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4. Jahrgang

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Freitag, 30. September 1921

Nummer 457

Morgen- Ausgabe

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Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Steuersabotage der Industrie

Eine industrielle Schwindelschrift

Unter dem Vorwand, objektives Material zur Beurtei lung der Wirtschaftslage zu liefern, treibt die Handels. fammer zu Berlin Brunnenvergiftung. Während es darum geht, den Besitz in hohem Maße zu den Steuerleistun gen heranzuziehen, damit die ungeheuren Lasten des Reis ches nicht auch weiterhin von den Arbeitern und Angestell­ten allein getragen werden müssen, verseucht die Handels­tammer die öffentliche Meinung mit irreführenden Dar­stellungen, deren Zweck es ist, der Deffentlichkeit einzureden, daß kein Besig vorhanden ist, der zu höherer Steuer­Jeistung fähig wäre. Eine solche falsche Darstellung ist die Schrift des Herrn Geheimen Kommerzienrats Felig Deutsch, dem Vorsitzenden des Direktoriums der A. E. G., die von der Handelskammer zu Berlin verbreitet wird.

Herr Kommerzienrat Deutsch stellt sich die Aufgabe, ein Bild von der Verteilung des Boltseintom. mens in Deutschland zu geben. Zu diesem Zwed hat er bereits im Jahre 1919 von 66 industriellen Gesellschaften Angaben erbeten, aus denen zu ersehen ist, wie fich die Sum­men für Löhne und Gehälter, für staatliche, tommunale und soziale Lasten und die für Dis videnden bezahlten Beträge zu einander verhalten. Er hat diese Arbeit im Jahre 1921 wiederholt, wobei ihm Mas terial von 152 Unternehmungen zur Verwendung vorlag.

Als Ergebnis feiner schweißtriefenden Bemühungen ver öffentlicht nun Herr Deutsch eine zwanzig Seiten umfassende Broschüre. Der wesentliche Effett seiner Arbeit spiegelt sich in wenigen Zahlen. In den Jahren von 1908 bis 1917 ver wandten die 66 Gesellschaften im Durchschnitt pro Jahr von jeder Mark, die fie für die oben gekennzeichneten Aufwen­bungen ausgaben, 76,7 Pfennig für Löhne und Gehälter, 11,7 Pfennig für den Staat und die Kommunen, 11,6 Pfens nig für die Aktionäre.

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Der Anteil am Ertrage der Wirtschaft, den die wenigen einzelnen die Aktionäre einstedten, war also einstedten, war also nahezu ebenso groß, wie der Anteil, der von den Unterneh mungen für die Gesamtheit abgegeben wurde, nämlich an den Staat, an die Kommunen und für soziale Leistungen. Ein Zustand, der das bekannte Wort von den ftaatserhal­tenden Schichten der Gesellschaft" glänzend illustriert. Die paar Pfennige, die der einzelne Besitzende an Steuern von seinem Einkommen abgeführt hat, rufen keine entschei­dende Veränderung dieses Verhältnisses hervor.

Für 1919/20 sowie für die 152 Gesellschaften, deren Ertrag Herr Deutsch für dieses Jahr zugrunde legte, ist das Verhält nis der drei Posten zu einander ein anderes. Der Anteil an Löhnen und Gehältern beträgt jetzt 84,9 Pf., der An­teil des Staates 11,7 Pf., der des Kapitals 3,4 Pf. Mit diesem Vergleich zwischen 1919/20 und den 10 Jahren von 1908 bis 1917 spielt Herr Deutsch seinen Trumpf aus. Dieser Vergleich soll erstens beweisen, daß der Anteil der Arbeiter gewaltig in die Höhe gegangen, der Ertrag für die Aktionäre aber noch stärker gesunken ist.

Wir möchten indes aus diesem Vergleich zunächst die Fol­gerung ziehen, daß der Anteil des Staats und der Kommu nen genau der gleiche geblieben ist wie 1908 bis 1917. Der Beitrag der besigenden Schichten zu den öffentlichen Lasten hat sich also nicht im min­desten erhöht. Er hat sich doch erhöht, werden diejeni gen antworten, die auf die Zahlen des Herrn Deutsch hineinfallen. Denn wenn der Anteil der Aktionäre am Volkseinkommen so erheblich heruntergegangen, die Abgaben zu den öffentlichen Lasten aber gleich geblieben find, so bedeutet das sicherlich eine erheblich höhere Bes lastung des Besizes. So wird man sagen. In Wirklichkeit liegt in diesen Zahlen eine ungewöhnlich dreiste Jrreführung, und diese Jrreführung ist der einzige 3wed der Arbeit Deutschs.

Zunächst wird der Prozentanteil an Dividenden, der mit 3,4 berechnet wird, von Herrn Deutsch erzielt, indem er nicht die nominellen, wirklich eingezahlten Werte, sondern die Kurswerte der in Betracht kommenden Kapita­lien in Anrechnung bringt. Bei Zugrundelegung der No­minalwerte beträgt die Durchschnittsdividende 11,6 Pro­zent, ist also genau so groß, wie die Abgaben für öffentliche Leistungen.

Doch weiter. Das nominelle, von den Kapitalisten wirklich eingezahlte Kapital der 152 Gesellschaften betrug rund 10 Milliarden Mark, der Börsenwert die­fer Attien steht aber gegenwärtig auf 24 Milliarden Mart.

Warum aber steht der Börsenwert wohl so hoch über dem Nominalwert der Aktien? Doch nicht etwa, weil mit dem Besitz der Aktien ein so schlechtes Geschäft verbunden ist, daß die Herren Aktionäre nahezu dem Hunger preisge­geben sind, wie Herr Deutsch vortäuschen möchte! In die­em hohen Börsenwert der Aktien spiegelt sich im Gegenteil bas für die Kapitalisten selbst überraschend gute Geschäft wieder, das sie gerade in den Jahren 1919 und 1920 gemacht haben. Und dieses gute Geschäft bestand bei fast allen grö­jeren Attienunternehmungen nicht so sehr im Bezug einer

Neue Verhandlungen mit Irland

Einladung zu einer neuen Konferenz

EE. London, 29. September.

Die Regierung Seiner Majestät hat mit dem größten Eifer die ganze Korrespondenz geführt, die zwischen uns, seit die Ein­ladung erging, Delegierte zu einer Konferenz nach Inverneß zu entsenden, gepflogen wurde. Troy Jhres dringenden Wunsches und trog des Wohlwollens, das in unserer Einladung zum Ausdrud tam, wollten Sie eine Konferenz auf den Grund­lagen dieser Korrespondenz nicht beschicken. Troß Ihrer Ber­ficherung, die wir sehr schäßten, müssen wir erklären, daß die Ans nahme einer Konferenz auf der von den Sinnfeinern beschlossenen Grundlage die Anerkennung eines unabhängigen Irlands durch die englische Regierung bebeuten würde, was nicht zugestanden werden kann. In diesem Puntt muß sich auch die englische Res gierung gegen eventuelle Mißdeutungen schützen fönnen. Es würde zu nichts führen, den Austausch von Briefen fortzusehen, wenn der Standpunkt der Sinnfeiner aufrechterhalten würde. Die Stellung, die die englische Regierung einnimmt, ist grundlegend für den Standpunkt des englischen Weltreiches und dieser Stands puntt fann nicht abgeändert werden. Meine Kollegen und ich wünschen aber ängstlich, in Zusammenarbeit mit den irischen Dele gierten eine Begegnung zu haben, um alle Möglich­feiten für eine Regelung der Frage zu finden. Die Vorschläge. die wir bereits gemacht haben, wurden von der ganzen Welt als Beweis dafür angesehen, daß unsere Anstrengungen, eine Ver föhnung herbeizuführen, sehr ernst gewesen seien, und wir glauben, baß eine Konferenz und ein Gedantenaustausch das praktischste Mittel wären, das die größten Hoffnungen erweden tönnte, zu einem Einvernehmen zu gelangen.

Durch diesen Brief senden wir nunmehr eine neue Einladung an Sie, am 11. Ottober zu einer Konferenz nach London zu kommen, wo wir mit Ihren Delegierten zusammentreffen werden, die wir als Wortführer, die Sie vertreten, betrachten, damit Vereins barungen zustande fommen fönnen, die mit dem Bestand des eng lischen Weltreichs in Einklang zu bringen sind.

Lloyd George

Die in der Note Lloyd Georges erwähnte Konferenz, die nach Inverneß einberufen war, scheiterte an der Unmöglich­Sinnfeiner eine Einigung zu erzielen. De Valera, der feit, über die staatsrechtliche Stellung der Abgesandten der Präsident der irischen Republif, bezeichnete seine Abgesandten als Vertreter der Republit Jrland, als eines unabhän= gigen und souveränen Staatswesens. Lloyd George, als Haupt der englischen Regierung, fonnte unter diesen Umständen nicht verhandeln, da eine Anerkennung dieser Formulierung, der Anerkennung der tatsächlichen Unab­hängigkeit Jrlands und somit die Lostrennung Jrlands von England bedeutet hätte. Um diese Frage wogte bisher der ganze Streit. Die Sinnfeiner lehnten jede Erörterung der von Lloyd George gemachten Vorschläge über eine Neurege­lung der irischen Verhältnisse ab, solange die Unabhängig­teit Jrlands von der englischen Regierung nicht anerkannt würde.

Die neue Antwort Lloyd Georges enthält nun feine diref­ten Ablehnungen, vermeidet scharfe Formulierungen und lädt

hohen Dividende, sondern darin, daß die Unternehmungen, um den wirklichen Gewinn zu verschleiern und ihn nicht in der Dividende zum Ausdrud fommen zu Iassen, zu umfangreichen Ausgaben von Gratis attien schritten. Sie machten damit ihren Teilhabern ein glattes Geschent, das obendrein durch die auch auf die Gra­tisaftien gezahlten Dividenden reich verzinst wird. Es ist also ein glatter Schwindel, wenn Deutsch den Eindruck her­vorzurufen sucht, daß der Anteil der Kapitalisten am soge­nannten Volfseinkommen sich erschöpft in ihren Gewinnen aus der Dividende.

Gleichfalls irreführend ist der von Herrn Deutsch beliebte Vergleich zwischen dem Anteil der Löhne und dem Anteil der Dividenden. In den 152 Betrieben wurden rund 1 350 000 Angestellte und Arbeiter beschäftigt, und die Ge samtlohn summe pro Jahr betrug 16 Milliarden Mart. Die Steuern und sozialen Lasten, der Anteil der Gesamtheit also am Ertrag, betrug 2,2 Milliarden Mark. Die Dividenden aber machten insgesamt 650 Mil­lionen Mark aus. Wie gering ist diese Summe doch, so meint Herr Deutsch, im Vergleich zu den Milliarden, die der Staat schludte und die an Arbeiter und Angestellte bezahlt wurden. Aber wie gering ist auch die 3 ahl der an den 650 Millionen beteiligten Kapitalisten im Vergleich zu der Riesenarmee der Arbeiter und Angestell ten, und wie unbeträchtlich sind die Opfer von 2.2 Milliar­den, die zum Nugen der Gesamtheit Verwendung finden fonnten. Wobei immer wieder im Auge behalten werden muß, daß der in Gestalt der Dividende ausgeschüttete Ge­winn nur einen fleinen Teil des wirklichen Ge­winnes der beteiligten Kapitalisten ausmacht.

Der Zwed der Uebung ist nun leicht erkennbar. Herr Kommerzienrat Deutsch schreibt eine lange Darlegung über Kommerzienrat Deutsch schreibt eine lange Darlegung über die Abschreibungen, das heißt, über die Rüdlagen für Verbesserung und Ausgestaltung der Betriebe. Ueber die Höhe der Rüdlagen sagt er nichts. Er begnügt sich damit, die fühne Behauptung aufzustellen, daß bei einem so niedris

zu einer neuen Konferenz nach London ein. Nehmen die Sinnfeiner die Einladung an, dann ist zu hoffen, daß die Spannung im englisch- irischen Verhältnis nachläßt und man über die starren Formalitäten hinweg endlich zu Verhand­lungen über den wirklichen Gegenstand tommt: die Befries digung der nationalen Wünsche Jrlands.

Der Friedensvertrag mit Amerifa

Am Donnerstag berichtete in einer vertraulichen Sigung des Auswärtigen Ausschusses des Reichstages wesenheit des Reichskanzlers Minister Dr. Rosen über die Aufhebung der wirtschaftlichen Sanktionen und über den deutsch­amerikanischen Vertrag. Nach mehrstündiger Aussprache beschloß der Ausschuß auf Anregung seines Borstzenden Dr. Stresemann bei vier Stimmenthaltungen, dem Reichstage die 3u. stimmung zu dem Geseze, betreffend den am 25. August 1921 vereinbarten deutsch- amerikanischen Vertrag über die Rege­lung der deutsch- amerikanischen Beziehungen, zu empfehlen. Der Vertrag wird heute dem Plenum vorliegen, und man darf annehmen, daß der Reichstag ihm wahrscheinlich sogar ohne Debatte zustimmen wird. Damit ist dann von deutscher Seite die Wiederherstellung des Friedenszustandes ermöglicht, und es bedarf nur noch einer entsprechenden Entschließung des ameri tanischen Senats. Trotz der neuerdings wieder von den Anhängern Wilsons aufgenommenen Opposition dürfte auch diese in absehbarer Zeit erfolgen..

Im Auswärtigen Ausschuß wurde die Regierung auch gefragt, wer als Botschafter für Washington in Aussicht ges nommen sei. Der Minister erklärte, feine Auskunft geben zu fönnen, und so darf das Rätselraten über die Person der Kandidaten seinen Fortgang nehmen. Beinahe sind schon alle nicht direkt vorbestraften Personen als Anwärter für Washington bezeichnet worden, und nur um die Liste auf dem Laufenden zu halten, erwähnen wir, daß außer dem gegenwärtigen Außen­minister Dr. Rosen neuerdings auch der Ernährungsminister Hermes als tommender Botschafter genannt wird. Herin Hermes rühmt man nach, daß er wohlhabend sei, englisch spreche und eine gescheite Frau habe. Damit ist doch wahrhaftig seine Qualifikation zum Diplomaten zur Genüge dargetan. Wenn es völlige Entbehrlichkeit auf dem Posten eines Ernährungsministers ihm aber außerordentlich dienlich sein könnte, daß wir ihm seine bescheinigen, so stehen wir ihm ohne weiteres zur Verfügung.

Parteiwechsel des hessischen Kultusministers. Der Präsident des Hessischen Landesamtes für Bildungswesen, Dr. Stredet, hat in einem Schreiben an den Staatspräsidenten Ulrich und an den Vorstand der Demokratischen Partei seinen Aus­tritt aus der Demokratischen Partei und seinen Uebertritt zur Sozialdemokratie mitgeteilt. Zu­gleich hat er bem Landtagspräsidenten Adelung mitgeteilt, daß er sein Mandat niedergelegt habe.

gen Anteil des Kapitals am Gesamtertrag an Rüdlagen beinahe nicht mehr zu denken sei. Er verschweigt, daß wie derum gerade in den letzten Jahren gewaltige Summen als Rücklagen sichergestellt worden sind, und zwar gleichfalls zu dem Zweck, den wirklichen Ertrag zu verschleiern und ihn nicht in allzuhohen Dividenden zum Ausdruck kommen zu lassen. Herr Deutsch aber will durch diese Täuschung den Eindruck hervorrufen, daß die deutsche Industrie am Rande des Bankrotts angelangt sei. Er findet dabei einen gläubigen Nachbeter und Helfer in Herrn Dr. August Müller, Staatssekretär a. D. und Mitglied der rechtssozi­alistischen Partei. Dieser unterstreicht im volfswirtschaftlichen Teil der Deutschen Allgemeinen Zeitung" did, was Herr Deutsch an fühnen Behauptungen in die Welt setzt. Aber dieses zustimmende Urteil ist das Urteil eines Mannes, der selbst an den Erträgen des Kapitals teilnimmt, indem er in einer Presse, die von Herrn Stinnes von den geringen" Erträgen der Industrie ausgehalten wird, beständig ähn liche irreführende Publikationen verbreitet, wie Herr Deutsch.

Herr August Müller fühlt sich aber auch verpflichtet, die Aufmerksamkeit der Steuerfinder mit ganz besonderem Nachdruck" auf die Darstellung des Herrn Deutsch zu ver­weisen. Und auch Herr Deutsch tommt bei seiner Betrachtung über die Abschreibungen schließlich darauf hinaus, daß seine Arbeit geblendete Augen über die wahre Lage unserer In­dustrie öffnen" und bei unseren früheren Feinden die Ein­ficht verbreiten soll, daß ihre Hoffnung, in unseren Aftiens gesellschaften eine ergiebige Quelle für unerfüllbare Tributleistungen zu finden, ebenso trügerisch ist wie die unserer eigenen Regierungen."

Die Bemühungen des Herrn Deutsch, unterstützt von August Müller, find also nichts anderes, als ein Teil jener unerhörten Steuersabotage, die die schwerreiche und maß los verdienende Industrie seit Jahren treibt. Sie soll forts

gesezt werden, indem sich das Kapital auch fernerhin don dem Zugriff des Staates fishert, und die von uns zitierte