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4. Jahrgang

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21. Juni 1921

Nummer 284

Abend- Ausgabe,

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greiheit

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Die Schlagwetter- Explosion bei Herne

Bis jetzt 71 Tote geborgen/ Weitere Todesopfer wahrscheinlich

Herne, 21. Juni.

Die Zahl der Todesopfer auf der Zeche Mont Cenis wächst Bon Stunde zu Stunde. Bis heute, 3 Uhr morgens, waren 71 Tote aus der Grube geborgen, außerdem find von den schwerverletzten Bergleuten sieben im Bochumer Krankens haus gestorben. Die Zahl der Verwundeten beträgt über 70. Zur Zeit der Explosion befanden sich auf der Zeche 1200 Mann. Die Bergungsarbeiten werden fortgesetzt. Man fürchtet, mit einer Gesamtzahl von 130 Toten rechnen zu müssen.

Das Unglüd, das sich gestern mittag in den Schächten I bis II der Zeche Mont Cenis in Golingen ereignete, war auf eine Kohlenstaubexplosion zurückzuführen, die einen großen Gruben­brand verursachte. Eine erdbebenartige Erschütterung erfolgte. Man vermutete sofort ein größeres Grubenunglück. Alles strömte zu dem Zecheneingang, der bald darauf von einem Aufgebot von Polizei und Gendarmerie, die durch Abteilungen der Nachbar­Städte verstärkt wurden, besetzt wurde. Vor den Zechentoren spielten sich erschütternde Szenen ab. Unaufhörlich förderte das Seil Verwundete und Tote zutage, die fast durchweg bis zur Untentlichkeit verstümmelt waren. Die Toten wurden in

Schuppen der Nachbarschächte aufgebahrt, die Verwundeten nach Anlegung von Rotverbänden in die umliegenden Krankenhäuser gebracht.

Die Explosion hatte sich auf der 5. Sohle ereignet, sie war aber so gewaltig, daß sie auch die 4. Sohle durchschlug und große Streden der unterirdischen Gänge in Brand sette. Zahlreiche Zahlreiche Bergleute befinden sich noch im Schacht, obwohl die Rettungs mannschaften der umliegenden Zechen alles daran segen, um an den eigentlichen Herd zu gelangen. Bis zum Hauptbrandherd hat man aber bisher noch nicht kommen fönnen. Es besteht auch die große Gefahr, daß noch eine zweite Explosion erfolgt.

Viele Verwundete haben durch die giftigen Nachschwaden sehr gelitten. Von den 1800 Bergleuten, die auf der Zeche waren, fonnte ein sehr großer Teil durch die rechtzeitig benachrigten um liegenden Reviere noch über Tage gefördert werden.

Die meisten Verlegten haben furchtbare Verbrennungen davon­getragen. Auch Knochenbrüche und andere durch den Explosions schlag hervorgerufene Verlegungen sind festgestellt worden. Viele Verwundete haben durch die heftigen Nachschwaden sehr gelitten. Der durch die Explosion und den Brand in der Grube angerichtete Schaden ist sehr bedeutend und wird wahrscheinlich eine längere Betriebsstörung bedingen.

Eröffnung der britischen Reichskonferenz glaube er jedoch zuversichtlich, daß sich die Welt langsam durch alle

Eine Rede Lloyd Georges

London, 20. Juni.( Reuter.)

In der heutigen ersten Sigung der britischen Reichs tonferenz, auf der die Premierminister der Dominions an­wesend waren, hielt Lloyd George eine Rede, in der er aus­führte: Die Entwaffnung Deutschlands kann als gelöstes Problem bezeichnet werden. Die deutsche Flotte ist verschwunden, ebenso die österreichische. Die deutsche Armee, die eine gewaltige Macht darstellte, und nach Millionen zählte, besteht nicht mehr. Sie ist jetzt wenig mehr als hunderttausend Mann start. Sie hatte zehntausende von Geschützen, große und fleine, und hat jetzt wenige hunderte. Sie hatte eine außerordentliche Zahl von Maschinengewehren und Grabenmörfern. Auch diese sind dahin. Sie hatte Millionen von Gewehren. Sie wurden abge­liefert. Ferner ungefähr dreißig Millionen Schuß Artilleries munition. Auch diese sind ihr genommen. Freilich bestehen noch einige Arten von irregulären Formationen, die wir noch nicht völlig erfaßt haben. Es ist nicht so sehr Preußen, das zur Beunruhigung Anlaß gibt, als Bayern. Diese Schwierigkeit wird aber, wie ich annehme, in sehr turzer Zeit überwunden sein, so daß das Problem der Entwaffnung, ein sehr vitales, weil, so­lange Deutschland eine große Armee und starte Bewaffnung hatte, teine Garantie für den Frieden bestand, verschwinden wird. Diejenigen von uns, welche wissen, wie sehr Sieg und Nieders lage auf des Messers Schneide stand, tönnen ohne Zögern erklären, daß ohne die zwei Millionen Mann, die von außerhalb des Ver einigten Königreichs tamen, das Preußentum wahrscheinlich im Westen und Often triumphiert haben würde, bevor die ameri­tanischen Truppen an der Front eintrafen. In diesem Falle würde Lord Curzon, der zurzeit mit Briand die Ausführung des Bers trages ber Sieger erörtert, jetzt darüber beraten müssen, wie die demütigenden von den triumphierenden Kriegsherren Deutschlands auferlegten Bedingungen auszuführen seien. Die Herrschaft un gezügelter Gewalt würde am Ruder sein, und die jetzige Gene­tation würde ihre Tage damit verbringen müssen, diese verhäng- i nisvolle Tatsache auf allen Gebieten der menschlichen Tätigkeit zu erdulden. Die zwanglose Einheit des britischen Reiches hat Frankreich, England und die Zivilisation vor jener Katastrophe gerettet.

3war seien die Fragen der Entwaffnung Deutsch­lands und der Reparationen gelöst, aber der Welt­frieben werde erst wieder hergestellt sein, wenn die Grenzen Bolens festständen und der Friede mit der Türkei geschlossen sei. Das erste Erfordernis für einen dauerhaften Frieden sei, daß die Unterzeichner die Verträge einhalten müßten. Freundschaftliches Zusammenwirten mit den Vereinigten Staaten sei der Haupt­grundsay Englands, das bereit sei, mit den amerikanischen Staats­männern jeden Vorschlag über eine Begrenzung der Rüstungen zu besprechen, denn England, dessen Existenz von der Seemacht abhänge, habe nur seine Sicherheit im Auge. Japan sei ein treuer Verbündeter Englands gewesen und die britische Politik tönne niemals irgendwelche Unterschiede zwischen Rasse und 3ivi­lisation, zwischen Often und Westen machen, denn dies tönnte für das Reich verhängnisvoll sein. Lloyd George erklärte zum Schluß, bas britische Reich gründe sich nicht auf die Gewalt, sondern auf den guten Willen und gemeinsames Verständnis.

Nach einer späteren Meldung erklärte Lloyd George noch in feiner Rede, mit der er die britische Reichstonferenz eröffnete, es würden Jahre vergehen, bis die Folgen des Krieges über­wunden seien. Es gäbe europäische Länder, wo die Armut und die Not furchtbar feien. Troß vieler entmutigender Dinge

Schwierigkeiten hindurcharbeiten werde. Es sei eine überaus ers mutigende Tatsache in der internationalen Lage, daß eine wachsende Ungeduld gegen diejenigen bestehe, die aus irgends welchen Beweggründen versuchen, die Welt in einem Zustand der Unruhe und der Empörung zu erhalten. Es sei eine immer größer werdende Ueberzeugung vorhanden, daß die Welt Frieden haben müsse, wenn sie je wieder gesunden solle.

Die britische Reichskonferenz ist ein Ereignis von größter weltpolitischer Bedeutung. Sie hat den Zweck, die künftige besondere für die Erneuerung des englisch- japa Politik des englischen Weltreiches festzulegen. Das gilt ins nisses zu den Vereinigten Staaten. Die Konferenz nischen Bündnisses und die Gestaltung des Verhält selbst ist zusammengesetzt aus den Mitgliedern der englischen Regierung und den Premierministern der Dominien. Die Dominions sind die Kolonien mit völliger Selbstverwaltung, wie Südafrika, Kanada, Neuseeland, Austra lien und teilweise auch In dien. Ebenso wichtig wie die Festlegung der äußeren Politik des britischen Imperiums nisses der Tochterländer zum Mutterlande. Da die Do­ist die Gestaltung des inner staatlichen Verhält minien teilweise selbständige Wirtschaftsgebiete darstellen, ist die Aufgabe außerordentlich schwierig, dem Mutterlande die unumschränkte Führung zu erhalten. Doch steht diese wichtigste Angelegenheit des englischen Weltreichs jetzt nicht auf der Tagesordnung, sondern soll erst auf der Reichskonfe­renz 1922 beraten werden. Es scheint aber ausgeschlossen, daß eine Berührung dieses Problems schon jetzt zu vermeiden ist. Denn mit der Bündnispolitik hängt eng zusammen die Frage der militärischen Verteidigung zu Wasser und zu Lande und der Anteil, den die Tochterstaaten daran zu leisten haben.

Die Geduld der Engländer zu Ende

London, 20. Juni.

Manchester Guardian" meldet aus Oppeln, wenn die Franzosen ihre Politik der Begünstigung der polnischen In­furgenten auf Schritt und Tritt fortseßen und jede geringe Schwierigkeit ausbeuten, um den Aufstand zu verlängern, dann fönne es zu einem ernstliche Bruch innerhalb der Interalliierten Kommission tommen. Die Geduld der britischen Mitglieder sei zu Ende. Es sei nötig, daß England wieder einen größeren Einfluß in der Kommission gewinne, oder aber eine unabhängige Attion ergreife.

Im Unterhause erklärte 2loyd George auf eine An­frage, er glaube nicht, daß es wünschenswert sein würde, augen blidlich eine Erklärung über die oberschlesische Frage ab­zugeben. Auf eine weitere Anfrage, ob die Gebiete, aus welchen fich die regulären deutschen Truppen zurüdgezogen haben, in die Hände der polnischen Insurgenten gefallen feien, antwortete Lloyd George, er sei darauf hingewiesen worden. Er glaube, daß diese Hinweise vollkommen richtig seien.

Harmsworth erwiderte im Unterhause auf eine Frage, in Oberschlesien befänden sich zur Zeit als Mitglieder der Inter­alliierten Kommission 520 Personen, davon seien 294 Fran­zosen, 85 Jtaliener, 141 Engländer.

Reuter meldet aus Paris, bei den Beratungen zwischen Lord Curzon und Briand über Oberschlesien sei flar zum Ausdrud gebracht worden, daß der Oberste Rat auf jeden Fall die endgültige Entscheidung treffen wird.

Die Arbeiterverfolgungen in Ungarn

3m Auftrage des Internationalen Gewerkschaftsbureaus Amsterdam versendet Edo Fimmen einen Bericht über bie Bedeutung und Berechtigung des internationale Bontoits gegen Blutungaza, dem wir folgenbes entnehmen.

Als der Internationale Gewerkschaftsbund im Juni des vergangenen Jahres den Boykott über Ungarn verhängte, trat er als Beschüßer der Rechte und Freiheiten auf, die ber Friedensvertrag von Versailles den Arbeitern feierlich vers bürgt hatte.

Ende 1919 wurden zum erstenmal glaubwürdige Berichte über den weißen Schreden in Ungarn bekannt. Während der ersten Monate 1920 häuften fich die Nachs richten über die Massenmorde und Masseninternierungen. Gegenüber dieser europäischen Schmach, die von allen ge duldet wurde, die sie hätten verhindern fönnen, empfand es der Weltbund der Arbeiter nun als seine sittliche Aufs gabe, als neuer Souverän den Mächten entgegenzutreten, die für Gewalt und Willtür eintraten oder sie zuließen.

Wie wenig die mit gewissenloser Beschönigung verfochtene Phrase zutrifft, daß es sich nur um Ausschreitungen ein zelner handle, dafür ist jetzt ein neuer Zeuge entstanden. Das Internationale Arbeitsamt in Genf hat einen Bericht ihrer nach Ungarn entsendeten Kommission über die Freiheit der Gewerkschaften in Ün. garn herausgegeben. Das Bestreben, nichts als Tatsachen zu vermitteln oder, wo diese nicht objektiv festzustellen waren, durch Gegenüberstellung der verschiedenen Ansichten diejenige hervortreten zu lassen, die der Wirklichkeit am nächsten tommt, hat die parodore Wirkung, daß- ohne ein heftiges Wort diese nüchterne Schrift zu einer leiden schaftlichen Antlage der Regierung der Herren Te leti und Horthy wird, auf deren ausdrüdliche Bitte das Internationale Arbeitsamt die Kommission entsendete.

Die ungarischen Behörden gingen mit dem Begriff bes Kommunismus verschwenderisch um. Tatsächlich war diese Parole nur ein Vorwand, um gegen den Sozialis mus und gegen die Arbeiterschaft überhaupt Sturm zu laufen und trotz der mächtigen europäischen Bewegung für die Befreiung der Arbeit die Rechte der ungarischen Ar beiter noch unter das erbärmliche Mindestmaß herabzu­brücken, mit dem sie vor der Karolyi- Revolution zufrieden sein mußten.

In feinem freiheitlichen Staate gibt es andere Grenzen des Vereinsrechtes als die Bestimmungen der Straf gesege. In Ungarn werden nur Vereine geduldet, beren Bildung im sogenannten öffentlichen Interesse" wünschens wert ist. Nur ihnen werden die Statuten bewilligt. Die Gewerkschaften gelten nicht als Vereine von öffent lichem Interesse. Ohne die Gewerkschaften, sagte der un garische Justizminister, hätte man den Kommunismus nicht organisieren fönnen. Diese Behauptung fann mit um fo mehr Recht als eine tattische Lüge" bezeichnet werden, als die sozialistische Opposition gegen den dottrinären Kommu nismus gerade in den Gewerkschaften verkörpert war, wie der Bericht ausdrücklich hervorhebt. Aber darauf tam es nicht an. Die Absicht war, die Rechte der Arbeiter dadurc zu treffen, daß man ihre Organisationen zerstörte Der Bericht bestätigt alle Nachrichten über die Unter drückung der Gewerkschaften. Vor allem in der Proving wurden die Gewerkschaftsbureaus suspendiert. Die Gelder wie die Bibliotheken wurden beschlagnahmt. Meistens wur den die Gewerkschaftslotale requiriert. In manchen Fällen wurden sie durch militärische Abteilungen belegt. Die Orts­gruppen wurden aufgelöst oder konnten wegen des offenen Terrors nicht in Funktion treten. Bis zu einer im August 1920 also nach dem Boykott erscheinenden Verordnung durften zum Beispiel die Bergarbeiter fast teine Ver­sammlungen abhalten; diese wurden nahezu ausnahmslos von der Polizei verboten. Es tam vor, daß der Obers Stuhlrichter eine Gewerkschaftsversammlung erlaubte, aber die Erlaubnis zurückzog, weil die Offiziere die Versamm lung verboten. Die Gewerkschaftsführer, die Vertrauens leute wurden verhaftet und massenhaft inter. niert. Ungefähr 150 Mitglieder der Gewerkschaft der Handelsangestellten, nicht weniger als 1500 von den Holz arbeitern waren länger interniert.

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Eine Disziplinarkommission hat in einem geheimen Ver fahren ungefähr 3000 Beamte, die sich in der nach der Oftoberrevolution neu gegründeten Gewerkschaft der Be amten betätigt hatten, in 90 Prozent der Fälle mit Ents laffung, in 10 Prozent mit anderen Disziplinarstrafen be straft. Gegen dieses Urteil gab es feine Re­vision. Es tönnen nicht alle Gewerkschaften erwähnt wer ben, die kurzerhand aufgelöst oder in christlichsoziale um­gewandelt wurden.

Zu den fozialpolitischen Reformen" der Horthyregierung gehört die zunächst für ein Jahr geplante Prügelstrafe. Sie fann an Stelle der Gefängnisstrafen unter zwei Jahren treten. Sie tann aber auch als Disziplinarstrafe in den Ges fängnissen dienen. Tatsächlich ist sie in unzähligen Fällen von Offizieren und Polizisten brutal angewendet worden. Die herrschende Rechtsauffassung stempelte schon die tom munistische Ueberzeugung zu einem Verbrechen an der Ges