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Montag, 13. Juni 1921
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Nummer 270
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Abend- Ausgabe
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Berliner Organ
der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Poehner provoziert weiter
Die Lage in Bayern
Der Generalftreit in Bayern hat sich noch weiter ans gedehnt. Auch Nürnberg ist in den Generalstreit ge treten, ebenso Coburg. Sier ruht die Arbeit in allen Betrieben. Straßenbahn, Gas, Elektrizitäts- und Wasserwerte liegen still; die Zeitungen sind nicht erschienen. In München hat der Polizeipräsident Boehner immer noch nichts unternommen, um die Spuren der Mordtat aufzus deden. Sein ganzer Beamtenstab ist auf den Beinen, um Jagd auf Flugblattverbreiter zu machen. Die Münchener Polizei will anscheinend dem Mörder Gelegenheit geben, zu verschwinden, und auch seinen Auftraggebern genügend Zeit laffen, alles verdächtige Material beiseite zu bringen. So lange dieser Boehner noch Polizeipräsident von München ist, wird der Mörder des Genossen Gareis nicht gefunden werden. Die Münchener Arbeiter wollten sich heute nachmittag auf der Theresienwiese versammeln und nach dem Ost friedhof ziehen, wo die Beerdigung des Genossen Gareis stattfindet. Die Polizei hat den Trauerumzug verboten, die Flugblätter, die dazu aufforderten, beschlagnahmen lassen. Auch die sieben Versammlungen in den größten Sälen Münchens sollen nach dem Willen Boehners nicht statt finden. Durch grelle Platate tündete der Mann, der längst ein Objekt der Staatsanwaltschaft sein müßte, immer wieder an, daß er gewillt sei, jede Demonstration mit allen verfügbaren Mitteln nieber zuschlagen.
Alle Montagskundgebungen in München verboten TU. München, 13. Juni.
In einem am Sonntag verbretteten und von der Polizeidiret tion nicht genehmigten Flugblatt der sozialistischen und frei gewerkschaftlichen Organisationen waren die Streifenden aufge fordert worden, am Montag vormittag 11 Uhr in den größten Sälen Münchens zu Bersammlungen und nachmittags 2 Uhr auf der Theresienwiese zur Aufstellung eines Trauerzuges zu erscheinen, der sich durch die Stadt zum Friedhof bewegen sollte. Der Staatskommissar, Polizeipräsident Boehner, hat diese Ber anstaltungen verboten und durch Anschläge in der Stadt die Bes völkerung bringend vor der Teilnahme an den Veranstaltungen gewarnt, da mit allen verfügbaren Mitteln gegen die Nichtbeachs tung des Verbotes eingeschritten werde. Die Schußpolizei ist in Bereitschaft, die Polizeimachen sind verstärkt.
Der Streiksonntag in München Drahtmeldung unseres Rorrespondenten München, 18. Juni
Der Streiffonntag in München ist im allgemeinen ruhig ver laufen. Die bürgerliche Presse brachte ein gemeinsames Blatt heraus, in dem sie gegen die Generalstreifidee Sturm läuft. Das Extrablatt schreibt: Der Generalstreit ist inzwischen völlig entartet und schwer mißbraucht worden. Man hat das Recht, Don einer Serabwürdigung anständiger Gefühle zu sprechen und alle Streifenden darauf aufmerksam zu machen, was sie wissen follen, ob sie sich bewußt zum Wertzeug von Plänen machen lassen, von denen beim Ausbruch des Streifs teine Rede war."
Dieses Extrablatt der bürgerlichen Presse und das Verbot der Polizeibirettion, die angefündigten Montagsvers sammlungen und den Trauerzug abzuhalten, haben eine starke Er regung in der Arbeiterschaft ausgelöst. Zu Ausschreitungen ist es aber nirgends gekommen. Das Streitbild in München war durch die Sonntäglichkeit des Stadtbildes wesentlich verwischt, es verkehrten ein Teil der Straßenbahnen, ebenso war ein Teil der Gaststätten und Hotels geöffnet. Die Einheitlichkeit der Streifleitung tonnte im allgemeinen aufrecht erhalten werden. Am Sonntag vormittag erklärten allerdings die Kommunisten, daß sie weiterhin mit der politischen Streifleitung nicht zu jammenarbeiten fönnten, weil die Sozialdemokratie die Ges schlossenheit der Bewegung durch ihr ständiges Nachgeben gegenüber der Polizeidirektion gefährde. Abends um 9 Uhr jedoch erflärten sie sich wieder bereit, in die Streifleitung einzu
treten.
Auf das Verbot der für Montag angefündigten Veranstaltungen durch die Polizeibirettion versuchte die Streifleitung, abends 6 Uhr beim Ministerpräsidenten Kahr vorzusprechen. Derselbe
ließ fich verleugnen. Daraufhin begaben sie sich zum Polizeipräft benten Boehner. Dieser äußerte, er wäre durch das Pronramm Don Massen versammlungen und einer Trauerfundgebung überrascht worden. Der Generalitzeit sei seiner Ansicht nach nicht notwendig gewesen. Der Impuls der Massen war nach seiner Meinung nicht vorhanden. Das Verbot sollte den Arbeitern, die gegen den Streit seien, das Rüdgrat steifen. Seine Handlungsweise würde vollkommen gededt durch das Ministerium des Innern und die Staatsregierung. Boehner habe tein Bedürf nis nach einer Neuauflage von Eisners Begräbnis.
Hierauf machte ihm Genosse Unterleitner auf die ungeheure ernste Lage und die Erbitterung aufmerksam, welche die Arbeiters schaft nach Bekanntwerden des Verbotes ergriffen hat. Er er suchte ihn, in irgendeiner Form eine Berichtigung des erlassenen Verbotes im Interesse der Gesamtbevölkerung Münchens vorzu nehmen. Die Sigung verlief resultatios.
Karl Gareis
Unser Genosse Gareis wird heute in München beerbigt. Die Berliner Arbeiterschaft demonstriert fast um dieselbe Stunde im Zentrum der Stadt, um ihrem Abscheu gegen die Mordbuben und gegen ein reaktionäres Regime Ausdruck zu geben, das solche Taten hervorruft und sich mit den Tätern identifiziert, indem es die Arbeiterschaft Münchens, die in entscheidender Stunde gegen die Reaktion aufsteht, Ine belt und verfolgt. Unsere Demonstration ist ein Gelöbnis, daß wir nie vergessen werden, was Gareis uns geleistet hat, wofür er fiel und worin wir ihm nachStreben müssen. Sein Andenten wird uns in Zukunft eine Mahnung sein, gleich dem Andenken an Rosa Luxemburg,
an Liebknecht, Saafe und an alle die gefallenen Führer der Arbeiterklasse. Angesichts der Toten vereinigt sich die ge samte Arbeiterschaft gegen die Schandwirtschaft einer torrupten Gesellschaft, deren Herrschaft an dem Willen der Arbeiter zur Freiheit und zum Recht zerbrechen wird, wenn die Stunde gekommen ist. Der Mord an Gareis war Dorbereitet. Drohbriefe haben ihn angekündigt. Die Tat sollte den Auftakt bilden und die Atmosphäre Schaffen für eine große allgemeine fonterrevolutionäre Aftion. Unsere Demonstration ist das Gelöbnis- an Gareis und an die Arbeiterschaft der ganzen Welt, daß dieses Streben nie Erfolg haben wird!
Deutsch- französische
Ministerzusammenkunft
Die Verhandlungen Rathenaus mit Loucheur EE. Paris, 13. Junt.
Der„ Petit Parifien" berichtet über die gestrige Besprechung des Wiederaufbauministers Dr. Rathenau mit dem Minister Louchene in Wiesbaden. Die Unterhaltung dauerte insgesamt 6% Stunden. Zweimal versuchte Rathenau das oberschlesische Problem anzuschneiden. Er wollte darlegen, daß diese Frage wirtschaft lichen Charakter habe. Wenn das Industriegebiet von Obera Schlesien Bolen zufiele, so würde Deutschland einen Kohlenmangel gaben. Loucheur ließ sich nach dem Betit Paristen" nicht auf dieses Gebiet hinüberführen, und er erinnerte Rathenau an die Bestimmung des Versailler Friedensvertrages, der Deutschland 15 Jahre hindurch die oberschlesische Kohlenlieferung durch Polen fichere. Zudem fei dies eine politische Frage und er habe nicht die Aufgabe, über solche zu verhandeln.
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Rathenau wandte sich dann als erstem Beratungsgegenstand Der 26prozentigen Ausfuhrabgabe zu. Er fonnte noch teinen festen Borschlag auf Abänderung dieses Inder machen, doch teilte er Loucheur mit, daß er dem System von London das Pariser System vorziehen würde, bei welchem die festen Jahresraten höher wären. Außerdem wünschte Rathenau, daß das System der Schuldverschreis bung, wie es in London beschlossen wurde, durch ein anderes er Jetzt werde, wonach Deutschland selbst Anleihen auf dem Welt martt begeben tönnte. 2oucheur gab ihm zu verstehen, daß Deutschland fich nicht die Hoffnung machen dürfe, derartige An leihen würden Don den Aйtierten garantiert werden. Rathenau erörterte sodann ausführlich die Naturalleistungen, indem er darauf hinwies, daß bei der gegenwärtigen Valuta dies für Frankreich wie für Deutschland Leben und Tod sei. Loucheur wies Rathenau auf die großen Schwierigkeiten hin, die bei den Naturallieferungen zu überwinden seien. Insbesondere drang et barauf, daß derartige Lieferungen nicht im gleichen Jahre gen zahlt werden, in dem sie erfolgen, sondern wie dies bei der In buftrie allgemein üblich ist, daß die Bezahlung auf mehrere Jahre verteilt würde. Keinesfalls aber dürfe von Frank reich innerhalb eines Jahres für Lieferungen mehr bezahlt wer den, als die jährlichen Leistungen Deutschlands in Geld auss machen; denn wenn Frankreich mit barem Gelde der Bezahlung der deutschen Lieferungen nachhelfen müßte, so hätte es wenig Interesse an ihnen. Wenn dagegen die deutschen Lieferungen einen Ratenvorschuß auf die fünftige Jahreszahlung bedeuten würden, so fönnte sich Frankreich mit diesem Projekt abfinden. Loucheur fragte Rathenau, ob es nicht möglich wäre, sich gewisser Einkaufsgesellschaften als Vermittler zu bedienen, so daß Deutschland in der Lage wäre, die Zahlung auf mehrere Jahre zu ver teilen.
Die Besprechung wandte sich dann der Frage der Holzhäuser zu, wobei Loucheur darauf drang, daß der Preis für diese vermindert werde.
Einem Bertreter des Matin" in Wiesbaden gegenüber äußerte sich Loucheur selbst über die Unterredung mit Rathenau „ Wir sind auf dem Gebiet der Allgemeinheiten verblieben. Mor gen früh werden wir in die Details übergehen. Gegenwärtig lann ich nur sagen, daß ich in Rathenau, den ich zum ersten Male gesprochen habe, einen Menschen fand, der von den besten Absichten beseelt ist, und der den deutlichen Willen hat, zu bekunden, daß die Unterschrift Deutschlands von diesem respettiert werden muß. Als Geschäftsmann wird Rathenau die praktischen Mittel finden, um zum Ziele zu gelangen. Ich werde mit ihm eine neue Bes Sprechung heute nachmittag und morgen zwei weitere haben. Man muß die Erörterung der Einzelfragen abwarten, um eine volltommene Uebersicht über die möglichen Ergebnisse dieser Bes Sprechungen zu haben."
Heute wird Loucheur drei oder vier Punkte, die ihn besonders interessieren, mit Rathenau diskutieren und zwar: die Rüld erstattung des von Deutschland während des Krieges beschlag nahmten Industriematerials, worüber schon seit langem Verhand lungen mit der deutschen Regierung schweben, die Rückerstattung des Mobiliars und des Viehs und endlich die Lieferung der Holzhäuser.
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Ueber die Besprechungen am geftrigen Nachmittag äußerte fich Loucheur folgendermaßen: Ich bin von diesen Zusammenkünften mit einem Menschen, der in allgemeinen und wirtschaftlichen Problemen sehr erfahren ist und welcher ich wiederhole dies, weil ich darüber eine viel flarere Ansicht bekommen habe von den besten Absichten beseelt zu sein scheint, sehr zufrieden. Das sind sehr nugbringende, so sogar unumgänglich notwendige Bes sprechungen, um zu irgendeinem Ergebnis zu gelangen. Sie tönnen in nüzlicher Weise mit Vertretern Rathenaus in Paris fortgesetzt werden und können den Sachverständigen die besten Fingerzeige geben. Aber weiter darf man im Augenblid nicht fehen. Rathenan ist nicht, wie man hätte annehmen fönnen, mit festen Vorschlägen und einem vollständig ausgearbeiteten Plan nach Wiesbaden gekommen. Es handelt sich nur um einen Ge bantenaustausch, um weiter nichts." Der Vertreter Rathenaus, Herr Wolf, wird, wie Petit Parisien" mitteilt, in Paris die
Massen heraus zum Protest!
Heute nachm. 5 Uhr: Demonstration auf dem Schloßplatz.