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4. Jahrgang

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Dienstag, 1. Februar 1921

Nummer 52

Abend- Ausgabe

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Freiheit

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Phantastische Gerüchte

Etwas mehr Besonnenheit!

Wir haben bereits heute früh gesagt, daß die Bestürzung und die Erregung, die die Beschlüsse der Botschafterkonferenz in Deutschland hervorgerufen haben, durchaus begreiflich find. Wir stehen in einer sehrernsten Situation. Das entbindet aber weder die Regierung, noch die Parteien, noch die Presse von der Pflicht, alles zu vermeiden, was die Erregung noch steigern kann. Gerade weil die Entscheidun­gen schwer und bedeutsam sind, ist es dringend notwendig, daß in aller Ruhe und Besonnenheit jeder Schritt erwogen wird. Zunächst ist doch jedenfalls das eine klar: der Beschluß der Botschafterkonferenz in der Wiedergutmachungsfrage ist ausdrücklich als Vorschlag bezeichnet. Ueber diesen Vorschlag muß noch verhandelt werden, und in diesen Verhandlungen werden alle jene Gründe angeführt werden müssen, die die Unmöglichkeit und die Schädlichkeit dieser Regelung sowohl für Deutschland als auch für das ge: samte europäische Wirtschaftsleben nachweisen. Erst wenn diese Verhandlungen stattgefunden haben werden, sind post­tive Beschlüsse zu fassen. Es ist also durchaus verkehrt, heute schon den Eindruck hervorzurufen, als müßte sofort eine end­gültige Entscheidung von deutscher Seite gefällt werden.

Tatsächlich verhält sich aber die Presse so, als müßte dies womöglich schon heute oder in den allernächsten Stunden ge­schehen, und allerlei phantastische Pläne und Ge= rüchte werden verbreitet, die die Erregung unnütz steigern. So wird davon gesprochen, daß es notwendig sei, ein ,, Ein­heits" Kabinett von den Deutschnationalen bis zu den Unabhängigen zu bilden, um eine geschlossene Front der Entente entgegenzusehen. Also so etwas wie eine Neu­aufwärmung des Burgfriedens. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß eine solche Idee völlig absurd ist, daß es sich gar nicht lohnen würde, sie zu erwähnen, wenn nicht als Zeichen, welch politische Kindereien in deutschen Zeitun­gen diskutiert werden.

Etwas ernster zu nehmen ist der Plan, der namentlich vom ,, Berliner Tageblatt" begünstigt wird, die Gelegenheit zu be­nutzen, um die Basis der Regierung durch Heran­ziehung der Rechtssozialisten zu erweitern. Das ,, Berliner Tageblatt" behauptet sogar, daß einflußreiche Kreise der Rechtssozialisten diesem Gedanken zuneigen. Wir möchten dazu nur bemerken, daß es uns für denkbar verfehlt erscheint, die Verantwortung für den Gewalt= frieden, der das Resultat des imperialistischen Krieges ist, zu übernehmen, statt diese Verantwortung den­jenigen zu überlassen, die auch die Verantwortung für den Krieg und seine Verlängerung tragen. Eine Erweiterung des Kabinetts hätte politischen Sinn nur, wenn die Deutschnationalen, die Träger der Kriegs­politit, dann auch die Verantwortung für die endgültige Liquidierung des Krieges übernehmen müßten. Den Sozia­lismus mit dieser Verantwortung zu belasten, wäre eine ebenso schwere politische Todsünde, wie es der Eintritt in das Kabinett des Prinzen Mag gewesen ist, der nur zur Folge hatte, daß die Schuld Wilhelms, Helfferichs und Ludendorffs den Rechtssozialisten und Erzberger aufgebürdet wurde. Wenn die Rechtssozialisten zum zweiten Mal diese politische Torheit begehen wollten über sozialistische Prinzipien über sozialistische Prinzipien mit ihnen zu diskutieren hätte ja doch keinen Sinn-, dann fönnten wir sie nicht hindern, aber wir möchten wenigstens davor gewarnt haben.

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Daß alle Nachrichten, die über die Stellung der Un= abhängigen Sozialdemokratie oder einzelner Mitglieder in der Presse verbreitet werden, vollständig falsch sind, möchten wir zum Schluß noch ausdrücklich hinzu­fügen. Die Fraktion wird erst im Laufe des heutigen Tages zur Situation Stellung nehmen.

Berliner Pressestimmen

Wie nicht anders zu erwarten, haben die Pariser Be­schlüsse das lebhafteste Echo in der Presse aller Parteien gefunden. Allgemein ist die Ablehnung, verschieden nur die Begründung. Die Ueberschriften Der Pariser Riesenbluff", Ein neues Versailles"," Unmögliche Forde­rungen", Eine neue Schidsalsstunde"," Der Sieg des Wahnsinns" bezeichnen bereits den Inhalt. Daß die von uns als ökonomische Unmöglichkeiten bezeichneten Pariser Beschlüsse einen Teil der Presse, die es am allerwenigsten nötig hat, willkommenen Anlaß gibt, in nationalistische Ka­fereien zu verfallen, ist nur natürlich. Sie wirken in dieser Angelegenheit. doppelt blödsinnig, einmal, weil sie von den selben Leuten ausgehen, die an der ganzen Misere den her­

vorragendsten Anteil haben, und zum andern, weil sie selbst feine vernünftige Regelung vorschlagen können. Wir geben nachfolgend einige Ausschnitte aus der heuti­gen Morgenpresse:

,, Kreuz- Zeitung":

zu

Das Reichskabinett hat bis zur Stunde nach feine Entschlüsse gefaßt. Wir erwarten, daß es die Festigkeit zeigt, die die Mehr­heit des deutschen Voltes von ihm erwartet. Wir würden es für einen Fehler halten, an die für Ende Februar in Aussicht gestellte Londoner Zusammenkunft zwischen der Entente und deutschen Delegierten irgendwelche Hoffnungen fnüpfen. Auch in den Ruf der Vossischen Zeitung" Burüd zu Seydour" können wir nicht einstimmen. Der Fall Seydoux war eine Falle, die uns gestellt worden ist. Die Kulissenarbeit Lloyd Georges und Poincarés, der stets hinter Briand mit der Heyz­peitsche steht, hat über die Sachlichkeit der Brüsseler und Pariser Borbesprechungen, mit deren Methode wir allerdings nicht immer übereingestimmt haben, den Sieg davongetragen, einen Sieg, der freilich Deutschlands Verderben, aber auch damit Unübersehbares für unsere Feinde in sich schließt. " Post":

,, Wenn wir das gewußt hätten", wird in diesen Tagen mancher im Deutschen Reiche sagen, der in dem Glauben an den edlen Feind" oder aus anderen Motiven mit zur Wehrlosmachung Deutschlands beigetragen hat. Jetzt ist es zu spät. Aber im Of tober 1918, da hatte Deutschland die 50 000 Geschüße und 60 000 Maschinengewehre noch, die es seitdem zerstört oder ausgeliefert hat. Damals waren noch viele Millionen deutscher Männer unter Waffen, arbeiteten zahllose Fabriken nichts als Kriegs­material, standen die Strombarrieren der Maas und des Rheins, das deutsche Festungssystem, der nahe Winter noch als fast un­überwindliche Schwierigkeiten vor den ermüdenden Feinden. Da= mals fonnten wir zwar nicht mehr um den Sieg, aber sehr wohl um einen anständigen Frieden tämpfen.

,, Deutsche Tageszeitung":

deutscher

Es tommt aber hinzu, daß allein schon die Selbstachtung feder Regierung verbieten muß, über Ansinnen zu verhandeln, wie sie in der Reparationsnote gestellt werden. Die Forderungen der Bollkontrolle, der eventuellen Verwaltung der Zölle durch die Reparationsfommission bedeuten nichts weiter, als das Ende Souveränität, als die Herabwürdigung Deutschlands zu einem Staatswesen von dem Range Aegyptens. Unter die Erhebung Deutschlands zur interalliierten Kolonie wird hoffentlich teine deutsche Regierung Brief und Siegel geben. Es fann gegenüber der Reparations­note nur eine Stellungnahme geben, die freilich den Vorzug der Klarheit und Einfachhe hat; unbedingte Ablehnung, nach der finanziellen wie nach der Verwaltungsseite. Einem auf die Macht gegründeten Diktat der Entente kann das ohnmächtige Deutschland freilich keinen Widerstand entgegensetzen; aber es fann sie wenigstens zwingen, sich in ihrer ganzen moralischen Schöne der Welt zu zeigen. Der brutalen Macht zu weichen, ist feine Schande. Die Entente fann uns vergewaltigen, aber sie fann uns nicht erniedrigen. Das tönnen nur wir uns selbst. Und es geschähe mit einer auch nur teilweisen Anerkennung der uns gestellten Zumutungen.

,, Vorwärts":

Die Pariser Vorschläge bieten einer ruhigen ritit so viele Angriffspunkte, daß nach einer gründlichen Aussprache wenig von ihnen übrigbleiben wird. Also, appellieren wir nicht an die scheuen wir uns nicht, praktische Vorschläge zu machen, Gefühle, sondern an die Vernunft! Diskutieren wir! Und die unserer Leistungsfähigkeit entsprechen! Daß wir gar nichts leisten können, glaubt uns im Ausland doch kein Mensch, sondern es heißt dann, daß wir nichts leisten wollen. Die Gewalt ist auf der andern Seite, aber die wirtschaftliche Vernunft auf der unsern, und mit der Zeit muß es sich herausstellen, wer von beiden Teilen den besseren Verbündeten hat. Wir werden in den ersten Jahren nach dem 1. Mai mit einer Dittatpolitit der Entente rechnen müssen. Aber das ist nichts neues, das tann

jeder wissen, der das Buch von Versailles gelesen hat. Der Kopf ist merkwürdigerweise der einzige Gegenstand, der immer wieder verloren werden kann. Wir dürfen ihn aber jetzt nicht verlieren, da wir ihn nötiger brauchen denn je! ,, Rote Fahne":

Jeder Arbeiter wird sich an den Fingern abzählen, was für ihn die unmittelbaren Folgen der französisch- englischen Wieder­gutmachungsforderungen sein werden: wachsende Arbeitslosigkeit durch den weiteren Zerfall der Wirtschaft, durch weitere Still­legung, insbesondere der Betriebe, die ins Ausland exportieren, und verschärfter Ausbeutungsdruck in den Betrieben, die noch weitergehen. Diese unmitelbaren Folgen erheischen unmittels bare Antworten, erheischen die geschlossene Aktion der gesamten Arbeiterschaft, sowohl gegen die eigene Bourgeoisie als gegen die Sklavenhalter der Entente. Diese Antwort darf nicht allein in Worten und in Sympathiefundgebungen für Sowjetrußland bestehen. Es muß eine Antwort in Taten sein: die tatsächliche Bourgeoisie und ihrer Gefolgsmänner, der unabhängigen Loslösung von der bankrotten auswärtigen Politik der deutschen

und Mehrheitssozialisten, und die Sammlung aller Proletarier im Kampje gegen das steigende Massenelend und den steigenden Wirtschaftszerfall zu einer geschlossenen Front, die das Bündnis mit Sowjetrußland gegen alle Widerstände von innen und außen erzwingt. Bossische Zeitung"( Georg Bernhard):

Wenn diese Vorschläge der Konferenz zur Tat werden, so be beuten fie dem Namen nach die internationale Kon­trolle der deutschen Wirtschaft. In Wirklichkeit be­deuten sie die englische Finanz- und Wirtschaftshoheit über

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Europa. Lloyd George hat sich auch für den, der es bisher nicht englischer Staatsmann ganz großen glaubte, jetzt als ein Stiles gezeigt. Selten hat ein Politiker für sein Land einen solchen für Jahrzehnte bestimmenden Sieg errungen, wie der englische Ministerpräsident in Paris. Denn sein Wert ist dieser Vertrag, er selbst leugnet es auch nicht mehr. Nur in Deutsch land gibt es in der Presse und auch an denjenigen Stellen des Auswärtigen Amtes, die die Presse zu informieren haben, noch Männer, die das bestreiten. England ist das einzige Land ( außer dem weit abliegenden Japan), das diesen Vertrag aus­halten fann und von ihm Nuzen ziehen wird. Für Belgien, Frankreich und Italien ist das Pariser Abkommen nicht viel weniger als für Deutschland ein Schlag, den diese Länder nie berwinden werden. Es muß jest jedermann auch in Deutschland klar geworden sein, wie furchtbar ernst die Situation ist, vor der Deutschland steht. Es wäre ein Frevel sondergleichen, die wenigen Monate bis zum 1. Mai tatenlos verstreichen zu lassen. Es ist jetzt nichts mit Protestaktionen und auch nichts mit Trauerfundgebungen getan. Es heißt jezt: handeln. Es darf jezt in Deutschland nur noch ein Ziel geben: durch praktische Vorschläge auf der Grundlage des Seydoux'schen Planes zu beweisen, daß Deutschland sich seinen Verpflichtungen nicht ent­ziehen, aber daß es leben und seine wirtschaftliche Freiheit be wahren will.

Das Urteil in England

Im Mittelpunkt des Interesses steht die von Deutschland gefor derte Reparation, insbesondere die Frage der Haltung Deutschlands. Die Urteile der Presse gehen, der politischen Richtung der Blätter entsprechend, weit auseinander, während ,, Manchester Guardian"," Westminster Gazette" und Star" die Beschüsse der Alliierten in der Reparationsfrage zum Teil scharf verurteilen, stimmen Evening Standard", Globe", Pall mall Gazette" und Evening News" den Beschlüssen der Pariser Konferenz zu. Ueber die Saltung Deutschlands herrscht Unsicherheit. Die Mehrzahl der Urteile ist jedoch auf das Wort Deutschland wird zahlen" abgestimmt.

,, Manchester Guardian" schreibt: Wir können sehr dankbar fein, daß die vom Obersten Rat beschlossenen Reparationsbedingungen niemals durchgeführt werden können, da die Ausführung der Bes dingungen ein Verbrechen gegen die Zivilisation bedeuten würde. Ein zivilisiertes Land kann nicht gezwungen werden, in solchem Umfange und über eine solche Zeitdauer Tribut zu bezahlen. Das Blatt legt ausführlich die Unmöglichkeit für Deutschland dar, der von ihm geforderten Reparation nachzukommen, und die verhäng­nisvollen Folgen für die Industrien der alliierten Länder, die eine Erfüllung der Bedingungen nach sich ziehen würde. In einem langen Artikel führt Keynes im Manchester Guardian" aus, daß eine Erfüllung der Bedingungen nicht möglich ist, und kommt zu dem Schluß, daß daher die Pariser Vorschläge nicht ernst ge meint sein könnten. Er schreibt, es sei nicht ganz klar, wie sich diese neuen Vorschläge zu dem Friedensvertrage verhalten sollten. Anscheinend heben sie den Vertrag auf und führten Elemente ein, die der Friedensvertrag nicht vorgesehen habe und verlangten daher von Deutschland die An­nahme eines neuen Vertrages. Keynes hält es für möglich, daß Lloyd George vielleicht hoffe, die Londoner Konferenz werde ihan eine Gelegenheit geben, zu erreichen, was vernünftig ist.

,, Westminster Gazette" führt aus, die Politiker hätten wahr scheinlich nur an die Gegenwart gedacht und seien der Ansicht: Nach uns die Sintflut". Der Pariser Berichts erstatter der ,, Westminster Gazette" schreibt, die auf den Bericht der Sachverständigen gegründete britische Ansicht auf der Konferenz sei dahin gegangen, daß wesentliche Reparationen nur geleistet werden können, wenn der Ausfuhrhandel Deutsch­lands entwickelt wird und Deutschland seine Waren ab­genommen werden. Die jetz beschlossenen Entschädigungen ständen jedoch dazu in einem vollkommenen Widerspruch. In den amtlichen britischen Kreisen habe man sich vollständig Rechen­schaft darüber abgelegt, daß es schwierig sein werde, die deutsche Ausfuhr auch nur zwei Jahre zu kontrollieren, da die Frage dabei auffommen müsse, welche Rolle die Neutralen und welche Rolle Amerika dabei spielen werde. Britische Kreise ver­

schlössen sich auch keineswegs der Möglichkeit der Gefahr an­dauernder Streitigkeiten über die Reparationsfrage und feien durchaus der Ansicht, daß mit den jetzigen Beschlüssen die Frage nicht erledigt ist, selbst nicht zwischen Frankreich und England. Je mehr man den Pariser Neparationsplan betrachte, um so mehr sei man davon überzeugt, daß er nicht nur ganz schlecht ist, sondern, daß er auch von denen, die ihn ausgearbeitet haben, und deren wirkliche Ansichten darüber kein Geheimnis sind, für schlecht ges halten werde.

,, Star" schreibt, alles sei jetzt geregelt, nur nicht die Regelung selbst. 42 Jahre lang müßten die Alliierten bereit sein, ihre Dividenden auf den Spigen ihrer Bajonette ein­zusammeln. Das Blatt schließt: Ist es nicht der Mühe wert, uns selbst zu fragen, welcher Reingewinn übrig bleiben würde, wenn wir am Ende der 42 Jahre die Kosten für die Bajonette von der Gesamtsumme, die wir erhalten haben, abziehen?

,, Evening Standard" schreibt: Jeht, nachdem die Frage, was wird Deutschland zahlen, und wie wird es zahlen, von den Alliierten geregelt sei, sei das Hauptinteresse auf die Haltung der deutschen Regierung gerichtet. Deutschland werde vielleicht Ge legenheit haben, auf der Londoner Konferenz am 28. Februar feine finanzielle Lage flarzulegen.

,, Globe" schreibt: Hier ist die Rechnung, und sie muß und wird bezahlt werden. Pall mall Gazette" schreibt: Die Einsicht, daß die Pariser Beschlüsse unwiderruflich seien, werde vielleicht Deutschland zugänglicher machen, besonders, wenn es Marshall Foch im Hintergrunde sehe.