Einzelpreis 30 Pfg.

Die

.

4. Jahrgang

Freiheit erscheint täglich morgens und nachmittags, Sonntags und Montegs nur einmal. Der Bezugspreis beträgt bei freier Zustellung ins Haus ind durch die Boft bezogen M. 12.-, im voraus zahlbar. Für Postbezug nehmen amtliche Poftanstalten Bestellungen entgegen. Unter Streifband bezogen für Deutschland, Danzig, das Saars und Memelgebiet sowie die früheren deutschen Gebiete Bolens und Luxemburg M. 23.-, für das übrige Ausland M. 30.-. Redaktion, Expedition und Verlag: Berlin C2, Breite Straße S9

Dienstag, 25. Oktober 1921

Nummer 500

Abend- Ausgabe

Die neungefpaltese Monpareillegeile oder deren Raum koftet 6,- m. einschließlich Inferatensteuer. Kleine Anzeigen: Des fettgedruckte Wort 2,-M., jedes weitere Bort 1,50 m. einschließlich Inferatensteuer. Laufende Anzeigen laut Tarif. Familien- Anzeigen und Stellen- Gesuche 3,75 m. netto pro Zeile. Stellen- Gesuche in Wort- Anzeigen: das fettgedruckte Wort 1,50 m.. jedes weitere Wort 1.-M.

Fernsprecher: Zentrum 152 30 152 39

greiheit

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Habsburgs letzte Schlacht

Die Konterrevolution bleibt bestehen

Wien, 25. Oftober.

Unter dem Titel Habsburgs lehte Schlacht" schreibt die Ar­beiter Zeitung": Alle Anzeichen weisen darauf hin, daß der Putsch der Habsburger rasch und vollständig zusammengebrochen ist. Nicht die Demokratie, sondern Horthy hat die Habsburger besiegt. Die magyarische Konterrevolution selbst bleibt so bestehen wie bisher. Solange eine Militärdiktatur die Arbeiterklasse in Ungarn in Fesseln hält, bleibt mit oder ohne Habsburg der Friede Mitteleuropas bedroht. Die Tschechoslowatei hat mobili­Fiert, Jugoslawien hat seine Divisionen an die ungarische Grenze geschickt. Sie werden nicht früher die Waffen aus der Hand Tegen, als bis die endgültige Abrüstung in Ungarn vor­genommen ist. Wir müssen auf der Hut sein und alles tun, um die Wehrmacht und die Abwehrorganisationen des Proletariats zu stärken."

gegen die Generale Horvath, Léhar, Graf Anton Sigran, Boro­viceni, Oberst Asboth und Major Osztenburg. Sie sind des Auf­ruhrs angeflagt und zum Teil flüchtig. 95 sollen ohne Rücksicht auf das Immunitätsrecht festgenommen werden. Die Abgeord­neten Friedrich und Szilagyi befinden sich bereits bei der Polizei in Gewahrsam. Dem Abgeordneten Szmrecsanyi gelang es, als Geheimpolizisten ihn festnehmen wollten, durch das Fenster seiner Wohnung zu entkommen; er flüchtete im Automobil.

Die Tschechoslowakei für die Abrüftung Ungarns

Prag, 24. Oktober.

In der heutigen Sigung des Außenausschusses des Abgeordneten­hauses legte Ministerpräsident Dr. Benesch den Standpunkt der tschechoslowakischen Regierung zu den Ereignissen in Ungarn dar. Er erklärte, solche Dinge dürfen sich nicht wiederholen. Es tann durchaus nicht zugelassen werden, daß sich daraus ein System ent­wickelt, das die einzelnen Staaten in Anarchie und Zerrüttung stürzt und so endlich den Krieg vorbereitet. Wir wollen, daß die

Die Liquidation des Karlistenputsches habsburgische Frage endgültig gelöst, der Friedensvertrag zur

Budapest, 25. Oftober.

Geltung gebracht, insbesondere die Entwaffnung Ungarns voll: zogen wird. Wir wollen, daß die bisherige ungarische Politif, die angeklagt werden kann, daß sie fein Vertrauen erweckt hat, ge= ändert wird. In der burgenländischen Frage haben wir ge­zeigt, daß wir alle Angelegenheiten ohne Weiterungen und ohne militärisches Einschreiten lösen wollen. Ob die Ungarn ein Doppel­

Der Ertaiser Karl und seine Gemahlin Zita wurden nach ihrer Gefangennahme durch den Oberst Simenfalvy auf das Schloß Totis überführt, wo sie zunächst interniert bleiben sollen. 3wi schen der ungarischen Regierung und den Budapestern Vertretern der Staaten der großen und fleinen Entente werden Verhand- spiel getrieben haben oder nicht, das will ich nicht entscheiden. lungen über das Echidjal Karls geführt.

Gegen den Grafen Andrassy, den Obersten Léhar, Dr. Graz, Stefan Ratomsly und zahlreiche andere Führer der Karlisten bewegung wurden Saftbefehle erlassen. Wie verlautet, wurde Graf Andrassy bereits festgenommen.

Es ist offenbar das Bestreben der ungarischen Regierung, die Wiederherstellung der Ordnung möglichst bald zu erreichen, ohne dabei die Kluft zwischen Karlisten und Antikarlisten, besonders in der Armee, weiter zu vertiefen. Sie wird sich mit einer Ver folgung der Rädelsführer begnügen. Die zu Karl übergegange= nen Truppen, denen schon bei den Verhandlungen zwischen der ungarischen Regierung und den Vertretern Karls eine Amnestie versprochen wurde, sollen zwar entwaffnet werden, doch werden fie wahrscheinlich wieder in die Armee aufgenommen werden. Höchst charakteristisch ist eine Anordnung der Regierung, in der die Berbreitung unwahrer" Nachrichten über den Uebergang ungarischer Truppen zu Karl mit Strafen bedroht wird. Einen Weg, ihre Haltung gegenüber Karl zu entschuldigen, zeigt diesen Truppen das Verhalten der Offiziere der Garnison Rab, die, so­bald der Sieg Horthys sicher erschien, erklärten, sie hätten sich in dem Glauben befunden, daß Karl mit Zustimmung der Ententes mächte und der Regierung nach Ungarn gekommen sei.

Jedenfalls hat es den Anschein, daß es der Regierung gelingen wird, den Karlistenputsch ohne eine innere Erschütterung des Sorthy- Regimes zu lequidieren. Sie hat, nachdem die legiti­mistische Gefahr so gut wie überwunden ist, nur noch die gerade durch den Karlistenputsch bei den Regierungen und den Völkern ber Aleinen Entente" bestärkte Erkenntnis zu befürchten, daß die Interessen ihrer Länder nicht so sehr durch die Abenteuerluft des ehemaligen Kaisers gefährdet wird, wie wie durch den von den Ententeregierungen gepflegten ungarischen Mili tarismus, der Karls Abenteuer erst möglich machte und von fich aus immer neue Exzesse heraufbeschwören muß.

Der Sieg Horthys

U. K. Budapest, 24. Oktober. Das völlige Scheitern des farlistischen Unternehmens bedeutet ben Sieg des Reichsverwelers Horthy nicht nur über Karl, son­bern auch über die legitimistischen und verkappt legitimistischen Strömungen innerhalb des Kabinetts Bethlen und der Regie: rungspartei. Wie aus eingeweihter Quelle verlautet, hat Graf Bethlen selbst bis zum letzten Augenblid gezögert, wirklich energische Schritte gegen Karl und seine Anhänger zu unterneh men und versuchte, durch Verhandlungen, den legitimen König" so wie einst im März zum Verlassen des Landes zu bewegen. Erst die schroffe Haltung des Ertönigs gab dem Reichsverweser die Möglichkeit zum energischen Eingreifen und zur militärischen Bernichtung der habsburgischen Truppen. Auch die sieben Be dingungen der Regierung an Karl sind gegen das lebhafte Wider treben Bethlens formuliert worden, der ursprünglich eine bedeu­tend schwächere Fassung vorschlug. Die jetzt geschaffene Situation ift gefennzeichnet durch einen völligen Niederbruch der Karlisten und durch den Triumph Horthys, dessen Thronkandidatur der Verwirklichung näher scheint als je zuvor.

Die Stellung des Rabinetts Bethlen ist durch diese Ereignisse natürlich schwer erschüttert. Gleichwohl sind Bestrebungen im Gange, den Ministerpräsidenten zu halten, und zwar offenbar des­halb, weil gewisse legitimistische Kreise mit seiner Hilfe die end­gültige Liquidation des habsburgischen Gedankens in Ungarn sabotieren wollen.

Budapest, 25. Oftober.

Die Regierung erließ Saftbefehle gegen die Abgeordneten Stefan Friedrich, Ludwig Szilagyi und Georg Szmrecsanyi, ferner

Aber darin find wir alle einig, daß alle Kreife der ungarischen Oeffentlichkeit, insbesondere die reaktionären Kreise, unter dem heutigen Regime nur ein 3iel hatten, bei der ersten Gelegen heit den durch die Friedensverträge geschaffenen Zustand zu stürzen. Die ungarische Regierung trägt die Schuld daran, bak Karl mit der verworrenen Lage im Burgenland rechnen und infolgedessen zurückkehren und den Frieden in Mitteleuropa stören tonnte. Ich muß auch darauf verweisen, welch treubrüchiges Spiel mit dem Völkerbund zu treiben die magyarischen Karlisten und Karl selbst sich vermessen haben. Als es sich um die Zulassung Ungarns zum Völkerbund handelte, wollte eine ganze Reihe von Leuten in der Schweiz die Kreise des Völkerbundes dahin unter­richten, daß die Tschechoslowakei und Rumänien eine vernünftige Entwidlung in Mitteleuropa unmöglich machen. Wir haben den Völferbund darauf aufmerksam gemacht, weich falsches Spiel mit ihm getrieben werde, daß er auf der Wacht sein müsse, um nicht das Opfer dieses treubrüchigen und perfiden Spieles zu sein.

In der Debatte wandten sich die Vertreter der Parteien gegen die Rückkehr der Habsburger und versprachen der Regierung rück­haltlose Unterstützung. Am Schlusse der Sigung erklärte Minister­präsident Benesch, die Regierung werde heute, wo Ruhe und Be­sennenheit, aber auch Energie nötig sei, alle notwendigen Maß nahmen ergreifen und werde nichts anderes im Auge haben, als eine rasche Beendigung dieses Ereignisses, und zwar mit möglichst friedlichen Mitteln. Die Erklärung des Ministerpräsidenten wurde sodann angenommen.

-

Ein neuer Schritt der Entente in Budapest TU. Paris, 25. Oktober.

Die Botschafterkonferenz hat gestern in einer den Ereignissen in Ungarn gewidmeten Sigung beschlossen, die Vertreter Englands, Frankreichs und Italiens in Budapest mit einer neuen Demarche zu beauftragen und durch sie der ungarischen Regierung, gleich viel welcher", die Forderung stellen zu lassen, König Karl der Krone für verlustig zu erflären, sich seiner Person zu bemächtigen und ihn unter Bedingungen, die die Alliierten festzulegen sich vor: behalten, des Landes zu verweisen.

Deutsche Treue

An dem zusammengebrochenen Unternehmen des Ex­taisers Karl haben, wie bekannt ist, auch ehemalige deutsche Offiziere und Soldaten teilgenommen. Ueber ihr Verhalten wird jetzt aus Budapest berichtet:

,, Die an der Organisierung des Putsches beteiligten Politifer und Soldaten fremder Herkunft lichen den König schließ lich im Stich und suchten nach Söldnerart fich den Folgen des be­gangenen Berrates durch die Flucht zu entziehen."

Das flingt wenig ehrenvoll für Bauer, Pabst und Ehr­hardt, die von München aus die früheren deutschen Soldaten nach Westungarn verschoben haben. Wir wissen, daß be: stimmte Abmachungen bestanden, und daß die deutschen Sol­baten eine Art Leibgarde für Karl den Flieger bilden sollten. Beim ersten Zusammenprall ist diese Heldenschar echt deutscher Männer auseinander gestiebt und hat das Weite gesucht. Wie verträgt sich das mit der deutschen Treue, von der gerade die Männer um Ehrhardt so viel Wesens machen? Hat Karl nicht gut genug bezahlt?

Amnestie zweier Roltjchafminister. In der letzten Sigung des allrussischen Vollzugsrates wurden die zwei ehemaligen Minister der Rolfhafregierung, die Professoren Wwedenjti und Preobra­schensti amnestiert.

Karls Fiasto

Karl ist gefangen, aber das monarchistische Abenteuer isf nicht zu Ende, in diesem Sah prägt sich die innere Lage in Ungarn aus, die durch den Putsch der Monarchisten in eine Phase neuer heftiger Kämpfe getreten ist.

Würde es sich bei dem neuen Unternehmen Karls bloß unt den Versuch eines abgetakelten Monarchen gehandelt haben, fich durch einen militärischen Handstreich vorübergehend in den Besitz der Macht zu setzen, so hätte der ganze Vorgang weder im nationalen noch im internationalen. Maßstabe die Bedeutung, die den jüngsten Ereignissen in Ungarn zukommt. Der Kernpunft der Lage liegt nicht in dem Habsburgerputsch als solchem, sondern in der Tatsache, daß der Karlistenauf­stand und der darauf einsehende Kampf zwischen Karl und Sorthy nur eine Etappe auf dem Wege der ungarischen Ronterrevolution ist.

3wischen zwei Hentern" so charakterisierte die ,, Wiener Arbeiterzeitung" nach dem Bekanntwerden des Habsburger­putsches die Lage des ungarischen Volles. Neben dem alten Henter Horthy, der seit mehr als zwei Jahren mit Hilfe seiner Terrorbanden das unglüdliche Land in Fesseln hält, war der neue Henter Karl erschienen, der sich zwar eine liberal- demokratischen Anstrich zu geben suchte, der aber den­noch das ungarische Volt nur vor die Wahl stellte, den Horthna jazen Galgen gegen den habsburgischen einzutauschen.

Man fann es psychologisch verstehen, daß bei einigen Schichten der ungarischen Bourgeoisie und der Landbevölke rung, die selbst nicht den Willen und die Kraft zum Kampfe aufzubringen vermögen, die Illusion entstehen konnte, daß die Wiederaufrichtung der Habsburgerherrschaft mindestens eine Milderung des unerträglichen Terrors der Horthyregie. ru rung mit sich bringen würde. Und nicht minder ist es vers ständlich, daß die liberalen Gesten der habsburgischen Agen ten in den Ententeländern jenen politischen Drahtziehern die Arbeit erleichterten, die aus machtpolitischen oder fonters revolutionären Erwägungen die Wiederherstellung der Monarchie in Mitteleuropa anstreben.

In Ungarn selbst mußten die liberalen Spiegelfechtereien der Karlisten um so weniger ernst genommen werden, als dis große Masse des Volkes den neu einsetzenden Bürgerkrieg als einen Kampf ansehen mußte, der von zwei um die Macht rin genden Gruppen auf seinem Rüden ausgefochten wurde. Nicht die Parole Habsburg oder Horthy" stand für sie auf der Tagesordnung, sondern nur die Parole Weder Habsburg noch Sorthy" konnte das Volk zu irgenda welcher politischer Aktivität anfeuern.

99

Nun hat der notgedrungene Einspruch der Entente, aber mehr noch das energische Vorgehen der fleinen Entente in wenigen Tagen dahin geführt, daß ein großer Teil der Kars listen, auch in der Armee, von Karl abgefallen ist. Das Bes streben Horthys geht nun darauf aus, sich mit den monar chistischen Menterern schleunigst auszusöhnen, um die Kluft im monarchistischen Lager, dem auch er angehört, nicht zu vertiefen. Den Führern des Karlistenputsches, den Rafowsfn, Benizky, Friedrich, Lehar usw., wird ebensowenig ein Haar gekrümmt werden wie den Kappistenführern in Deutschland. Denn sie gehören mitjamt ihren Anhängern in der Armee zu jenem Machtapparat der Konterrevolution, dessen sich die privilegierten Schichten in Ungarn bedienen, um ihre Herrschaft über die arbeitenden Massen aufrechtzus erhalten.

Der Kernpunkt der ungarischen Frage liegt darin, daß Regierung, Verwaltung und Armee ungeschmälert in den natenherrschaft von vor dem Kriege in noch brutalerer Form Händen des grundbesitzenden Adels liegen, der die alte Maga als je zuvor aufrechterhält. Dieser ganze Apparat ist ein fertiger Staatsapparat der Monarchie, dem es heute nur an der entsprechenden Spitze fehlt. Infolge der ungünstigen Konjunktur mißlang es Karl auch diesmal, diese Spitze zu erklimmen. Horthy bleibt nach wie vor der inoffi. zielle Hüter dieser Spize, der ungekrönte Monarch des auf rein militaristischer Grundlage aufgebauten monarchistischen Junterstaates.

In dieser Tatsache liegt die größte Gefahr sowohl für das ungarische Volt wie für die angrenzenden Staaten. Niemals wird das fürchterliche Blutregiment in Ungarn ein Ende nehmen, niemals diese eiternde Wunde am Körper Europas sich schließen, wenn nicht der monarchistisch- milita ristische Apparat in Ungarn in Stüde geschlagen wird. Ob Karl mit Hilfe feiner Clique offiziell als ungarischer König regiert oder ob Horthy mit Hilfe der blutbejubelten Terror banden Pronays, Hejas usw. das Land knechtet, ist in der Wirkung dasselbe. Solange die jetzigen Machtverhältnisse in Ungarn bestehen bleiben, solange die Magnatenherrschaft fich auf eine nach Sunderttouferben zählende Arines stützen fann, muß ein monarchistischer Putsch dem anderen folgen, der unter gewissen Umständen ganz Europa in Brand steden fann. Es liegt deshalb im unmittelbarsten Interesse sowohl des ungarischen Volkes wie der gesamten europäischen Politit, daß mit der Beseitigung des ungarischen Milis tarismus endlich Ernst gemacht wird. Daß diese Aufgabe bisher nicht vollbracht worden ist, ist vor allen Dingen die Schuld der Entente, deren Generäle und Diplomaten offenkundig das Blutregiment Horthys und den ungarischen Militarismus gefördert haben. Nun verlangen die Staaten