Einzelpreis 20 Pfg. 4. Jahrgang
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Sonnabend, 19. März 1921
Nummer 132
Abend- Ausgabe
Ste achtgefsaftene Monpareilleselle oder beren Raum koftet 5,-. einschließlich Tenerungszuschlag. Kleine Anzeigen: Das fettgedruckte Wort 2,-., jebes weiters Wort 1,50. einschließlich Teuerungszuschlag. Laufende Anzeigen laut Tarif. Familien- Anzeigen und Stellen- Gesuche 3,20 m. netto pro Beile. Stellen- Gefucha in Wort- Anzeigen: das fettgedruckte Wort 1,50 M., jedes weitere Wort 1,- e Gernspreayer: Zentrum Nr. 15230-152 39
greibeir
Berliner Organ
der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Ruhe in Oberschlesien
Am Vorabend der Abstimmung nicht recht, welche Barole eigentlich die richtige ist, ob die auf
Drahtmeldung unseres Rorrespondenten
Rattewig, 18. März."
Es ist anzunehmen, daß die Abstimmung und der Abstimmungstag felbst ruhig verlaufen werden, abgesehen von fleineren 3wi schenfällen, die bei der nationalen Berhekung der Voltsteile unnermeidlich sind. Sowohl von deutscher wie von polnischer Seite wird versichert, daß alles geschehen solle, um die Abstimmung por jebem Terror zu bewahren. Allerdings veröffentlichen beide Seiten fortwährend Notizen und Artikel, durch die der Beweis erbracht werden soll, daß stets die andere Seite der Unruheftifter jei. Den Bolen sollen Dokumente in die Hände gekommen sein, aus benen hervorgehen soll, daß die Deutschen einen vollständigen Blan zum Angriff auf die voraussichtlich vorwiegend pol wisch abstimmenden Gebiete bereit hätten. Der deutsche PlebiszitCommissar Dr. Luta sched bestreitet entschieden, daß die deutsche Drganisation jemals derartige Pläne entworfen habe. Umgekehrt foll es auch polnische Pläne dieser Art geben, nach denen Ober lesien gewaltsam von den Polen besett merden fode, wenn die Abstimmung zugunsten Deutschlands ausgehen pürde. Man fann annehmen, daß alle Dokumente dieser Art gefälscht und auf Bestellung vorgerichtet find. Den Anreiz bazu bieten die hohen Belohnungen, die von beiden Seiten aus: gefegt werden, um den Schandtaten der Gegner auf die Spur zu tommen. Auf jeden Fall muß dringend davor gewarnt werden, ten Gerüchten über bevorstehende Unruhen und Störung des Ab Rimmungsaties Glauben zu denken,
Man muß anerkennen, daß die Maßnahmen der interalliferten Kommission zum Schuße der Abstimmung mit möglichster Objet tivität angeordnet und durchgeführt werden. Es sind bedeutende Truppenverstärtungen in Oberschlesien eingetroffen, und wenn auch nicht jedes fleinste Dorf mit Soldaten belegt werden fann, fo dürfte das Truppenaufgebot doch genügen, um die geordnete Ab jtimmung ficherzustellen. Es ist freilich tein Zeichen besonderer politijcher Reife, wenn ein demokrati, cher Att wie die Abstimmung nom Militarismus beschützt werden muß. Es ist nirgends zu be ohachten, daß die alliierten Soldaten einen Unterschied zwischen ber deutsch und polnisch sprechenden Bevölkerung machen. Es ist zu verstehen, daß einzelne Mannschaften nicht besonders höflich gegen das Bublifum find, aber es ist falsch, zu behaupten, daß hierbei die Deutschen schlechter fortkommen, als die Polen. Auch die Franzosen bemühen sich, bei aller Sympathie für die Bolen, feinen Unterschied in der Behandlung der Bevölterung aufkommen au laffen.
Unter den Kommunisten herrscht, so gering thre Zahl auch im allgemeinen ist, doch die größte Verwirrung. Man weiß
Stimmenthaltung oder die auf Stimmenabgabe für Sowjetrußland. Aber ein Teil ihrer Leute fümmert sich um beide Parolen nicht, sondern fordert seine Gesinnungsgenossen auf, für Deutsch land zu stimmen. Die oberschlesische„ Rote Fahne" hat alle Hände voll zu tun, um diese Abtrünnigen als bezahlte Spigel und gekaufte Elemente zu beschimpfen. Dabei sind es nicht die schlechtesten Leute, die die Barolennarretei nicht mitmachen, sondern sich der Stellungnahme der U. S. P. anschließen.
Die polnische Presse veröffentlicht einen neuen Aufruf, in dem den Abstimmenden versprochen wird, daß ihnen Polen Freiheit“,„ Glüd", und Wohlstand" sichern werde.„ Am Sonntag werden endlich unsere Ketten fallen." Wir werden in das Land der Freiheit eingehen. Unterschrieben ist der Aufruf vom polnischen Plebiszitkommissar Dr. Korfanty, non der Nationalen Arbeiterpartei, von der Christlichen Boltsvereinis gung für Oberschlesien, von der Schlesischen Volkspartet und schließlich von der Polnischen Sozialistischen Partei ( P. P. S.), unterzeichnet Josef Binisziewicz
Die B. P. S. marschiert also gemeinsam mit den bürgerlichen Parteien, den schlimmsten Feinden der Arbeiterklasse, ins Land der Freiheit"! Der Aufruf ist vom 17. März gezeichnet. Noch am Bormittag dieses Tages hat Binisziewicz in einer Unterredung mit dem Korrespondenten der Freiheit" die bishe rigen nationalistischen Ausschreitungen seiner Partei bedauert und weiter beteuert, daß er und seine oberschlesischen Freunde nichts damit zu tun hätten. Man sieht nun, was von diesen Versicherungen zu halten ist. Diese Sozialisten wollen in traus tem Berein mit den Bertretern der polnischen Reaktion die Ar beiter zuz Freiheit, zu Glück und anderen schönen Dingen diefer Art geleiten. Wadere Klassenfämpfer!
Ein französischer Prügelheld Drahtmelbung injeres forrespondenten
Kattowig, 19. März.
Ein bebauerficher Zwischenfall hat sich gestern hier zugetragen. Der Vertreter der„ Bossischen Zeitung", Dr. Manfred Georg, wurde am frühen Morgen bem französischen Militärkommandan ten vorgeführt. Die Veranlassung dazu bot eine Notiz über eine Beranstaltung ber heimatstreuen Oberschlesier, die von den Polen gewaltsam gestört worden sein soll, und durch die sich der Kommandant verlegt fühlte. Der französische Offizier beleidigte erst den Pressevertreter und schlug ihn mit der Hand ins Gesicht. Die hier anwesenden Vertreter der deutschen Presse haben in einem Telegramm an die interalliierte Kommission Protest eingelegt und Genugtuung für die Verlegung der Pressefreiheit gefordert. Das gleiche Verlangen ist an die Reichsregierung gerichtet worden.
Der russisch- polnische Friedensvertrag werben. Da die Wiederguimachungskommiffion die bisherigen
unterzeichnet
Utb.- Tel. Riga, 18. März Der zuffisch- polnihe Friedensvertrag wurde heute abend 10 Uhr unterzeichnet. Der Vertrag enthält 26 Paragraphen. Danach bleibt die in den Waffenstillstands- Berhandlungen feftSefette Demartationslinie nunmehr als Grenz: zwischen Ruhland und Bolen bestehen, nur in den Gebieten von Minst und Bollesje rehält Polen noch insgesamt dreitausend Quadrat. Lilometer Land. Der Vertrag sieht eine Ridgabe aller Kul turwerte und Kunstgegenstände, die seit dem Jahre 1772 dem pol nischen Besitz entnommen worden find, an Polen vor. Außer dem. erhält Polen dreißig Millionen in Gold and, wird von der Verpflichtung befreit, für die Schulden der früheren russis ihen Regierungen anteilsweise aufzufommen.
Die Widersprüche des Versailler Bertrages Neuer Kommentar zu den 20 Milliarden Goldmark EE. Paris, 19. März
Die Note der Wiedergutmachungstommission an die deutsche Sieglerung, dah bis zum 1. Mai der noch verbleibende Rest von den 20 Milliarden in zahlen ist, erfährt durch diese Kommission einen neuen Kommentar, worin erklärt wird, daß die Bestimmungen des Artifels 235 mit jenen des Artifels 12, Anhang 2 in Verbindung steht. Der Artitel 235 enthält imperative ( bindende) Vorschriften. Wenn Artikel 12, Anhang 2 ausführt, bas Deutschland seine zinslosen Bons durch neue zinstragende Bons austausche, jo besteht darin fein Widerspruch. Der Ars titel 235 hat unbedingt durchgeführt zu werden. Mit dieser Auslegung ist der Matin" nicht einverstanden. Gr erflärt, daß allerdings der Artifel 235 in imperativer Form beftimme, daß Deutschland 20 Milliarden Goldmart vor dem Mai 1921 zu bezahlen hat. Andererseits erklärt Artikel 12, finhang 2, daß die von den Deutschen übergebenen Bons von 20 Milliarden Goldmart im Falle sie am 1. Mai nicht amortisiert mazes, rene Bans, bie Zinjen tragen müssen, ersekt
Leistungen Deutschlands auf acht Milliarden Goldmark berechnet, von denen drei Milliarden auf das Wiedergutmachungskonto zu buchen find, so hätte Deutschland am 1. Mai 1921 für 17 Milliarden neue Bons auszugeben. Die Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages ständen offensichtlich im Widerspruch miteinander und Deutschland mache offensichtlich alles, um aus den Nachlässigkeiten der Abfassung des Friedensvertrages seine Borteile zu ziehen.
Die 50 prozentige Ausfuhrabgabe Annahme der englischen Gesetzesvorlage im Unterhaus SR. London, 19. März. Das Unterhaus hat die Gesetzesvorlage über die 50pros zentige Ausfuhrabgabe auf deutsche Waren in dritter Lesung mit 132 gegen 15 Stimmen angenommen. Das Geset tritt am 31. März in Kraft. Güter, über die ein Bertrag bis zum 18. März abgeschlossen war, dürfen bis zum 15. April eingeführt werden, und unterliegen nicht der Abgabepflicht.
Der belgische Gesetzentwurf
Die Gesetzesvorlage über die 50prozentige Abgabe auf deutsche Waren wird am Dienstag in der belgischen Kammer eingereicht werden.
18 monatige Militärdienstzeit in Frankreich
Paris, 18. März. Nach einer Havasmeldung hat der Seeresau schuß der Kammer die achtzehn monatige Dienstzeit für die Jahres.lasse 1922 und für die folgenden Jahresklassen ohne Berücksichti gung der von der Regierung gemachten Vorbehalte angenom men und die Dienstzeit für die Jahrestlassen 1920 und 1921 auf zwei Jahre festgesetzt. Auf Antrag des Generalberichterstatters hat der Ausschuß dem Rekrutierungsgesetz einen Artikel hinzugefügt, ber bestimmt, daß nach Einstellung der Jahresklasse 1925 ber Kriegsminister dem Parlament einen Bericht zugehen lassen soll, ab es möglich sei, von 1926 an die Dienstzeit des attiven Seeres auf eine noch fürzere Frist als achtzehn Monate einzuschränten
Die Tragödie des ungarischen Nationalbolschewismus
Von Jultus Braunthal, Wien
Im Auftrage der sozialdemokratischen Emigranten haben die gewesenen Volkskommissare, Wilhelm Böhm, Alexander Garbai, Siegmund Kunfi und Zoltan Rona i der Internationalen sozialistischen Konferenz in Wien eine Denkschrift über die Rolle der ungarischen sozialdemokratis schen Partei in der Räteregierung überreicht. Es ist das erste sozialdemokratische Dokument über das Wer den und den Niedergang der ungarischen Kommune. Wäh rend die kommunistischen Emigranten- mit der einzigen, rühmlichen Ausnahme Barga's, der sich mit wissenschafts lichem Ernste und Vorurteilslosigkeit bemüht hatte, die ökonomischen Erfahrungen der proletarischen Diftatur zu sich ten die Welt mit ihren üblen Schmähschriften über den Verrat" ihrer sozialdemokratischen Kampfgenossen, die treu und ehrlich im aussichtslosen Kampfe ausgeharrt hatten, überschwemmten, erachteten die sozialdemokratischen Emis granten es als ihre vornehmste proletarische Pflicht, hre. ganzen Kräfte dem Kampfe wider den weißen Schrecken der Konterrevolution zu widmen.
Die
Was beispielsweise der bestgehaßteste und vielverleumdete Siegmund Kunfi zur Organisierung des internationalen Widerstandes des Proletariats, ja, der ganzen Kulturwelt gegen Horty- Ungarn in unermüdlicher, unbeirrbarer, zäher Arbeit beigetragen hat, sichert ihm mit Recht die Anerken nung der sozialistischen Arbeiterschaft aller Länder. Denischrift, in der nun zum erstenmale die ungarischen Sos zialdemokraten die historische Verantwortlichkeit für den Busammenbruch der Rätebittatur feststellen, lehnt es mit würdevoller Zurüdhaltung ab, an das tommunistische Lü gengewebe, das ihre proletarische Ehre zu verdunkeln bee müht ist, mit der fritischen Sonde heranzutreten. Sie bes gnügt sich mit der Darstellung ber ökonomischen, sozialen, nationalen und massenpsychologischen Triebfräfte, die das Werden und Vergehen der Rätediftatur verursacht haben.
Ungarn war bis zum Oftober 1918 das einzige Land Europas, einschließlich der Türkei, in der die Arbeiterklasse völlig machtlos war, weder Anteil an der Volksvertretung hatte, noch selbst ein Koalitionsrecht besaß. Bis zur Revo lution hatte die Arbeiterklasse weder im Parlament, noch in einer der vielen tausenden Gemeinden einen Vertreter; es bestand außer den Gewerkschaften nicht einmal eine polis tische Arbeiterpartei, die zwanzigmillionenföpfige Bevölfe. rung des Landes konnte nur durch eine einzige sozialistische Tageszeitung beeinflußt werden. Es leuchtet ein, daß die Arbeiterklasse für ihre riesengroße Aufgabe, die ihr die Res volution stellte, geistig und organisatorisch nur ungenügend gerüstet war.
Dez
Es tam der Zusammenbruch der Adelsherrschaft. Bolfszorn fegte die feudalen und bürgerlichen Parteien, die bisher eine grausame Klassenherrschaft ausgeübt hatten, in Sturme hinweg. Der Arbeiterklasse fiel die Macht tampflos zu; sie, die Trägerin der Heilsbotschaft des Sozialismus, wurde zur selbstverständlichen Ffthrerin der Revolution. Die Revolution hatte drei Aufgaben zu lösen: politisch, die Aufrichtung einer demokratischen Republit, national, die Scheidung der nichtmagyarischen von der magyarischen Ration, sozial, die Abschaffung der feudalen Grundbe fizer. Da aber die industrielle Arbeiterschaft die Revolu tion trug und führte, versuchte sie auch, so viel die Umstände gestatteten, an sozialistischen Gedanken zu verwirklichen. Was in den wenigen Monaten wirklich geschaffen wurde, ist gewaltig, an den Zuständen gemessen, die vor der Revolu tion in Ungarn herrschten. Die politische Revolution wurde restlos durchgeführt, die Verfassung und Verwaltung des Staates auf breite, demokratische Grundlagen gestellt, die faiserliche Armee völlig zerstört und eine proletarische Wehr macht geschaffen, eine sozialistische Schul- und Kulturpolitik eingeleitet.
taft zum Sozialismus, aber feineswegs seine Berwirklichung. Aber das alles war wohl Voraussetzung und erster Aufs Denn trotzdem die Arbeiterklasse unumschränkt im Staate herrschte, konnte sie es nicht hindern, daß sich ihre wirtschaftliche Lage verschlechterte. Die getreidereichen Gebiete gin gen bei der Aufteilung des Landes an die Nachfolgerstaaten verloren, Industrie und Handel lagen infolge der allgemeinen Weltfrise und der besonderen Wirtschaftsnot aller ehemaligen Staaten der Donaumonarchie darnieder, die Zahl der Arbeitslosen war riesengroß und in stetem Wachs tum, das Brot wurde knapper. Aber die Maßen hatten h gerade von der Herrschaft der Sozialdemokratie eine erheb liche Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage ergofft. Sie glaubten, daß die Herrschaft der Sozialdemokratie, als die Bürgschaft der von Wilson geforderten Demokratie, dem Lande auch einen„ gerechten" Frieden bringen werde, der ihre nationalen Empfindungen nicht verlege. Indes auch das Waffenstillstandsdiktat war grausam und hart und ent flammte die nationale Empörung. Die Bayern hatten von der sozialdemokratischen Regierung die Aufteilung des Großgrundbeßiges gefordert. Diese aber wollte zumindest die Agrarreform gemäß den sozialistischen Grundsätzen lö fen: also nicht Aufteilung, sondern Vergesell igaftlichung des Bodens. Das vermochten bie