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Freitag, 25. Februar 1921

Nummer 93

Morgen- Ausgabe

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Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

An die Partei!

Genoffen und Genossinnen!

Die Wahlen zum preußischen Landtag find vollzogen. The Resultat hat uns nicht überrascht; die 3ers törungsarbeit der Kommunisten hat bewirkt, was alle Anstrengungen der Feinde des Proletariats nie­mals hätten zuwege bringen fönnen: die monarchistische Reaktion ist durch die Preußenwahlen gestärkt worden. Sie fann triumphieren. Die revolutionäre Arbeiterschaft ist geschwächt worden. Große Teile der Arbeiterschaft haben fich abseits gestellt.

Der Termin der preußischen Wahlen war für die U. S. P. D. besonders ungünstig. Nach der Spaltung der Partei hatten wir unsere Organisationen noch nicht völlig wieder aufbauen, unsere Presse noch nicht wieder auf die alte Höhe bringen fönnen. Wir hatten gegen uns die geschlossene reattionäre Masse der Bour geoisie mit ihren unerschöpflichen Geld= quellen. Wir hatten gegen uns die alte sozialdemokras tische Partei, die immer noch von Millionen deutscher Arbeiter für eine wirkliche sozialistische Partei gehalten wird. Wir hatten gegen uns die Kommunistische Partei, die ihren Kampf vornehmlich gegen uns und nicht gegen die Bourgeoisie richtete. So wurden wir von allen Seiten berannt. Wenn wir trotzdem über eine Million Wähler und Wählerinnen in Preußen mustern fonnten, so zeigt das, daß weite Teile des Pros letariats zu uns halten. Wir stehen fest, trotz aller Stürme, die uns umbrausen.

Wir sind die alten geblieben, die wäh rend des Krieges mit revolutionärer Zat den Krieg befämpften. Wir sind dieselben ges blieben, die planmäßig und zielbewußt unter den Schreden des Krieges die Revolution vorbereiteten. Wir sind die Soldaten der Revolution, die in allen revolu­tionären Kämpfen der lezten Jahre an erster Stelle standen und Leben und Blut für den revolutionären Sozialismus opferten. Für die sozialistische Revolution tämpfen wir auch weiter.

Nach wie vor gilt unser Kampf der Bourgeoisie. Getreu unserem Leipziger Attionsprogramm sehen wir auch weiter. hin als geschichtliche Aufgabe der u. S. P. D. an, dem revolutionären Proletariat in seinem Kampf für den Sozialismus Führerin und Bannerträgerin zu sein.

Deshalb führen wir den Hauptstoß gegen die bürgerlichen Parteien und bekämpfen aufs schärffte den Reformismus ber Rechtss fozialiken. Der Zustrom noch nicht lassenbewußter Wähler in die Reihen der S. P. D. veranlaßt dieje Partei zu immer größerem Entgegenkommen an die bürgerlichen Parteien. Schon sehen wir, daß sich in dieser Jozial­demokratischen" Partei die Neigung zeigt für eine Koalis

Berlin, den 24. Februar 1921.

tion nicht nur mit den Demokraten und dem Zentrum, fondern auch mit der monarchistischen Stinnes:

Partei. Die S. P. D. entwidelt sich nicht nach links,

sondern nach rechts. Dieser Partei, die immer weiter an der formalen Demokratie festhält, und die Dittatur des Proletariats ablehnt, dieser Partei, die sich immer mehr von den bürgerlichen Parteien umstriden läßt, dieser in immer höherem Maße verbürgerlichten Partei darf ein tlajsenbewußtes Proletariat kein Vertrauen entgegen­tlassenbewußtes Proletariat fein Vertrauen entgegen bringen. Die Arbeiter aber, welche immer noch in den Reihen der S. P. D. fämpfen, müssen wir aufklären und für uns gewinnen.

Von den Kommunisten trennt uns, daß sie mit täglich wechselnden Parolen putschistische Bewegungen entsachen, die einheitliche revolutionäre Aktion zur Durch­führung des Sozialismus dadurch aber nur stören. Sie haben völlig abhängig von Moskau für die Möglich feiten des in Deutschland zu führenden Klassentampfes teinen Blid mehr und verleiten ohne Rücksicht auf die wirts schaftlichen und politischen Verhältnisse des Augenblics das Proletariat zu Aktionen, die von vornherein aussichtslos Proletariat zu Aktionen, die von vornherein aussichtslos sind und nur mit blutigen Niederlagen der Ar­beiterschaft enden können.

Parteigenossen und Genossinnen! Neue Kämpfe und schwere Kämpfe stehen uns bevor. Benutzen wir die Atem­pause des Augenblids zur Arbeit für den revolutionären Sozialismus, für die U. S. P. D.!

Es gilt, jeht vor allem unablässig zu arbeiten für den Wiederaufbau und Ausbau unserer Parteis organisationen, für die Ausbreitung un ferer Parteipresse. Im fleinsten Ort müssen wir aftionsbereite Organisationen schaffen. Bis in die letzte Sütte müssen unsere Parteiblätter bringen.

Es gilt, in alle Machtpofitionen der Bourgeoisie eins zubringen. In Gemeinde, Kreis, Provinz, Staat und Reich müssen unsere Vertreter im Sinne unseres Programms für das Proletariat arbeiten.

Es gilt, in den gewerkschaftlichen und ge nossenschaftlichen Organisationen für die Ideen unserer Partei zu wirken und diese Organisationen Ideen unserer Partei zu wirken und diese Organisationen vor der 3ertrümmerung zu schügen.

Es gilt, der kapitalistischen Berelendung und Ber fflanung der Arbeiterschaft mit aller Kraft entgegens zuwirken.

Es gilt, die monarchistische Reaktion auf allen Gebieten des staatlichen Lebens zu bekämpfen.

der U. S. P. D. zu sammeln, um endlich den Sozialismus Es gilt, alle Kräfte des Proletariats unter den Fahnen zu erkämpfen.

Es lebe der revolutionäre Sozialismus! Es lebe die U. S. P. D.!

Das Zentralkomitee der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Die deutsche Delegation für London runs amtlich die Entscheidung der amerikaniſten Regierung

Diese sind:

bekanntgegeben hat, die amerikanischen Besagungstruppen am war bis gestern abend feine ähnliche Notifikation eingetroffen.

Die Orientkonferenz

EE. London, 24. Februar.

Die zur Londoner Konferenz fahrende deutsche De Rhein abzurufen. Im Ministerium des Aeußern in Paris legation wird aus dem Reichsminister des Aeußern Dr. Si mons und 7 beigeordneten Delegierten bestehen. vom Auswärtigen Amt die Ministerialdirektoren Dr. Goep pert und von Simson, vom Reichsfinanzministerium die Staatssekretäre Dr. Schröder und Dr. Bergmann, vom Reichsministerium des Innern Staatssekretär Dr. Lewald, vom Reichswehrministerium General von Seedt und Reichswirtschaftsministerium Suire. Außerdem werden die Delegation etwa 25 höhere Bes Ministerialdirektor von amte der beteiligten Reichsrefforts, sowie ein Sondervertreter Breukens und Bayerns begleiten. Das Bureau der Delegation besteht aus etwa 20 Personen.

Die deutschen Gegenvorschläge

vom

Le

In den Ausschüssen der Sachverständigen ist eine Eins timmigkeit für die deutschen Gegenvorschläge nicht erzielt worden. Doch wird heute und morgen die Reichs­regierung endgültig die Gegenvorschläge beschließen, fie dann nochmals dem Sachverständigen- Ausschuß vorlegen und am Sonnabend den Ausschuß des Reichstages und die Vertreter der Parteien in die Gedankengänge der deutschen Gegenvorschläge einweihen.

Der Abzug der Amerikaner

In den letzten Tagen fursierten widersprechende Gerüchte über Die Abberujung der amerikanischen Truppen aus dem besetzten Rheinland. Runmehr wird aus Brüssel gemeldet, daß die ameritanische Regierung gestern der belgischen Regie:

Die heutige Sigung der Londoner Konferenz begann angesichts des Umstandes, daß der Großwefir Tevit Pasch) a bettlägerig ist, mit einer Rede Oman Nizami Paschas. Er sprach über Die Frage von Smyrna und Thrazien. Die Dardanellen­Frage tam nicht zur Sprache. Um 11 Uhr 50 Minuten verließ die türkische Abordnung den Sigungssaal. Um 1 Uhr wurde die Sigung unterbrochen, nachdem der griechische Ministerpräsident Kalageropulos die von der türkischen Abordnung vorgeleg. ten ethnographischen Staftifen zur Kenntnis genommen hatte. Kalageropulos wurde eingeladen, am Nachmittag in der ethno­hält. Die von der Türkei vorgelegten Statistiten über Thrazien, graphischen Frage jene 3iffern bekanntzugeben, die er für richtig zösischen Ursprung. die europäische und die asiatische Türkei haben vollkommen fran­

tausch, Der am 19. Februar in Sofia tattgefundengut Deutsch- bulgarische Wirtschaftsbeziehungen. Durch Notenaus haben sich Deutschland und Bulgarien zunächst bis zum 9. Auguft 1921 gegenseitig das Recht der meist begünstigung in allen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zugestanden. Dement Sprechend find die bulgarischen Zollbehörden bereits am 21. Fe bruar telegraphisch angewiesen worden, nunmehr deutsche Waren begünstigte zu behandeln. Die Ursprungszeugnisse tonnen wahl. Borlegung ordnungsmäßiger Ursprungszeugnisse als meist meise von deutschen Handelstammern oder Zollamtern und von

ben bulgarischen Konsulaten in Deutschland ausgestellt werden.

Seltsame Regierungskunst

Der Minister des Auswärtigen, Dr. Simons, hat gestern vormittag seine rednerische Rundreise durch Deutsch land, die der Bekämpfung der Ententeforderungen dienen sollte, mit einem Vortrage im Reichswirtschafts. tat beendet. Daß er sich diese belanglose Körperschaft aus­Körperschaft, die sich anmaßt, eine ,, Rammer der Arbeit zu sein und doch nichts anderes ist als eine Interessenvertre tung des deutschen Unternehmertums, das fennzeichnet den Geist, der durch unsere Regierungsstuben weht.

gesucht hat, um seinen Schlußeffeft anzubringen, diese

Es verlohnt nicht, auf die Ausführungen des Außenministers, soweit sie die wirtschaftlichen Fragen betreffen, bei dieser Ge legenheit des Näheren einzugehen. Die Rede brachte nur Wiederholungen des alten Themas, daß die Ausführungen der Beschlüsse undurchführbar seien und die Verfilavung des deutschen Voltes zur Folge haben müßten. Positives über die deutschen Gegenvorschläge hörte man nicht; wir erfahren nur, daß die Sachverständigen noch nicht einig sind, daß das Kabinett sich noch einmal damit befassen werde, und daß am nächsten Sonnabend vor dem Ausschuß des Reichstates und vor Bertretern der Parteien des Reichs­tages nähere Mitteilung darüber gemacht werben sollen. Er schloß daran den üblichen Appell zur Einheit des ganzen Voltes und die Mahnung, der hohen Regierung ruhig zu vertrauen.

Man wird begreifen, daß die Sachverständigen der Regierung sich bisher über die Gegenvorschläge nicht einigen fonnten. Was die Regierung sich da als Sachverständige herausgesucht hat, sind bis auf einen oder zwei Konzessions­schulzen nur Vertreter des Großfapitals und der Hochfinanz. Das arbeitende Bolt, das alle Werte Ichaffende Proletariat, hat mit diesen Sachverständigen, die lediglich die fapitalistis schen Interessen zu schützen versuchen, nichts zu tun. Dess halb ist es ein wenig viel verlangt, daß die Arbeiterklasse diese Regierung und ihre Sachverständigen auf ihrem Gange nach London mit blindem Bertrauen und in holder Ein­tracht begleiten solle. Um es bei dieser Gelegenheit noch einmal furz und deutlich zu sagen, so erkennt das deutsche Proletariat wohl die Verpflichtung Deutschlands an, die von den früheren Machthabern verursachten Kriegsschäden, soweit irgendmöglich, wieder gutzumachen, lehnt es aber unbedingt ab, für das deutsche Kapital, das die Hauptschuld am Kriege und seinen Folgen trägt, die Kastanien aus dem Feuer zu holen, und es verlangt, daß die Lasten des Wiederaufbaues den Hauptschuldi. gen auferlegt werden. Das nationalistische Gerede von der Versklavung der Arbeiterklasse, wenn die Forderungen der Entente Wirklichkeit werden sollten, fann uns deshalb nicht schrecken, weil die Verstiavung des deutschen Proletariats dieselbe bleibt, ganz gleich, ob fie vom deutschen oder vom Ententefapital ausgeht.

Der Außenminister hat sich gestern aber auch noch auf das rein politische Gebiet begeben. Er nahm Bezug auf die Notiz der Deutschen Allgemeinen Zeitung" pom Donnerstag früh, worin in geheimnisvoller Weise von einem fleinen Kreis politisch furzsichtiger Phantasten gesprochen wurde, die während der Lon­boner Verhandlungen eine Aktion unternehmen wollten. Herr Dr. Simons nahm diese Notiz zum Anlaß, um vor unbedachten politischen Abenteuern zu warnen und die Drohung daran zu knüpfen, daß er das seinige in der Regierung tun werde, um jeden Versuch eines Putsches unnachfichtlich niederzuschlagen. Man fönnte geneigt sein, diese Notiz und ihre Erwähnung durch Herrn Dr. Simons für ein Spiel mit verteilten Rollen zu halten, wenn die Sache nicht doch einen sehr ernsten Hintergrund hätte. Es steht außer Zweifel, daß die Deuts sche Allgemeine Zeitung" Don Herrn Stinnes inspiriert worden ist und daß sie besonders außer halb Deutschlands Eindrud machen soll. Man will aufs neue versuchen, nicht nur in der Entwaffnungsfrage Konzessionen zu erreichen, sondern man glaubt offenbar, auf diese Weise auch bei der Behandlung der wirtschafts lichen Fragen günstigere Bedingungen für das Kapital herauszuschlagen.

Daß aber in den rechtsstehenden Kreisen lebhaft für eine Attion gerüstet wird, steht ebenso außer allem Zweifel. Was aber tut die Regierung, um den Gefahren eines Rechtsputsches zu begegnen? Gie beschränkt sich auf einige Drohungen, die in ihrer Wirkung auf das Aus­land eingestellt sind, läßt aber im übrigen den Reaktionären vollkommen freie Hand. In Bayern fiehen 400 000 Einwohnerwehrgardisten wohlgerüstet zum Los schlagen bereit. Die Reichsregierung sieht diesem gefähr lichen Treiben zu, ohne mit der Wimper zu zuden. Die Orgesch darf sich ruhig weiter ausbreiten, die Güter der Großagrarier behalten nach wie vor ihre Waffen­arsenale.

Wieweit die Junkerfrechheit bereits geht, das fonnte man aus der gestrigen Abendausgabe der Deutschen Tages­zeitung" erkennen. An der Spike des Blattes wird ein Aufruf des Freiherrn von Wangenheim ver öffentlicht, worin in denselben Zonen wie vor den Rappe tagen offene Drohungen gegen die Regierung ausgestoßen werden. Der Freiherr fordert die staatserhaltenden Bare