der bei der Beseitigung zwei von Euch geliebter und von uns gehaßter Menschen behilflich war. Dieser teuflische Plan muß sofort durchkreuzt werden. Die Millionen sozialistischer Arbeiter in Deutschland, die ganze Kulturwelt muß sich erheben und dokumentieren, daß sie die Amnestierung eines Mörders als ein Schandwerk empfindet, geeignet, das letzte Restchen Ansehen, das Deutschland noch besitzt, zu zerstören.
und beim dritten Male, wenn er wieder zurüdfomme, folle ich sofort schießen; denn das sei das Zeichen. Ich hatte das Gewehr schon eingezogen, mir famen aber Bedenten und nahm es wieder ab und auch der Mann der„ Roten Fahne" tam zu mir und sagte, er hätte noch einen Auftrag zu erledigen. Er wurde in ein Zimmer geführt und beim Berlassen sagte ein Offizier zu einem Wachtmeister: Führen Sie den Mann ab und sorgen Sie dafür, daß nichts passiert." Ich ging dann wieder auf Poften zurüd und Dräger fagte mir:" Run, hast Du ben da oben wohl doch nicht erschossen, es hat ja so lange gedauert."
Inzwischen waren die anderen zurüdgekommen und brüsteten sich: Liebknecht haben wir eine gebrannt.
Es wurde eine Panne martiert und so die Flucht fünftlich herbeigeführt. Das hat mir auch Oberleutnant von Rittgen später in der Untersuchungshaft noch einmal gefagt, er sagte auch, er habe das Knarren der Pistolen gehört. Ueber Luxemburg hieß es:„ Die alte Sau schwimmt schon."
Ueber meine Flucht habe ich folgendes zu sagen: Ich wurde anfangs im Eben- Hotel von allen beglüdwünscht und mir wurde gesagt, Ihnen passiert nichts, dafür werden wir schon jorgen. Sie tommen nach ein anderes schönes Städtchen und es wird für Sie gesorgt. Als ich eines Abends von Boften tam und durch den
300 ging, tam mir Leutnant Liepmann mit dem Jäger Friedrich entgegen. Leutnant Liepmann sagte zu mir: Ra Mensch, Sie suche ich schon lange. Sie müssen fort, Sie müssen flüchtig werben,
Die Justiz soll sich über die Folgen ihres Tuns nicht täuschen. Die Geduld der Massen hat eine gewisse Grenze und diese fann eines Tages zerreißen und ein Strafgericht über jene heraufbeschwören, die mit Lift, Betrug und Rechtsverlegungen eine Gesellschaft zu stügen versuchen, deren Stunde ohnehin in der Geschichte geschlagen hat. Die Justiz soll sich auch nicht täuschen über die Wirkungen, die ihre Braris auf jene ausübt, die zu triminellen Verbrechen neigen. Denn die Tatsache, daß Mörder überhaupt nicht verfolgt wer den, wenn fie Offiziers uniform tragen oder durch einen Rechtstrid der Verfolgung entzogen werden, wenn fie gar zu eng in die Maschen des Gesetzes verstridt sind, diese Tatist nicht nur eine indirekte Aufforderung zu neuen Mordtaten sache, die durch Hunderte von Beispielen belegt werden kann, an politischen Gegnern, sie muß verwahrlosend und entsittfichend auf das ganze Bolt wirten. Wenn fich Raub, Mord, Sujatenregiment Nr. 8. 3 le loriage und wurde fo Diebstahl, Einbruch und Verbrechen häufen, so ist dafür mit. verantwortlich eine Justiz, die durch zweierlei Maß sich jeder Achtung beraubt und jenen Zustand schafft, der nicht etwa den Verbrecher, sondern jeden, der Ehrgefühl und sittlichen Anstand besitzt, sagen läßt:
Lege die Binde ab, Dame Justitia. Wir tennen Dich. Dein Name ist Schamlosigkeit.
Ein Brief Runges
Dem Jäger Runge, der von den Offizieren des Edenhotels den Befehl bekommen hatte, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht mit dem Kolben niederzuschlagen, war versprochen worden, daß er seine Gefängnisstrafe nicht abzubüßen brauche. Er nahm des halb die Hauptschuld verabredungsgemäß auf sich, zumal er auch durch größere Geldbeträge beftochen war und weitere. materielle Silfe in Aussicht hatte. Runge ist aber später von seinen Hintermännern in Stich gelassen worden, das hat ihn ver anlaßt, vor einem Jahr in einer Berliner Militärarrestanstalt, wo er damals untergebracht war, ein schriftliches Geständnis abzuTegen. Es liegt im Original vor uns, ist vom 6. Januar 1920 batiert und hat folgenden Wortlaut:
Das Geständnis
Am 15. Januar 1919 wurde ich abends zwischen 7 bis 9 Uhr als Bosten vor das Hauptportal des Eden- Hotels zusammen mit dem Jäger zu Pferde Dräger fommandiert. Gegen 9 Uhr wurde alles laut und fam in Erregung, weil es hieß, Liebknecht und Luxemburg Jeien eingeliefert. Ich erhielt sofert mehrere Befehle Bande das Eden- Hotel nicht wieder lebend verlassen dürfe. Don Offizieren und Wachtmeistern und es murde bemerkt, daß dieje
Was die Sache Liebknecht anbetrifft, hatte ich stritten Befehl von Offizieren, diesen Lumpen niederzuschlagen mit dem Kolben an der Stelle, wo er herauskommt. Ich war neu und konnte die Offiziere nicht erkennen, sah aber nachträglich, daß es meist meine Mitangeflagten waren. Was die Luremburg anbetrifft, tamen Offiziere zu mir und sagten, ich geben Ihnen den Befehl, daß die Luxemburg das Eden- Hotel nicht mehr lebend verläßt, merten Sie sich das! Kapitänleutnant von Pflugt Hartung schrieb sich meinen Namen auf und jagte zu mir:„ Sie wird Ihnen ja durch den Oberleutnant Bogel in die Arme geführt, so daß Sie nur zuschlagen dürfen." Als Luxemburg ins Auto gezerrt wurde, sprang beim Abfahren noch einer hinten auf und schoß Frau Luxemburg eine Kugel in den Kopf, was ich genau in der furzen Entfernung sehen konnte. Er sprang dann ab, und ging von der Nürnberger Straße ins EbenHotel zurüd.
Gleich darauf fam ein Offizier vor das Portal zu mir und sagte, ich folle sofort nach oben 4 Treppen gehen und da Ordnung Ichaffen. Mit denen da oben ist nichts los, das sind Scheißer. Da ist auch der von der„ Roten Fahne", ich gebe Ihnen ben Befehl, ihn sofort zu erschießen. Auf der Treppe fam mir ein Vizewachtmeister entgegen und sagte, ich solle sofort nach oben tommen und Ordnung schaffen. Sie haben den Befehl, den Redakteur von der Roten Fahne" zu erschießen. Ich sagte ihm, daß ich schon meine Befehle hätte und woher er den seinen habe. Da antwortete er mir:
Die Befehle lommen von Sauptmann Babit.
Oben angefommen, stand ein Mann an der Wand, einer sak daneben. Ein Wachtmeister befahl mit, das Gewehr zu euthichjern
Sonst fliegen wir alle ins Zuchthaus." Auch meine sämtlichen Borgelegten vom Jägerregiment zu Pferde brangen auf mich ein, daß ich flüchtig werden müsse. Leutnant Liepmann brachte mich dann vom Werbebureau aus zu dent verständigte auch da sofort meine Vorgelegten eingehend über die Mordfache so fort als ein Seld angesehen, Eines Tages im Januar oder Anfang Februar 1919 war ich mit dem Reinigen der Gulaschtanone beschäftigt. Es tamen zwei Kinder auf den Hof, wo die Gulaschkanone stand und sagten: Susar Runge soll auf die Straße zu einem Soldaten tommen." Ein Unteroffizier tam mir entgegen und fagte:„ Runge, ich bin auf Befehl hierhergeschickt worden vom Adjutanten der 8. Husaren, Freiherrn von( Name unleferlich im Briefe. Die Red.). Er hat den Haftbefehl gegen Dich, Du sollst verhaftet werden, das darf nicht sein. Sier ist die Abschrift vom Saftbefehl." Er gab mir 240 M. und einen Militärfahrschein nach Köln..
Ich setzte sofort meinen Rittmeister davon in Renntnis, wurde gelöhnt und der Rittmeister Weber sagte, ich soll machen, da ich forttomme, mich aber im Eden- Hotel noch einmal melden Was ich auch tat. Im Eben- Hotel ging die Sache weiter, es wurde mir gesagt, der Saftbefehl wird nicht eher losgelassen, Bis Sie fort find. In meine Wohnung wurden mir 4000 M. gebracht und ein Bettel, ich solle nach Prag fahren und mich auf dem deutschen Ronsulat bei dem Konsul Schwarz( der später in das famoje Staatsfommissariat für öffentliche Ordnung tam! D. Red.) zur weiteren Beschäftigung melden. Das verweigerte ich, weil ich teinen Auslandspaß hatte. Ich wurde dann 4 Tage in der Woh nung des Leutnants Liepmann in der Kurfürstenstraße gefangen gehalten, bis es den Leuten auffällig wurde. Dann erhielt ich einen Militärfahrschein nach Flensburg und falsche Papiere, die mir bei meiner Verhaftung abgenommen wurden.
Die Untersuchung ist eine Komödie gewefen. Ich sprach mit Kriegsgerichtsrat Jörns wiederholt privat und er sagte mir: Nehmen Sie ruhig alles auf sich, 4 Monate werden es nur und Sie können sich dann immer wieder an uns wenden, wenn Sie in Not sind."
Die Zellentüren standen stets offen. Sämtliche Angeklagten machten den Richter, ich mußte den Angeklagten spielen, und es wurde immer wieder gesagt, wenn ich meine Aussagen nicht richtig einlernte, läge mal eine Sandgranate im Bett, wenn ich schlafen ginge. Ich wurde auch beeinflußt zu der Aussage, daß ich die falschen Papiere, die mir die Offiziere gaben, von Spartatiften in der Weinmeisterstraße getauft hätte. Die Offiziere haben oft bis 12 Uhr nachts ihren Damen besuch in den Zellen gehabt, mit Musit, und der Wein ist geflossen. Mit dem Stab des Eden Hotels stand ich öfters in telephonischer Verbindung. Ich mußte ihm von meiner Flucht genau angeben, mit welchem Zuge ich nach Flensburg fahre und wenn ich dort antomme. Susar Otto Runge.
Zur Demonstration der Kommunisten
Zur Demonstration der Kommunisten bringen wir ernent in Erinnerung, daß für unsere Parteigenossen die Erklärung bes Berlin Brandenburg Bezirksverbandes anjerer Partei Geltung hat, die wir in der geftrigen Morgens ausgabe veröffentlicht haben. Unsere Berliner Barteileitung bringt darin zum Ausdrud, daß die Kommunisten ihre Demon stration am Sonntag zu Zweden auszunuzen versuchen, die das Gesamtinteresse des sozialistischen Proletariats schädigen Und sie ersucht darum die Mitglieder der U. S. B. und die mit unferer Partei sympathisierende arbeitende Bevölkerung Großs Berlins, der geplanten fommunistischen Demous Rration im ustgarten fernzubleiben.