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Freitag, 21. Oktober 1921

Nummer 494

Abend- Ausgabe

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greiheit

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Der Zwang zur Verständigung

Wirtschaftliche Vernunft

In dieser Stunde, bei der es sich darum handelt, einen für das wirtschaftliche und politische Leben Deutschlands so außerordentlich wichtigen Beschluß zu fassen, darf man nicht Seine Gefühle sprechen lassen, sondern man muß die Tat sachen nüchtern zu beurteilen suchen. Da ist zunächst die eine Frage zu beantworten: stimmt die Entscheidung des Obersten Rats der Alliierten mit dem Friedensver= trag überein oder hat Deutschland ein Recht, dessen Ver­legung vor aller Welt festzustellen?

In den von der Entente zuerst vorgelegten Friedens­bedingungen sollte der ganze Regierungsbezirt Oberschlesien an Polen fallen, also auch einige reichsdeutsche oder, vor= wiegend deutsche Kreise, wie Ratibor, Leobschüß, Oberglogau, Oppeln und Kreuzburg. Die Alliierten gingen damals offenbar von der Auffassung aus, daß Oberschlesien eine überwiegend polnische Mehrheit habe, daß der ganze Regie­Tungsbezirk ein geschlossenes Gebiet darstelle, und deshalb nach den Wilsonschen Grundsätzen den Polen zuzuweisen sei. Es hat sich dann ergeben, daß diese Auffassung irrig ist und deshalb wurden in dem endgültigen Friedensvertrag Be­ftimmungen aufgenommen, die das Schichal Oberschlesiens von einer Bolts abstimmung abhängig machen sollte. Es dürfte fein 3weifel darüber herrschen, daß die französische Regierung offenbar glaubte, die Abstimmung würde ein für Polen günstiges Ergebnis haben, und dann würde die En­tente das moralische Recht auf ihrer Seite haben, wenn sie das Gebiet den Polen zuweise. Die Abstimmung wurde nicht ouf den ganzen Regierungsbezirk ausgedehnt, sondern sie be­schränkte sich auf den östlichen Teil. Es ist fein Geheimnis, daß die Polen es lieber gesehen hätten, wenn man die Kreise Oppeln, Leobschütz und Kreuzburg herausgelassen hätte, denn dann hätte ein günstiges Ergebnis für sie von vornherein festgestanden. Die Abstimmung vom 20. März hat im ganzen Bezirk 60 Prozent für Deutschland und 40 Prozent für Polen. ergeben. Was hatte nun zu geschehen?

Der Friedensvertrag von Versailles enthält darüber folgende Bestimmung:

Nach Schluß der Abstimmung wird die Anzahl der in jeder Ge­meinde abgegebenen Stimmen durch die Kommission den alliierten und assoziierten Hauptmächten mitgeteilt, zugleich mit einem ge nauen Bericht über den Hergang der Stimmabgabe und einem Vorschlage über die als Grenze Deutschlands in Oberschlesien anzunehmenden Linie, bei dem so­wohl der von den Einwohnern ausgedrückte Wunsch, wie auch die geographische und wirtschaftliche Lage der Ortschaften Berüd fichtigung findet."

Es wurde weiter bestimmt, daß nach der Festsetzung der Grenzlinie die deutschen und die polnischen Be­hörden benachrichtigt werden sollen, daß sie die ihnen zu­erkannten Gebiete in Besiz nehmen sollen.

Es fann also feine Rede davon sein, daß eine Teilung Oberschlesiens mit dem Friedensvertrag unvereinbar sei. Ge­wiß, wenn die Alliierten sich von wirtschaftlichen Grundsägen hätten leiten lassen, so würden sie niemals eine zerreißung des Gebiets beschlossen haben, die für Deutschland sehr un­günstige Folgen haben kann, den Polen keinen der Größe des Seutschen Berlustes entsprechenden Vorteil bringt, schließlich aber die gesamte europäische Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen muß. Aber wir wissen, daß die Politik der kapitalisti­schen Länder nicht von wirtschaftlichen, sondern von macht= politischen Erwägungen ausgeht und daß vor allem bei der Abfassung des Friedensvertrages die Vernunft nur die Rolle des Aschenbrödels spielen durfte.

Aber auch auf deutscher Seite hat man von Anfang an die Vernunft ausgeschaltet und den nationalistischen Einbläsern den weitesten Spielraum gewährt. Die bürgerlichen Parteien und auch die Rechtssozialisten erklärten nach der Abstimmung unter Mißachtung der Bestimmungen des Friedensvertrages, daß ganz Oberschlesien bei Deutschland bleiben müsse, und daß jede Teilung eine Vergewaltigung Deutsch­lands bedeuten würde. Dadurch wurde jene Stimmung er­zeugt, die die Regierung zum Anlaß nahm, um den Polen die talte Schulter zu zeigen und jeden Versuch, eine friedliche Lösung des Problems zu unternehmen, zu unterlassen.

Wenn man jetzt die ausländische Presse liest, so wird man auf die übereinstimmende Feststellung stoßen, daß das deut­sche Volt sich wiederum, wie während des Krieges, von ge­wissenlosen Stimmungspolitikern hat einfangen lassen. Ge­wiß sind dort viele und gewichtige Stimmen laut geworden, die die Erhaltung der wirtschaftlichen Einheit Oberschlesiens forderten, und daraus ist in der bürgerlichen Presse Deutsch­lands der Schluß gezogen worden, daß das eine Unterſtügung der von der deutschen Regierung ausgegebenen Parole dar­stelle: ganz Oberschlesien ungeteilt bei Deutschland. Dem ist aber durchaus nicht so. Wir erinnern nur an das Gutachten

der vom Internationalen Gewerkschaftsbund nach Ober­schlesien entsandten Kommission, in dem als die glücklichste Lösung die Frage der Herstellung einer Autonomie für Oberschlesient bezeichnet wurde. Und dieser Auffassung haben sich auch andere, Deutschland sonst nicht ungünstig gesinnte Politiker im Ausland angeschlossen.

Die jetzt veröffentlichte Grenzlinie weicht in einigen Punk­ten von den bisherigen Mitteilungen über das Gutachten des Völkerbundsrats ab. So fällt Beuthen nicht an Polen, da­für aber ist die Grenze im Nordosten und im Süden un­günstiger für Deutschland als man es bisher erwartet hatte. Die polnischen Wünsche werden zwar nicht im vollen Um­fange erfüllt, denn die Korfanthy- Linie, die sie als ihre For derung aufgestellt hatte, hätte auch Oppeln, Ratibor, Rosel schlagen. Aber immerhin werden sie auch mit dem zufrieden und andere wichtige Gebiete Oberschlesiens zu Polen ge­sein, was ihnen jetzt zufällt, denn es ist darin ein wichtiges Stüd des oberschlesischen Wirtschaftsgebiets enthalten, vor allem die aussichtsreichen Grubenfelder von Pleß und Ryb­nik, der größte Teil des übrigen Bergbaus, wichtige indu= strielle und verkehrstechnische Anlagen. Es ist begreiflich, daß auch die nationalistische Presse Frankreichs sich befriedigt zeigt und man fann von ihr nichts anderes erwarten, als daß sie Deutschland gegenüber noch einmal die Drohungen der Alliierten unterstreicht, wenn die deutsche Regierung sich nicht dem Willen der Entente beuge.

Gibt es in Deutschland einen verantwortlichen Politiker, der in dieser Situation den Rat geben wollte, mit der Faust auf

Die Drohung mit Zwangsmaßregeln

Paris, 1. Oktober. Petit Parifien" schreibt zu der oberschlesischen Frage, nach allem, was vorauszusehen sei, werde sich Polen der Entscheidung der Mächte beugen. Es fönne feinen besseren Beweis seines poli­tischen Sinnes geben. Es scheine jedoch, baß man deutscherheits Unbesonnenheiten zu erwarten habe. Das wäre eine Politik der Torheit. Nicht in der Entscheidung der Alliierten rechtfertige fich diese Verzweiflung, denn die Maßnahme sei getroffen, damit Bolen nicht unter den wirtschaftlichen Folgen der Teilung zu leiden habe. Gewalt oder auch nur der schlechte Wille Deutschs lands würde Zwangsmaßregeln der Alliierten unvermeidlich machen.

Frankreichs Schuldenlast

EE. Paris, 20. Oftober.

Der Matin" veröffentlicht eine Aufstellung der französischen Schuldenlasten. Die innere Schuld beträgt 229 055 Millionen, und zwar: dauernde Schuld 1041 Millionen, befristete Schuld 38 571 Millionen, schwebende Schuld 90 443 Millionen, auswärtige Schuld 35 286 Millionen. Letztere besteht aus: 6 490 Millionen für Handelszwecke, 13 511 Millionen Schulden gegenüber England, 15 287 gegenüber den Vereinigten Staaten. Werden daran die Forderungen Frankreichs gegenüber auswärtigen Staaten in Höhe von 14 Milliarden Mart in Abzug gebracht, so ergibt sich eine französische Schuld von rund 250 Milliarden.

den Tisch zu schlagen und einen Troykopf aufzustecken? Das Die Reparationsfommission und

die deutschen Nationalisten jetzt wieder ein großes Geschrei anheben werden, ist verständlich. Man würde aber nur deren Karten spielen, wenn man ihr Geschrei ernst nehmen wollte. Diese Leute, die nach dem Zusammenbruch im Herbst 1918 die Flinte ins Korn warfen, deren Helden Wilhelm und Ludendorff, damals nichts eiligeres zu tun wußten als sich feige zu verkriechen, wollen sich jetzt als die Retter des Vaterlandes aufspielen!

Erkennt man aber an, daß man sich dem Zwange beugen muß, so bleibt nichts anderes übrig, als sofort in loyaler Weise die Verständigung mit Polen über Oberschlesien zu be­ginnen und zu versuchen, die Entscheidung so günstig wie möglich zu gestalten. Und dabei darf nicht wieder von nationalistischen Gesichtspunkten ausgegangen sondern die wirtschaftliche Vernunft muß die Trä­gerin der Verhandlungen sein. Das ist das, was jetzt zu ge= schehen hat, und wer dem deutschen Volke einen anderen Rat geben will, der ist entweder ein Verbrecher oder ein Narr.

Befriedigung in Frankreich

werden,

E. E. Paris, 21. Oktober.

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Die französische Bresse befaßt sich nur in geringem Maße mit der Entscheidung in der oberschlesischen Frage. Die meisten Blätter drucken den Brief Briands und den Text der Note wörtlich ab, enthalten sich aber jeglichen Kommentars. Nur Journal", Matin und Petit Journal" heben mit Befriedigung hervor, daß man namentlich in der Ueberweisung von Tarnowig und Lublinig an die Polen eine angenehme Ueberraschung erbliden müffe. Im ganzen wurden also Polen von den 2 Millionen Einwohnern des Industriegebietes 979 000 oder 48 Prozent zu­gesprochen, das sei das Ergebnis der Voltsabstimmung, wenn man die Stimmen der Zugewanderten abziehe. Ferner erhalte Bolen 82 Prozent der oberschlesischen Kohle, 51 Prozent Kots, 70 Prozent Stahl, 100 Prozent 3int und Blech. Daß Bolen die Fabriken von Cherzon zuerkannt worden sind, die die größten Produzenten von synthetischen Nitraten sind, sei ein Glück für den Aderbau Polens, für Deutschland bedeute es den Verlust seiner industriellen Kriegsreserven. Ob jedoch alle wirtschaftlichen Bes stimmungen in Kraft bleiben werden, zieht das Journal einiger­maßen in Zweifel, da sich innerhalb 15 Jahre vieles ändern fönne.

Aus London meldet der Petit Parisien": Das rasche Zu­standekommen eines Einvernehmens, das auf der Botschafter­fonferenz über die Bekanntgabe der Genfer Entscheidung hin­sichtlich Oberschlesiens erzielt wurde, sei in London mit großer Genugtuung begrüßt worden. Die Tatsache, daß die juristischen Sachverständigen und die alliierten Vertreter nur zwei Sizungen notwendig hatten, um sich zu verständigen, wird als ein Ver­sprechen ausgelegt, daß die Regierungen in versöhnlichem Geiste eng zusammenarbeiten werden, um in fürzester Zeit die völlige Durchführung des ausgearbeiteten Spruches zu sichern. In offis ziellen Kreisen drüdt man die Hoffnung aus, daß gegenüber dieser Einstimmigkeit, die sich in Paris tundtat, die deutsche und die polnische Regierung, selbst, wenn die Entscheidung fie enttäuschte, sich Rechenschaft darüber ablegen werden, daß es für sie alle Vorteile bedeute, gütwillig die wirtschaftlichen Ab­machungen zu treffen, um ihre eigenen Interessen sicherzustellen.

das Wiesbadener Abkommen

Paris, 20. September.

Die Reparationstommission hat die Prüfung des Wiesbadener Abkommens vollendet und in ihrer gestrigen Volla sigung die zu erteilende Antwort festgestellt. Die Kommission erklärt sich vollkommen einverstanden mit den allgemeinen Grunds sägen des Abkommens, nach denen Vereinbarungen vorgeschlagen werden, in denen bestimmt wird, daß Deutschland den größtmögs lichsten Teil seiner Reparationsverpflichtungen in der Form von Sachlieferungen zahlen darf zum Zweck des rascheren Wies deraufbaues. Die Reparationskommission glaubt jedoch, daß das Abkommen gewisse Abweichungen von den Bestimmungen des Teid les 8 des Friedensvertrages von Versailles namentlich aber von Artikel 231 und den§§ 12 und 19 des Anhanges 2 und§ 5 bes Anhanges 4 enthalte. Da die Reparationstommission nicht zus ständig sei, derartige Abänderungen vorzunehmen, hat sie bes schlossen, die Frage an die Regierungen weiterzu geben, die in der Reparationstommission vertreten sind, und hat ihnen zu diesem 3wed eine Abschrift des Wiesbadener Ab fommens zugestellt mit dem Ersuchen einer günstigen Prü füng. Die Reparationsfommission empfiehlt unter Vorbehalt etwaiger Garantien, die die Alliierten eventuell verlangen fönns ten, um ihre Interessen sicherzustellen, daß Frankreich vernünftige Erleichterungen gewährt werden, damit die Zahlungen der Zu say- Sachlieferungen hinausgeschoben werden können. Die Repa rationstommission erklärt sich auch zuständig, über eine 26prozent. Abgabe von den Sachlieferungen zu entscheiden; sie wird darüber später ihre Entscheidung treffen.

Minister Loucheur ist heute vor dem Kammerausschuß für auswärtige Angelegenheiten erschienen, um Auskunft über das Wiesbadener Abkommen zu geben.

Revolution in Portugal

EE. Lissabon, 21. Oftober.| Ueber die Revolution verlautet: Gestern morgen wurden voni Meere her einige Kanonenschüsse gehört. Das Militär ging aus dem Kampfe, der stattfand, siegreich hervor, Ministerpräsia dent Granjo Antonio wurde ermordet, ebenso der Admiral Machado Santos und die Herren Carlos Maia und Silva. Die neue Regierung verurteilt diese Morde und erklärt, daß sie die Urheber vor Gericht stellen werde. Jn Lissabon herrscht große Erregung, in den Straßen patrouilliert Militär.

Das neue Kabinett, das außerhalb der politischen Parteien zua stande tam, annullierte die Kammerwahlen vo m 10. September und alle geseggeberischen Atte des legten Ministeriums.

Die Kabinetisfihung

Das Kabinett trat um 9 Uhr zu einer Beratung über die oberschlesische Note zusammen. Die Sigung hatte rein informatorischen Charakter. Abends wird eine neue Sigung stattfinden,