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4. Jahrgang

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Freitag, 5. August 1921

Nummer 362

Abend- Ausgabe

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Freiheit

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Dentfchlands

Die Teilungspläne für Oberschlesien

Schwierige Entscheidung

Es spricht alles dafür, daß die gestern durch die Agentur Radio verbreitete Meldung, wonach die endgültigen Be Schlüffe in bezug auf den größten Teil Oberschlesiens bereits gefällt worden seien, von der französischen Regierung ver­anlagt worden ist. Offenbar hat man den Weg über London gewählt, um den Glauben zu erweden, als ob die englische Regierung bereits im Einverständnis mit diesen Teilungsplänen fei. Davon tann aber noch keine Rede fein. Vorläufig scheint es sich lediglich um Stimmungs mache und um Mutmaßungen zu handeln, die von eifrigen Reportern an die Beratungen der Sachverständigen fommission gefnüpft werden. Die endgültigen Beschlüsse" dürften wohl nur die Wünsche der französischen Regierung Darstellen.

Gegen die Neutralisierung eines Teiles von Ober­Schlesien und zwar des wichtigsten, nämlich des eigentlichen Industriegebiets, werden sowohl von der französischen wie von der englischen Presse Bedenten erhoben. Der Temps" erklärt, daß man die oberschlesische Frage nicht offen lassen und damit eine flaffende Wunde in dem franken Europa Schaffen dürfe. Ebenso sagt der oberschlesische Berichter­statter des Manchester Guardian", daß der Neutralisations­plan vielleicht vollkommen unparteiisch erscheine, er habe jedoch seine gefährlichen Seiten.

Bon größerer Bedeutung als dieses Hin und Her von Meldungen und Berichten ist, was der Berichterstatter des ,, Manchester Guardian" in Paris von angeblich hervor ragender, vollkommen zuverlässiger Seite erfahren haben will: Danach habe ungefähr vor einer Woche Briand einem Vertreter der polnischen Regierung in Paris mitgeteilt, daß, wenn Frant reich bei der kommenden Sigung des Obersten Rates in Paris eine polenfreundliche Politik verfolge, es isoliert sein werde. Wenn Frankreich versuchen wollte, irgendwelche der anderen alliierten Mächte für seinen Standpuntt zu gewinnen, so müßte es in Lon­don, Rom und vielleicht sogar in Brüssel Zugeständnisse machen. Diese Zugeständnisse würden zu der Untergrabung der Regierung Briands und vielleicht zu deren Sturz führen. Die Frage der 3ugeständnisse sei schwierig, da die griechischen Siege die Stellung Englands in Kleinafien gestärkt und die Stellung Frankreichs ge

Schwächt hätten. Frankreich sei tatsächlich nicht in der Lage, in Oberschlesien eine antienglische Politik zu treiben. Es könne es fich nicht leisten, Bolens wegen einen Bruch mit England zu ristieren. Wenn dagegen Oberschlesien neutral würde, dann würden die Interessen Frankreichs auf dem europäischen Festland eher gewinnen als verlieren. Frankreich wäre dann in der Lage, ein starkes reguläres Heer in Oberschlesien zu unterhalten. Dies würde für Frankreich sowohl anläßlich eines russisch- polnischen Krieges, als auch bei ernstlichen Berwicklungen mit Deutschland von Vorteil sein. Der Korrespondent des Manchester Guardian" berichtet, Polen sei dem Neutralisationsplan feindlich, denn es wünsche einen Anteil an Oberschlesiens materiellem Reichtum, felbst wenn es nur Bleß und Rybnik erhalte. Deutschland wider­setze sich selbstverständlich diesem Plan noch mehr als Polen.

Diese Meldung des englischen Blattes hat insofern große Wahrscheinlichkeit für sich, als es sich bei der oberschlesischen Frage in der Tat um ein Teil des weltpolitischen Komplexes handelt, an dem in Europa und im nahen Orient England, Frankreich und Italien, in der übrigen Welt auch die Vereinigten Staaten und Japan beteiligt sind. Oberschlesien mag für Deutschland und für Polen eine außerordentliche Bedeutung haben; für die Alliierten ist das Schicksal des Landes nebensächlich, es wird bestimmt von ihren eigenen übereinstimmenden oder gegensätzlichen Interessen. Je nachdem die weltpolitische Stellung der einen oder der anderen Ententemacht sich verändert, wech­felt auch die Rolle, die Oberschlesien in der Politik der Entente spielt. Die Niederlage der türkischen Nationalisten hat in dieser Beziehung einen viel größeren Einfluß aus geübt, als es selbst hundert Reden deutscher Minister tun fonnten.

Es stellt sich mit immer größerer Deutlichkeit heraus, welchen schweren Fehler die deutsche ebenso wie die polni sche Regierung begingen, als beide auf die Entscheidung der Alliierten gewartet und nicht den Versuch unternommen haben, eine Verständigung über Oberschlesien herbei­zuführen, die die wirtschaftlichen und politischen Interessen beider Länder berüdsichtigt hätte. Die fapitalistische Staats funst zeigt bei der Lösung des oberschlesischen Problems noch einmal mit aller Deutlichkeit, wie wenig sie imstande ist, die wahren Bedürfnisse der Völfer zu befriedigen.

Die Rückendeckung für Lloyd Georges Rüstungen zur See und des engliſch- japaniſchen Bündniſſes ſeien

London, 5. Auguft.

Wie der Daily Telegraph" berichtet, ist die Politit, für die Lloyd George in der bevorstehenden Pariser Konferenz des Obersten Rates bezüglich Oberschlesiens eintreten wird, von der Konferenz der Premierminister bes britischen Reiches gebilligt worden. Zum ersten Male seit der Friedens tonferenz werde daher die britische Politik auf einer Konferenz der Alliierten nicht nur Großbritannien, sondern das gesamte Britische Reich vertreten.

In einer in Carnarvon gehaltenen Rebe drüdte Lloyd George die Hoffnung aus, daß auf der Konferenz des Obersten Rates ein Einvernehmen erzielt werde.

Noch fein Ergebnis der Sachverständigen Paris, 5. Auguft.

Bertinag bestätigt heute im Echo de Paris" von neuem, daß der Sachverständigenausschuß in der oberschlesischen Grenzfrage noch zu feinem Ergebnis gekommen sei. Es scheine im Gegenteil, daß die Sabgier der englischen Regierung das In dustriegebiet nicht teilen wolle. Notwendigerweise stünden sich jo die franzöfifche und die englische Auffassung gegenüber.

Die letzte Sitzung der Reichskonferenz

London, 5. Auguft.

Seute findet, wie mitgeteilt wird, die letzte Sigung der briti schen Reichstonferenz statt. Lloyd George wird wahrscheinlich zugegen sein,

Der politische Mitarbeiter des Daily Chronicle" schreibt, die Konferenz habe die tonstitutionelle Stellung der verschiedenen Teile des Britischen Reiches hinsichtlich der Beratung der Krone in den Fragen der auswärtigen Bolitit festgestellt. Der Bericht­erstatter betrachtet diese Tatsache als einen Wendepunkt in der tonftitutionellen Geschichte des Britischen Reiches. Man sei auf der Konferenz übereingekommen, daß die britische Politit alle Demokratien des Britischen Reiches vertreten müsse, so daß von jezt ab das Britische Reich mit einer Stimme spreche. Die aus wärtige Politik werde durch die Konferenz der ersten Premier: minister bestimmt. Wenn diese Konferenz jedoch nicht tage, werde die auswärtige Politit von der britischen Regierung geführt, nach dem diese schon vorher den Rat der Dominien eingeholt habe. Außerdem sei, wie der politische Mitarbeiter des Daily Chros nicle" berichtet, beschlossen worden, daß die Notwendigkeit eines Zusammenarbeitens mit den Bereinigten Staa ten in Angelegenheiten der Welt der erste Grundsatz der britischen Politit fein müsse. Die pazifische Frage, die Fragen ber

daher bis nach der bevorstehenden Konferenz in Washington vers schoben worden. Die Konferenz der Bremierminister des Britis schen Reiches habe sich auch für die Politik einer engen 3u­Jammenarbeit zwischen England und Frant. reich ausgesprochen.

Die deutschen Biehlieferungen

Paris, 4. August..

In einer Note der Reparationsfommission wird bekanntgegeben, bag in den nächsten 6 Monaten auf Grund des Anhangs 4, Teil 8, des Friedensvertrages von Deutschland folgende Biehlieferungen ausgeführt werden müssen: Pferde 29 400, Schafe 130 000, Horns vieh 175 000 Stück. Diese Viehlieferungen sind vorzunehmen, außer denen, die auf Grund gewisser Vereinbarungen verschie­bener alliierter Regierungen mit Deutschland als Ersatzleistungen für Artifel 238 vorzunehmen sind.

Die Hilfsaktion für Rußland

TU. Genf, 5. August.

Die Tschechoslowatet hat gestern bei Gustav Ador und dem Roten Kreuz Schritte unternommen, damit eine Hilfsaktion für Rußland organisiert wird. Alle Staaten, Amerita einbegriffen, werden eingeladen werden, sich an diesem Werte zu beteiligen. Die Kommission des Internationalen Roten Kreuzes hat gestern in Genf getagt und den Text eines Rundschreibens festgelegt, das an alle Staaten telegraphiert wird.

TU. Paris, 5. Auguft.

Das Auswärtige Amt hat an die Preffe folgende Mitteilung er­lassen: Der Vorsitzende des Ministerrats hat den Alliierten vor­geschlagen, auf die Tagesordnung des Obersten Rates unter die Hauptpunkte auch die Frage zu stellen, ob die Alliierten zusammen mit den Vereinigten Staaten an Maßnahmen zur Lebensmittel­beschaffung für Rußland teilnehmen können.

Die Reaktion in Jugoslawien

Beelgrad, 4. August.

Bei Schluß der Sigung der gefeggebenden Versammlung, in der die Aufhebung der Parlamentsimmunität Don 58 tommunistischen Abgeordneten beschlossen wurde, ver haftete die Belgrader Polizei die Mitglieder des Exekutiv­ausschusses der Kommunistischen Partei.

Anfläger Caillaug

II.

Caillaur hat übrigens nicht bis 1917 gewartet mit seinem Bestreben nach dem Verständigungsfrieden. Schon 1914 nach der Marneschlacht hielt er die Stunde für ges fommen, dem Völkermorden ein Ende zu bereiten. Bekannts lich haben damals selbst deutsche Militärs schon die Ueber­zeugung gewonnen, daß Deutschland den Krieg nicht mehr gewinnen fönne. Dem deutschen Volte wurde diese Wahrs heit ängstlich verborgen und der Kriegstaumel weiterge schürt. Wie anders würde dieser Friede von 1914 oder An­fang 1915 ausgesehen haben als der von 1919! Caillaug hebt hervor:

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Die Geldopfer waren unbedeutend, die ohne Frage schmerz lichen Menschenverlufte noch äußerst geringfügig. Wäre 1915 der Friede gefommen, so wäre es für die 3entralmächte aller­dings nicht der Hentersfriede geworden, der 1918 Plaz griff, doch wenn man die Bilanz zieht aus Sypothese und Wirklich­teit... dann sieht man sich doch zu der Feststellung gezwungen, daß der Friede nach der Marne und der ser der einzigen das mals siegreichen Nation, nämlich Frankreich, die Hegemonie eins getragen hätte, die moralische Hegemonie versteht sich. Ist davon im Jahre 1918 noch die Rede gewesen? Es genügt, daß ich die Frage stelle( Caillaux zeigt wiederholt in seiner Schrift, daß der Kriegsausgang die Hegemonie der Angelsachsen gebracht hat, den Triumph des gefährlichsten, weil weitgreifendsten Imperia lismus, des englischen).. Und damals hätte von zwei Möglichkeiten die eine zutreffen müssen: Entweder wir hätten zu einer internationalen Organisation gelangen können, die Entwaffnung durchdrücken mit einem Wort: die Demos tratie in Europa verwirklichen oder aber die Widerstände gegen die große Menschheitsbewegung hätten sich noch einmal in Deutschland und Desterreich erhoben, und die beiden nationalen Gruppen hätten weiterhin einander gegenüberg standen...

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Und Caillaux zeigt dann weiter, wie in dieser Lage die Stellung Frankreichs gestärft, wie der preußische Militariss mus noch schneller in sich hätte zusammenbrechen müssen vor der demokratischen Hochflut, die seine Weigerung entfesselt hätte, und wie England sich da mit einer bescheideneren Rolle hätte zufrieden geben müssen.

Diese Gedanken Caillaur haben die Logik und den ge­sunden Menschenverstand ebenso wie das wahre Interesse Frankreichs und der Menschheit für sich. Natürlich sind sie deswegen von den Rationalisten und Reaktionären, die in Frankreich nicht minder dumm und bösartig sind als in Deutschland, aufs grimmigste befämpft und verzerrt worden. Wir begreifen, daß dieser Mann von den Realtionären Frankreichs bitter gehaßt wird, noch besser, wenn wir uns seiner Rolle im Jahre 1911 erinnern, wo er in der Ma= toftofrise gegen die Meute der französischen und deuts schen Kriegstreiber den Frieden zu erhalten, die Verständi gung zu finden wußte. Caillaug hat damals einen tiefen Einblick in die zum Kriege drängenden Kräfte in beiden Ländern getan, und das befähigt ihn, sich auch jetzt über die offizielle Lüge zu erheben und den Anteil der Reaktio­näre Frankreichs an der Kriegsschuld offen anzuerkennen. Er schreibt:

Ich hatte im Jahre 1911 den Weltkrieg abgewendet. Wenn ich in der Macht blieb, insbesondere, wenn ich die Führung übernahm, wie es nach den Wahlen vom Mai 1914 vorauszu sehen war, so fonnte ich meine Bolitik fortsetzen, die auftauchens den internationalen Schwierigkeiten lösen, zusammenfassen, ver­handeln, Zeit gewinnen und die Kriegspartei wußte nur zu gut, daß die 3eit gegen fie arbeitete. Die Aldeutschen, um die große Hoffnung gebracht, die sie 1911 ge= nährt hatten, wütend, weil ihnen die schöne Gelegenheit" ents schlüpft war, bestanden fest darauf, daß derartiges nicht noch ein­mal vorkomme. Sie mußten schnell machen und infolgedessen die Hemmnisse umrennen, welche die ungeduldig erwartete Feuersbrunst zu verhindern drohten.( Caillaur behauptet, daß der Figaro", der 1914 den befannten unsauberen Feldzug mit Privatbriefen gegen ihn führte, dem der Revolverschuß seiner Frau auf den Chefredakteur Calmette ein Ende setzte, von deutscher Seite, und zwar durch die Dresdner Bank und von der ungarischen Regierung des Grafen Tisza subventioniert und durch die Drohung, diese Tatsache zu enthüllen, zu diesen An­griffen gezwungen worden sei. Sie haben aber auch gleichzeitig den Wünschen der französischen Kriegspartei entsprochen, wie der nun folgende Teil des Zitats zeigt. Red. d. Freiheit".) Diese überlegten Absichten verbanden sich mit den Konflittwünschen, die unsere Reaktionäre im verliebten Leichtsinn zärtlich hegten, da sie zitterten vor den Finanz- und Sozialreformen und überzeugt waren, daß ein netter, fleiner Krieg", wie sie fich auszudrücken pflegten, mit den umstürzlerischen Plänen der Radikalen und der Sozialisten aufräumen würde... Wie wim­melte es doch von halben Bekenntnissen dieses Geisteszustandes in Reden, Artikeln und Büchern. In der rauhen Sprache eines Soldaten.. hat General Rebillot den ganzen Ges dankenschatz seiner Freunde in der Libre Parole" vom 13. Des zember 1914 von sich gegeben: Der Krieg allein fonnte uns retten, aber der Pazifismus würde ihn trog allem noch beschworen haben. Da hat sich die Vorsehung zu er tennen gegeben, indem sie es Kaiser Wilhelm auferlegte, uns den Krieg zu erklären." Ohne Zweifel hat sich gleichfalls die